„Nicht bereit zum Entfernen der Klammer“. In Nowosibirsk bahnt sich eine Spaltung hinsichtlich der sowjetischen Geschichte an

Der vergangene Tag der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen und der 100. Jahrestag der Oktober-Revolution bringen ihre Wirren ins gesellschaftliche Leben der Stadt Nowosibirsk. Straßenbanner mit Wladimir Lenin aus Geldmitteln des Bürgermeisteramtes, die mögliche Errichtung einer Josef-Stalin-Büste, die Frage über die Bestattung der sterblichen Überreste von Häftlingen des Durchgangsgefängnisses, welche an der Stelle des Bauplatzes des Hauses in der Straße des Jahres 1905 entdeckt wurden – das sind die Szenen, welche die Bürger in zwei Lager teilen. Der Korrespondent von „FederalPress“ erklärte, woher die Liebe und Vergötterung zur sowjetischen Vergangenheit bei den Nowosibirskern rühren.
„Hörnchen“ für den Führer äëÿ âîæäÿ

Am Dienstag, dem 31. Oktober, fand die Lokalversammlung der Arbeitsgruppe zur Festlegung der Stelle statt, an der das Josef-Stalin-Denkmal aufgestellt werden soll. Zur Vermeidung von „Emotionswallungen“, wie es der Leiter der Gruppe und Ratgeber des Bürgermeisters Aleksander Loschkin ausdrückte, wurde die Sitzung hinter verschlossenen Türen abgehalten. Auf der Experten-Agenda standen insgesamt drei Objekte – das Monument des Ruhmes am linken Ufer des Ob, das Militärstädtchen und der Garten auf dem Territorium des Offiziershauses; einstweilen beschloss man allerdings, die Entscheidung noch nicht zu veröffentlichen, um „die Öffentlichkeit nicht vorzeitig zu beunruhigen“.

Die Städter waren auch so schon während der ganzen letzten Woche durch die Platzierung der Banner mit Darstellungen Lenins zum bevorstehenden 100. Jubiläum der Oktober-Revolution aufgeschreckt, und später dann auch durch die Vandalismus-Aktionen von Seiten Unbekannter, die dem Führer des Welt-Proletariats Hörnchen auf den Kopf und ein Messer in die Hand gemalt hatten. Einer der „Künstler“ wurde Montagabend unter Polizeigewalt festgenommen, konnte jedoch innerhalb von zwei Tagen nicht deutlich erklären, weshalb er die Reklame der patriotischen Menge verschandelt hatte.
Dafür sind die Deputierten der Fraktion der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation im Nowosibirsker Stadtrat von einem politischen Hintergrund der „Hörnchen“ überzeugt. Der Kommunist Iwan Konobejew erklärte den lokalen Massenkommunikationsmitteln in einem Interview, dass „diese Aktion ganz genau geplant war und der Auftraggeber nur jemand sein kann, der sich Destabilität wünscht“.

„Lenin ist nicht nur in unserem Land eines der wichtigsten Symbole, sondern in der ganzen Welt. Die letzten Forschungen zeigen, dass Russland einen „Linksdrall“ bekommt. Und das ist verständlich als Reaktion auf das, was im Land vor sich geht: wenn sich eine Trennung zwischen Arm und Reich vollzieht, wenn die Menschen dem morgigen Tag nicht vertrauensvoll entgegensehen können, wenn es keine Arbeit gibt usw. Dies ist entweder ein Verhalten nicht ganz kluger Leute oder beabsichtigte Provokation. Und in dieser Situation wird es wohl eher die zweite Variante sein“, - so der Deputierte des Stadtrats., ñêîðåå, ýòî âòîðîå», – îáúÿñíèë äåïóòàò ãîðñîâåòà.

Die dritte Episode, welche die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog, war der Schlagabtausch in den Weiten des Internets zwischen dem Vorsitzenden der örtlichen Filiale der „Memorial“-Organisation Aleksander Rudnizki und dem Leiter der städtischen Abteilung für Industrie, Innovation und Unternehmertum Aleksander Ljulko. Der Aktivist beschuldigte den Beamten der Verhinderung einer Bestattung der sterblichen Überreste der Gefangenen des Durchgangsgefängnisses am Narymsker Platz, während Ljulko, seinerseits, sich über die Abgeneigtheit Rudnizkis wunderte andere Varianten und Formen der Beerdigung unter die Lupe zu nehmen. Die Frage, wann die Knochen, die bei Aushebungsarbeiten in der Straße des Jahres 1905 gefunden wurden, ihre endgültige Ruhe erhalten, blieb weiterhin offen.

„Stalin ist wie eine Klammer“

Aufeinanderprallende Meinungen, das Nicht-Anerkennen einzelner Episoden der vaterländischen Geschichte, der Wunsch, das Andenken an die allerersten Führer zu verewigen, die in der Gesellschaft keine einstimmige Bewertung erhalten – darin unterscheidet sich Nowosibirsk vor dem Hintergrund andere Regionen im Föderalen Gebiet Sibirien. Selbst das Gebiet Irkutsk, wo die Verwaltung vom Gouverneur und Kommunisten Sergej Lewtschenko geleitet wird, unterliegt dem Einfluss der Sowjetzeiten in einem geringeren Ausmaß, wenngleich sich einzelne Episoden auch dort abgespielt haben.

„Die größten Kämpfe fanden bei uns 2016 statt, als man den ersten Versuch unternahm, den historischen Namen einer der Irkutsker Straßen wiederherzustellen: die Bograd-Straße wurde zur Tschudotworsker. Damals stellten KP und NOD Streikposten auf und meinten, dass nunmehr die Desowjetisierung von Irkutsk seinen Anfang nähme. Natürlich kann hier von überhaupt keiner Desowjetisierung die Rede sein, und es geht auch gar nicht darum, dass in Irkutsk ein „roter“ Gouverneur herrscht – bei der Mehrheit der Einwohner im aktiven Alter sitzt die sowjetische Vergangenheit noch tief in der Seele, und ein gewisser Teil der Bürger zieht mit Stalin am 7. November durch die Stadt“, berichtet der Politologe Aleksej Petrow.

Als Prozesse waren Desowjetisierung und, dementsprechend, auch die Destalinisierung charakteristischer für die neunziger Jahre. So versuchte beispielsweise der Kemerowsker Unternehmenr Anatolij Ljutenko im November 1993 mit Hilfe spezieller Technik die Lenin-Statue auf dem Platz der Räte in der Hauptstadt des Kusnezker Beckens zu demontieren. Ebenfalls zu der Zeit und auch etwas später fanden an den staatlichen sibirischen Universitäten wissenschaftlich-praktische Konferenzen zur Erforschung des Stalinismus-Problems statt. Allerdings wurden gegen Ende der „Null-Jahre“ all diese Forschungen und Aufschlüsselungen abgebogen.

Nach Meinung des Soziologen Igor Beltschik, „wurden die Themen Stalin, Bürgerkrieg, Sowjetzeit somit auch nicht zu Objekten der Kultur, Soziologie, Geschichte und Moral, sondern bleiben auch weiterhin ein wichtiges Symbol für die politische Elite“. „Stalin – das ist der vom Westen anerkannte Archetyp der russischen Geschichte, und zwar neben Iwan dem Schrecklichen, Peter I und Katharina der Großen. In verschiedenen Dokumentar-Filmen und Computerspielen mit einem geringen Anteil von Ungenauigkeit treten gerade diese Vier in Erscheinung. Zudem ist gerade das Thema Patriotismus modern, und Stalin erscheint hier wie eine Klammer. Patriotismus – das ist der Große Vaterländische Krieg, und der Krieg – das ist Stalin. Allmählich wird das Thema Krieg seine Zeit ausleben, und dann wird auch Stalin gehen“. Davon ist Beltschik überzeugt.

Mit dem Soziologen einer Meinung ist die Psychologin Jekaterina Botschkarewa, die den Gedanken aussprach, dass die heutige Auffassung von Stalin mit seiner definierten Vergötterung und Ehrerbietung mit dem menschlichen System-Verhalten in Verbindung steht – wenn es Unterstützung auf der Ebene der Macht-Institutionen gibt.

„Ich würde nicht sagen, dass bei uns ein jeden Einzelnen betreffendes Stockholm-Syndrom vorliegt. Aber es ist ein System entstanden, welches ein bestimmtes Verhalten belohnt und ehrt. Und die Menschen, deren Weltanschauung Unterstützung von großen Systemen bekommt, fangen an, sich beim Äußern sowjetischer Positionen offener aufzuführen“, erklärte Botschkarewa.

Die Generation „Homo Sovieticus“

Ein anderer Beweggrund für die einseitige Auffassung der Seiten der Vergangenheit könnte, trotz des Zugangs zu Informationen über die Repressionen der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und der vorhandenen Forschungsergebnisse, die derzeitige Wirtschaftskrise im Land sein. Der aus dem Kusnezker Becken stammende Polit-Historiker Aleksander Konowalow vermutete, dass sich niemand an Stalin erinnern würde, „wenn bei uns alles mit der Wirtschaft, dem Staatsdienst, der Qualität der Staatslenkung in Ordnung wäre und es keine Korruption gäbe“.

„Nicht Stalin ist nötig, sondern die Assoziation mit jener Ordnung. Viele sind der Ansicht, dass er als Mittelloser Achtung verdient, was strittig ist, und dass zu seiner Zeit Ordnung herrschte. Das zweite Postulat ist leicht zu entlarven, man braucht sich nur den sechsbändigen GULAG vornehmen, der vom Staatsarchiv der Russischen Föderation veröffentlicht wurde. Wenn man sie durchliest entsteht kein anderer Gedanke, als der, wie man diesen damals funktionierenden Mechanismus der Zwangsarbeit vergisst und jegliche Menschenhass-Ideologie fortfegt. Aber kein Mensch will das“, - merkte Konowalow an.
Möglicherweise liegt der Grund darin, dass die Staatspolitik, die sich für eine Destalinisierung nicht gewappnet hat, sondern, im Gegenteil, die Entwicklung von Mythen über das Gute und die Weisheit des „Vaters der Völker“ auch noch unterstützt, sich fruchtbringend auf die entstandene Generation des „Homo sovieticus“ legt, die nach 1991 geboren wurde. Einen derartigen Standpunkt vertrat der Vorsitzender der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation Aleskej Babij. „Der Sowjetmensch war erstaunlicherweise folgsam, ideologisch beeinflusst und infantil. Er war der Meinung, dass alles für ihn getan würde, und er nur in das System eingehen und das glauben müsse, was gesagt würde. Weshalb haben wir heute so starke Stimmungen, die Stalin weiß malen? Weil eine ganze Generation gekommen ist, die sowjetische Eltern, Großeltern hatten, die sich ihrer Jugend in den Vor- und Nachkriegsjahren erinnerten, ihrer sowjetischen Lehrer, der sowjetischen kulturellen Archetypen. Sie leugnen die Grauen; stattdessen glauben sie, dass es vor Ort Überreaktionen, allenthalben Volksfeinde und das Wunder der sowjetischen Wirtschaft gab“, - verdeutlichte Babij.

Wie lautet das Rezept für das Verstehen der Fehler der Vergangenheit? Hier ist ein Weg möglich, wenn es den Wunsch zu erkennen gibt und das, was war, sowohl von den Regionen als auch dem Zentrum anzunehmen. Wie Petrow bemerkte, haben die Irkutsker „Gebietsbehörden 2017 mit der ernsthaften Rekonstruktion des Denkmals für die Opfer der politischen Repressionen begonnen, indem sie mehr als vier Millionen Rubel zur Verfügung stellten, und Gouverneur Sergej Lewtschenko war dort sogar auf der Trauerversammlung am 31. Oktober anwesend“.

„Als Dmitrij Medwedjew Präsident war, konnte es zu einem ernsthaften Voranschreiten in dieser Angelegenheit kommen; in einer der Reden am Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Repressionen sagte er, dass es dafür keine Rechtfertigung gäbe. Absolut richtig hat er das gesagt, aber danach haben sie alles mit Seifenschaum umhüllt und von den Behörden wurde nichts mehr unternommen. Schließlich muss man in der Tat anerkennen, dass die Politik Stalins in dieser Frage nicht einfach nur antihumanitär, sondern vollkommen unmenschlich war. Doch das bedeutet bereits das Entfernen der Klammer, zu der man noch nicht bereit ist“, - endete Aleksej Petrow bitter.

Sergej Spizyn
FederalPress 31.10.2017


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