"Jeder Beliebige konnte eingesperrt werden!"

Im März dieses Jahres wurde die krasnojarsker „Memorial“-Organisation 30 Jahre alt. Am 9. März 1988 kamen Wladimir Birger, Irina Poluschkina und Aleksej Babij (alle drei Mathematiker und Programmierer) zu Wladimir Sirotinin, Mitglied der Stiftung Hilfe für die politischen Gefangenen, und schlugen ihm vor, eine Organisation zu gründen, die sich mit der Suche nach Informationen über die Schicksale der Repressionsopfer befasst.


Aleksej Babij

Die Gesellschaft wurde dann auch "Menschenschicksale" genannt. Dies geschah fast ein Jahr bevor das internationale „Memorial“ offiziell bestätigt wurde (im Januar 1989). Bald darauf wurde auch die krasnojarsker Organisation umbenannt. Zu dem Zeitpunkt hatten sich in deren Kartothek bereits Informationen über mehrere tausend Repressionsopfer angesammelt.

Innerhalb von 30 Jahren haben die krasnojarsker "Memorialer" Angaben zu beinahe 200 Tausend Menschen gesammelt, die den Repressionen ausgesetzt waren. Wie der Vorsitzende des krasnojarsker „Memorial“ Aleksej Babij berichtet, ist das etwa ein Fünftel der Arbeit, die erledigt werden muss: in den Jahren 1920–1980 durchliefen mehr als eine Million Repressionsopfer die Region Krasnojarsk.

"Die Politik war gleich nebenan"

– Aleksej Andrejewitsch, womit hat denn alles angefangen? Wie entstand die Idee, eine solche Gesellschaft zu gründen?

– Im Großen und Ganzen fing alles im November 1987 an, als der Journalist Jurij Schtschekotschichin sowie die Menschenrechtler Lew Ponomarew und Jurij Samodurowin der „Literatur-Zeitung“ einen Artikel veröffentlichten, in dem sie darin erinnerten: Chruschtschow war es bereits, der versprochen hat, für die Opfer der politischen Repressionen ein Denkmal aufzustellen, aber er existiert schon nicht mehr. Und so schlugen sie vor, im ganzen Land Unterschriften für die Schaffung eines solchen Memorials zu sammeln. Wie Sie wissen, kam es erst im Herbst des Jahres 2017 zustande. Allerdings wurde genau dieser Artikel zum Katalysator für die Arbeit, die von der „Memorial“-Organisation geleistet wird. Mit der Unterschriftensammlung und dem Aufruf an alle begann es auch für uns.

Uns wählte Wolodja Birger aus – wir hatten uns bei er Literatur-Vereinigung „Debut“ kennengelernt: ich war dort tätig, Wolodja kam dort wegen der Unterschriften hin. Nebenbei stellten wir fest, dass wir Kollegen waren – Programmierer – und beide Ira Poluschkina kannten (sie studierte an der mathematischen Fakultät – ich war bereits zwei Semester weiter). Wir begannen zu arbeiten. Wir sammelten Unterschriften. Wolodja und ich hatten Zugang zur elektronischen Datenverarbeitung, damit konnte man die Unterschriften-Formulare besser drucken, als sie mit einer Schreibmaschine zu schreiben. Meine damalige Tätigkeit war mit häufigen Dienstreisen nach Moskau verbunden, so dass ich es war, der die Unterschriftenlisten bei Ponomarew ablieferte.

Irgendwann war klar, dass wir uns mit der Rekonstruktion der Schicksale der Menschen, den Rechten all derer befassen mussten, die unschuldig gelitten hatten. Wolodja Birger war es, der die Gründung einer derartigen Organisation vorschlug. Aber leiten wollte er sie nicht. Er war ein sehr introvertierter Mensch, die Arbeit mit Dokumenten ging ihm besser von der Hand, er war geeigneter für das Befragen von Menschen – und er hinterließ ein kolossales Archiv. Ich sträubte mich ebenfalls: zu der Zeit war ich längst aus allen Organisationen ausgetreten, anderen nicht beigetreten – und ich wollte das auch gar nicht – weder erlaubten, noch verbotenen. So begaben wir uns dann zu Wolodja Sirotinin und seiner Frau Swetlana Borisowna (heute bereits Witwe) und schlugen ihn als Vorsitzenden der Organisation vor. Das war am 9. März. Und somit begann unsere Organisation sogleich zu arbeiten.

– Erzählen Sie von Sirotinin. Hatten Sie ihn davor schon gekannt?

– Nein. Ich war nie Dissident, las während der Sowjetzeit auch keine Literatur aus dem Selbstverlag. Und ich vermutete nicht, dass um mich herum ein aktives politisches Leben stattfand. Wolodja Birger hatten sie aus der Universität Charkow fortgejagt – wegen irgendwelcher „antisowjetischen“ Sachen. Wie sich später herausstellte, gehörten auch mein wissenschaftlicher Universitätsleiter Walerij Iwanowitsch Khvostenko, der mein guter Freund wurde und bei dem ich Zuhause immer Streitgespräche führte (er trat „Memorial“ erst später bei), und Wladimir Sirotinin zur Stiftung Hilfe für die politischen Gefangenen.

Sirotinin war aus Leningrad, wo er im Untergrund im Jugendkreis der „Kolokol“-Gruppe mitgewirkt hatte, nach Krasnojarsk gezogen. Bereits in Krasnojarsk lebend, war er 1980 wegen der Verbreitung des Selbstverlages (insbesondere der "Chronik der laufenden Ereignisse") der Strafverfolgung ausgesetzt: es gab bei den Sirotinins auch Hausdurchsuchungen, und man schleifte ihn zu Verhören, aber irgendwie kam dann doch alles wieder zurecht. Im Selbstverlag war auch Khvostenko zuhause. Doch er schaltete, wenn ich bei ihm war, Wysotzky ein, gab mir verschiedene Bücher zu lesen, aber Selbstverlag – niemals. Er meinte: "Sie verstehen es nicht zu lügen, Sie wird man unverzüglich einsperren.". Auf unserer Webseite gibt es eine Geschichte darüber, wie Khvostenko und Sirotinin Ende der 1970er Jahre durch verschiedene Abenteuer und unter großem Risiko Sachen des Journalistennund Menschenrechtlers Aleksander Podrabinek heraushauten (er hatte Fälle von psychiatrischen Maßnahmen im Strafvollzug aufgedeckt), den man damals von einem sibirischen Verbannungsort in den nächsten schickte.

Solche Dinge also geschahen in meiner unmittelbaren Umgebung. Aber nie wäre ich darauf gekommen.

Damals waren Sirotinin und Birger die beiden wichtigsten Arbeitstiere in unserer Organisation. Sirotinin war im Gegensatz zu Birger äußerst extrovertiert. Er schleppte Leute an, organisierte Aktionen, Ausstellungen, Forschungsreisen. Und hinterließ zudem gigantische Archive.
Von denen, die sich auf jenem Treffen am 9. März befanden, sind bei „Memorial“ nur noch Swetlana Borisowna und ich übriggeblieben. Ira Poluschkina lebt in Israel. Und Swetlana Borisowna war zu der damaligen Zeit sozusagen eigentlich nur eine Sympathisantin. Doch 1996 nahm sie die schwierigste Arbeit auf sich – die Datenbase. Sie gab in den Komputer unsere ganzen auf Papier vorhandenen Daten ein. Informationen über zehntausende Menschen wurden von ihr auf diese Weise verarbeitet. Die ersten zehn Bände unseres Buches der Erinnerung - sind ihr Verdienst.

– Aus wieviel Personen besteht „Memorial“ heute?

– Zwölf. Sie wohnen nicht nur in Krasnojarsk, sondern auch in anderen Bezirken der Region. Zum Beispiel Ludmila Miller, die Tochter eines KrasLag-Mitarbeiters und Braut eines Gefangenen. Sie hat die Geschichten von Häftlingen gesammelt, die ihre Strafe in der Siedlung Tugatsch verbüßten, wo sie geboren wurde, einer der Lagerstellen des KrasLag. Das Denkmal für die politischen Gefangenen wurde vornehmlich mit ihren Geldmitteln errichtet...

In Jenisseisk arbeitet Irina Moissejewa: jedes Jahr geht sie mit Studenten des Pädagogischen College Jenisseisk auf Forschungsreise, befragt in den Ortschaften ehemalige Repressionsopfer; dieser Tage hat sie ein Buch über Interviews mit deportierten Deutschen herausgegeben.

In Suchobusimo ist Olga Wawilenko mit dem „Ausgraben“ der Geschichte der landwirtschaftlichen Abteilung des NorilLag - "Tajoschnij“ beschäftigt; sie hat ebenfalls ein Buch herausgegeben.

Im Bezirk Biriljussy hat Nadjeschda Loktionowa gigantische Arbeit im Bezirksarchiv geleistet; sie hat lange Listen von Menschen erstellt, die in den Bezirk Biriljussy ausgewiesen und verschleppt wurden. Leider ist sie vor eineinhalb Jahren verstorben.

Im Bezirk Kuragino hatten wir eine bemerkenswerte alte Frau namens Aleksandra Iwanowna Frolowa. Sie begann selber mit dem Sammeln von Geschichten der ortsansässigen Repressionsopfer, zur selben Zeit wie wir. Später haben wir mit vereinten Kräften weitergearbeitet. Tage und Nächte saß sie bei den Archivmitarbeitern, forstete 2000 Dossiers von enteigneten Personen durch und schrieb sämtliche Geschichten in ihrer schönen Handschrift in Journalen nieder… Viele von denen, die in diesen Listen Aufnahme fanden, hat sie persönlich gekannt. Deswegen hat sie, wenn immer in den Archiven irgendwelche Informationen fehlten, geforscht, geklärt und gewühlt, bis sie die Wahrheit herausgefunden hatte.

Aus der Reihe derer, die bereits nicht mehr unter uns weilen, erinnere ich mich an Aleksander Konstantinowitsch Lelais – er war einer der verbannten Letten. Bei „Memorial“ verbrachte er lediglich drei Jahre – von 1989 bis zum Tage seines Todes im Jahre 1992. Anfangs besuchte er lange Zeit immer nur unsere Versammlungen, nahm nicht daran teil, saß schweigend in der Ecke und beobachtete aufmerksam. Später suchte er dann doch Kontakt. Gerade ihm war es zu verdanken, dass in der Region Krasnojarsk noch vor Inkrafttreten des Gesetzes über die Rehabilitierung der Opfer der politischen Repressionen Vergünstigungen auf dem Niveau der Kriegsveteranen für diejenigen verabschiedet wurden, die nach § 58 inhaftiert gewesen und rehabilitiert worden waren. Er verstand es, diese Verordnung, wie man heute zu sagen pflegt, im regionalen Exekutivkomitee durchzuboxen. Das war einfach verblüffend. Menschen hatten ihr Leben lang etwas verborgen, verschwiegen, und nun, so schien es, waren sie plötzlich keine Aussätzigen mehr, keine Gefangenen mit beschmutzter Biographie – ihnen stand Unterstützung, Wiedergutmachung zu für das, was sie durchgemacht hatten. Und die Region Krasnojarsk war, wenn auch nicht die allererste, aber doch eine der ersten Regionen, in denen dies möglich wurde.

Das endlose Buch der Erinnerung

– Aleksej Andrejewitsch, wo hatten Sie denn die ganzen Angaben über die Repressionsopfer her, wenn Sie mit der Arbeit doch gerade erst begonnen hatten? In jenen Jahren gab es schließlich ein großes Informationsvakuum.

– Zu den Archiven besaßen wir damals keinen Zugang. Aber zu der damaligen Zeit tauchten zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Repressionen auf – einige Nachnamen schrieben wir heraus, anschließend versuchten wir die Leute ausfindig zu machen. Außerdem fingen wir an, zweimal pro Woche eine Sprechstunde in der Redaktion der Zeitung "Krasnojarsker Komsomolze" abzuhalten (sie wurde vor etwa zehn Jahren geschlossen). Und die Menschen kamen zu uns. Wir befragten sie, schrieben die Informationen nieder. Sie kamen erneut – brachten Fotos und Dokumente mit. Und der größte Strom rollte auf uns zu, als wir die von uns gesammelten Listen im "Krasnojarsker Komsomolzen" veröffentlichten. Die Redaktion wurde mit Briefen überflutet, die man an uns weiterleitete.


Briefflut nach der ersten Veröffentlichung durch "Memorial"

Damals gab es noch viele lebende Teilnehmer jener Ereignisse. Manch einer kam selber zu uns, Verwandte und Bekannte kamen, um uns in der Sprechstunde aufzusuchen. Wolodja Birger war ein Meister solcher Nachforschungen. Ganz allein suchte er beinahe sämtliche ehemaligen Häftlinge des KrasLag auf. Wenn du seine Aufzeichnungen anschaust – fast in jedem Interview brachte er es fertig, den Befragten bis zu 100 Familiennamen zu „entlocken“. Innerhalb weniger Jahre umfasste unsere Kartothek Zeugnisse über 70000 Personen.

– Wann ergab sich die Möglichkeit, in den Archiven tätig zu werden?

– 1992 wurden sie urplötzlich, alle auf einmal, geöffnet. Birger kam überhaupt nicht mehr aus dem Archiv der staatlichen Verwaltung der Innenbehörde hervorgekrochen. Sirotinin saß im KGB-Archiv. Er suchte in den Dossiers nach den Namen, die bei uns bereits vorhanden waren, fasste einige Momente zusammen, fand in den vorgelegten Akten Informationen über andere Menschen. Schließlich erwirkte er, dass man für uns die Urteile der Troikas, die Erschießungsakten abdruckte – und das waren auf einmal Daten über beinahe 30000 Menschen.

Wir arbeiteten mit den Archiven des Regionsgerichts. Die Tatsache, dass wir fast gleichzeitig in alle Archive "hereinschauten", half bei der Rekonstruktion fehlender Informationen, und das war nicht nur bei uns der Fall, sondern auch in den Organen. Es kam vor, dass es im FSB-Archiv keine Angaben zu einer Person gab, die jedoch im Gerichtsarchiv vorhanden waren. Diese "Lücke" konnte geschlossen werden.

– Ich bin ganz sicher: viele unserer Leser wundern sich, dass der KGB und das MWD mit "Memorial" zusammengearbeitet und die Informationen über Repressionsopfer miteinander geteilt haben…

– Hier wie dort erledigen die Menschen eine ganz normale Arbeit. Mit der GUWD haben wir, so kann man wohl sagen, gänzlich Freundschaft geschlossen, weil wir viele Tätigkeiten gemeinsam ausgeübt haben. Jener Wolodja Birger hat vielen Familien bei der Rehabilitierung geholfen. Es gab ja Fälle, in denen eine Familie ausgesiedelt worden war und alle Dokumente vernichtet wurden. In der GUWD fand sich nichts, daher war eine Rehabilitation nicht möglich. Und Wolodja half den Leuten, wenn sie zu ihm kamen, richtige Gesuche zu verfassen und an die Archive zu schicken; er stellte Suchanfragen bei den Gerichten, durchforstete Informationen, erwirkte die Richtigstellung ungenauer Angaben und machte, wenn nötig Zeugen ausfindig. Im Großen und Ganzen erleichterte er damit die Arbeit in der Rehabilitationsabteilung der GUWD ganz erheblich. Und diese Abteilung leistete eine absolut heroische Arbeit. Ab 1992 haben sie dort im Verlauf von 20 Jahren 545000 Rehabilitationsbescheinigungen allein an administrativ in die Region Krasnojarsk ausgewiesene Personen ausgestellt (das heißt an diejenigen, die nach keinen § des Strafrechts verurteilt worden waren). Die vorhandenen Schreibmaschinen reichten bei einem derartigen Arbeitsumfang nicht aus, die Bescheinigungen wurden per Hand geschrieben. Sie schufteten, als würden sie unter einem Fluch stehen. Es kam vor, dass wir uns mit ihnen vor Gericht wiedertrafen. Beispielsweise: sie verweigern einem Menschen die Rehabilitation, und wir sind der Meinung, dass die Entscheidung nicht richtig ist. Dann geben wir den Fall ans Gericht weiter. Manchmal gewannen wir, manchmal sie. Aber das hat unseren Beziehungen keinen Abbruch getan – eine ganz normale Arbeit. Ebenso sieht es sich mit dem FSB aus. Bei der Vorbereitung zum regionalen Buch der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen haben seine Archivmitarbeiter innerhalb kürzester Zeit operativ auf hunderte unserer Gesuche geantwortet, kamen sogar an den Wochenenden zur Arbeit und blieben abends länger. Alle haben eifrig und gewissenhaft für das Buch der Erinnerung gearbeitet. So hat uns der FSB beispielsweise seine Datenbasis zu nach § 58 verhafteten Personen aus dem sogenannten Bestand der eingestellten Fälle zur Verfügung gestellt.


Gesuche an die Machtstrukturen

– Ich kann mir den Umfang der Papier-Archive vorstellen, die damals bei den Memorialern verwahrt wurden…

– Es war klar, dass das alles in elektronische Form übertragen werden musste. 1998 richteten wir unsere Webseite ein – es war die allererste Webseite in Russland zum Thema Repressionen. Dort steht eine kleine Figur – wir haben den ersten Platz beim Allrussischen Wettbewerb für Internet-Projekte „Internit“ eingenommen. ÈUnd generell ist diese Ressource mit seinen Suchmaschinen, mit denen man praktisch ganz leicht jede beliebige Information erhalten kann, – eine unserer wichtigsten Errungenschaften.


Preis für den ersten Platz beim Allrussischen Wettbewerb für Internet-Projekte „Internit"

Auch waren wir die Ersten in Russland, die eine Datenbase über Repressionsopfer schufen. Und als die Idee aufkam, eine einzige, gesamtrussische Basis zu schaffen, schien es, als ob wir mit diesem Gedanken ebenfalls Vorreiter waren. Bei uns in Krasnojarsk wurde ein Koordinationszentrum gegründet, welches diese Arbeit on den Regionen Sibiriens und des Fernen Ostens in Gang bringen sollte. Und ich als Koordinator reiste einen ganzen Monat lang durch sibirische und fernöstliche Städte. Du arbeitest einen Tag in einer Stadt, begibst dich per Flugzeug oder mit einem anderen Transportmittel auf die Weiterreise – und schon bist du in der nächsten… Es war eine überwältigende Dienstreise.


Die erste Datenbase

– Von wie vielen Menschen haben Sie Informationen gesammelt?

– In unserer Datenbase gibt es inzwischen Zeugnisse über 200000 Menschen. Aber das ist nur etwa ein Fünftel der Repressionsopfer, welche die Region Krasnojarsk durchlaufen haben. Ich habe bereits gesagt, dass die GUWD 545000 Rehabilitationsbescheinigungen ausgestellt hat – nur für diejenigen, die auf administrativem Wege verbannt wurden. Aber es gab auch solche, die ihre Strafe nach § 58 im NorilLag oder KrasLag verbüßten. Insgesamt geriet mehr als eine Million Repressionsopfer die Region Krasnojarsk. Daher liegt noch eine Menge Arbeit vor uns…

…Dafür stellte sich, als wir 2003 unsere Gleichgesinnten aus Sibirien und dem Fernen Osten zu einem Seminar zusammenholten, um zu erörtern, wie wir weiterhin zusammenarbeiten wollten (insbesondere mit elektronischen Datenbasen) heraus, dass überall schon regionale Bücher der Erinnerung herausgebracht worden waren, nur bei uns noch nicht. Streng genommen kam die gedruckte Variante bei uns wesentlich später heraus, als bei den anderen – ab Mitte der 2000er Jahre.

– Wie kam es dazu?

– Na ja, wir kannten uns nicht gleich mit den verschiedenen Arten der bürokratischen „Feinheiten“ aus, man machte uns nicht gleich eine klare Ansage, wie man das „richtige“ Dokument verfasst, damit der Prozess seinen Gang nahm. Aber als dann alles ins Rollen gekommen war, da fingen wir im Akkordtempo an zu arbeiten. Den ersten Band, in dem sich etwa 5000 Namen befanden, hatten wir in 3-4 Monaten vorbereitet. Inzwischen sind es 14 Bände geworden. Die Arbeit am 15. Band läuft … und es wird noch bis ins Unendliche weitergehen. Wie viele es noch werden, kann man im Augenblick noch nicht sagen.

– Man kann also sagen, dass Sie aufs Geratewohl weitermachen? Mit weiteren Informationen über Repressionsopfer wird sich auch das Buch der Erinnerung immer weiter vervollständigen?

– Keines Wegs. Mit den ersten zehn Bänden gab es mehr oder weniger Klarheit. Wir orientierten uns an den uns vorgelegten Archiv-Angaben, überschlugen rein rechnerisch, wie viele Bände es wohl geben würde. Aber als wir mit den „Bauern“-Ausgaben begannen... Die Sache ist nämlich die, dass es bei der GUWD keine Original-Dossiers über die Enteigneten mehr gibt – sie wurden 1959 massenhaft vernichtet. Als ob sie nutzlos wären: die Menschen waren 10 Jahre zuvor aus der Sonderansiedlung entlassen worden, wozu brauchte man dann noch die ganzen Papiere? Und als die Rehabilitation kam, brachte das enorme Probleme mit sich: keine Akten – keine Bescheinigungen. Später, nach mehreren Jahren Arbeit mit Archiv-Materialien, Anfragen und anderem, gelang es den sogenannten Fond rekonstruierter Fälle zu schaffen, der anhand der Anfragen von Angehörigen der Enteignungsopfer zu Stande kam und in dem Antworten aus Archiven, Gerichtsurteile usw. Gestalt annahmen. Auf Grundlage dieses Bestands wurde der 11. Band des Buches der Erinnerung zusammengestellt. Er umfasst nur diejenigen, die Gesuche zur Rehabilitierung eingereicht haben. Aber die tatsächliche Zahl der unterdrückten Bauernfamilien kennt niemand. Umso mehr, als zu der damaligen Zeit die Region Krasnojarsk noch gar nicht existierte – sie wurde 1934 gegründet... Heute bereise ich die Bezirke der Region, arbeite mit den örtlichen Archiven, suche nach Informationen über Entrechtete. In Atschinsk fanden sich 2000 solcher Akten – ich verbrachte drei Monate dort im Archiv. In manchen Bezirken gibt es weniger, in anderen mehr solcher Dossiers.

In den 12. Band des Buches der Erinnerung fanden vier Bezirke der Region Krasnojarsk Eingang, alle zum Buchstaben "À". Im 14. Band kamen wir bis zum Buchstaben „I“. Das heißt – vor uns liegen mindestens noch fünf Jahre Arbeit – bis wir nach Ewenkien gelangt sind. Ob es gelingt, diese Zeugnisse ins Buch der Erinnerung einzubringen? Mal sehen, wie es kommt. Aber auf unserer Webseite werden sie alle erscheinen.

– Vor ein paar Jahren wurden die Archive erneut geschlossen. Hat das ihre Arbeit erheblich erschwert?

– Die Bedingungen für die Arbeit in den Archiven haben sich nach und nach 2006 verändert, endgültig wurden alle 2016 geschlossen. Ich bekam damals einen Anruf aus den „Organen“, in dem man mir mitteilte: schreiben Sie keine Anfragen mehr an uns – wir dürfen darauf nicht antworten, wir sind nicht dazu berechtigt.

Natürlich hat das die Arbeit erschwert. Früher, wenn wir von jemandem einen Brief bekamen, mit der Bitte zu klären, ob sein Verwandter nicht vielleicht seine Verbannungsstrafe in der Region Krasnojarsk verbüßt hatte, war diese Frage innerhalb von fünf Minuten beantwortet. Heute antworten wir: wahrscheinlich war es so, aber schreiben Sie einen Brief an die GUWD, bringen Sie Dokumente mit, die Ihre verwandtschaftliche Beziehung beweisen (und gibt es sie überhaupt?) – dann wird sich die Situation möglicherweise klären…

– Wie erklärt sich formell die Schließung der Archive?

– Es ist der Personen-Datenschutz. Aber selbst unter Berücksichtigung dieses Gesetzes kann jede beliebige Person Akten, die älter als 75 Jahre sind, lesen. Man muss nur hingehen, den Namen desjenigen nennen, dessen Dossier man einsehen möchte, und man wird ihm die entsprechenden Dokumente vorlegen. Doch die Namen der Ermittlungsrichter, Zeugen, Teilnehmer der Gegenüberstellungen werden überklebt sein, die Namen derer, die diese Verurteilung durchlaufen haben… Das bedeutet: man kann nur noch ein Minimum in Erfahrung bringen. Hinzu kommt, dass es sich in der Akte um eine gigantische Zahl von Gestalten handelt – es gibt Dutzende davon. Welchen Sinn hat es, ihre Namen zu verbergen? Selbst die Namen der Untersuchungsrichter – wer braucht sie denn heute noch, wird denn irgendjemand noch Nachforschungen nach ihnen anstellen? Ich hoffe, dass diese Dummheit irgendwann zu Ende ist.

–2013 hat das Justiz-Ministerium die Internationale „Memorial“-Organisation als ausländischen Agenten eingestuft. Ist das Krasnojarsker „Memorial“ jetzt auch ein ausländischer Agent?

– Als juristische Person nicht, da treten wir nicht in Erscheinung. Wir erhalten schon lange keine finanziellen Zuwendungen mehr, nicht einmal russische, daher wird man uns nur schwerlich zu den Auslandsagenten zählen können. Aber sie möchten es gern – uns ohne Grundlage etwas anhängen, das haben sie bei uns schon mehrfach versucht. Andererseits sind wir als Mitglieder und Mitbegründer des Internationalen „Memorial“ auch zu einem kleinen Teil ausländische Agenten und tragen diesen Heiligenschein auch ein bisschen mit uns herum.

Freiheitstraining


Aleksej Babij

– Wollen junge Leute, von denen es heute so viele gibt, wie damals 1988 bei Ihnen, bei „Memorial“ arbeiten?

– Ich weiß, dass junge Menschen diesbezüglich in Moskau und Perm sehr aktiv sind – dort gibt es generell ein Jugend- „Memorial“. Dort ist es gelungen, junge Leute mit Stipendien heranzuziehen, die es ihnen erlaubt, fest angestellte Einheiten zu unterhalten. Die jungen Leute haben ihre eigenen, interessanten Ansichten zu jener Epoche, sie arbeiten prinzipiell an neuen Projekten, die niemand zuvor in Gang gesetzt hat, in erster Linie Computer-Projekte. Es gibt beispielsweise so eine interessante Ressource "Die persönliche Akte eines Jeden" – eine Art Internet-Weg, der selbst zum nötigen Abzweiger führt, in Abhängigkeit davon, was mit dem Menschen geschah, den man sucht. Gleichzeitig wird eine Auswahl an Dokumenten vorgestellt, die man sofort online ausfüllen und an die Instanz versenden kann, die für die Suche nach Informationen geeignet ist. Eine äußerst bemerkenswerte Sache.

Im Großen und Ganzen könnte die Arbeit bei „Memorial“ der Beginn einer wissenschaftlichen Karriere sein – zum Beispiel für einen jungen ambitionierten Historiker. Aber hier bei uns in Krasnojarsk haben wir derzeit keine Möglichkeit (vor allem keine finanzielle), ein solches Tätigkeitsfeld für junge Menschen zu schaffen. Und auf Basis eines sozialen Anfangs wird es für einen Jugendlichen kaum von Interesse sein, endlose Listen von Nachnamen zu rekonstruieren – das ist nicht die Art von Tätigkeit, die man am Abend nach getaner Arbeit oder nach dem Lernen ausüben will, hier muss man sich schon vollends ins Zeug legen. Wären wir zu irgendeinem Aktionismus geneigt – eine Mahnwache abhalten oder einen spontanen Menschenauflauf herbeiführen, – vielleicht würde das die Jugend anziehen. Aber wir sind zu so etwas nicht geneigt. Ende der achtziger Jahre führten wir verschiedene Aktionen durch – wir sammelten beispielsweise Unterschriften gegen Artikel 6 der Verfassung. Aber jetzt kam mir sogar die Aktion „Wiederkehr der Namen“ äußerst schwierig vor, die am 30.Oktober stattfand, am Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Repressionen. Mit Freude kehrte ich danach wieder zu meiner gewöhnlichen Arbeit zurück.

– Nehmen Sie gegenüber solchen Dingen prinzipiell eine skeptische Haltung ein?

– Das kann jeder für sich wählen, und solche Dinge müssen geschehen. Ich habe mich Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, wie soll ich sagen, ganz einfach in diesem Sinne ausgetobt. Im Kern ist der Sinn der Teilnahme an Aktionen für junge Leute die Antwort auf die Frage: "Kannst du da mitmachen?" Ich selber weiß, dass ich es kann. Und es überflüssigerweise wieder einmal jemandem zu beweisen wäre lächerlich. Ich habe an der Demo gegen den Krieg in der Ukraine teilgenommen. Es ist notwendig – natürlich gehe ich auf den Platz, mit schütteren grauen Haaren. Aber heute besuche ich oft Versammlungen als Mitglied des Öffentlichkeitsrates der interkommunalen MWD-Behörde: ich achte darauf, dass die Polizei keine Störungen oder Belästigungen zulässt.

Im Großen und Ganzen sind solche Dinge gut für das Trainieren der Freiheit. Der Mensch tritt heraus, er hat keine Angst, findet Bestätigung darin, dass er sich nicht fürchtet. Das wird ihm in anderen Situationen zu Gute kommen.

– Aleksej Andrejewitsch, in unserem Land verstärken sich gerade wieder Verfolgungen von Menschen aus politischen Motiven… Warum kommt all das wieder?

– Es geht nicht um die politischen… Wenn man diesbezüglich das Jahr 1937 erwähnt, dann ist das natürlich eine große Übertreibung. Das Jahr 37 – das waren ganz andere Beweggründe, Prinzipien, Maßstäbe, ein anderer Grad an Grausamkeit. Aber es gibt eine Sache, welche die heutige Situation näher an jene heranbringt, und an den letzten Versammlungen ist dieses allgemeine Merkmal gut zu erkennen. Es ist die Nicht-Selektivität des Übertreibens.

Für das Jahr 37 war charakteristisch, dass von oben Zahlen vorgegeben wurden: eine bestimmte Anzahl hatte „ausgewählt“ zu werden, Polen oder Letten – und schon ruderten alle in einer Reihe und erstatteten Bericht. Heute haben wir in gewissem Sinne das gleiche Bild. Auf den Versammlungen verhaften sie Menschen, die noch nicht einmal daran teilnehmen, sondern lediglich durch die Menge hindurch ihrer Wege ziehen. Dann kommen die Gerichtsprozesse, in denen man nicht nach Beweisen schaut, sondern diesen zufälligen Passanten eine Strafe auferlegt… Diese Nicht-Wählbarkeit und Gesetzlosigkeit – ist schlimmer, als politische Übertreibung als solche. Na ja, die professionellen Revolutionäre wie Nawalnij – das ist, so kann man wohl sagen, ihre Arbeit – die sitzen im Gefängnistransporter. Je mehr sie dort sitzen, umso mehr Minuspunkte sammeln sie. Aber wenn unter diese Walze Burschen geraten, die ganz zufällig dort vorbeikommen – dann ist das schrecklich.
– Noch eine widersprüchliche Meinung in diesem Zusammenhang: sitze bei einer Demo zuhause – dann bleibst du ein unschädliches Ziel…

– In letzter Zeit wurden so viele unterschiedliche Gesetze verabschiedet, dass sie praktisch jede beliebige Person inhaftieren können. Besonders wenn man berücksichtigt, dass die Richter eine klare Neigung zur Anklage haben und sich nicht sonderlich bemühen, das Strafgesetzbuch zu beachten. Das ist eine Besonderheit des Sowjetsystems, die sich erfolgreich bis in unsere Tage gehalten hat. Die Gesetzte sind so gemacht, dass es nicht möglich ist, eines von ihnen nicht zu verletzen. So lange keine Notwendigkeit besteht, messen sie dem keine Aufmerksamkeit bei. Sobald eine Notwendigkeit entsteht, ist es kein Problem, jemanden einzusperren. Wenn ich mein Facebook durchforste, stelle ich fest, dass ich dort schon zehn Jahre lang geschrieben habe. Es finden sich dort keine unmittelbaren Dinge – es finden sich diejenigen, die sich wegen irgendetwas „beleidigt“ gefühlt, einen Satz aus dem Zusammenhang herausgerissen haben. Mich kratzt das nicht. Und es ist bedeutungslos, ob du in der Opposition bist oder nicht – wir fallen alle darunter. Und wir alle nehmen in jedem Fall am politischen Leben teil.

Doch aus der Geschichte wissen wir: je mehr solcher Gesetzte es gibt, um so wackeliger ist die Lage des Systems. Wie Solschenizyn schrieb: die Schlange beginnt sich in den Schwanz zu beißen und frisst sich bis zum Kopf voran. Es würde mich nicht wundern, wenn die Gesetzgeber im Verlaufe des Aussortierens in den oberen Etagen anfangen, die Leute nach den von ihnen erdachten Gesetzen zu inhaftieren. Und nichts wäre da, um es in den Wind zu streuen…

Julia Starinowa

Sibirien. Realien, 19.03.2018


Zum Seitenanfang