"Die Toten wurden einfach während der Fahrt aus dem Waggon geworfen"

Im März dieses Jahres kam das Buch "Die Deutschen von Jenisseisk. Familien-geschichten" heraus, in das 40 Interviews mit in die Region Krasnojarsk deportierten Deutschen Eingang fanden. Ihre Geschichten haben Studenten des pädagogischen College Jenisseisk zwischen 2003 und 2017 während ihrer speziellen Forschungsreisen in entlegene Ortschaften der Region aufgezeichnet.


Im Jenisseisker Kinderheim. Foto aus dem Archiv von A. Wolf

"Ich habe meinen Teil schon abgesessen"

"Wir waren Kinder, die einfach nur hinter ihren Eltern herliefen, wo sie hingingen, da gingen auch wir hin. So musste man das damals" (aus den Erinnerungen von F.D. Arndt).

"In Kälberwaggons gelangten wir nach Sibirien. Dort schliefen wir auf Pritschen, auf Stroh, es gab keine Toilette. Die haben wir uns selber eingerichtet. Sie bestand aus einem Eimer, der von 3-4 zusammengehauenen Brettern umgeben wurde. In dem Viehwaggon befanden sich sowohl Frauen, als auch Männer. Es herrschten unhygienische Verhältnisse. Unterwegs starben Menschen, man warf sie einfach aus dem fahrenden Zug auf die Strecke" (E. Ch. Scheck).

"Jetzt bin ich froh, dass wir umgesiedelt wurden, denn an der Wolga hatten wir ein schlechteres Leben; wir hungerten, und man konnte sich nicht ausmalen, was mit uns geschehen wäre, wenn wir nicht umgezogen wären (E.F. Abich).

Aus dem Buch "Die Deutschen von Jenisseisk. Familiengeschichten"

In Sibirien bereit es keine Schwierigkeiten, einen Ort für eine derartige Expedition auszusuchen. Bei uns hat es immer zahlreiche Verbannte gegeben angefangen mit den Raskolniks und endend (das hoffen wir zumindest!) mit den "olympischen" Pennern. Im Großen und Ganzen fängt jede Forschungsreise schon lange vor der geplanten Abfahrt an: Klärung, welche folkloristischen, ethnographischen Traditionen sich in der Ortschaft noch erhalten haben, wie viele Menschen dort leben, mit denen wir sprechen möchten, wie alt sie sind und wo wir uns aufhalten und unterkommen können. Da gibt es eine Menge zu berücksichtigen, meint die Leiterin des Projekts und Lehrerin am Pädagogischen College in Jenisseisk Irina Moissejewa.


Irina Moissejewa

Sie bereiten sich vor, aber für die Leute kommt Ihr Eintreffen unerwartet. Berichten sie gern von der Vergangenheit?

Das ist ganz unterschiedlich. Jeder hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Interessen, seine eigenen Motive sich entweder mitzuteilen oder nicht. Manch einer lässt sich bestechen, wenn man ihm sagt: "In den Geschichtslehrbüchern steht nicht alles. Und das, was dort geschrieben ist, entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Die Wahrheit kennen nur Sie. Erzählen Sie sie uns. Wir möchten sie auch gern wissen". Manch einer kann sich auch nicht nur so gut mitteilen. Anderen schlagen wir vor, ihnen im Haushalt und im Garten ein wenig zu helfen.

Sie fragen, ob die Leute gern mit uns reden. Stellen Sie sich einmal vor, wenn Sie an ihrer Stelle stünden. Sind sie bereit zu erzählen? Wie Sie Kartoffelschalen aus dem Abfall geholt haben. Wie sie nach der Arbeit auf dem Gemüsefeld eilig ihren Rock glätteten weil sie sich eine Rübe oder Wurzel zwischen den Beinen versteckt hatten, um sie ihren Kindern zum Essen mit nach Hause zu bringen. Aber vielleicht haben Sie auch den Mut zu erzählen, wie sie in der Kolchose Bindfaden gestohlen und daraus einen Schal gehäkelt haben, weil Sie eine Frau waren und gefallen wollten? Ich erinnere mich an einen Fall. Eine alte Frau, die Mutter meiner guten Bekannten (ehemalige Moskauerin, die im Aleksandrowkser Garten spielte, bei den Faschisten in Gefangenschaft geriet, das "ALSCHIR" durchlief, dort eine Tochter zur Welt brachte mit einem Wort: ein Thema für eine ganze Fernsehserie) versprach mir, alles zu erzählen und mir das Kleid zu zeigen, das ihre Mutter, eine Putzmacherin, in ihrer Jugend genäht hatte. Gedanklich hatte ich mir schon die Worte ausgewählt, mit denen ich sie dazu überreden wollte, mir dieses Kleid zu schenken. Ganz zu schweigen von dem Vorgeschmack, der, wie man heute sagt, zu einer wahren Bombe wurde Als ich das erste Mal zur verabredeten Zeit dorthin kam, berief sie sich auf Unwohlsein. Bei meinem zweiten Besuch arbeitete sie im Gemüsegarten: keine Zeit. Und das dritte Mal sagte sie mit einem verzweifelten Glänzen in ihren Augen: "Ich habe meine Strafe verbüßt, habe alles erzählt, was gesagt werden musste. Geh!". An diesen Vorfall erinnere ich mich ohne jede Kränkung; nur über mich selber bin ich verärgert. In ihrem Blick war nichts als Schmerz Es gab auch lustige Fälle. Aber am häufigsten wächst man zusammen, es entstehen warmherzige Beziehungen, die auch mit den Jahren nicht vergehen.


Auf Forschungsreise

"Niemand wollte uns bei sich wohnen lassen: "Plötzlich wachsen ihnen Hörner, aber man sieht sie nicht, sie sollen sie ablegen, zeigen". Man zwang sie sogar, ihre Säuglinge zu entkleiden, damit die Leute ihre Beine, Hände und ihren Kopf befühlen konnten, um den Beweis zu erhalten, dass wir ganz normale Menschen waren. Und so wachten wir einen ganzen Monat lang morgens auf, und sie standen über uns, schauten unter die Decken und waren immer noch der Ansicht, dass wir irgendwelche Hexer wären" (E.A. Grafejewa).

"Wenn Mama zur Arbeit ging, kletterten die Dorfjungen auf die Hütte, klopften an die Fenster und riefen: "Faschisten, haut ab!". Wir zitterten vor Angst. Einmal erwischte Mama einen der Jungen, sie verhaute ihn, und danach kletterten sie nicht mehr aufs Dach" (E.A. Gelhorn).

"Ich war 11 Jahre alt, da haben sie uns mit Erde und Steinen beworfen. Wir lebten in Kemsk, dort wohnten drei Schwestern ohne Eltern, sie benahmen sich wie Hunde und standen auf der Straße. Sobald wir auftauchten, bewarfen sie uns mit Erde und Steinen. Aber manche Leute waren auch sehr gut zu uns. Innerhalb aller Nationen gab es gute und schlechte Menschen" (E.G. Genter).
"Die Leute verhielten sich ganz unterschiedlich. Als ich heranwuchs, galt ich bereits als Russin" (M.S. Hartung).

Aus dem Buch "Die Deutschen von Jenisseisk. Familiengeschichten"

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Sibirien von den deportierten Deutschen aufgenommen wurde. Einer erinnert sich, dass "wir unter Unmenschen gerieten", andere wiederum erinnern sich an die Güte der Sibirjaken...

Wir, die wir zu derselben Zeit in demselben Land leben, bewerten auch jetzt, auf unterschiedliche Weise das, was geschehen ist. Genauso war es bei ihnen damals auch. Der eine geriet in bessere Bedingungen, der andere in schlechtere. Mancherorts gab man den bedürftigen Umsiedlern eine Kuh (!) als Ersatz für die, die sie an der Wolga hatten zurücklassen müssen, andernorts war das nicht der Fall.
Um der Gerechtigkeit willen: die Ortsansässigen benahmen sich tatsächlich unterschiedlich gegenüber den Fremden. Uns fiel auf: je weiter nach Norden, umso größer war die Feindseligkeit in der ersten Zeit. Aber später wachsen die Menschen mit dem, was das Leben ihnen beschert. Die einen nehmen alles gelassen hin und durchlaufen, was das Schicksal ihnen vorherbestimmt hat, anderen erscheint das alles unerträglich. Es kommt vor, dass Menschen aus ein und derselben Familie die Geschehnisse unterschiedlich interpretieren, geben sogar die Stückzahl des Viehs auf dem Hof mit unterschiedlichen Zahlen an. Und die heutigen Unmenschen werden morgen zu Freunden, gründen Familien

Gab es noch irgendetwas, was sie in den Berichten ihrer Gesprächspartner verblüfft hat?

Alles frappiert einen. Ein Beispiel im Buch gibt es Kapitel mit den Erinnerungen von Josef Scheck und seiner Ehefrau. Als er einmal in ein anderes Zimmer ging, erzählte seine Frau folgende Geschichte. Er geriet noch als Kind mit seinen deportierten Eltern in den Norden. Sie schliefen in einer Erd-Hütte auf vereisten Brettern. Es herrschte entsetzliche Kälte. Und er, der kleine Junge, nässte sich im Schlaf ein, und am Morgen war er mit seinem Urin an der Pritsche festgefroren. Am Ende dieses Interviews erklärt Josef Jossefowitsch selber: "Stalin hat den Krieg gewonnen das ist eine große Ehre. Nein, ich bin nicht böse auf ihn. Ich habe in meinem Leben so viele Staatsführer erlebt, von denen würde ich keinen einzigen fördern. Aber unter Stalin da freuten sich die Menschen jedes Jahr". Da ist es, das "Stockholm-Syndrom", in seiner reinen Form.

Oder noch ein anderer schriller Fall.

Meine Mama hat immer gern wiederholt, dass es während des Krieges, in Hunger und Kälte, in ihrer kinderreichen Familie, die ohne Vater zurückgeblieben war, keine Streitereien, kein Geschimpfe gab. Und so lebten sie alle, bekräftigte die Mutter und Idealistin. In Ust-Kem erzählte mir eine Frau auf die Frage, wie denn alles gewesen sei: "Na ja, wir lebten einträchtig miteinander Nur nachts haben die Schwester und ich manchmal gestritten. Unsere Tante hatte einen langen, dicken Zopf. Und wir Schwestern prügelten uns darum, wer neben der Tante schlafen durfte: vor Hunger nuckelten wir nachts an ihrem Haar".

In Erinnerung geblieben ist auch noch ein anderer Bericht von einer unserer Gesprächspartnerinnen. Der Vater, ein deportierter Deutscher, hatte seinen Kindern streng verboten, etwas Fremdes wegzunehmen dass so etwas ja nur nicht passierte. Aber sie wollten doch so gern essen. Und da machte sich einer der Söhne auf den Weg zum Kartoffelacker, grub die Hände in die Erde, zog eine Kartoffel heraus, betrachtete sie und steckte sie wieder zurück in den Boden und grub sie ein. Aber er hatte nichts fortgenommen, was ihm nicht gehörte

Im Buch befinden sich viele derartiger Geschichten. Lesen sie.

"Durch den Tod Menschen sehen"


Auf Forschungsreise

"Als Stalin starb, weinte Mama und jammerte: "Mädchen, Stalin ist tot, was soll nun werden. Denn Stalin hatte nicht alles gewusst. Wenner es gewusst hätte, wäre so etwas mit uns nicht passiert" (T.K. Welsch).

"Als Stalin gestorben war, versammelten sich alle im Kontor, dort gab es das einzige Radio. Manch einer nahm es sich sehr zu Herzen, weinte, andere meinten: "Nun ist er endlich krepiert" (M.S. Hartung).

"An Stalins Todestag versammelten sich alle. Die Fabriksirene ertönte, alle weinten, und die Lehrerin stieß einen der Jungen in der Aufstellung a, der keine Tränen vergoss und die allgemeine Trauer nicht teilte" (I.I. Gelzenlichter).

"Im Zimmer war das Radio eingeschaltet, Mama weißte vom Tisch aus die Decke. Und plötzlich fiel sie herunter. Ich laufe hin und frage sie, was geschehen ist. Sie sagte irgendetwas auf Deutsch. Und als ich nochmal fragte, antwortete sie: "Es ist besser, wenn du das nicht erfährst" (E.A. Grafejewa).

"Von den bekannten Leuten weinte lediglich die Großmama nicht. Sie drehte sich einfach um und ging davon, als sie diese Nachricht hörte. Oma wurde neunzig Jahre alt. Bis zu ihrem Tode vergaß sie weder die deutsche Sprache, noch dass "Stalin alle umgebracht hat, Deutsche und sogar Russen" (E.G. Gromowa).

"Der Ehemann von Papas Schwester berichtete: "Als sie sagten, dass Stalin gestorben war, freute sich das ganze Gefängnis und schrie, dass dieser Menschenfresser krepiert war". Aber bei uns im Dorf weinten einige Kommunisten. Es verging etwas Zeit, und dann hatte man Stalin überall ausgestrichen. Aber irgendwie erinnere ich mich: die Schulbücher wurden früher mit einer Hülle aus Zeitungspapier geschützt, und möge Gott verhüten, dass darauf Stalin abgebildet war. Oder bewahre Gott, dass du mit einer Zeitung, in der Stalin abgebildet ist, eine Toilette aufsuchst" (M.P. Iwanowa).

"Als Führer habe ich keinen besseren gefunden. Er gewann den Krieg und das ist eine große Ehre. Nein, ich bin nicht böse auf ihn. Seit der Zeit, als Stalin starb, sind die Preise immer nur gestiegen und gestiegen. Aber unter Stalin freuten sich die Menschen, ja für Jahr wurde es billiger. Nach seinem Tod gab es jedes Jahr Preiserhöhungen." (J.J. Scheck).

Aus dem Buch "Die Deutschen von Jenisseisk. Familiengeschichten"

 

Das Buch ist herausgebracht. Was geschieht weiter?

Aus diesem Buch entsteht ein neues Projekt. Fast jedes Interview beendeten wir mit der Frage: erinnern Sie sich an Stalins Todestag, welche Bedeutung hatte dieser Tag in Ihrem Leben? Und so begann vor zwei-drei Jahren ein neues Projekt "Ein Tag aus dem Leben: der 5. März". Wir möchten diese Geschichte aus der Sicht verschiedener Menschen betrachten. Ich glaube, da werden wir uns erneut wundern. Leider arbeiten wir nicht sehr schnell. Irgendwo hat es bereits ähnliche Projekte gegeben. Aber was macht das schon? Wir bewegen uns mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten voran, aber alle in eine Richtung.


Beim Bau dieses Umspannwerks in der Region Krasnojarsk wurden Überreste von Volksfeinden gefunden"

In wieweit sind ganz junge Leute, Schüler zu Gesprächen über dieses Thema bereit den Repressionen, der stalinistischen Epoche? Verstehen sie überhaupt in vollem Umfang, was das bedeutete?

Eine der Bilanzen der Forschungsreisen ist, dass bei den Kindern eine besondere Beziehung zu Rechten, zur Freiheit entsteht. Vor der Reise erörtere ich mit ihnen beispielsweise die alte sowjetische Konstitution: diese oder jene Paragraphen daraus wurden verletzt, als die Menschen deportiert wurden. Die Kinder fangen an, das eine oder andere zu begreifen Und der Leiter des Krasnojarsker Memorial, Aleksej Babij, der an unseren Forschungsreisen teilnahm, gab den Rat: wenn du nicht mehr weißt, was du fragen sollst, dann versetze dich einfach in die Lage des Menschen, mit dem du sprichst. Sie haben euch von der Wolga nach Sibirien gebracht. Nichts habt ihr mitgenommen. Was benötigt ihr? Wo werdet ihr wohnen, was essen, worauf schlafen, wo euch waschen, was sollt ihr im Sommer anziehen, welche Kleidung im Winter? Was ist für euch an Hausrat unerlässlich, woher sollt ihr es nehmen? Fragt nach diesen Dingen Aus solchen Kleinigkeiten entsteht bei euch ein umfangreiches Bild dessen, wie die Menschen gelebt haben. Lokale Geschichte, und gerade sie ist es ja, die erzählt wird, gibt eine hervorragende Möglichkeit für den eigenen Respekt vor der großen Historie ohne Kürzungen, die Möglichkeit, die eigenen Enthüllungen zu verarbeiten.

Gibt es denn unter ihren Schülern keine überzeugten Stalinisten? Passt so etwas zur Mode der letzten Zeit

Ich gebe zu, dass es unter unseren Schülern und Studenten unterschiedliche politische Ansichten vorhanden sein können Vor den Forschungsreisen organisiere ich informelle Seminare dort wird nicht nur die Methodik der Interview-Führung erörtert, sondern auch ihre inhaltliche Seite. Keine politischen Diskussionen und Streitgespräche. Aber die Situationen selbst, auf die die Studenten während der Expeditionen stoßen, sind dergestalt, dass sie zum Nachdenken gezwungen, mit manchen Dingen konfrontiert und Zweifel hegen werden. Dazu gelangen sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung, nicht aufgrund der Erfahrung ihrer Lehrkräfte. Das ist das Allerwichtigste. Die Forschungsreise ist in ihrer Art wie eine -Impfung. Gegen den Totalitarismus, gegen das Herdengefühl des Bewusstseins und des Seins.

"Verbannte haben der Stadt nach oben geholfen"

"Ich bin Sibirjakin geworden, bin hier schon aufgewachsen. Viele Deutsche haben sich auf den Weg nach Deutschland gemacht, aber ich wollte und will das nicht und Mama auch nicht. Hier bin ich zu Hause, bei mir herrschen Sauberkeit und Ordnung" (E.G. Gentner).

"Welche Kränkungen können entstehen, wenn das so ein System ist? Ich habe es angenommen, wie es ist, und damit gelebt leben muss man schließlich" (E.J. Traise).

"Wenn es nötig ist, dann ist es halt so. In mir ist nichts Deutsches, ich bin Sibirjak." (A.J. Spomer).

Aus dem Buch "Die Deutschen von Jenisseisk. Familiengeschichten"


Gedenkstelle für die Opfer der Repressionen im Bezirk Jenisseisk Foto: A. Babj

Ihre Gesprächspartner sind Menschen, deren Angehörige deportiert wurden, aber sie sind in Sibirien geblieben. Weshalb?

Das ist ein schmerzliches Thema. Bei einigen sind die Kinder und Enkel tatsächlich nach Deutschland ausgereist und dort glücklich. Manch einer hält bis heute nicht Deutschland für seine Heimat, sondern die Wolga-Region, von wo die Familie ausgewiesen wurde. Aber sich von hier fortbewegen wollen sie schon nicht mehr, und sie können es auch nicht: hier leben ihre Kinder, Enkel, hier befinden sich ihre Familiengräber. Und mitunter reist jemand ab und kehrt dann wieder zurück. Er kann für sich keinen vernünftigen Platz finden, weder in Deutschland, noch in Russland. Hier ein Beispiel von Josef Josefowitsch Gelzenlichter: er reiste 1990 nach Deutschland aus und kam nach fünf Jahren wieder. Alles war dort gut zurechtgekommen mit der Arbeit und dem Lohn. Doch dem "russischen Deutschen" wurde es im richtigen Deutschland zu eng. Er selber beschrieb diese Situation so: "Weder niesen, noch". Und in Russland kann er sich niemals abfinden mit den hemdsärmeligen Schlampereien, der Verantwortungslosigkeit und der Faulheit.

Ihr Buch ist also erschienen. Werden in Ihrem heimatlichen Jenisseisk auch noch andere Versuche unternommen, das Gedenken an jene Ereignisse zu wahren?

Bei uns wurde die Heimatkunde weiterentwickelt. Es gibt zum Beispiel in der entlegenen Ortschaft Jarzewo eine gewisse Tatjana Nikoljewna Tarchanowa sie ist Heimatkundlerin, sie liebt die Region, ist Methodistin des örtlichen Zentrums der Kinder-Kreativität. Sie stellt ein ganzes Ein-Mann-Orchester dar: sie organisiert Museumsausstellungen mit seltenen Exponaten, unternimmt mit den Schülern Ausflüge weit in die Taiga hinein, stellt Erinnerungszeichen auf und siegt beim Allrussischen Wettbewerb...

Aber über die Repressionen und die Opfer wird nur wenig gesprochen. Manchmal schämen sie sich, sind befangen, manchmal haben sie Angst. Bis heute haben sie Angst. Dabei waren es doch gerade die Verbannten, die unsere Stadt nach oben gebracht haben. Angefangen mit den Dekabristen. Bildung, Medizin, Kultur, öffentliches Leben all das haben die Verbannten geschaffen. Und wenigstens deswegen wäre die Erinnerung an sie für uns wichtig.

Was die Geschichte der Repressionsopfer in der Stalin-Ära betrifft, so wird diese Arbeitsrichtung über kurz oder lang auf natürliche Weise im Nichts enden. Die Menschen sterben. Und wenn ihre Kinder von den Repressionen berichten dann ist das schon nicht mehr dasselbe. Die Kinder können nicht vollständig begreifen, was ihre Eltern durchgemacht haben. Es ist also notwendig, es vorher noch zu schaffen.

Und unsere Studenten müssen auch rechtzeitig ihre Spur im Leben hinterlassen. Das Erbe werden sie noch antreten. Eine Spur hinterlassen das weiß man nicht.

Julia Starinowa
Sibirien.Realien 04.04.2018


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