Das Manuskript eines verbannten Professors. Nikolai Karlowitsch Erdel in der Verbannung in Noschino

Kürzlich brachte man ein Manuskript in die Bibliothek. Zwei kleine Hefte mit schwarzem Kaliko-Einband, vollgeschrieben von dem Verbannten Nikolai Larlowitsch Erdel, Professor des Leningrader Herzen-Instituts für Pädagogik, Autor von Neues Lehrbuch der deutschen Sprache, das vor und nach der Revolution in zahlreichen Neuauflagen erschien. Nach seinen Lehrbüchern wurde in Schulen und Universitäten gelernt. In den Katalogen der russischen Staatsbibliothek und der russischen Nationalbibliothek befinden sich 37 davon sowie 21 Bücher von Erdel: neben Lehrbüchern und methodischen Hilfsmitteln brachte er in den 1910er Jahren Sammelwerke mit Erzählungen und Gedichten deutscher Schriftsteller heraus.

1941 wurde N.K. Erdel nach Noschino im Abansker Bezirk verbannt, und anhand dieses Heftchens erlernten die Nischinsker Schüler die deutsche Sprache.


N.K. Erdel

Des Weiteren ein Text, gesammelt und geschrieben vom Heimatkunde-Lehrer der Noschinsker Schule Viktor Michailowitsch Kriwonossow anhand der Erinnerungen ehemaliger Schüler von N.K. Erdel und Einwohner der Ortschaft Noschino: A.S. Belogolowa, G.N. Paschina, S.M. Mutowina, W.J. Mutowina, R.P. Schamrin, O.G. Sacharow.

In den Jahren 1940 1950 lebten in der Ortschaft Noschino politische Verbannte, von denen viele gebildet waren, und einige von ihnen waren an der Noschinsker Mittelschule tätig. Die Verbannten brachten eine Menge Kultur in die Ortschaft. Besonders groß war ihr Einfluss auf die Jugend mit Hilfe der Schule.

In der Ortschaft Noschino lebte auch der Verbannte Nikolai Karlowitsch Erdel, Professor des Leningrader Herzen-Institus für Pädagogik. Er war deutscher Nationalität. Über sich selbst sagt Nikolai Karlowitsch: Ich stamme von den Deutschen aus Katharinas Zeiten ab. Geboren wurde Nikolai Karlowitsch Erdel am 20. Dezember 1874, er starb in der Ortschaft Noschino am 19. Oktober 1957. Er war von kleinem Wuchs, stämmig, körperlich gut entwickelt. Sein Gesicht war rund, er trug einen schwarzen Schnurrbart, einen Zwicker, auf dem Kopf einen Hut; bekleidet war er mit einem schwarzen Anzug, einem weißen Hemd, einer schwarzen Krawatte.

Während seiner Tätigkeit am Institut schrieb er ein Lehrbuch der deutschen Sprache als Hilfsmittel für die Schüler. An der ausländischen Fakultät des Instituts studierte man anhand seiner Lehrbücher; einige seiner Schüler bestätigen, dass man mit Hilfe seiner Lehrwerke auch in den Schulen mehrere Jahre lang gelernt hätte (etwa ab 1926).

Nikolai Karlowitsch konnte fünf Sprachen (nach anderen Quellen 12): Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch und _? (keine Angaben). Einigen Studenten zahlte er ein persönliches Stipendium in Höhe von 200 Rubel. Bis 1940 befand Nikolai Karlowitsch sich in China; das bestätigt ein Foto, auf dem er in einer Rikscha sitzt.

1941 wurden alle Deutschen aus Sicherheitsgründen aus dem europäischen Teil der UdSSR in den Osten ausgesiedelt. Auch N.K. Erdel konnte diesem Los nicht entrinnen. Eines Nachts klopften bei ihm, ohne jegliche Vorankündigung, Leute vom NKWD an die Tür und verhafteten ihn. Nikolai Karlowitsch besaß eine große Bibliothek; man erlaubte ihm, einige Bücher mitzunehmen. Nikolai Karlowitschs Tochter war mit einem Militärangehörigen verheiratet, und damit sie sie nicht auch verschleppten, sagte sie sich von ihrem Vater los.

Nach der Amnestie von 1954 versuchte Nikolai Karlowitsch seine Tochter wiederzufinden; er erfuhr ihre Adresse und reiste 1956 zu irgendeinem Forum nach Leningrad, doch die Tochter weigerte sich ihn anzuerkennen. Offensichtlich hatte sie Angst vor neuen Repressalien. Nach der Amnestie schlug man Nikolai Karlowitsch vor, am Leningrader Institut für Pädagogik zu arbeiten, doch er lehnte ab und meinte: Sibirien hat mich gut aufgenommen, und ich werde auf der Schwelle der Schule sterben, wo man mir in der schwersten Zeit meines Lebens Obdach gewährt hat.

Die Gemütsbewegungen anlässlich der Ablehnung seiner Tochter ihn wiederzuerkennen wirkten sich stark auf Nikolai Karlowitschs Gesundheit aus. Nachdem er aus Leningrad zurück gekommen war, verfiel er in Trauer und Schwermut, erkrankte an Gelbsucht und verstarb bald darauf.

Transportiert wurden sie in Güterwaggons. Nikolai Karlowitsch wollte seinem Leben durch den Hungertod selber ein Ende setzen, aber dank einer Ärztin einer hübschen, grazilen Frau, die offenbar auch zu den verbannten zählte und die sich während der Fahrt um ihn kümmerte, überlebte er. Bei der Ankunft am Transitpunkt in Minussinsk, Region Krasnojarsk, befand er sich im Gefängnis. Als man damit begann, sie auf die verschiedenen Siedlungen zu verteilen, bat Nikolai Karlowitsch darum, ihn in einem beliebigen Dorf nahe der Eisenbahnlinie unterzubringen. Er wurde dem Dorf Beresowka im Abansker Bezirk zugeteilt. Hier arbeitete er als Arbeiter in der Sowchosen-Kantine der Hilfswirtschaft; er schälte Kartoffeln, fegte aus, trug das Spülwasser hinaus. Äußerlich war er ein ganz gewöhnlicher Mann mit Bart. Als man erfuhr, dass er Professor für Fremdsprachen war, schlug man ihm vor, an der Noschinsker Mittelschule tätig zu werden, wo bereits verbannte Lehrer arbeiteten: Sinaida Michailowna Sokolowskaja (aus Moskau, Schauspielerin am Kleinen Theater; sie war Leiterin des Theaterkreises), Lusja Lwowna Physikerin, Goldentracht Chemiker, Mathematiker.

An der Noschinsker Schule war Nikolai Karlowitsch 10 Jahre als Schulleiter und Lehrer der deutschen Sprache tätig. Zu seiner 18-stündigen Lehrbelastung meinte er, dass er hier für diese Arbeit nur ein paar Kopeken erhielte im Vergleich zu dem, was man ihm in Leningrad gezahlt hatte. Trotzdem half er einigen Schülern, die bedürftig waren, aber gut lernten. Zu jener Zeit (1946 1954) mussten Schüler der 8. 10. Klassen pro Jahr 150 Rubel Schulgeld entrichten. Obwohl er selber nur wenig Geld hatte, half er jungen Lehrkräften, damit sie sich wenigstens das Allernotwendigste kaufen konnten.

Nikolai Karlowitsch verfügte über ein gutes Gedächtnis, analytische Denkfähigkeiten; er beherrschte die Psychologie und wandte sie während des Unterrichtsprozesses an. Die Schüler der höheren Klassen redete er mit Sie an. An den Erholungsabenden tanzte er leicht und fröhlich mit den Schülern, bekundete das Taktgefühl eines Gentleman und überschüttete seine jeweilige Partnerin mit Komplimenten.

Lehrbücher zur deutschen Sprache gab es in der Schule nicht, es gab lediglich deutsch-russische Wörterbücher. Nikolai Karlowitsch legte in seinem Unterricht besondere Aufmerksamkeit auf die Grammatik und die Arbeit mit Wörterbüchern. Die Umgangssprache verknüpfte er mit dem Leben, indem er Beispiele aus der Klasse, aus dem Dorfleben anführte. Nikolai Karlowitsch konnte den Buchstaben nicht aussprechen, er sagte immer Untellicht, aber das störte seine Arbeit nicht. Er war stets sehr adrett, akkurat; unter dem Arm trug er eine schwarze Lederaktentasche, in der sich eine Menge Kärtchen befanden individuelle Aufgabenstellungen zur deutschen Sprache für die Lernenden. Wenn ein Schüler ihm auf der Straße begegnete, verlangte er, dass dieser die Mütze abnahm und ihn grüßte; er konnte das Erlernte auch abfragen, und wenn man geantwortet hatte, machte er einen entsprechenden Vermerk im Klassenbuch. Zu Beginn der Unterrichtsstunde erklärte er dann warum, weswegen ihn einige Jungs neidisch links liegen ließen. Nikolai Karlowitsch konnte sich unheimlich über Erfolge seiner Schüler freuen, und wenn ein fauler Schüler ein 1 oder 2 erreichte, dann lobte und rühmte er ihn in der ganzen Schule. Seine besten Schüler bezeichnete er als: Meine Sahnehäubchen und spendierte ihnen Süßigkeiten. Innerhalb einer Schulstunde konnte es sein, dass er drei Bewertungen erteilte. Die Schüler fürchteten ihn sehr, denn Nikolai Karlowitsch verlangte immer eine vollständige Antwort, und das auch noch in unterschiedlichen Varianten. Innerhalb eines Jahres war jeder Schüler viermal bei Nikolai Karlowitsch zuhause, um die entsprechenden Aufgaben auf den Karten zu lösen. Er hatte für die Schüler einen ganz bestimmten Stundenplan (Konsultation im Haus), mit Angabe des Nachnamens und der Zeit, und der hing sowohl in der Schule, als auch zuhause. Nach dem Unterricht stellte Nikolai Karlowitsch einen großen Teller auf den Tisch, auf dem sich Karamell-Bonbons und Gebäck befanden; dazu schenkte er jedem Tee ein, aber die Kinder waren sehr bescheiden, so dass sie nie mehr als zwei Stückchen Karamell und einen Keks nahmen, obwohl sehr gern noch mehr gegessen hätten.

Viele Schüler, die sich danach am Institut einschrieben, gaben Deutsch mit der Note 5 ab. Zum Studium an der Fakultät für Fremdsprachen begaben sich Walja Maschukowa und Walja Ryschenkowa. Ada Aleksandrowna Bernadzkaja beendete das Institut 1959 und arbeitet heute and der Pädagogischen Universität in Krasnojarsk an der Fakultät für Fremdsprachen; sie sammelt Informationen über ihren ehemaligen Lehrer Nikolai Karlowitsch Erdel. Ein beliebtes Sprichwort am Ende der Unterrichtsstunde war bei ihm Ende gut, alles gut.

Nikolai Karlowitsch verstarb am 19. Oktober 1957 nach einer Gelbsucht-Erkrankung im 83. Lebensjahr. Die ganze Schule, das ganze Dorf nahm von ihm Abschied; begraben wurde er auf dem Friedhof der Ortschaft Noschino, auf der Westseite. Man stellte einen Gedenkstein auf. Jetzt haben seine Schüler einen neuen Gedenkstein errichtet, mit der Aufschrift: Dem geliebten Lehrer von seinen dankbaren Schülern. Jedes Jahr besuchen sie Nikolai Karlowitschs Grab, legen Blumen nieder, und die Schüler der Noschinsker Schule machen sich mit der Biographie dieses bemerkenswerten Lehrers in den Unterrichtsstunden über die Geschichte des Dorfes bekannt.

Die Hefte brachte Ada Aleksandrowna Bernadzkaja zu uns in die Bibliothek eine Schülerin Nikolai Karlowitschs und unsere Lehrerin. Sie beendete 1959 das Institut und arbeitete an der Pädagogischen Universität Krasnojarsk an der Fakultät für Fremdsprachen, sie unterrichtete an der Sibirischen Föderalen Universität.
Das Manuskript in den schwarzen Heften, die sorgsam von Ada Aleksandrowna aufbewahrt werden, wird nun digitalisiert und in unserer elektronischen Bibliothek vorgestellt.
Hier ein paar Seiten daraus.

Zusammengestellt von Julia Schubnikowa

Blog "Krajewuschka", 10.09.2019


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