Bericht von Wladimir Andrejewitsch Adolf

Wladimir Andrejewitsch Adolf, geb. 1949.

An einem Julitag fuhren wir ins Dorf Tscheremuschka, das 17 km von Karatuskoje entfernt liegt. Unterwegs begann es heftig zu regnen, so dass wir schon befürchteten, dass unsere Interviews nicht stattfinden könnten. Doch in Tschermuschka hatte das Wetter ein Einsehen mit uns. Es hörte auf zu regnen, die Sommersonne begann hervorzuschauen und alles ein wenig zu wärmen.

Unser Gesprächspartner Wladimir Andrejewitsch Adolf wurde in Sibirien geboren. Die Mutter – Amalia Friedrichowna (geb. 1912) - erzählte ihm nur wenig über das Leben an der Wolga, von wo sie, wie auch die anderen Deutschen, im September 1941 ausgesiedelt wurde, aber einige Erinnerungen der Mutter haben sich auch in Wladimir Andrejewitschs Gedächtnis festgesetzt. Sie wurde aus dem großen Dorf Warenburg (mehr als tausend Höfe) verschleppt. Gegenüber lag die Stadt Engels, wohin sie im Sommer immer mit Booten fuhren. Die Mutter erinnerte sich, dass „die Speicher voll mit Getreide waren, sie einige Kühe und Hengste besaßen. Alles mussten wir im Stich lassen: die Äcker, das Vieh… wir wurden auf Lastkähne verfrachtet und fortgebracht“.

In der Region Krasnojarsk trafen sie im Herbst 1941 ein. Mit Zügen wurden sie bis zur Bahnstation Abakan gebracht und von dort in das Dorf Noworoschdestwenka im Bezirk Karatuskoje geschickt. Anschließend verlegte man sie in das der Farm am nächsten gelegene Dorf, wo unser Interviewpartner mit der Mutter bis 1958 lebte. Die Mutter zog vier Kinder groß, drei von ihnen wurden bereits in Sibirien geboren. Man versuchte, Amalia Friedrichowna in die Arbeitsarmee zu mobilisieren, aber sie hatte damals noch den kleinen Viktor auf dem Arm, und so wurde die Einberufung vom Kriegskommissariat zurückgezogen.

Die Mutter arbeitete auf der Schweinefarm („sie hatte 450 Schweine zu betreuen, ganz allein“), später war sie als Badefrau und Reinmachefrau tätig. „Wir gingen mit ihr zur Schule und sägten Brennholz, jeden Tag zwei Kubikmeter – erinnert sich Wladimir Andrejewitsch. Zwei Kubikmeter zersägten wir – 80 Rubel geben sie uns dafür. Die Mutter hackt das Holz klein, und ich bringe es in den Schuppen… 80 Rubel bekamen wir damals dafür!“

Die Deutschen konnten überhaupt kein Russisch. In der ersten, der schlimmsten Hungerzeit, tauschten sie sie die Sachen, die sie von der Wolga mitgebracht hatten, bei den Ortsansässigen gegen Lebensmittel ein. „Wir hatten Zehnerdocht-Kerosinlampen mitgebracht… Wir gingen nach Suetuk und tauschten alles ein: Kissen, einfach alles“.

Wladimir Andrejewitschs Großvater – Friedrich Friedrichowitsch – und andere Verwandte der Mutter wurden ins Nowosibirsker Gebiet verschleppt. Von dort aus geriet er 1942 in die Arbeitsarmee. Er arbeite im Bergwerk, wo er zweimal verschüttet wurde, „aber er überlebte“. Die Mutter wusste lange Zeit nichts vom Aufenthaltsort ihrer Angehörigen. De Großvater fand seine Tochter erst 1958 wieder. Wladimir Andrejewitsch meint: „Sie haben die Deutschen extra weit verstreut angesiedelt, um zu verhindern, dass sie untereinander Kontakt hatten“.

An einige Dinge aus seiner Kindheit kann Wladimir Andrejewitsch sich noch gut erinnern. Die Deutschen wurden anfangs in den Häusern ortsansässiger Leute untergebracht, später in Baracken, wo die deutschen Kinder folgendes ausheckten: sie zogen aus Körben, die fast ganz oben unter der Decke hingen, Trockenkringel und andere Backwaren heraus. Oder der grüne Schulanzug aus Samt, der auf Zuwachs genäht war, damit man ihn länger tragen konnte. Er erinnert sich auch noch gut an den Kommandanten „in der dunkelblauen Uniform“: „Einmal in zehn Tagen kam er angefahren. Alle gingen hin, um sich zu melden, mit der ganzen Familie. Er prüfte, ob alle anwesend waren. Nach Karatus durfte man nie ohne Erlaubnis des Kommandanten fahren. Überhaupt durfte man das Dorf nicht verlassen“. Wladimir Andrejewitsch weiß noch, wie der Kommandant in einem der Häuser für ein paar Tage Halt machte und mit den ortsansässigen Männern „herumging“.
Nach Stalins Tod, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, reisten alle Esten in die Heimat aus („sie packten in aller Eile ihre Sachen und fuhren ab“); es gab „sehr viele“ von ihnen im Dorf. In den 1960er Jahren begaben sich zahlreiche deutsche Dorfbewohner nach Alma-Ata und emigrierten Ende der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre aus Kasachstan nach Deutschland.

Bereits in den 1980er Jahren kam bei den Deutschen aus Tscheremuschka der Wunsch auf, an die Wolga zurück zu kehren, man sprach von einer Wiederherstellung der deutschen Republik. Sie fuhren in das Dorf Warenburg, fanden ihr Haus, aber dort lebten bereits andere Leute. Und damit hatte sich die Angelegenheit erledigt.

Wladimir Andrejewitsch hat von seiner Mutter noch eine Bibel verwahrt, die sie damals von der Wolga mitbrachte. „Ich hüte sie sorgsam. Sie ist in gotischer Schrift geschrieben… Ich kenne mich mit sowas nicht aus, aber er Schwiegervater hat darin gelesen“. „Es gab auch einen Krug ähnlich einer Vase, aus Ton, ebenfalls von der Wolga“.

Unser Gesprächspartner gesteht, dass zu Hause mitunter deutsche Gerichte zubereitet werden: Kreppel, Strudel und andere.

Wladimir Andrejewitsch spricht kein Deutsch: 1950 sprachen in seiner Umgebung bereits alle Russisch. „Und wir durften auch nirgends Deutsch sprechen – sagt Wladimir Andrejewitsch – sie beschimpften uns auch so schon als „Faschisten“, und sonst hätten sie uns womöglich abgeschlachtet. Sie ließen uns nicht unsere Zungen „lösen“. Aber unter den Russen gab es Freunde. Unter den jungen Leuten gab es schon nicht mehr diese Unterschiede, „wer Russe und wer Deutscher war“. Die Erwachseneren erlaubten sich schon noch Pöbeleien, aber die Jugend – nicht.

Nach seiner Rückkehr aus der Armee heiratete Wladimir Andrejewitsch das deutsche Mädchen Iraida Viktorowna Schwengel; die beiden zogen zwei Kinder groß. Viele Jahre arbeitete er als Leiter der lokalen Wirtschaft und spricht mit großem Schmerz über den Zerfall des Dorfes, der sich in den 1990er Jahren vollzog.

Als die Massenbewegung der Ausreise von Deutschen aus Russland nach Deutschland einsetzte, zog Wladimir Andrejewitsch nicht mit um: er kann kein Deutsch. Obwohl aus dem Nachbardorf 37 Personen auf einmal fortgingen („das Dorf verödete“). Jedes Jahr kommen diejenigen zu Besuch nach Sibirien, die nach Deutschland ausgereist sind. Wie Wladimir Andrejewitsch sagt „in die Heimat“.

Das Interview wurde aufgezeichnet von Marina Konstantinowa und Jelena Sberowskaja.

08.07.2016, Dorf Tscheremuschka, Bezirk Karatus


W.A. Adolf und Marina Konstantinowa

Forschungsreise der Staatlichen Pädagogischen W.P. Astafjew-Universität Krasnojarsk und der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation zum Projekt „Anthropologische Wende in den sozial-humanitären Wissenschaften: die Methodik der Feld-Forschung und Praxis der Verwirklichung narrativer Interviews“ (gefördert durch den Michail-Prochorow-Fond).


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