Mitteilung von Amalia Jakowlewna Birich (Fischer)

Geboren 1941 in der ASSR der Wolgadeutschen
Eltern: Mutter - Amalia Kondratewna Fischer (Fertich), geb. 1917; Vater – Jakob Jegorowitsch Fischer, geb. 1917
Stiefvater – Jakob Friedrichowitsch Birich, geb. 1923

Die Mutter war in der Gemüsezucht tätig, wo sie wunderbare Tomaten aufzog. Sie sagte: „Wozu das! Wir wussten nicht, dass man davon Letscho (dicke Soße aus roten Paprika, Tomaten, Zucker, Ö und, Salz) kochen konnte, aber 16 kg Samen mussten abgegeben werden!“ Und der Rest wurde weggeworfen… Es gab prächtige Gärten, Wassermelonen und Zuckerrüben wurden gezüchtet. Man brachte sie zur Ausstellung nach Moskau, da gab es Rübe mit einem Gewicht von 15 Kilogramm. Und die Tomaten brachten 1,5 – 2 Kilo auf die Waage. Dort ist der Boden sandig, und es herrscht ein günstiges Klima. Man säte auch Getreide an. Der älteste Bruder des Vaters war Traktorfahrer und Brigadeleiter. Und dann gab es da auch noch eine Weberei. Alles gab es im Wolgagebiet…

1939 heirateten sie; 1940 wurden Jakob, sein Bruder Iwan und 15 weitere junge Männer mobilisiert und in den Finnischen Krieg geschickt. Als der Krieg beendet war, verlegten sie Jakob Birich in die Nähe von Leningrad. Dort kam er ums Leben. Die Mutter erhielt die Todesnachricht. Sie wartete noch bis 1949. Sie glaubte die ganze Zeit, dass man den Verwundeten in irgendeinem Krankenhaus behandeln würde. 1949 trafen Deutsche aus der Arbeitsarmee ein, aber er befand sich nicht unter ihnen.

Den Stiefvater holten sie in die Trudarmee als er 16 Jahre alt war. E hatte 7 Schulklassen absolviert und wollte im Wolgagebiet eine Ausbildung zum Mechanisator machen. Stattdessen geriet er in die Arbeitsarmee nach Solikamsk. Er berichtete: „Diese Wachtürme standen da, es gab Hunde – wie im Gefängnis haben sie einen bewacht. Am Morgen stehen die Wachen da, mit Pistolen, wir werden durchgezählt, und dann gehen wir in den Wald zur Holzbeschaffung“. Bäume mussten sie fällen. „Sie geben uns eine Norm vor. Aber zu essen gegeben haben sie uns nichts. Ein anderes Mal treiben sie uns hinaus in die Kälte; wir haben nichts zum Anziehen, und hier ist noch die geschlossene Zone. Sie lassen uns in Reih und Glied Aufstellung nehmen, so lange, bis sie den Entflohenen gefunden haben; aber er ist nicht da, er ist Faschist, er ist geflohen. Sie suchen ihn, wir müssen stehen bleiben, und es herrscht eisiger Wind. Wir stehen, alle frieren, und sie gehen los, um ihn zu suchen. Er ist im Wald, wo sie die Bäume gefällt haben, er liegt da und ist bereits tot. Und sie haben alle geglaubt, er sei geflohen. Stapelweise sind sie gestorben, ganz grauenvoll ist das gewesen. Und als sie anfingen, Stalin aufzuzählen, wie viele Tote zu verzeichnen waren, stellte sich heraus, dass es bereits zu viele waren. Da gaben sie ihnen mehr zu essen, aber sie erfroren trotzdem noch. Sie bekamen so eine Art aufgekeimter Hirse, woraufhin sie wie die Fliegen starben! Die Mägen waren schon ganz in sich zusammengefallen, die Menschen völlig entwässert, und diese Hirse gab ihnen dann den Rest. Sie aßen, bekamen Magenschmerzen und Durchfall, und dann brachte man sie ins Isolationsgefängnis, wo es dann mit ihnen zu Ende ging“. Der Stiefvater berichtete, dass sie die Leichen hinaustragen, zu Stapeln aufhäufen und dann ein Bulldozer im Frühling, wenn es ein wenig anfängt zu tauen, eine große Grube ausbaggert, in der die Leichen vergraben werden.

Zusammen mit dem Stiefvater holten sie auch dessen älteren Bruder und die Schwester. Der Stiefvater zog sich beim Bäume Fällen einen Leistenbruch zu; sie operierten ihn und versetzten ihn zu einer leichteren Arbeit. Sobald er 7 Schulklassen abgeschlossen hatte, schickten sie ihn los, um die Post in einer Entfernung von 18 km auszutragen. Irgendwo in der Mitte gab es ein kleines Dörfchen. „Ich“, - so erzählt er „ging in ein Haus, bat um etwas zu trinken und wollte dort ein wenig ausruhen. Da waren alles nur Frauen, keine Männer, sowohl bei den Russen, als auch bei den Deutschen. Die Einen waren an der Front, die anderen in der Arbeitsarmee. Nachdem ich kurz verschnauft habe, hacke ich Brennholz, helfe ein wenig; sie geben mir Brot zu essen und manchmal auch ein bisschen heißes Wasser. Dann gehe ich weite, gebe die Post ab und schaue auf dem Rückweg wieder bei ihnen herein. Und während ich eine Raucherpause mache, helfe ich ihnen wieder. Und, stell dir vor, sie geben mir ein Stückchen Brot – das bringe ich meinem Bruder mit. Er hat drei kleine Kinder zu Hause. Und sie [die Frau des Bruders] haben ihn später auch in die Arbeitsarmee geholt. Die Eltern mussten die drei Kinder (des älteren Bruders) zurücklassen. Während sie in der Arbeitsarmee waren, starben zwei von ihnen, nur eines blieb am Leben“.

Der Stiefvater berichtete, dass die Männer viele Stückchen Brot gegen Tabak eintauschten. Viele brachten sich selber um. Und als der Krieg zu Ende ging, ließ man sie in freier Ansiedlung.

Bei mir steht eine Truhe von der Schwiegermutter, ich werde sie niemals wegwerfen. Mit dieser Truhe waren wir einen ganzen Monat auf einem Lastkahn auf der Wolga unterwegs. Mama lag mit mir auf dieser Kiste; ich war damals ein halbes Jahr alt. Nachts fuhren wir, tagsüber lagen wir vor Anker. Das war schrecklich. Und im September kamen wir an. Mama hatte im Wolgagebiet in der Gemüsezucht gearbeitet. Sie sagte, dass sie so eine reiche Ernte an der Wolga gehabt hätten! Alle Deutschen sagen das. Solche Wassermelonen, so viele Tomaten, solche Mengen an Weizen. Und dort herrschten häufig Trockenheit und Hunger. Aber in jenem Jahr war alles so reichhaltig gewachsen – davon kann man sich gar keinen Begriff machen! Die Kühe mussten sie alle abgeben! Die Kühe brüllen, die Schweine quieken, die Hunde heulen, die Katzen miauen kläglich! Das letzte Dorf war Bauer, 3 km entfernt; es gab zwei Sowchosen - „Roter Stern“ und „Neues Leben“. Alle wurden sie am Ufer der Wolga versammelt und dann fortgebracht. Dort ist schon alles vorbereitet, man wartet auf den Lastkahn. Und wie viel Vieh sie zurücklassen mussten! Es war grauenvoll! Meine Großmutter war die letzte, als man die Menschen auf den Wolga-Kahn verlud. Es war ganz schrecklich! Die Kühe brüllen, ihre Euter sind zum Platzen voll, die Hunde heulen – ou-ou-ou! Gruselig war das! Mir sind noch russische Freundinnen geblieben, als wir auf der unteren Farm lebten. Armut! Ihre Väter sind alle an der Front gefallen, und unsere – kamen alle in der Arbeitsarmee ums Leben! Ich habe mich mit ihnen angefreundet: Galja, Walja und Raja. Bis heute sind wir Freundinnen geblieben! Ich bin jetzt 77, die anderen sind ein Jahr älter als ich; ich bin die einzige Deutsche! Sie sind Russinnen. Wir sind so gute Freundinnen bis heute, wie Schwestern! Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir haben zusammen Brennnesseln gegessen und Melde ausgerissen, und die Eltern machten uns Bündel daraus. Wir haben Sauerampfer gepflückt, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, und ganz in der Nähe gab es ein Feld, einen Sumpf und Wald. Wir pflücken den Sauerampfer, binden ihn zu Bündeln zusammen und bringen ihn in unseren Vorratskeller. Wir waren immer dort auf der unteren Farm; wir saßen dort und aßen Sauerampfer mit Salz“.

Die Mutter heiratete den Stiefvater 1949. 1950 wurde ein Bruder geboren, 1951 der zweite, 1954 – der dritte! Alle lachen: „Luscha, wir sind auch neben dir aufgewachsen!“

1954 wurde ich 13 Jahre alt, und im Sommer zwangen sie mich zum Arbeiten; alle wurden zur Arbeit getrieben, es war nicht so wie heutzutage! Ob man Hausfrau war oder nicht! Sobald ich herangewachsen war, fragte man mich nicht mehr! Auch die Mama hat den ganzen Sommer gearbeitet und mich und die drei Kinder zurückgelassen! Ein Kind war 5 Jahre, eins 3 Jahre und eins 3 oder 4 Monate alt, und die Mama ging fort! Wie ich mich erinnere, hat sie für die Kinder Milch hingestellt“ Mama hat irgendwo ein Mull-Tuch beschafft; da waren viele Fliegen, und es gab nichts anderes, um sich vor ihnen zu schützen. Das habe ich darüber gedeckt und dann das Kind gefüttert. Das war ein ganz ruhiger, der kleine dritte Bruder, bis heute ist er ruhig. Die spielen draußen, und ich habe ein Auge auf sie. Und der Vater, also mein Stiefvater, der arbeitete zuerst als Hammerschmied in Baidowo; dort gab es eine Schmiede. Der Schmied hatte schon zu Zeiten des Bürgerkriegs die Pferdehufe geschmiedet! Er war schon alt, arbeitete aber immer noch als Schmied. Erst mit 70 Jahren ging er in Rente. Dann wurde der Vater dort Schmied. Mein Stiefvater arbeitete sein Leben lang, auch noch zehn Jahre nachdem er in Rente gegangen war. Und da lief er noch fast einen ganzen Kilometer, um zu Hause sein Mittagessen einzunehmen! Früher brauchtest du keine Leinentasche mitnehmen; sie gaben dir dort ein Stückchen Brot, und sonst wurde gekocht. Ich bin 14 Jahre alt, hüte drei Kinder und koche auch noch! Nebenan wohnte eine Oma, auf der anderen Seite auch! Na ja, heute nehme ich natürlich an, dass Mama den beiden gesagt hat, sie sollen auch auf mich achten! Und ich schaue zu, was die Omas machen, und dasselbe mache ich auch! Jenseits der Wand wohnte Tante Katja. Ich sage: „Tante Katja, was sollen wir zum Mittag kochen?“- „Luscha, ich habe Nudeln ausgerollt!“ – Dann mache ich das auch! Und was noch! Eilig habe ich sie ausgerollt. Ich wusste schon, wie man sie kocht, dafür reichte mein Verstand schon, und außerdem musste ich ja! Einen Vorbau hatten wir nicht, und auch keinen Zaun! Du öffnest die Tür, und gleich weht der ganze Schnee herein! Aber später, als die Deutschen umzogen und anfingen zu bauen, haben sie oben Birkenhölzer verlegt – und dann kam Heu darauf. Das war unser Dach! Aber Fußböden gab es nicht! Das war wie eine Veranda. Und die haben wir so eingerichtet, dass wir im Sommer nicht drinnen kochen mussten. Und als dann die Russen kamen, da haben die im Sommer den russischen Ofen angeheizt und für die Schweine und für sich gekocht. Und als die Deutschen eintrafen, da haben sie die Holländeröfen draußen angemacht. Ich habe schnell Nudeln ausgerollt und zugeschaut, wie die anderen es machen; ich habe ein sauberes Handtuch hingelegt. Ich brauchte ein bisschen Sonne, und dann habe ich sie umgedreht. Dazwischen habe ich herumgetrödelt, und als ich wieder nachschaute, da waren einige schon ein wenig vertrocknet. Ich habe die Teile abgeschnitten. Und das werde ich nie vergessen: ich habe Zwiebeln gebraten, wir hatten eine Kuh, Butter gab es auch, und die Zwiebeln habe ich dazu gegeben. Und ich war so zufrieden! Der Vater kommt. Er hat sich nie beschwert, damit ich nur weiterhin koche. Ich habe ihn ernährt – egal, was ich gekocht habe, wenn es nur frisch war; aber, wenn die Mama von der Arbeit kam, war alles zu einem dicken Brei geworden.

Was die Steuern betrifft: „Wir hielten eine Kuh, da mussten wir 10 kg Butterschmalz abgeben; ein Schäfchen hatten wir auch – 2 kg Wolle abzuliefern, und wenn du im Besitz von Hühnern warst – auch noch 150 Eier! Sie liefen durch die Stallungen, kontrollierten alles und glaubten uns kein Wort! Wenn du ein Ferkel gehalten hast, musste man die Haut abliefern! Und von der Kug – obendrein noch 30 kg Fleisch oder das Kalb, das bei ihr war“.

Zuerst siedelte man sie nach Mokino aus, dort gab es zwei Kolchosen. Später entstand die Marininsker Sowchose, 18 km von Kuragino entfernt. Dort holten sie die Deutschen zusammen. Auf der Schweinefarm gab es viele, auf der Farm N° 5 waren früher viele gewesen, auf der Farm N° 4 der Milchsowchose und der Zentralfarm gab es nur wenige, dort waren lauter Leute in leitenden Positionen. Es gab dort sowohl Deutsche, als auch Esten und Letten, alles Ausgesiedelte. Die Milchsowchose wurde mit der Arbeitskraft der Deutschen aufgebaut.

Es gab eine Kommandantur, wo man mit dem 16. Lebensjahr unterschreiben musste, dass man den Ort nicht verlassen würde. Jede Woche mussten sie sich dort melden. Damit es für sie [die Kommandanten] leichter war, versammelten sie alle Deutschen auf einem Haufen. Zuvor waren sie dort alle durcheinandergemischt.
Die Menschen zäunen ihre Gemüsegärten ein, graben sie um. Im nächsten Jahr geht es wieder an einen anderen Ort.

Die Mutter wollte nicht an die Wolga zurückkehren. Sie sagte, wenn man in Russland nicht faulenzt, dann ist es leichter. Und tatsächlich – der Boden ist gut, in der Nähe befindet sich Wald. Dabei gab es überhaupt keine Männer – bei den Russen gingen die 15-16-Jährigen an die Front, bei den Deutschen – in die Arbeitsarmee. Nur Frauen! Ein einziger Mann kehrte von der Front in die untere Farm zurück. Alle hielten sich Kühe. Aber an der Wolga hätte es ohne Mann keine Kuh gegeben. In der Nähe ist Waldgebiet, es wachsen Kräuter, die Erde ist reich; mit dem Spaten gruben sie den Boden um – für ihre Gemüsegärten. Dort pflanzten sie Kartoffeln an. Sie gediehen gut, und deswegen sagt sie: wenn du nicht faul bist, dann wirst du auch in Sibirien nicht umkommen!

1956 beendete sie die 7. Schulklasse. Die Kinder lernen die Sprache schnell. Sie kam in die Schule und konnte bereits Russisch; alle Freundinnen waren Russinnen. Als sie noch in der unteren Farm tätig war, hatte die Mutter Freundinnen unterschiedlicher Nationalitäten. Sie arbeiteten gemeinsam in einer Brigade. Für das Vieh mähten sie das ganze Heu mit der Hand. Sie legten Silage-Gruben an, ebenfalls mit der Hand. Die Heranwachsenden füllten sie; sie kamen mit den Heugarben-Fuhren und trampelten das Heu fest. Der Sommer war ganz von Arbeit geprägt. Wer 10 Jahre alt ist – der arbeitet bereits bei den Heufuhren. Hoch zu Pferde werden die Garben transportiert. Einer sitzt auf dem Traktor und harkt das Heu mit dem Rechen zusammen. Die etwas Älteren packten das Heu oben drauf. Alle arbeiteten. Diese Gruben wurden anschließend mit Erde zugeschüttet. Zuerst wird alles gereinigt, dann kommt das Heu hinein und dann die Erde oben drüber. Und im Winter transportierten die Eltern die Silage mit Ochsen. Man musste sich durch den Schnee hacken. Zuerst wurde der Weg für die Ochsen freigemacht, danach der Schnee beseitigt, der gefrorene Boden aufgemeißelt. Dann werfen sie die Silage auf die Fuhre, bringen sie heim und verteilen sie an die Kühe. Alle arbeiteten zusammen. Alle Frauen griffen sich gegenseitig unter die Arme. Sie beschützten die Mutter.

Mit Spaten gruben sie den Gemüsegarten um. Die Mutter gräbt um, zäunt ein. Im folgenden Jahr gräbt sie noch mehr um und baut wieder einen Zaun. Alle Frauen legten ihre Gemüsegärten selber an, nicht nur die deutschen. Die Kartoffeln trugen sie mit dem Schulterjoch nach Hause. Säcke gab es nicht. Ein Eimer war schmal und länglich, der andere größer – für 15 Liter gedacht. Und später, als man ein wenig auf die Beine gekommen war, ging der Krieg zu Ende, die Kinder wuchsen heran, hier und da gab es ein Stückchen Brot mehr, und dann, am 7. November, gewährte man ihnen einen freien Tag. Wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, fuhren sie mit ihren Ochsen los zum Brennholz Holen; sie mussten ja heizen. Und den nächsten Sonntag machten sie sich auf, um Heu zu holen. So versammelten sie sich: zwei Mordwininnen, eine Deutsche und drei oder vier Russinnen. Die Mutter sagt: „Zuerst singen wir alle auf Russisch, dann diese zwei auf Mordwinisch, schließlich ich allein auf Deutsch“. Früher gingen wir zu Fuß. Wenn einer der Weggefährten sich unterwegs ausruhen musste, dann – bitteschön. Wenn es Suppe gibt, dann geben sie einem zu essen. Und man hängt seine Kleidung an den Kanonenofen. Man übernachtet und trinkt am Morgen Tee; dann zieht man weiter.

Die Eltern waren religiös. „Bete nur zu Gott, dann wird er uns retten!“ Aber man durfte zur Zeit der Sowjets nicht beten, nicht getauft werden, sie verurteilten einen Die Eltern waren religiös. „Bete nur zu Gott, dann wird er uns retten!“ Beten und sich taufen lassen durfte man während der Sowjetzeit nicht, dafür verurteilten sie einen. Und in den dreißiger Jahren, als die Christenverfolgungen im Gange waren, zerstörten sie die Kirchen, nicht nur an der Wolga, sondern überall in ganz Russland. Eine Nachbarin von der Schweinefarm fuhr nach Minussinsk, dort gab es noch eine Kirche; zu den Feiertagen fuhr sie dorthin. Und es gab eine große Bibel mit slawischen (?) Buchstaben. Wenn einer starb, begleiten sie einander, egal ob Russe oder Deutscher. Das ganze Dorf ging mit! Einer trägt ein wenig Milch, ein anderer ein paar Eier, der dritte hat vielleicht Blini gebacken, der vierte - Brötchen.

Die Deutschen versammelten sich entsprechend ihrem Glauben an den Sonntagen, die Russen auf ihre Weise. Bei den Deutschen wird Ostern an einem bestimmten Tag gefeiert, bei den Russen etwas später, aber man besuchte sich gegenseitig. Beim Gartenbaubetrieb gab es eine große deutsche Gemeinde, sowohl in Juschnoe, als auch in Kuragino. Aus der Ukraine kam Tante Lisa, sie kannte viele deutsche Gebete, welche die Leute bei ihr abschrieben.

Zuhause sprachen alle Deutsch, auch die Kinder verstehen die Sprache. Manche Worte bringen sie durcheinander, aber es ist eine deutsche Familie. Die Kinder haben Russen geheiratet, jetzt ist alles vermischt. Ein Bruder ist nach Deutschland gegangen, er hat fünf Kinder. Aber er hat nichts dagegen, wieder zurückzukehren.

Nach der Deportation verhielt man sich gegenüber den Deutschen ganz unterschiedlich. Das hing ganz davon ab, wohin man geriet. Es gab sehr gute Menschen, aber auch äußerst widerliche. „Faschisten, Faschisten“, riefen diejenigen, die Deutsche nicht ausstehen konnten. Und andere sagten – das ist ein „unschuldiges Volk“. Die Mutter erzählte, dass jeder, nachdem man sie nach Mokino ausgesiedelt hatte, alle mit mehreren Familien einer Sowchose oder Kolchose zugewiesen wurden. Jeweils 4-5 Familien hausten in einer Wohnung. Man brachte sie nach Mokino, hielt neben dem Kontor, und dann brachte man sie in mehreren Fuhren, samt ihren Kindern, mit Pferden weiter. Alle Leute hatten sich eingefunden, um zu sehen, wie sie die Deutschen mit ihren Hörnern transportierten. Ein alter Opa mit Vollbart trat aus dem Haus. Und Amalias Vater - der war im Bürgerkrieg Musikant gewesen und konnte gut Russisch sprechen. Und als sie umzogen, da haben sie sich alle versammelt und geschaut. Ein russischer Großvater kam heraus, spricht, und der deutsche Großvater versteht alles: „Was steht ihr da und guckt! Das sind genau solche Menschen wie wir! Genau solche unschuldigen Menschen, wie damals in den dreißiger Jahren, als sie alle Großbauern enteignet und umgebracht haben!“

Da gab es einen betagten Vorsitzenden – Onkel Sachar, der hatte eine Frau, die als Lagerarbeiterin tätig war. Ein lieber, guter Mensch. Erstens waren alle Arbeiter Deutsche, alle an Ordnung gewöhnt. Und sie schufteten wie Pferde. Die Deutschen waren akkurat, konnten sich unterordnen und gut war’s.

Die deutsche Gemeinde in Kuragino war groß, aber alle starben weg. Amalia ging drei Jahre lang in die orthodoxe Kirche, dann schlug man ihr vor, sich dem lutherischen Glauben zuzuwenden, sich zu dazu zu bekennen. Ein Geistlicher war aus Deutschland gekommen und fuhr durch die Dörfer. Und er kam regelmäßig. Auch bei den Eltern fand immer ein Gottesdienst statt, den der Vater leitete. Die Stiefmutter der Mutter war früher in der Kirche Sängerin gewesen und hatte die Bücher aufbewahrt, sie in der Erde vergraben, als man den Menschen all diese Dinge wegnahm; die Kirche wurde zerstört. Sie verhaften den Geistlichen, erschießen ihn. Das war nicht nur im Wolgagebiet so, sondern überall in ganz Russland. Trotzdem sind die Bücher erhalten geblieben, und sie verstanden es, sie mit nach Sibirien zu bringen. Auch die Gebetsbücher. Und man gab sie von Generation zu Generation weiter. Die Großmama starb, gab die Bücher vorher an ihren Bruder für seine Frau; er konnte gut singen. Als er starb, bekam Amalias Vater sie, er kannte alle Gebete, taufte Kinder und hielt Trauergottesdienste ab – und Eheschließungen auch. Später ging alles zugrunde. In Kuragino ging sie zuerst zu den Russen. In Kuragino war Tanta Anja, sie war ebenfalls in der Arbeitsarmee. Nach Erzählungen lebten sie im Winter in Zelten und schufteten in der Holzfällerei. Manche gerieten in den Hohen Norden und mussten dort Fisch fangen. Manchmal versteckten sie ein paar Fische, brachten sie mit nach Hause und konnten sich wenigstens eine Fischsuppe kochen. Es war schrecklich.

Sie bereiteten deutsche Gerichte zu, buken Hefegebäck, Plinsen, kochten Brei. Und Suppe mit Bohnen, Kohlsuppe, Stampfkartoffeln mit Kohl. Manche Gerichte schmeckten gut. Die Schwiegermutter schlachtet ein Huhn, nimmt es aus und zerteilt es in grobe Stücke. Sie hat schon vorher Brot zurechtgelegt, weißes Brot, damit es schon ein wenig alt ist; das schneidet sie in Stückchen, brät Zwiebeln in Öl an und gibt das Weißbrot hinein. Danach macht sie davon kleine Häufchen, die sie ins Huhn stopft. Das hat sie zugenäht und dann gekocht. Sie kocht Nudelsuppe und gibt die Hühnerstücke hinein, später kochte sie mit dieser Brühe unsere hausgemachten Nudeln. Und dieses Huhn zerschneidet sie anschließend und verteilt an jeden von uns kleine Stückchen. Aber die Mutter hat das nicht so gemacht, sie hatte keine Zeit dafür. Wir legten auch gern Kartoffeln in den Ofen.

Die Befragte erzählte, dass die Söhne mit ihren Ehefrauen nach der Heirat im Elternhaus blieben. Das Familienbudget befand sich unter der Kontrolle des Ehemannes der Mutter, Söhne und Schwiegertöchter händigten ihr den Lohn aus. Und sie entschied dann, ob dieses oder jenes gekauft werden sollte.

Ort des Interviews. Das Haus der Familie Birich in Kuragino
Interview: 1. Darja Viktorowna Swirina
Interview: 2. Jewgenia Aleksandrowna Franz

Expedition der Staatlichen Pädagogischen W.P. Astafjew-Universität, Krasnojarsk, zum Projekt „Volksgruppen in Sibirien: Bedingungen für den Erhalt der kulturellen Erinnerung“, 2017, Bezirke Karatus und Kuragino


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