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Bericht von Galina Andrejewna und Iwan Alexandrowitsch Korobeschko

Galina Andrejewna wurde 1956 im Dorf Nikolajewka, Bezirk Karatus, geboren.

Der Vater, Andrej Andrejewitsch (Genrich Genrichowitsch) Schwabenland, geb. 1931, wurde zusammen mit seinen Eltern aus der Ortschaft Straub, Bezirk Kukkus, Gebiet Saratow, ausgesiedelt: Genrich Genrichowitsch Schwabenland (geb. 1907), Kristina Schwabenland (Seer, geb. 1909).

Andrej Andrejewitschs Geschwister: Anna, Elsa, Frieda, Peter, Viktor, Nina. Sie alle, mit Ausnahme von Elsa und Peter, reisten später nach Deutschland aus.

Zuerst siedelte man sie ins Dorf Nikolajewka, hinter Staraja Kop, aus; die Kommandantur befand sich in Schampurowka.

Während des Krieges überlebten sie, weil sie fleißig waren und einander halfen; sie lebten in Clans zusammen. Im Allgemeinen sieht man auch heute noch, wer Deutscher ist. Gäste, die gerade erst das Haus betreten haben, sagen zu Iwan Alexandrowitsch: deine Frau ist Deutsche. Alles ist so sauber und akkurat.

Die Kinder waren ständig bei Großmutter Kristina zu Besuch, sie bewirtete sie immer mit Leckereien – Strudel, Krapfen u. ä. Jeden Tag Pfannküchlein. Der Großvater arbeitete als Viehhirte. Sie hatten einen großen Garten, im Hof war es blitzsauber, akkurat, mit feinem Sand bedeckt.

Die Kinder arbeiteten von klein an auf dem Feld. Einmal suchten sie ganz kurz die nahegelegene Imkerei auf; der Imker gab ihnen Honig zu essen. Irgendjemand denunzierte ihn, und der Imker bekam zwei Jahre wegen Diebstahls von Staatseigentum.

Andrej Andrejewitsch wurde am 19.01.1956 aus dem Status der Sondersiedlung abgemeldet. Galina Andrejewna wurde am 21.02.1956 geboren, deswegen fällt sie nicht unter den Geltungsbereich des Rehabilitationsgesetzes.

Bei der Arbeit (in einer Bau-Organisation) schätze man den Vater sehr, er war ein guter Zimmermann, kannte sich gut mit technischen Zeichnungen aus und arbeitete überhaupt sehr exakt.

Der Vater freundete sich mit dem Schriftsteller Alexej Tscherkassow und seiner Frau Polina an. In Karatuskoje tranken sie im Sommer häufig ausgiebig Bier in der Kneipe „Der Schläger“. Zu Hause sprach er kein Deutsch, weil seine Frau Russin war (die Verwandtschaft war dagegen – alle anderen Kinder heirateten deutsche Männer oder Frauen). Aber wenn er Zuhause bei den Eltern war – dann sprachen sie ausschließlich Deutsch, sangen dort deutsche Lieder, wahrten die Traditionen.

Andrej Andrejewitsch starb am 22. Juni 1969, er ertrank im Fluss. Übrigens ist das die offizielle Version. Nach der inoffiziellen feierten die Männer am Flüsschen den 22. Juni, tranken zu viel und fingen an sich zu prügeln. Andrej Andrejewitsch wurde als Faschist beschimpft und schließlich im Suff ertränkt.

In den siebziger Jahren reisten zahlreiche Deutsche aus dem Bezirk Karatus nach Kirgisien, nach Frunse. Auch Andrej Andrejewitschs Eltern begaben sich dorthin. Von da aus verließen viele das Land in Richtung Deutschland.

Gevatter Wladimir Jungblut fuhr auch nach Deutschland. Er wohnt gegenüber vom Brandenburger Tor, vieles dort gefällt ihm nicht; er fuhr nur wegen seiner Kinder dorthin. Sie fingen mit Lizenz einen großen Wels (23 kg), freuten sich schon darauf, wie sie ihn braten würden, doch man zwang sie, den Fisch wieder ins Wasser zurückzuwerfen, weil die Genehmigung lediglich für das Fangen gültig war und nicht für den Verzehr. Wladimir der, als er in Wjerchnij Kuschebar gelebt hatte, nach dem Angeln Fisch in großen Kannen mit nach Hause brachte, war zutiefst erschüttert. Onkel Andrej versuchte aus Aprikosen, die dort überall wachsen, Marmelade zu kochen, aber er passte nicht auf – die Marmelade lief über den Herd und es kam zu einer starken Rauchentwicklung. Er bekam eine Geldstrafe – Marmelade kann man im Geschäft kaufen, die braucht man nicht selber kochen. Aber es gab auch schöne Momente. Einer der Verwandtenzeigte ihm ein Motorrad, mit dem man auf der Autobahn 240 Stundenkilometer erreichen kann. Wladimir sagt: und wenn ein Stein auf der Fahrbahn liegt oder man in ein Schlagloch fährt? Der Gefragte versteht nicht, was da für ein Stein liegen soll. Wie soll ein Stein auf die Autobahn gelangen? Und ein Schlagloch – die Fahrbahndecke der Autobahn besteht doch aus einer speziellen Schicht. Das ist alles gar nicht so einfach zu verstehen. Einmal fuhr Wladimir aus der Garage – und unmittelbar davor war ein Sandstrahl-Fahrzeug daran vorbeigefahren. Am Abend kommt er zurück und sieht an der Garagenwand einen gelben Zettel – einen Strafzettel. Er hätte den ganzen Sand gegenüber der Ausfahrt zusammenfegen und aufnehmen sollen; dieser hatte sich nun in den Profilen der Reifen festgesetzt und die Straße verschmutzt. Natürlich ist all das für einen freien Sibirier ziemlich merkwürdig. Nun kehren die Deutschen wegen der Flüchtlinge zurück.

Iwan Alexandrowitsch hat polnisches Blut in seinen Adern fließen, sein wahrer Familienname lautet Korotkewitsch, wird aber als Karabeschko geschrieben. Als im 19. Jahrhundert die Unterdrückung der Polen begann, nannte sein Großvater, in dem nicht nur polnisches, sondern auch kasachisches Blut floss (er war dunkelhäutig und schwarzhaarig), als man ihn nach seinem Familiennamen befragte, den Namen Karabes (kara – schwarz, bes – Teufel), und später wurde dieser Name dann in Korobeschko transferiert. Sie lebten im Bezrik Bogototl. Der Großvater mütterlicherseits wurde entkulakisiert, wir fanden ihn in Band 13 des Buches der Erinnerungen, aber leider war das Diktaphon bereits ausgeschaltet und der Nachname im Notizblock nicht eingetragen. Diesen Familienzweig muss man noch genauer untersuchen.

Das Interview wurde geführt von Aleksej Babij.


Andrej Andrejewitsch Schwabenland


Andrej Andrejewitschs Ehefrau mit Sohn

 

Forschungsreise der Staatlichen Pädagogischen W.P. Astafjew-Universität Krasnojarsk und der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation zum Projekt „Anthropologische Wende in den sozial-humanitären Wissenschaften: die Methodik der Feld-Forschung und Praxis der Verwirklichung narrativer Interviews“ (gefördert durch den Michail-Prochorow-Fond).


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