Bericht von Frieda Genrichowna Rechlowa (Weber)

Frieda Genrichowna Rechlowa (Weber), geb. 1951.

Mutter Maria Kondratewna Weber (Neu), geb. 1925, Vater Jegor (Genrich) Petrowitsch Weber, geb. 1928.

Bis zur Deportation lebten Frieda Genrichownas Eltern in dem Dorf Kukk (Gebiet Saratow). Sie führten ein gutes Leben: besaßen ein Haus, eine Kuh. Die Mutter absolvierte 8 Klassen an der deutschen Schule mit Auszeichnung. Im Oktober 1941 verschickte man sie nach Sibirien. Erster Haltepunkt war die Bahnstation Som (Chakassien), von dort aus ging es weiter in den Bogradsker Bezirk.

Die Familie der Mutetr, die nach Chakassien geriet, bestand aus den Eltern, einem Bruder und der Familie des Onkels, der bereits seine eigene Familie hatte (Ehefrau und drei Kinder). Sie bemühten sie in einem geschlossenen Familienverbund zu bleiben.

An der Wolga mussten sie ihren gesamten Besitz, den Hof zurücklassen. Sie nahmen nur das mit, was sie tragen konnten, darunter Gebetsbücher, die der Mutter noch vom Vater erhalten geblieben waren. Maria Kondratewna hält auch heute noch fest am lutherischen Glaubensbekenntnis fest. Aber als sie eine junge Mutter war, führte sie ihre Kinder nicht an die Religion heran. Nachdem sie in Rente gegangen war, wandte sie sich erneut dem Glauben zu und lehrte ihn auch die Kinder. Die Kinder sind orthodox getauft.

In der ersten Zeit diente ihnen als Wohnung eine selber ausgehobene Erd-Hütte. Bereits nach dem Winter baute der Großvater ein Holzhäuschen. Sie fingen an, sich eine kleine Wirtschaft zuzulegen, wobei sie als allererstes Kartoffeln setzten nicht ohne die Hilfe der Ortsansässigen, von denen ihnen jeder ein paar Kartoffeln oder Schalen zum Einpflanzen gab. Frieda Genrichownas Mutter sagte über diese ersten Lebensjahre in Sibirien: Ziesel-Mäuse und Türkenbundlilien retteten uns das Leben.

Die Mutter war in der Arbeitsarmee in Baschkirien, wo neue Städte errichtet wurden. Nach dem Ende des Krieges wurden sie und andere Trudarmisten in die Freiheit entlassen. Nachdem sie nach Chakassien zurückgekehrt war, heiratete sie. In der Familie wurden sieben Kinder geboren: Philipp (1949), Elvira, Frieda (1951), Viktor (1953), Nina, Jegor, Nadja.

Der Vater war nicht in der Arbeitsarmee. Die Mutter gab extra ein späteres Geburtsjahr des Sohnes an, damit sie ihn nicht zu schweren Arbeiten heranzogen. Er hatte eine Verletzung: im Alter von vier Jahren sprang er vom Dach, die Kniescheibe verrutschte. Sie wandten sich ans Krankenhaus, aber das Hinken verlor sich bis an sein Lebensende nicht. Der Vater verdiente den Lebensunterhalt mit dem Reparieren von Schuhen, Stiefeln; er nährte auch Pferdegeschirr und Sattelzeug.

Frieda Genrichownas Großvater (der Vater des Vaters) war in der Arbeitsarmee an der Bahnstation Reschoty. Nach dem Krieg entließ man ihn völlig erschöpft und abgezehrt nach Hause. Er sagte. Dass er das wohl nicht schaffen, sondern sterben würde. Er kehrte nicht zurück.

Die Eltern hatten schon vor der Umsiedlung Russisch gekonnt. Ihren Kindern brachten sie Deutsch nicht bei, sondern schränkten sie mit derartigen Kenntnissen sogar ein: sie sprachen nur Deutsch, wenn sie etwas sagen mussten, was die Kinder nicht verstehen sollten. Sie sprachen strikt Russisch.

Nach der Geburt von Bruder Philipp ging die Mutter nicht zur Arbeit. Der Kommandant kam, und man steckte sie für drei Tage wegen Nichterscheinens bei der Arbeit in den Karzer. Die Schwiegermutter brachte den Säugling, damit die Mutter ihn nähren konnte. Nach der Entlassung musste sie arbeiten gehen.

Man zeigte mit dem Finger auf sie. Aber im Dorf gab es viele Deutsche. Vor der Umsiedlung der Deutschen hatten in dieser Gegen bereits Letten gelebt. Einer der Letten half der Familie: er fertigte für die Mutter ein Butterfass an.

Sie mussten sich in der Kommandantur melden. Mehr als drei Kilometer von der Ortschaft entfernt durfte man sich nicht aufhalten; einmal die Woche kam jemand, um das zu kontrollieren.

Die Mutter sammelte Schwefel, den sie anschließend ablieferte.

Der Vater brachte den Kindern das Arbeiten bei: Mähen mit einer großen Sense. Frieda Genrichowna erinnert sich, dass sie das zuerst überhaupt nicht hinbekam, lauter Erdhügel, nichts als Erdhügel. Der Vater meinte: Du musst die Ferse andrücken, die Ferse andrücken!.

Später änderte sich dann die Zeit. Der Umgang mit den Leuten kam in Ordnung, sie wurden schon nicht mehr beschimpft, wie das früher der Fall gewesen war.

 

Forschungsreise der Staatlichen Pädagogischen W.P. Astafjew-Universität Krasnojarsk und der Krasnojarsker Memorial-Organisation zum Projekt Anthropologische Wende in den sozial-humanitären Wissenschaften: die Methodik der Feld-Forschung und Praxis der Verwirklichung narrativer Interviews (gefördert durch den Michail-Prochorow-Fond).


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