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Bericht von Iwan Augustowitsch Schefer (Schäfer)

Wohnhaft in der Ortschaft Sagaiskoje, Bezirk Karatus.

Iwan Augustowitsch Schefer wurde 1940 geboren. Er wurde zusammen mit zwei Schwestern (Irma Augustowna, geb. 1927) und Anna Augustowna, geb. 1935), dem Bruder (August Augustowitsch, geb. 1937) und den Eltern im Herbst 1941 nach Sibirien deportiert. Vater August Genrichowitsch Schefer wurde 1905, Mutter Jekaterina Michailowna Schefer 1910 geboren. 1945 erblickte Bruder Alexander Augustowitsch in Sagaiskoje das Licht der Welt.

Zusammen mit der Familie Schefer wurden nach Sibirien auch die Schwester des Vaters, Anna-Margarita Henrichowna Schefer (geb. 1905) und ihre fünf Kinder umgesiedelt. Die Familie hatte zuvor in der Ortschaft Straub, Bezirk Kukkus, Gebiet Saratow, gelebt. An der Wolga hatten sie ihr Haus und eine große Hofwirtschaft besessen – mit Kühen, Kälbern, Hühner und Gänsen. Zum Packen ihrer Sachen für die Fahrt nach Sibirien gab man ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit. Iwan Augustowitsch gibt die Erinnerungen seiner Eltern daran weiter, wie die zurückgelassenen Kühe brüllten, die Hunde heulten. Die Menschen wurden auf Güter-Waggons verladen und abtransportiert. All die Jahre in Sibirien mussten Mutter und Schwester immer an das Leben an der Wolga zurückdenken und waren dabei in großer Sorge, was wohl aus dem Haus und aus der Hofwirtschaft geworden sei.

Zuerst brachte man die Familie zur Bahnstation nach Abakan, bis nach Karatus dauerte es mit Pferden dann noch einmal drei Tage. Von dort schickte die Kommandantur sie dann in die Ortschaft Sagaiskoje. Anfangs lebten sie in ausgehobenen Erdhütten, als der Winter sich näherte, brachte man die Familie zusammen mit den Krylows im Gebäude des Dorfrats unter. Alle zehn Tage gingen sie zu Fuß nach Karatus, um sich in der Kommandantur zu melden, einmal im Monat kam der Kommandant selber angefahren. Die Mutter konnte sehr gut nähen – sowohl Kleider, als auch Unterziehjacken. Tagsüber arbeitete sie am Getreide-Speicher, abends nähte sie für die anderen Dorfbewohner Kleidung gegen Essen oder Sachgegenstände.

Zur Schule ging Iwan Augustowitsch ab dem 8. Lebensjahr, in der Klasse gab es 43 Schüler, zumeist russische. In der ersten Zeit verhielt man sich gegenüber den umgesiedelten deutschen Kindern sehr schlecht – sie wurden in den Pausen verprügelt, als Faschisten und Hitlers bezeichnet. Die Geschwister gingen ebenfalls zur Schule. Die älteste Schwester schaffte es sogar zur Schule zu gehen und gleichzeitig als Melkerin zu arbeiten. Aber keines der Kinder der Familie Schefer konnte die Schule beenden – alle mussten arbeiten gehen. Nach und nach änderte sich das Verhalten gegenüber den Deutschen; je mehr man zusammenarbeitete, desto schneller gewöhnte man sich aneinander, man freundete sich mit Russen an die sich manchmal sogar schon für die deutschen Kinder einsetzten, wenn diese gekränkt und beleidigt wurden. Den Vater holten sie in die Arbeitsarmee, wo er vier oder fünf Jahre blieb und schwer erkrankte (Herz und Lungen); man brachte ihn nach Sagaiskoje, wo er bis 1951 lebte und dann starb. Ab seinem 8. Lebensjahr arbeitete Iwan Augustowitsch in der Kolchose auf dem Pferd. Nach Beenden der 6. Klasse verließ Iwan die Schule und fand Arbeit als Hammerschmied in einer Schmiede, wo er zwei Jahre blieb. Es gelang ihm in Minussinsk den Beruf eines Fahrers zu erlernen. In der Armee diente er in Komsomolsk-am-Amur. Nach dem Militärdienst war er in der Sagaisker Kolchose als Fahrer und Brigadeführer einer komplexen Ackerbau-Brigade tätig.

Iwan Augustowitsch erinnert sich, dass sich die deutschen Frauen in Sagaiskoje oft zusammen fanden und gemeinsam Lieder sangen und dabei kurze Frauenjacken, Halstüchlein u.a. strickten. Zu diesen Begegnungen ging auch die Mutter regelmäßig. In den Anfangsjahren sprachen sie zu Hause nur Deutsch; zur russischen Sprache gingen sie erst ganz allmählich über.

1958 heiratete Iwan Augustowitsch das deutsche Mädchen Anna Staintz, die ebenfalls aus dem Wolgagebiet verschleppt worden war. Drei Kinder wurden geboren – zwei Söhne und eine Tochter. In ihrer Familie sprachen Iwan Augustowitsch und Anna Russisch, die Kinder können überhaupt kein Deutsch. Als die Deutschen anfingen massenweise nach Deutschland auszureisen, machten die Schefers sich auch bereit, denn zu der Zeit lebte dort bereits die älteste Schwester. Aber die Schwiegertochter, die Frau des ältesten Sohnes, lehnte eine Ausreise rundweg ab, und so blieben alle in Sibirien.

Das Interview wurde aufgezeichnet von Marina Konstantinowa und Jelena Sberowskaja.


August Genrichowitsch und Jekaterina Michailowna

Forschungsreise der Staatlichen Pädagogischen W.P. Astafjew-Universität Krasnojarsk und der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation zum Projekt „Anthropologische Wende in den sozial-humanitären Wissenschaften: die Methodik der Feld-Forschung und Praxis der Verwirklichung narrativer Interviews“ (gefördert durch den Michail-Prochorow-Fond).

 


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