Bericht von Frieda Genrichowna Winter (Gelhorn)

Frieda Genrichowna Winter (Gelhorn, geb. 1929).

Vater – Genrich (Heinrich) Michailowitsch Gleim, Mutter –Maria Michailowna Gleim.

Sie haten ein großes Haus: „Alles war so wie hier“. Sie lebten in der Ortschaft Straub. In der Familie gab es 8 Kinder. Bis zur Deportation beendete Frieda Genrichowna 4 Klassen an der deutschen Schule. Russisch wurde einmal in der Woche unterrichtet – als Fremdsprache.

Der Vater war Partei-Mitarbeiter, die Mutter Hausfrau. Einmal kam der Vater nach Hause und sagte, dass die Familie 24 Stunden Zeit zum Packen der Sachen hätte. Alle wurden an die Wolga gebracht, von dort ging es mit Lastkähnen bis nach Saratow. Anschließend transportierte man sie „nach Sibirien zur Zwangsarbeit“. Unterwegs starben zwei von ihnen. Die Kinder waren Frieda, Andrej (geb. 1930), Anna (geb. 1935; sie arbeitete in der Ortschaft Karatusskoje als Lehrerinder Grundschulklassen), Lilja (geb. 1937), Rosa und Peter wurden schon in Sibirien geboren. Bei der Familie wohnte auch Großmutter Maria Petrowna (die Mutter der Mutter). Die Eltern waren nicht religiös.

Sie lebten in der Ortschaft Sagaiskoje, wohin sie mit Pferden gelangten: „Die Kinder wurden in die Leiterwagen gesetzt, die Erwachsenen gingen hinterher“. Häufig hielten sie Rast, damit Menschen und Pferde sich ein wenig ausruhen konnten. Das Dorf war groß. Zu essen gab es nichts, sie hungerten. Ab dem 14. Lebensjahr begann sie auf einer Farm zu arbeiten, molk Kühe. Als sie das Nötigste gelernt hatte, vertraute man ihr eine ganze Gruppe von 15 Tieren an. Sie war bei der Tabakernte beschäftigt und fiel davon in Ohnmacht; außerdem erntete sie Hanf. Um sich irgendwie durchzufüttern sammelten sie Beeren. Sie lebten mit einer weiteren Familie, der des Bruders der Mutter, in einem Haus. Später konnten sie dort ebenfalls ein Haus erwerben. Sie spannen, nähten und verkauften einen Teil der Sachen.

Jeden Monat mussten sie sich einmal in der Kommandantur melden. De Kommandant kam und Frieda Genrichowna „berichtete“ ihm, ob alle aus der Straße vor Ort, Zuhause wären; um die Überprüfung der Anwesenheit zu erleichtern, hatten die Kommandanten Minderjährige „ernannt“, die für die Zählung der Leute verantwortlich zeichneten. Nach dem Krieg wurde alles nach und nach leichter.

Später verließ der Vater die Familie wegen einer russischen Frau. Frieda Genrichowna war für die Mutter die Übersetzerin während der Gerichtsverhandlung. Die Mutter blieb mit den Kindern allein. Sie war eine „einfache Kolchosbäuerin“.

1952 zog sie nach Karatuskoje. Zweimal heiratete sie, die erste Ehe mit einem Russen „hielt“ nicht. Beim zweiten Mal heiratete sie einen Deutschen. Ihr Mann Genrich (Heinrich) Genrichowitsch (Andrej Andrejewitsch) stammte ebenfalls aus der Ortschaft Straub, aber sie lernten sich erst in Karatoskoje kennen. Er war in der Arbeitsarmee. Er kam 199 bei einem Unfall ums Leben.

So lange der Großvater lebte, wollte sie nach Deutschland ausreisen. Sie fuhr mit ihm nach Nowosibirsk, um dort den Test abzulegen, der zum Erhalt der Erlaubnis nötig war, in Deutschland seinen Wohnsitz zu beziehen. Der Großvater erkrankte, die Bemühungen um eine Ausreise wurden aufgegeben. Aber viele Verwandte, vor allem von Seiten des Mannes, reisten aus.

Frieda Genrichownas Kinder können schon kein Deutsch mehr; ein wenig können sie es verstehen.

Sie fühlt sich als Deutsche, allerdings - eine russische Deutsche. An das Leben hier in Sibirien hat sie sich gewöhnt.

Das Interview wurde geführt von Darja Swirina.

Forschungsreise der Staatlichen Pädagogischen W.P. Astafjew-Universität Krasnojarsk und der Krasnojarsker „Memorial“-Organisation zum Projekt „Anthropologische Wende in den sozial-humanitären Wissenschaften: die Methodik der Feld-Forschung und Praxis der Verwirklichung narrativer Interviews“ (gefördert durch den Michail-Prochorow-Fond).

 


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