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Zeugenbericht von Alexander Kondratewitsch Wolf

Alexander Kondratewitsch Wolf (geb. 1935)
Vater – Konrad Jakowlewitsch
Mutter – Amalie Philippowna (geb. 1915)
Karl Kondratewitsch – älterer Bruder (geb. 1931)
Maria Kondratewna – ältere Schwester (geb. 1934)
(Schiwotowa) Emilie Kondratewna – jüngere Schwester (geb. 1938)
1940 wurde Sonja geboren – sie starb unterwegs.

Die Familie Wolf wurde 1941 in die Region Krasnojarsk ausgewiesen. Alexander Kondratewitsch, seine Eltern, Brüder und Schwestern lebten vor der Deportation in der Ortschaft Grimm, Bezirk Kamenka, Gebiet Saratow. Der Vater war Mähdrescher-Fahrer, die Mutter Hausfrau; sie zog fünf Kinder groß: Karl (geb. 1931), Maria (geb. 1934), Alexander (geb. 1935), Emilie (geb. 1938) und Sonja (geb. 1940).

Ihre heimatlichen Gefilde verließen mit einem Schiff auf der Wolga, anschließend fuhren sie mit dem Zug bis nach Krasnojarsk. Die Fahrt von der Wolga nach Sibirien nahm für die Familie ein trauriges Ende – unterwegs starben die kleine Schwester Sonja und Alexander Kondratewitschs Mutter. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren der Hunger und die entsetzliche Enge die Ursache für ihren Tod. Man brachte die Verstorbenen bis nach Krasnojarsk, doch der Begräbnisort ist der Familie nicht bekannt. Den Vater schickten sie zusammen mit den Kindern und der Großmutter (des Vaters Mutter) mit der „Maria Uljanowa“ nach Jenisejsk. Endstation war für sie die Ortschaft Malobeloje; dorthin gelangten sie mit Pferden.

Auf die allergrößten Widrigkeiten und Erschwernisse stieß die Familie im ersten Jahr nach ihrer Umsiedlung – anfangs stellte der Hunger das Hauptproblem dar. um überleben zu können, waren sie gezwungen, ihre von der Wolga mitgebrachten Sachen gegen Essbares einzutauschen. Dann wurde der Vater in die Arbeitsarmee mobilisiert (im Winter 1942). Über sein weiteres Schicksal ist ihnen praktisch nichts bekannt: Man weiß lediglich, dass Konrad Jakowlewitsch, wie viele andere deutsche Trudarmisten auch, zur Verfügung des Kraslags zur Bahnstation Reschoty geschickt wurde. Viele Jahre später erzählten Verwandte den Kindern folgende Geschichte: ein Bäcker hätte dem Vater frisches Brot gegeben; der hätte alles auf einmal gegessen und wäre daran gestorben.

Nach der Verschickung des Vaters blieben die Kinder praktisch verwaist zurück, nur die Großmutter war noch bei ihnen, welche aber bald darauf aus dem Leben schied. 1943 wurden die älteren Kinder im Kinderheim N° 1 in Jenisejsk untergebracht, die kleine Emilie (Ljusjs) im Kindergarten N° 3.


Maria, Alexander, Emilie, Karl


A.K. Wolf im Jenisejsker Kinderheim

Soweit Alexander Kondratewitsch sich erinnern kann, befanden ich in dem Kinderheim ungefähr 500-600 Kinder unterschiedlicher Nationalitäten: Tataren, Kalmücken, Russen, Deutsche, Finnen usw. Aber die meisten Kinder waren Kalmücken und Deutsche. A.K. freundete sich mit dem Kalmücken Michail Mutschkajew an. Neben dem Unterricht arbeiteten die Zöglinge auch in der Hilfswirtschaft des Kinderheims: sie mähten Heu, kümmerten sich um den Gemüsegarten und züchteten Bienen in der Imkerei. Ferner halfen die Kleinen den Ortsbewohnern in der Hauswirtschaft – dafür bekamen sie Milch, Kartoffeln, Gemüse u.a.


Michail Mutschkajew 1955


Alexander mit Freunden

Die deutschen Kinder konnten kein Russisch. Sie lernten die Sprache erst, als sie in die Schule kamen. Die Kinder aus der Stadt und die aus dem Heim zankten sich gelegentlich, schlossen jedoch auch Freundschaft. Sie spielten zusammen Fußball (anstelle eines Balls benutzten sie im Winter eine Kugel aus Kuhmist), rutschten auf Kartonpappe die Berge hinab.

Ende der 1940er Jahre trafen die Kinder zufällig eine Verwandte auf einer Straße in Jenisejsk. Und damit begann die Wiederherstellung der verloren gegangenen Familienbande. A.K. berichtete noch von einem anderen interessanten Vorfall, der sich ebenfalls gegen Ende der 1940er Jahre ereignete. Die „Eltern“ fanden sie wieder. Es stellte sich heraus, dass eine andere Familie, die ebenfalls Wolf hieß, ihre Kinder suchte – und zwar ebenfalls zwei Jungen und zwei Mädchen. Aber die Verwandten wussten ja, dass ihre wirklichen Eltern umgekommen waren und eine „Adoption“ nie stattgefunden hatte.


Geschwister Wolf 1949

Bei Erreichen des 16. Lebensjahrs wurden die Kinder in verschiedene Lehreinrichtungen geschickt, um dort einen Beruf zu erlernen. A.K. erinnert sich, dass er als Lehrling zum Norilsker Kombinat wollte. Aber aufgrund der gegenüber Deutschen verhängten Einschränkungen im Hinblick auf eine weiterführende Ausbildung war ihm das nicht möglich. Deutsche wurden überhaupt nicht aufgenommen, wohingegen Kalmücken, Finnen und Russen aus den Reihen der Sondersiedler dort eine Ausbildung machen konnten. Auch der ältere Bruder Karl konnte nicht dort mit seiner Lehre beginnen, wo er es gern getan hätte, und so kam er an die Eisenbahner-Fachschule in Krasnojarsk. 1952 begann Alexander an der Betriebsfachschule in Jenisejsk eine Zimmermannslehre zu absolvieren. Maria wurde der Weberei in Kansk zugewiesen. Man schickte sie mit leichtem Gepäck aus dem Kinderheim fort: ein beinahe leerer Koffer, in dem sich nur Kleinigkeiten befanden – ein Strumpfhose, ein Hemd …


Maria Wolf (links). Kansk 1954


Maria in Kansk


Ljusja (Emilie) und Maria. 1955


Ljusja 1958


Maria und Karl

1953 wurde A.K. dem Sonder-Melderegister unterstellt und wurde verpflichtet, sich jeden Monat einmal in der Kommandantur zu melden.


Alexander

An der Betriebsfachschule lernte der von uns Befragte insgesamt sechs Monate. Ab 1953 arbeitete er auf der Jenisejsker Schiffswerft und baute Lastkähne. Das Gelände der Schiffswerft war streng bewacht. Der Lohn des Schiffszimmermanns betrug 125 Rubel. Das war wenig, aber es reichte A.K. fürs Mittagessen (eins kostete im Schnitt 30-40 Kopeken), den Kauf von Milch bei einer Ortsansässigen und den gelegentlichen Erwerb von etwas Konfekt („Dunkinas Freude“).


Vera Karlowna Stol


Alexander mit Ehefrau Vera

Auf der Werft lernte A.K. seine zukünftige Ehefrau Vera Karlowna Stol (geb. 1938) kennen, die auf den Lastschiffen die Fugen abdichtete. Sie stammte aus einer deutschen Familie, die aus der Ukraine (aus Olgino, Bolsche-Aleksandrowsker Bezirk, Gebiet Cherson) ausgesiedelt worden war. Die junge Familie kam in einem Wohnheim neben der Schiffswerft unter, wo A.K. bereits wohnte. 1957 ließen sie ihre Ehe registrieren. Eine Hochzeitsfeier als solche hab es nicht, aber sie luden Freunde und Verwandte zu einem bescheidenen festlichen Abend ein. Die Tante schenkte den jungen Leuten Federbetten. Später zog die junge Familie in das kleine Häuschen um, in dem Vera Karlownas Mutter lebte.


Arbeiterinnen der Schiffswerft, unter ihnen V.K. Stol

Das Schicksal der Kinder Wolf gestaltete sich unterschiedlich. Karl arbeitete als Brigadier im der Lokomotiven- und Waggon-Reparaturwerkstatt und wurde dort später Werksleiter. Maria heiratete und zog mit ihrem Ehemann in die Stadt Miass, im Gebiet Tscheljabinsk, um. Emilie Kondratewna blieb in Jenisejsk und heiratete den Künstler Schiwotow. A.K. arbeitete in einem Autotransport-Betrieb.


Karl Wolf mit Ehefrau Walja 1957


Alexander und Karl mit ihren Ehefrauen

Ehefrau und Schwiegermutter bemühten sich, die nationale Kultur in A.Ks Familie aufrecht zu erhalten. Vera Karlownas Mutter sprach gut Deutsch, sie besaß noch die aus der Ukraine mitgebrachten religiösen Bücher. Sie sorgte dafür, dass ihre Enkelin deutsche Speisen kennen lernte. Die Kinder nannten sie „Omatschka“, was auf Deutsch Omi bedeutet.

A.Ks Familie war nicht bestrebt nach Deutschland auszureisen, weil Sibrien ihnen zur zweiten Heimat geworden war, und die Kinder gründeten ihre eigenen Familien mit Russen.

Heute ist A.K. Mitglied der deutsch-nationalen Kultur-Gesellschaft, aber seine Gesundheit erlaubt es ihm nicht ständig an ihrer Arbeit mitzuwirken.

Die Befragung erfolgt durch Irina Moisejewa, Jelena Sberowskaja, Darja Swirina

(AB – Anmerkungen von Aleksej Babij, Krasnojarsker „Memorial“-Gesellschaft)
Neunte Expedition für geschichtliche Aufklärung und Menschenrechte, Jenisejsk, 2013


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