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Semjon Badasch „MG-Schützen eröffneten das Feuer auf die Häftlingsmenge“

Sein Leben stellt den charakteristischen und zugleich schrecklichen Weg vieler Menschen in der Epoche des Sowjet-Regimes dar. Er wurde am 16. Juli 1921 geboren und war später Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg. Nach der Demobilisierung im Jahre 1945 ließ er sich am Medizinischen Institut einschreiben. Im vierten Studienjahr, im April 1949, wurde er verhaftet und wegen „krimineller Verbindungen zu Ausländern (§ 58, Pkt. 1 a) sowie antisowjetischer Agitation (§ 58, Pkt. 10) verurteilt. Denunziant war ein benachbarter Student, der sich als Freund ausgegeben hatte. Das Urteil lautet – 10 Jahre Sonderlager. Semjon kam uns Stellenlager in Ekibastus, wo er aktiv am Lageraufstand und Hungerstreik teilnahm. Anschließend wurde er mit einer Häftlingsetappe, die aus den Anstiftern des Aufstands zusammengestellt wurde, in die Norilsker Lager geschickt. Hier, wie auch im Steppenlager, musste Semjon allgemeine, ungelernte Arbeiten verrichten und war nur die letzten acht Monate auf Initiative des Gefangenenrats, zu denen auch Badasch gehörte, im Krankenhaus tätig. Er war Teilnehmer am Norilsker Aufstand.. Zusammen mit einer großen Etappe Norilsker, die nach der Niederschlagung des Streiks noch am Leben waren, geriet Semjon nach Kolyma, wo er in der Ziegelfabrik und in Schachtanlagen arbeitete.

Nachdem sein Fall in Moskau noch einmal ganz neu aufgerollt worden war, wurde Badasch im Oktober 1955 „aus Mangel an Beweisstücken und Verbrechenstatbeständen“ in die Freiheit entlassen. 1982 war seine große Familie, zusammen mit den alten Eltern waren es neun Personen, gezwungen zu emigrieren.

Am 5. November 2005 verstarb der bemerkenswerte Mann Semjon Juljewitsch Badasch.

Auf Anweisung Stalins wurden 1948 für alle nach dem politischen Paragraphen 58 Verurteilten Sonderlager für Zwangsarbeit eingerichtet. Ihr „Archipel“ erstreckte sich über das gesamte Territorium der UdSSR, und sie trugen alle Bezeichnungen aus der physikalischen Geografie. So trugen sie im Norden Kasachstans den Namen Steppenlager, im Süden der kasachischen Republik – Sandlager, im Bezirk Taischet gab es das Oserlag (oser = der See; Anm. d. Übers.), in der Norilsker Polarregion – das Gorlag (Berglager) und auf der Kolyma – das Berlag (Uferlager). Im europäischen Teil nahe Potma existierte das Dubrawlag (Eichenlager; Anm. d. Übers.). All ihre zahlreichen Abteilungen oder Lageraußenstellen unterschieden sich von den Arbeits- und Besserungslagern durch ihr besonders grausames Haftregime, die Zwangsmaßnahme, auf der Lagerkleidung vier Nummern zu tragen, mit Schlössern versehene Gitter, mit denen die Baracken nachts zugesperrt wurden. Zudem waren jegliche Begegnungen und Wiedersehen verboten, der Briefwechsel war auf zwei Briefe pro Jahr beschränkt, es gab einen absoluten Informationsmangel durch Radio-, Zeitungs- und Zeitschriftenverbot. Täglich gab es Durchsuchungen am Wachhäuschen, wobei sich die Häftlinge, wenn ihre Kolonne von der Arbeit ins Lager zurückkehrte, bis auf die Unterwäsche entkleiden mussten (auch im Winter bei strengem Frost). Und natürlich unterlagen die Lager und Arbeitsbereiche einer besonders scharfen Bewachung, ganz zu schweigen von der strengsten Wachbegleitung auf dem Weg zur Arbeit und zurück ins Lager mit echten „Ruslans“ (gemeint sind Schäferhunde; Anm. d. Übers.).

Nachdem ich 1949 die für dieses Jahr standardmäßigen Fließbandverhöre des Ministeriums für Staatssicherheit in der Lubjanka und dem Butyrka-Gefängnis durchlaufen und mit der Anordnung des Sonderkollegiums des MGB der UdSSR zum § 58, Pkt . 1 a (Spionage von Sowjetbürgern, denn für Ausländer gab es den Pkt. 6) und dem berüchtigten Pkt. 10 (antisowjetische Agitation) vertraut gemacht worden war, wurde ich mit einer Häftlingsetappe in die Außenstelle des Steppenlagers in Ekibastus abtransportiert. In Ekibastus hatte man kolossale Oberflächen-Vorkommen an Kohle gefunden. In dieser kahlen Steppe reichte es vollkommen aus, ein- oder zweimal mit dem Spaten in den Boden zu stechen, um obenauf sogleich auf Kohle zu stoßen. Der Aufbau dieses Kohlenreviers wurde vom „Ekibastus-Kohle“-Trust geleitet, und für dessen Chefpersonal und Mitarbeiter wurden finnische Blockhäuschen errichtet. Die kostenlosen Sklavenarbeiter zu diesem Projekt stellte unser Lager, in dem wir für uns selber aus herbeitransportierten Baumstämmen und zersägtem Holz Baracken, einen Speiseraum, ein Badehaus, ein Stabsgebäude für die Lager-Verwaltung und eine Baracke als Krankenhaus bauten. Und natürlich (welches Lager kommt schon ohne einen steinernen Gefängnisbau aus?) entstand auch eine BUR, eine Baracke mit verschärftem Regime, die wir für uns aus Bruchgestein, aus Steppen-Findlingen errichteten. Steine und Zement wurden von nichtinhaftierten, freien Fahrern in die Lagerzone gebracht.

Anfangs gab es nicht mehr als tausend Gefangene im Lager. Hier, wie auch in allen anderen Sonderlagern, waren paradoxerweise verschiedene Häftlingsgruppen miteinander vermischt. Die Juden, die zumeist wegen „Kosmopolitismus“, „antisowjetischer Agitation“, „Zugehörigkeit zur Zionisten-Bewegung“, selten wegen nicht bewiesener Spionage, verurteilt worden waren, machten weniger als 1% aus (so verhielt es sich in allen Sonderlagern); gleich neben ihnen befanden sich Russen, die teilweise in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen waren, als auch Wlassow-Anhänger oder solche, die bei der SS in Diensten gestanden hatten; bei ihnen war unter den Armen die entsprechende Blutgruppe eintätowiert. Separate wurden zwei Baracken von inhaftierten Zwangsarbeitern bewohnt, die auf der Kleidung die Kennzeichnung „KTR“ trugen; sie waren auf Grund eines Ukas des Obersten Gerichts der UdSSR von 1943 wegen Liebedienerei gegenüber den deutschen Besatzern verurteilt worden: Männer, die noch vor kurzem als Bürgermeister im Amt gewesen waren, Polizei-Angehörige, die dabei mitgeholfen hatten Partisanen zu hängen, Juden zu erschießen oder mobile deutsche Gaskammer-Fahrzeuge zu bedienen. Außerdem befanden sich im Lager Gefangene aus den Reihen sowjetischer Minderheiten. Bei ihnen handelte es sich um sowjetische Kriegsgefangene, die verurteilt worden waren, weil sie bei den Deutschen in nationalen Legionen gedient hatten, welche von der deutschen Kommandoleitung in den besetzten Ländern Europas in den Kampf gegen die Partisanen-Bewegung geschickt worden waren. Zu Sowjetzeiten war es nicht üblich darüber zu sprechen und zu schreiben; dabei rechneten sie mit den Partisanen in Jugoslawien und Italien sowie den Teilnehmern an der Widerstandsbewegung in Frankreich viel grausamer ab, als die Deutschen selber. Ab 1949 trafen im Lager kleinere Etappen erneut nach § 58 Verurteilter, aber auch Häftlinge aus gewöhnlichen Arbeits- und Besserungslagern ein.

Der größte Häftlingstransport, der mit tausend Gefangenen in Ekibastus ankam, war der 58. aus dem Arbeits- und Besserungslager Iwdellag. Die Neuankömmlinge schauten verwundert auf die vier Flicken mit den Nummern auf unserer Kleidung, aber sie wurden gezwungen, derartige Nummern auch auf ihre eigenen Kleidungsstücke zu nähen. Gegen Ende 1951 betrug die allgemeine Häftlingszahl in Ekibastus 5000 Personen.

Noch viel paradoxer war das Denunziantentum im Lager. Es schien, als ob alle sich, wenn auch mit unterschiedlichen Haftstrafen, in der gleichen Lage befanden. Aber nein! In dem Wunsch sich irgendwie einzuschmeicheln, rannten viele Gefangene zum „Gevatter“ – dem Lagervertreter des MGB. Sie denunzierten andere aufgrund von Gesprächen in den Baracken und bei der Arbeit, berichteten von möglichen Fluchtplänen, der Weiterleitung von Briefen in die freie Welt mit Hilfe freier Fahrer, illegal aus den Arbeitsobjekten entwendeten spitzen, scharfen und stacheligen Gegenständen und ähnlichem mehr. Durch die Meldungen der Denunzianten hatten auch unschuldige Gefangene erheblich zu leiden.

Mehr als 65-70% im Lager machten West-Ukrainer aus, die in der ukrainischen aufständischen Armee gekämpft hatten, oder diejenigen, die ihnen in den Dörfern und Vorwerken geholfen hatten, Kampfeshandlungen durchzuführen – zuerst gegen die deutschen Besatzer, als ihre Leitung, die Organisation ukrainischer Nationalisten, sich von all den deutschen Lügen im Hinblick auf die Bewilligung der Unabhängigkeit der Ukraine überzeugt hatte, und später dann gegen die gegen sie gerichteten gottverlassenen sowjetischen Truppen des MWD (Ministerium für innere Angelegenheiten; Anm. d. Übers.). In Ekibastus (ebenso wie in allen anderen Sonderlagern) bildeten die Bandera-Leute eine geschlossene Kraft, die nicht nur zahlreich, sondern auch geeint war. Das war die Welt der west-ukrainischen Jugend, welche durch die sowjetische Ordnung und den Sowjet-Alltag noch nicht verdorben, jedoch gegen die „Moskaler“ (Moskauer; Anm. d. Übers.) eingenommen waren. Ihre makellose Aufrichtigkeit ging mitunter bis zur Naivität.

In persönlichen Gesprächen mit ihnen musste ich ihnen erläutern, dass man nicht alle über einen Kamm scheren durfte, dass auch russische Staatsbürger, unter ihnen auch Moskauer, unter dem Sowjetregime litten. Ich erzählte ihnen vom noch denkwürdigen bolschewistischen Terror und den ersten, auf Anweisung Lenins, geschaffenen Konzentrationslagern – Solowki und Medweschka. Von all dem wussten sie überhaupt nichts. Als Beispiel führte ich sogar die Juden im Lager an. Das veränderte nach und nach ihre Weltanschauung. Im weiteren Verlauf fand ich auf meinem langen Weg durch das hinterm Polarkreis gelegene Norilsk und die Kolyma immer Unterstützung und Hilfe.

Als sie mich am Etappen-Durchgangslager Tschurbaj Nur in der Baracke mit verschärftem Regime unterbrachten, die von der Wohnzone durch zwei Reihen Stacheldrahtzaun abgetrennt war, da kroch einer der Bandera-Anhänger, sein Leben riskierend, unter der Einzäunung hindurch und steckte mir durch die kleine Öffnung Essen zu. Als erstes erfuhr ich von den Bandera-Leuten, dass die Waldtruppen Banderas und Mjelniks bei der deutschen Okkupation, die für sie so nötigen Ärzte, Feldscher und Krankenschwestern sowie jüdische Männer und Frauen unter ihren Schutz nahmen und dadurch zahlreiche Menschen vor dem sicheren Tod bei den Deutschen bewahrten.

Im Lager verfügten die Brüder Nikolaj und Pjotr Tkatschuk bei den Ukrainern über die meiste Autorität. Entweder hatten sie in der West-Ukraine aufständische Truppen geleitet oder hatten „am Draht“ gesessen, was in der Ukrainischen Aufständischen Armee ebenfalls so viel wie Untergrundleitung bedeutete, jedenfalls war es im Lager nicht üblich, Leute über ihre Vergangenheit auszufragen. Die beiden Brüder organisierten aus Vertretern zahlreicher Nationalitäten einen geheimen Rat für den Kampf gegen Denunzianten und gegen diejenigen Brigadeführer, die so taten, als würden sie sich mit den arbeitenden Gefangenen gut stehen, und dann alles Mögliche aus ihnen herauspressten. Zum Rat gehörten vier West-Ukrainer, zwei Russen, zwei Mittelasiaten und zwei aus dem Baltikum. Von den Juden bat Tkatschuk auch mich dem Rat beizutreten.

Wir versammelten uns in der Zeit zwischen dem Abendessen und dem Schließen der Baracken in einer der Baracken. Der Reihe nach wurden einzelne Brigadeleiter herausgerufen, über die Beschwerden seitens der Arbeiter eingegangen waren; sie wurden verwarnt. Man musste die Denunzianten enthüllen. Und da kam ihnen ein günstiger Zufall zur Hilfe, als nämlich der „Kum“ (der Lagerspitzname des operativen Bevollmächtigten. – Anm. d. Red.) den Stubendienst benötigte, der den Boden in seiner Amtsstube wischen, Kohle beschaffen und den Ofen heizen, den Weg zu seiner Residenz vom Schnee befreien und andere ähnliche Arbeiten verrichten sollte. Und für dieses „Amt“ wurde von uns ein kleines Bürschchen aus den Reihen der Bandera-Leute hingeschickt, der dann Mitteilung machte, wer dort zum Denunzieren hinkam. Die Verräter wurden vor den Rat bestellt. Einige baten um Verzeihung und unterließen eine weitere Zusammenarbeit mit dem „Kum“. Andere bestanden hartnäckig auf ihrer Unschuld in Bezug auf die in der Baracke mit verschärftem Regime eingesperrten Mitgefangenen. Bald darauf begann die Ermordung der leidenschaftlichen Denunzianten, unter deren Verleumdungen die Häftlinge so zu leiden hatten, - „rubilowka“ („Ausmerzung“; Anm. d. Übers.), wie A. Solschenitzyn, der später zum „großen GULAG-Kenner“ wurde, es nannte.

Entweder schlachtete man den Denunzianten in der Baracke ab und spaltete ihm den Schädel mit einer Axt oder ihm fiel während der Arbeit ein Baumstamm auf den Kopf; nachts wurde derjenige in der Baracke aufgehängt, und der Aufseher findet ihn dann am nächsten Morgen.
An Vollstreckern der Urteile des geheimen Rates mangelte es nicht. Sie stammten fast alle aus den Reihen der Bandera-Leute. Selbst der „Kum“ gestand eines Tages einmal ganz offen und ehrlich, dass sie „meine Leute irgendwie schon alle umbringen“.

Es war charakteristisch, dass sie nicht alle töteten, sondern nur die böswilligen Denunzianten. Ganz besonderen Ärger bereitet im Lager der Arbeitsanweiser Wasilij Schegol, bei dem es sich um einen russifizierten Ukrainer handelte. Jeden Tag nach dem Antreten der Brigade ging er durch die Baracken und prügelte mit einem Stock auf die Todeskandidaten, die völlig Abgemagerten ein, die versuchten sich zu verstecken, um nicht zum Morgenappell erscheinen zu müssen. Für ihn wurde die Todesstrafe verhängt, aber da er die Zone zum Arbeiten nicht verließ und zudem als Privilegierter Häftling in einer separaten Zelle saß, beschlossen seine Henker ihn innerhalb des Lager-Territoriums zu töten. Nach zahlreichen Messerstichen rannte er blutüberströmt zu den Toren an der Wache und schrie „sie bringen mich um“, aber die Vollstrecker holten ihn ein und gaben ihm vor den Augen der Wachsoldaten den Rest. Da sie keine Masken trugen, erkannte man sie sofort und sperrte sie in die Baracke mit verschärftem Regime, wo bereits andere Mordverdächtige saßen. Als sie die Gefahr begriffen, baten die noch am Leben geblieben Denunzianten darum, sie aus der Zone herauszubringen, aber der
Regime-Verantwortliche Matschachowskij sammelte sie ein und isolierte sie in einer Zelle der Baracke mit verschärftem Regime. Anschließend stellte Matschachowskij folgendes an: er öffnete zwei Zellen – in der einen saßen Mordverdächtige und tatsächliche Mörder, in der anderen (es waren wesentlich mehr) Denunzianten, denen es gelungen war, sich zu retten. Matschachowskij befahl letzteren, nachdem er die Mordverdächtigen übel zugerichtet hatte, aus ihnen ein Geständnis über die verübte Tötung herauszupressen und ebenfalls auszukundschaften, wer ihre Führer waren, welche sie losschicken, um die Denunzianten zu töten.

Am Abend des 21. Januar 1952 (an dieses Datum erinnert man sich gut, weil es Lenins Todestag ist) hörten unsere Brigaden, als sie von den Arbeitsobjekten ins Lager zurückkehrten, Schreie aus der Baracke mit verschärftem Regime, wo Denunzianten Mordverdächtige und tatsächliche Mörder verprügelten. Wie auf Kommando begannen größere Gruppen von Häftlingen den die Regime-Baracke umgebenden Holzzaun nieder zu reißen, um nach innen vorzudringen und den übel Zugerichteten Hilfe zu leisten. Unter dem Druck unseres Gewichts knackten die Bretter im Frost des zerbrochenen Zauns. Wir näherten uns der Barackentür, an der ein großes Schloss hing (wie es üblicherweise für Scheunentore verwendet wurde), und bei dem Versuch es herunterzureißen, wurde plötzlich von allen vier Wachtürmen aus das Feuer aus Automatikwaffen auf uns eröffnet. In der Dunkelheit blitzten von vier Seiten die bunten Feuerchen der abgefeuerten Kugeln auf. Die Belagerung der Regime-Baracke wurde eingestellt. Es gab etwa zwei Dutzend verwundeten Gefangene, von denen einige ins Lager-Hospital eingeliefert wurden, aber die meisten von ihnen tauchten nicht in der Sanitätsabteilung auf, um ihre Mitwirkung an der Baracken-Belagerung geheim zu halten.

So plötzlich wie das Feuer auf die Zone eröffnet worden war, so jäh brach es auch ab, aber durch das Lagertor kamen ein paar dutzend Aufseher und Wachleute mit Schaufeln und Stöcken und prügelten mit ihnen auf alle Häftlinge ein, die ihnen in den Weg kamen, denen es noch nicht gelungen war, in ihre Baracken zurück zu eilen. Bereits an jenem Abend und auch am nächsten Morgen wurde auf Initiative der Bandera-Leute und der an ihrer Spitze stehenden Brüder Tkatschukow in allen Baracken die Weigerung erklärt, nicht zur Arbeit auszurücken und in den Hungerstreik einzutreten. Es ertönten die allmorgendlichen Schläge auf das eiserne Schienenstück, was den Ausmarsch der Brigaden zum Appell bedeutete, aber niemand kam, um Aufstellung zu nehmen. Gefangene unterschiedlicher Nationalität und politischer Überzeugungen bekundeten eine ausgesprochen bewundernswerte Einigkeit. Der Koch in der Küche, der das Eintreffen der Brigaden in der Kantine nicht abgewartet hatte, heizte das Feuer unter den Kesseln ein. Die Lager-Obrigkeit, die hier das allererste Mal auf eine derartige Einigkeit stieß, war völlig verwirrt. Zuerst lief sie durch die Baracken und verlangte, dass wir mit dem Streik aufhören sollten, dann gingen sie dazu über uns zu bitten, wir mögen doch unsere Arbeit wieder aufnehmen. Aber das geschah nicht.

Der Hungerstreik und unsere Weigerung nicht zur Arbeit zu gehen dauerte fünf Tage. Diejenigen, die in ihren Baracken noch Lebensmittel aus häuslichen Paketsendungen liegen hatten, teilten sie mit den anderen. Aber schon sehr bald waren auch diese Vorräte zur Neige gegangen. Am fünften Tag sahen wir, dass viele Häftlinge so geschwächt waren, dass sie nicht mehr in der Lage waren sich von ihren Pritschen zu erheben, und deshalb widerrief unsere Streikleitung den Hungerstreik, aber die Leute gingen auch weiterhin nicht zur Arbeit. Die Küche fing wieder an zu arbeiten; diejenigen, die noch über genügend Kraft verfügten, gingen hin und holten si9ch ihr Essen, den anderen wurde es in die Baracke gebracht.

Mit einem Sonderflugzeug kamen hohe Herren aus der Verwaltung des Steppenlagers angeflogen. Auf dem Appellplatz wurde ein langer Tisch aufgestellt, an dem die Eingetroffenen sich in ihren warmen Halbmänteln niederließen und dann die sie umgebenden Häftlinge baten, ihre Forderungen auszusprechen. Die wichtigste Forderung war, diejenigen zu benennen, die den Befehl erteilt hatten, auf die unbewaffneten Gefangenen das Feuer aus Automatikwaffen zu eröffnen, und sie im Lager öffentlich zu verurteilen. Es gab auch noch zahlreiche weitere Beschwerden: im Hinblick auf die Arbeit ohne Entlohnung, die Beschränkung auf lediglich zwei Briefe pro Jahr, das Verbot Besuch zu empfangen, sich wiederzusehen, und andere. Auch ich trat mit einer Ankündigung in Erscheinung: „Wenn sie unseren Forderungen keine Genüge tun, während wir uns bei der UNO-Menschenrechtsorga-
nisation beschweren“.

Die Leitung des Steppenlagers versprach sich mit Moskau in Verbindung zu setzen und unsere Forderungen nach Möglichkeit zu erfüllen: gleichzeitig bat sie das ganze Lager darum den Streik zu beenden und wieder zur Arbeit auszumarschieren. Und einen Tag später wurde die angebliche Auflösung des Lagers angekündigt. Und auf den ersten Häftlingstransport kamen dann alle, die vor der Kommission gesprochen hatten, alle Aktivisten des Aufstands und des Hungerstreiks sowie alle, die des Mordes an den Denunzianten verdächtigt wurden und in der Baracke mit verschärftem Regime einsaßen.

Unsere Etappe bestand aus 250 Mann, die man in bewachte Lastkraftwagen einsteigen ließ und in die unermesslich weite, schneebedeckte Steppe abtransportierte. Sie brachten uns in ein neues, gerade erst in Betrieb genommenes kleines Lager in Tschurbaj Nura, wo bereits vor unserem Eintreffen mit dem Streckenvortrieb in tiefen Schachtanlagen begonnen worden war. Dort verbrachten wir mehrere Monate in fast völlige Untätigkeit; anschließend brachten sie uns auf bewachten LKWs in das zentrale, große Durchgangslager in Karaganda. Hier trafen wir auch mit mehreren gemeinsamen Lagerinsassen zusammen.

Im Karagandinsker Durchgangslager wurden 2.000 Häftlinge aus verschiedenen Lageraußenstellen zusammengestellt, welche der Lagerleitung nicht genehm waren. In dieser Durchgangsstelle lernte ich den Georgier Tschabua Amiredschibi kennen und freundete mich mit ihm an; mit ihm ging ich den gesamten weiteren Weg über die Inseln des Archipel GULAG. Unsere Freundschaft setzte sich auch nach der Rehabilitation fort. Wenn Tschabua aus Tbilissi nach Moskau kam, trafen wir uns in der Wohnung des Poeten Michail Swetlow. Seine leibliche Schwester war die Ehefrau des Dichters. Als Nachfahre georgischer Fürsten schrieb der talentierte Tschabua Amiredschibi das Buch „Data Tutaschchia“, für das er in dem Jahr vor meiner Emigration eine staatliche Prämie erhielt; anschließend schrieb er einen biografischen Roman und brachte ihn auch heraus. Zweimal kam er nach Bonn, wo wir uns trafen, aber das nur nebenbei bemerkt.

An einem warmen Frühlingstag traf der Zug mit zahlreichen Güterwaggons im Durchgangslager Karaganda ein, und zweitausend „Streikteilnehmer und Aufständische“ füllten diese „Krasnuchi“ (rote Viehwaggons; Anm. d. Übers.) aus. Natürlich wusste niemand, wohin sie unsere Etappe schickten. Erst bei der Ankunft des Zuges in Krasnojarsk, nachdem man uns im Krasnojarsker Durchgangslager untergebracht hatte, teilte man uns mit, dass wir in die hinter dem Polarkreis gelegene Stadt Norilsk kämen.

Eine Woche später stiegen wir im Gänsemarsch in den dunklen Frachtraum eines großen Lastkahns, der an ein Bugsierschiff angehängt war, welches den Kahn auf dem Jenisei stromabwärts zog. Wir fuhren an Jeniseisk, danach Turuchansk vorüber, wo irgendwann einmal unser „geliebter Führer und Lehrer“ seine Verbannungszeit verbüßt hatte, gefolgt von dem großen Hafen Igarka mit seinen Seeschiffen und trafen schließlich in Dudinka ein. Während der gesamten Fahrt auf dem Jenisei hatten wir an beiden Ufern unberührte, undurchdringliche Taiga gesehen. In jenem Jahr 1952 war Dudinka eine aus Holz gebaute Siedlung mit eingeschossigen Häusern, von der aus eine Schmalspurbahn nach Norilsk führte. Nach einer Stunde Fahrt sah man hinter einer Kurve das aus weißen Steinen errichtete Norilsk.

In der Ferne qualmte das Kupferverarbeitungskombinat, am Stadtrand befand sich die sogenannte Fabrik N° 25, in der die Edelmetall-Filiale des Kupferbergwerks in Betrieb war.

In Noirlsk befand sich das Sonderlager namens Gorlag mit mehreren Lageraußenstellen.

Die Wachen brachten unsere „kasachische Etappe“ zum 5. Lagerpunkt, wo dann auch die Bekanntschaft mit den Landsleuten begann. Ich lernte den jungen Roman Brachtman kennen, der eine Haftstrafe verbüßte, weil er den Wunsch gehabt hatte, zusammen mit zwei anderen Moskauer Studenten, Michail Margulis und Willi Swjatschewskij, nach Israel zu gelangen, welche bei dem Versuch die Staatsgrenze zur Türkei zu überschreiten verloren gegangen waren (Roman lebt schon lange in New York, Michail und Willi in Jerusalem. Ersterer schrieb nach vorliegenden Archiv-Materialien ein Buch über Stalins Mitarbeit in der Zarenwache, der zweite brachte in Israel das Buch „ Die Judenzelle in der Lubjanka“ heraus). Es enstand auch eine Bekanntschaft mit dem Juden Max Grigorewitsch Minz. Mit diesem Helden dauerte die Freundschaft auch noch in Moskau nach der Rehabilitation an. Seine Heldentaten im Widerstand in deutscher Kriegsgefangenschaft werden in der „Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ beschrieben, und vor nicht allzu langer Zeit wurde in Jerusalem das ihm gewidmete Buch „In Gefangenschaft bei Hitler und Stalin“ veröffentlicht.

Im Norilsker Gorlag herrschte dasselbe Regime wie im kasachischen Steppenlager. Die Lage war identisch mit der, wie wir sie aus Ekibastus aus der Zeit vor der Organisierung des geheimen Rates kannten: das Denunziantentum war weit verbreitet, die Brigadiere quetschten aus den Arbeitern die allerletzten Kräfte heraus.

Die Brüder Tkatschuki setzten sich mit dem inhaftierten Chirurgen Omeltschuk im Krankenhaus der 4. Lager-Außenstelle in Verbindung, damit er über die freie Leiterin der Sanitätsabteilung Jarowa erwirkte, mich für eine Tätigkeit im Krankenhaus einzustellen. Es war für uns unabdingbar, einen von uns im Krankenhaus zu haben. Parallel dazu bat Max Minz den Röntgtenologen, einen Häftling aus Budapest, den Juden Laszlo Nussbaum, über mich ebenfalls ein gutes Wort vor der Jarowa einzulegen. Nach zweiwöchigem Leidensweg mit der Zimmermannsbrigade beim Hausbau auf dem zukünftigen Garde-Platz, werde ich, der das Medizinische Institut in Moskau im 4. Studienjahr verlassen hat, zum 4. Lagerpunkt verlegt und zum Gehilfen des erfahrenen Bronchialheilkundlers, dem Esten Reimaste, in der Tuberkulose-Abteilung bestimmt, in der die Todeskandidaten mit kavernöser Lungentuberkulose liegen. Die einzige Behandlung dieser zum Sterben verurteilten Kranken war die intravenöse Gabe von Calcium sowie der sogenannte Pneumothorax, mit dem ich schnell zurechtkam. Ab und an leitete ich auch die Ambulanz-Sprechstunde. Der Kampf gegen die hier unter dem Treppenaufgang der Leitung außer Rand und Band geratenen Brigadiere verlief recht einfach. Tkatschuki und die kriegerischen Bandera-Leute riefen jeden einzeln zu sich und verwarnten ihn mit strengen Worten; wenn sie ihr Verhalten gegenüber den Arbeitern nicht änderten, dann würden sie ihre unvermeidliche Strafe bekommen. In Bezug auf die Denunzianten war die Sache schwieriger, denn man musste diejenigen, die den „Gevatter“ aufsuchten, von außen beobachten, und das gelang nicht immer. In der Ambulanz-Sprechstunde hatte ich das Recht, diejenigen vom Ausmarsch zu Arbeit freizustellen, die in der Lagerzone zur Erledigung ganz bestimmter Aufgaben gebraucht wurden.

Aus der Zeitung „30.Oktober“, N° 59, 2005

***

Gegen Abend kehrte die Brigade von ihren Arbeitsobjekten ins Lager zurück, es begann die Bekanntschaft der „Neuen“ mit den „Alten“. Ich machte mich mit zwei Moskauern bekannt. Einer von ihnen – ein junger Bursche namens Roman Brachtman, Student aus Moskau, der die Verurteilung durch ein Sonder-Kollegium durchlaufen hatte und zu einer Haftstrafe von 10 Jahren verurteilt worden war. Der andere – Max Grigorjewitsch Minz, sehr gesetzt und beherrscht, ehemaliger Kaderoffizier der Roten Armee, dem das Urteil eines Sonder-Kollegiums eine Haftdauer von 15 Jahren aufgebrummt hatte. Unsere Bekanntschaft setzte sich während unserer gesamten Aufenthaltsdauer in Norilsk fort, und hielt auch später in Moskau, nach unserer Rehabilitation, an. Roman Brachtman heiratete sofort, im Jahre 1955, eine Einwohnerin der Stadt Lwow, eine ehemalige polnische Staatsbürgerin, mit der er nach der letzten Repatriierung polnischer Staatsbürger 1956 nach Polen ausreiste. Max Grigorjewitsch Minz – begab sich nach Moskau. Seine Lebensgeschichte wäre eines separaten Buches würdig. Aber über dieses Schicksal, da eine derart erstaunliche Wendung nahm, später mehr.

< … >

In der benachbarten Lager-Außenstelle N° 4 befand sich das dreigeschossige Gebäude des zentralen Lagerkrankenhauses. Bei der Verlegung aus dem Lager N° 5 zur Arbeit ins Außenlager N° 4 war Max Grigorjewitsch Minz mit behilflich. Er genoss die Achtung aller Gefangenen, und deswegen gelang es ihm über den inhaftierten Arzt zu bewirken, dass mir, wie es bei Ärzten auch der Fall war, ein „Sonderauftrag“ ausgestellt wurde. Eines schönen Tages verlegten sie mich in Begleitung zweier Wachsoldaten zum 4. Lagerpunkt – geradewegs ins Zentral-Krankenhaus. Ich stapfte mit Freude von einem Lager durch den nicht sehr tiefen Schnee ins andere. Links und rechts neben mir gingen die Begleitsoldaten mit ihren Automatikwaffen, aber in dem Augenblick kamen sie mir fast wie Freunde vor.

… ein kalter Herbst setzte ein, die Lufttemperatur sank immer tiefer, und als schließlich die Polarnächte Einzug hielten, erreichte die Außentemperatur minus 40-50 Grad. Wenn man den Wind und die Schneestürme noch mit berücksichtigt, dann kann man sich vorstellen, wie schlimm es für die Häftlinge gewesen sein muss, die in solchen Bedingungen arbeiten mussten (und dann auch noch bei völliger Unterernährung und dem Fehlen geeigneter Kleidung).

Für den Leser wird es äußerst interessant sein, zwei Geschichten zweier ganz unterschiedlicher Häftlinge zu erfahren, denen ich im entlegenen Polargebiet, in Norilsk, begegnet bin. Diese beiden Geschichten verdienen es, in gesonderten Erzählungen oder Romanen beschrieben zu werden. Und hier sind sie.

Die erste Geschichte handelt von Max Grigorjewitsch Minz. Minz war Armeeangehöriger; vor dem Krieg hatte er die Frunse-Akademie absolviert. Er diente in der Roten Armee im Rang eines Hauptmanns. Der Truppenteil, in dem er ganz zu Beginn des Krieges diente, war von Deutschen umzingelt. Den Zangengriff der Deutschen zu durchbrechen war unmöglich. Er selbst und ein Teil der ihm Untergebenen geriet in deutsche Gefangenschaft. Minz genoss große Anerkennung bei den ihm unterstellten Soldaten, dass kein einziger von ihnen den Deutschen seine wahre Nationalität preisgab, - er war Jude. Man nannte ihn Minakow (ein typisch russischer Nachname) und, wie alle anderen auch, wurde er in eines der Kriegsgefangenenlager geschickt. Im Lager vermochte er für sich die Kraft zu finden, die ganzen Schrecken der deutschen Kriegsgefangenschaft durchzustehen, aber auch eine Gruppe für die Flucht zu organisieren. Der Fluchtversuch misslang – seine Gruppe wurde etwa einen Monat später von den Deutschen entdeckt. Er kam in ein Konzentrationslager in Deutschland. Hier organisiert er im Untergrund eine antifaschistische Widerstandsbewegung, leitet selber die Agitations- und Propaganda-Arbeit unter den Gefangenen, organisiert Fluchtversuche und flieht selber, aber wieder ohne Erfolg.

Nach Kriegsende durchläuft er, wie alle anderen Kriegsgefangenen, das übliche Filtrationsverfahren, mit dem alle, die in die Heimat zurückkehren, eingehend überprüft werden. Es schien so, als ob nun all die Kriegsalpträume - Umzingelung, Gefangenschaft, Konzentrationslager, Flucht – in weiter Ferne lagen und man endlich in Ruhe und Frieden leben konnte. Aber es vergingen noch nicht einmal zwei Jahre vergangen, als man ihn urplötzlich verhaftete. Es folgte die Standard-Anschuldigung: „Wie konnte es angehen, dass du, ein Kaderoffizier der Sowjet-Armee, und dazu noch ein Jude, über drei Jahre bei den Deutschen leben konntest? Hier stimmt doch etwas nicht; du hast also offensichtlich mit den Deutschen zusammengearbeitet“. Dies war eine dermaßen dumme Anschuldigung – wie sehr er sich auch bemühte, die ganze Absurdität dieser Anklage zu beweisen, es war alles umsonst.
Damals fand niemand die Zeit (oder besser gesagt – hielt niemand es für nötig) die Fakten zu überprüfen und seine Kameraden aus dem Widerstand ausfindig zu machen. Weil er nicht begriff, was dort eigentlich vor sich ging, versuchte er seinem Leben selber ein Ende zu setzen. Er wurde von einem Sonder-Kollegium nach § 58-1b verurteilt („Vaterlandsverrat durch Militärangehörige“) und erhielt 15 Jahre Haft. Während des Ermittlungsverfahrens hielt man ihn in drei Gefängnissen fest: in der Lubjanka, in Lefortowo und im Suchanowsker.

Später (im Jahre 1955) wurde er wie tausende andere auch, rehabilitiert und durch die Ironie des Schicksals ins Komitee der Kriegsveteranen aufgenommen. Über seine Heldentaten in den deutschen Konzentrationslagern wurde in zahlreichen sowjetischen Veröffentlichungen berichtet, insbesondere in dem Buch „Der zweite Weltkrieg“ und in S.A. Broskijs Werk „Im Namen des Sieges über die Faschisten“.

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… Es näherten sich die Maifeiertage des Jahres 1953. Am 3. Mai wurden mehrere Personen zur Lagerwache herausgerufen, weil sie entweder in ein anderes Lager oder an irgendwelche Arbeitsstellen verschickt werden sollten. Die Begleitwachen standen, wie üblich, hinter den Lagertoren, wo sie auf den Abmarsch der Häftlinge warteten. Einer der Gefangenen, als er sah, dass sie offensichtlich an einen anderen Ort verlegt werden sollten, weigerte sich kategorisch fortzugehen. Auf alle Befehle seitens der Wachen schüttelte er nur ablehnend mit dem Kopf, legte sich auf den Boden und weigerte sich beharrlich aufzustehen. Und da gab der Wachleiter den Befehl zum Schießen. Die Soldaten durchlöcherten mit den Kugeln aus ihren Automatikgewehren den am Boden liegenden, schutzlosen Mann. Die Nachricht von der Ermordung des Häftlings verbreitete sich im gesamten Lager mit blitzartiger Geschwindigkeit. Diejenigen, die in den nationalen Gruppen das Sagen hatten, erklärten den Hungerstreik – einschließlich ihrer Weigerung zur Arbeit anzutreten. Gefangene gingen durch die Baracken und benachrichtigten alle darüber, dass sich nur keine zur Arbeit und in die Kantine begeben sollte, sondern alle auf ihren Pritschen liegenblieben und auf keinen Fall die Baracken verließen.it Hilfe von Zetteln sowie von den Barackendächern gegebenen Zeichen wurde die Kunde vom Beginn des Streiks auch an den 5. Lagerpunkt weitergegeben. Außerdem gelangte das Gerücht über den Streik an die 6. Lageraußenstelle (Frauenzone), die daraufhin ebenfalls den Hungerstreik und die allgemeine Weigerung zum Arbeitsabmarsch erklärte. Im Gorstroi von Norilsk stagnierte jegliche Arbeit. Die freien Mitarbeiter (Ingenieure und Techniker) mussten ihren Arbeitsplatz ebenfalls verlassen, denn an den Objekten fanden sich keine Arbeitskräfte. Das Leben in der Stadt war wie gelähmt.

Vier Tage vergingen. Die örtliche Lagerleitung war entmutigt und wusste nicht, was sie unternehmen sollte, - sie waren zum ersten Mal mit einem Massenstreik konfrontiert worden. Schließlich, am 7. Mai (genaue Daten im Zusammenhang mit dem Norilsker Aufstand s. im Artikel von A. Makarowa mit dem Titel: „ … Aufstand des Geistes“ – die höchste Erscheinungsform des gewaltlosen Widerstands gegen das unmenschliche GULAG-System“ (Band 6, S. 8-83). (Anm. d. Red.)), traf in Norilsk ein Sonderflugzeugmit einer hohen Kommission zur Klärung der Situation im Lager ein. Es handelte sich in der Tat um eine ansehnliche Kommission, die sich zusammensetzte aus:

Oberst Kusnezow vom Ministerium für Staatssicherheit der UdSSR,
einem gewissen Aleksejew vom Zentralkomitee der Partei,
Staatsanwalt Wawilow von der Staatsanwaltschaft der UdSSR,
von der Verwaltung des Norilsker Bergbau- und Buntmetall-Kombinats der Direktor und Mitglied des Zentralkomitees – Sawenjagin (er wohnte in Krasnojarsk).

Die Kommission, umringt von zahlreichen Wachleuten mit Automatikwaffen im Anschlag, bereit, in jeder beliebigen Sekunde das Feuer zu eröffnen, betrat das Territorium der Lagerzone. An den Toren hatte sich eine riesige Menge Häftlinge versammelt. Die Führer des Aufstands überreichten der Kommission Schreiben mit ihren Forderungen (einer davon war an das Ministerium für Staatsicherheit adressiert), in denen die Postulate tausender ausgehungerter, entkräfteter Gefangener klar und deutlich dargelegt waren:

Die Kommission nahm diese Briefe aus den Händen der Aufstandsführer entgegen, hörte sich die Forderungen bis zum Schluss an und versprach dann, alle Fragen unverzüglich in Moskau zu klären.

Am 7. Mai bewegten sich die Häftlinge, die zur Zeit des Streikbeginns auf ihren Bauobjekten geblieben waren, auf Anweisung der Streikleitung unter Wachbegleitung in einer Kolonne in Richtung Lagerzone. Sie gingen sehr langsam, denn nach drei Tagen Hungerstreik waren sie bereits ziemlich geschwächt. Sie hatten das Lager-Territorium noch nicht erreicht, als die Aufseher anfingen einzelne Häftlinge, Mitglieder der Streikleitung an den Bauobjekten, aus der Kolonne herauszuzerren und sie mit Gewalt auf bereits zuvor bereitgestellte Lastwagen trieben. Sie wurden mit unbekanntem Ziel fortgebracht. Nachdem man erfahren hatte, dass ein Teil der Streikleitung isoliert worden war, wurde der Streik am 8. Mai wieder aufgenommen. Auf allen Baracken in der Lagerzone wurden Flaggen aus schwarzem Material angebracht. Die Streikleiter nahmen auch die Lenkung des Lebens innerhalb des Lagers in ihre Verantwortung (kein einziger Aufseher ließ sich im Lagerbereich blicken).

Ebensolche Fahnen wurden auch auf den Dächern der Baracken der 5. Und 6. Lageraußenstellen aufgehängt. Das Gerücht vom Aufstand verbreitete sich mit blitzartiger Geschwindigkeit in allen Abteilungen des Gorlag.

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Dieser zweite allgemeine Aufstand nahm einen langwierigen Charakter an. Es vergingen Tage und Wochen. Die Gefangenen verließen die Zone nicht – kein Mensch ging zur Arbeit. Alles, angefangen von der Verteilung der Lebensmittel in der Küche bis hin zur Speisung in der Kantine, wurde von den Häftlingen selber in die Hand genommen.

Anfang Juni 1953 begann die Gorlag-Leitung damit, die Gefangenen psychologisch zu bearbeiten – Soldaten installierten Lautsprecher an den Pfosten rund um den Lagerbereich und ließen über Radio stündlich Aufrufe ertönen: „Bürger Gefangene! Ihr seid sowjetische Menschen, die man vorübergehend isoliert hat. Gebt euch nicht mit Sabotage ab, vereitelt nicht die Arbeit an den Bauobjekten, begebt euch in organisierter Form an eure Arbeitsplätze! Ihr seid unter den Einfluss bösartiger Feinde geraten! Hört nicht auf sie, ordnet euch ihnen nicht unter! Geht zur Arbeit!“ Zwei-drei Tage später wurde der Lagerbereich von einem ganzen Regiment Soldaten mit Automatik-Pistolen umstellt. Sie standen fast wie eine geschlossene Wand da – über eine Länge von 5-10 m. An zwei oder drei Stellen rissen sie den doppelreihigen Stacheldraht herunter und schufen so Durchgänge ins Lager. Aus dem Radio erscholl die Aufforderung: „Bürger Gefangene, wir haben das Lager für euch geöffnet. Diejenigen von euch, die noch einen Funken Bewusstsein als sowjetischer Staatsbürger in sich haben, mögen die Zone jetzt verlassen; ihr braucht euch vor Terrormaßnahmen seitens der Streikleitung nicht zu fürchten. Man wird euch am Leben lassen“.

In den letzten Junitagen traf in Norilsk erneut Oberst Kusnezow aus Moskau ein und verkündete ganz offiziell, dass alle Forderungen der Häftlinge an den Minister für Staatssicherheit, Berija, weitergeleitet worden seien und er sie im positiven Sinne überprüfen werde. Kusnezow betrog uns wissentlich, ganz bewusst, denn zu der Zeit hatte man Berija bereits verhaftet. Damals wussten wir das aber noch nicht. Aber trotzdem wurde der Streik fortgesetzt – ihm hatte sowieso niemand geglaubt. Während Kusnezows Rede schleuderte einer der Häftlinge mit einem Stein nach ihm (ob er provozieren wollte oder ob es reine Wut war ist nicht bekannt). Die Schützen mit ihren Automatikwaffen eröffneten das Feuer auf die Häftlingsmenge. Mehrere Personen wurden verletzt. Die Soldaten griffen sie sofort auf und brachten sie aus der Lagerzone. Die übrigen Gefangenen rannten in ihre Baracken. Die Stimmung spitzte sich von Stunde zu Stunde weiter zu. Mehrmals gab man den Häftlingen, den Verrätern, welche, dem Aufruf der Lagerverwaltung folgend, aus der Zone gerannt waren (es waren nur sehr wenige) das Mikrofon: „Genossen, Brüder! Gebt euren Widerstand auf, geht wieder zur Arbeit, unterwerft euch nicht den Provokationen eines Häufchens unbelehrbarer und offensichtlicher antisowjetischer Akteure!“

Am vorletzten Junitag teilte die Lagerleitung offiziell mit, dass das Lager aufgelöst würde und ein Teil der Häftlinge aus Norilsk auf das „Festland“ geschickt werden sollte, dass die Namenslisten derer, die man fortbringen wollte, zuerst am 30. Juni bekanntgegeben würden.

Am Morgen kamen zum ersten Mal seit Streikbeginn Aufseher mit Namenslisten in die Zone. Wir wurden zu Kolonnen zusammengestellt, deren allgemeine Zahl etwa zweitausend Mann betrug. Unter verschärfter Wachbegleitung wurden wir in eine leere Lageraußenstelle gebracht. Die letzten Wochen des Aufenthalts in diesem Lager, welches den Berg von der Stadt trennte (vom Lager aus konnte man nichts als Tundra sehen), verliefen in völliger Tatenlosigkeit: wir schliefen aus, aßen (es gab einen Kiosk, an dem man diese und jene Lebensmittel kaufen konnte), trennten die Gorlag-Häftlingsnummern von der Kleidung ab.

In den letzten Julitagen des Jahres 1953 wurde das Kommando erteilt, sich für eine Häftlingsetappe bereitzuhalten. Wie immer geschah dies anhand der Personenakten (Umschläge). Auf unseren Personalakten tauchte ein zusätzlicher „Vermerk“ auf – ein roter Streifen.

Aus dem Buch
„In Gefangenschaft bei Hitler und Stalin“,
Jerusalem, 1999


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