Biografische Aufzeichnungen von Nikolai Petrowitsch Dinges

Die Eltern meiner Mutter – VaterPhilipp Wilhelmowitsch Birt und Mutter Maria-Jelisaweta (Elisabeth) Birt – lebten in der Ortschaft Bangert (Saumorje), Kanton Kukkus, ASSR der Wolgadeutschen (Autonome Sowjetische Sozialistische Republik der Wolga-Deutschen). Mein Vater Pjotr Adamowitsch Dinges, wie es in den Dokumenten steht, stammt aus der Ortschaft Saumorje, Stepanowsker Amtsbezirk, Nowousensker Landkreis, Gouvernement Samara. Angaben über die Eltern des Vaters liegen mir nicht vor. Vater und Mutter ließen sich 1913 in der Kirche zu Saumorje trauen. Meine Mutter war evangelisch-lutherischen Glaubens. Ich bin im Besitz einer Bescheinigung, welche die Mutter am 2. Oktober 1905, als sie 15 Jahre alt war, von der Kirche zur Erinnerung an den Tag ihrer Konfirmation ausgehändigt bekam. Die Glaubenszugehörigkeit meines Vaters konnte ich nicht ermitteln. Der Vater war damals gerad erst aus der Armee zurückgekehrt. Wer hätte sich ausmalen können, was fünf Jahre nach ihrer Hochzeit geschehen und dass am 5. September 1918 die Verordnung über den Roten Terror durch die Sowjetregierung verabschiedet werden würde, die als Grund für die Vernichtung zweier Generationen unseres Geschlechts dienen wird.

Wladiwostok

Nach der Hochzeit in Bangert fuhren Vater und Mutter sofort nach Wladiwostok. Dort lebte zu der Zeit Vaters Bruder Kondrat (Konrad), der sie offensichtlich dorthin eingeladen hatte.


Die Kirche in Bangert (Saumorje)

Vaters Bruder Kondrat (Konrad) Adamowitsch Dinges war älter als der Vater – er wurde 1878 geboren, und zu der Zeit, als die Eltern zu ihm reisten, arbeitete er beim Unternehmen DalGosGybTrest (Staatlicher Fischerei-Trust Fernost; Anm. d. Übers.). Als der Rote Terror das Ufer des Stillen Ozeans erreichte, wurde Kondrat Adamowitsch am 26. Juli 1938 verhaftet. Am 25. April 1939 wurde er nach §§ 58-10 und -11 verurteilt; der Fall wurde aufgrund des Todes des Angeklagten am 18.04.1939 im Gefängnis niedergelegt.


Konrad Dinges (rechts) mit der Familie

1913 also kamen Vater und Mutter nach Wladiwostok. Mir ist nur wenig über ihr Leben in Wladiwostok bekannt. Wie ich später aus den NKWD-Archiven erfuhr, arbeitete der Vater als Heizer in dem Unternehmen. Die Mutter erzählte, dass er sogar auf einem Schiff gefahren wäre. Unsere Spielzeuge, mit denen wir in jenen Jahren in Schlisselburg spielten, hatten Bezug zu Wladiwostok und China. Darunter befanden sich Glaskugeln, die vermutlich von Fischernetzen stammten, chinesische Spielsachen aus Porzellan. Mama berichtete, dass Wanja und Witja, als sie einmal damit „Lumpensammler“ spielten, die Sachen zusammen mit schwerem Spielzeug in einen Sack steckten, so dass sie zerbrachen.

Einmal stand ich in einem Moskauer Hotel in der Schlange vor der Gepäckaufbewahrung. Als ich an die Reihe kam, nannte ich meinen Namen. Ein Mann mit kasachischem Aussehen trat zu mir heran und fragte, ob ich einen Bruder namens Viktor hätte. Die Frage kam für mich völlig unerwartet, und ich dachte, dass es sich um meinen Bruder Viktor handeln könnte, von dem wir nichts wussten. Aber in jenen Jahren hatten wir uns von dem Gestank des NKWD noch nicht erholt und ich hatte vor allem große Angst. Der Stempel “Sohn eines Volksfeindes” und das Jahr 1938 hatten wohl bei mir eine tiefere Spur hinterlassen als die verabscheuungswürdige Bezeichnung “Deutscher” während der Kriegsjahre. Ich gab ihm meine Adresse nicht, sondern sagte, dass ich im selbst schreiben würde, aber ich tat es nicht. Mama und Schwester Olga drängten mich auch nicht dazu. Ich bewahrte die Adresse lange Zeit auf, dann verlor ich sie irgendwann und damit auch die Verbindung zu den Verwandten von Papas Seite.

Wie wir später erfahren konnten, hatte es sich um meinen Cousin, den Sohn von Vaters Buder Kondrat Adanowitsch Dinges – Viktor Kondratewitsch Dinges - gehandelt, der 1909 geboren wurde. Er absolvierte das fernöstliche polytechnische Institut und lebte in der Stadt Wladiwostok. Am 17. Juli 1938 wurde er verhaftet und am 30. April 1939 nach §§ 58-7 und 58-10 verurteilt. Aufgrund einer administrativen Entscheidung wurde der Fall niedergelegt und er aus der Haft entlassen. Noch ein Opfer des Roten Terrors.

1915 wurde in unserer Familie Wanja geboren, seine Geburtsurkunde von der evangelisch-lutherischen Kirche in Wladiwostok ausgestellt, und 1916 kam Viktor zur Welt. Seine Geburtsurkunde mit der ¹ 130 stellte die Sankt-Pauls-Kirche des evangelisch-lutherischen Konsistoriums in der Stadt Wladiwostok am 17. April 1918 aus. Es ist davon auszugehen, dass die Eltern bis 1918 in Wladiwostok lebten.

Wie ich bereits sagte, ist mir nur wenig über ihr Leben in Wladiwostok bekannt. Mama hatte vor Wanjas Geburt noch ein weiteres Kind, ein Mädchen, das aber noch im Säuglingsalter verstarb. Wir haben noch Fotos aus der Zeit ihres Lebens in Wladiwostok, auf dem der Vater und die Mutter mit ihrer Kleinen an den Händen zu sehen sind. Mama erzählte, dass ihre Gesundheit sich nach Viktors Geburt verschlechterte. Offensichtlich hing diese Verschlechterung mit dem Zustand ihrer Lungen zusammen, denn die Ärzte rieten ihr, einen Klimawechsel vorzunehmen. Wladiwostok ist eine Hafenstadt und verfügt über ein raues Klima. Davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich mich einmal in Wladiwostok aufhielt, und dort einen ganzen Tag am Ufer der Bucht des Goldenen Horns verbrachte. Ab dem Morgen herrschte wunderbares sonniges Wetter, ich wärmte und sonnte mich. Aber plötzlich kam Wind auf, die Sonne verschwand, der ganze Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und mir wurde schrecklich kalt. Und da verstand ich die Notwendigkeit, dass Mama Wladiwostok verlassen sollte.


Meine Mama – Jekaterina Dinges

1921 verließen sie Wladiwostok und zogen nach Krasnojarsk. Der Vater fand als Heizer Arbeit in der Eisenbahn-Werkstatt. Sie lebten bis 1922 in einer Privat-Wohnung in Nikolajewka – Bezirk Krasnojarsk. 1922 zog die Familie nach Jakutsk. Vater fand Arbeit in den Wasserwerkstätten als Kesselbetreiber. 1923 verließ die Familie Irkutsk und zog in die Ortschaft Chor im Gebiet Chabarowsk, Region Fernost, in einen Bezirk namens Laso, unweit der Stadt Chabarowsk. Nach Berichten der Mutter war der Vater hier in der Waldwirtschaft, in einem Sägewerk, als Schmied und Heiter beschäftigt. Sie erzählte, dass der Vater einen Kran für die Verladung von Holz konstruierte und damit auch selbst arbeitete, bis er den Arbeitern beigebracht hatte, wie man damit umgeht. In diesen Jahren wütete der Typhus. Mama erzählte, dass der Vater daran erkrankte und man ihn ins Dorfkrankenhaus brachte. Der Typhus schwächte ihn sehr, er nahm sehr stark ab, und Mama, strickte, damit er schneller gesund wurde, Sachen, ging ins Dorf und tauschte sie gegen Fleischprodukte ein. Wanja und Viktor lernten während dieser Zeit in der Schule. Und das ist alles, was mir über ihr Leben an der Bahnstation Chor bekannt. Olja wurde dort am 9. Juli 1925 geboren, worüber im Buch der Personenstandsurkunden der Ortschaft mit Datum vom 15. Juli ein Eintrag vorgenommen wurde. 1924 zog die Familie in die Stadt Schlisselburg.

Bis heute existiert im Fernen Osten, unweit der Stadt Chabarowsk und der Bahnstation Chor, der Chorer Forstwirtschaftsbetrieb, und ich war dort mit Studenten auf Dienstreise. Heute ist es ein großes Holzbeschaffungsunternehmen, und möglicherweise arbeitete der Vater in jenen Jahren in dieser Firma. Natürlich ist es für mich jetzt schwer, den Zeitpunkt ihres Eintreffens und ihre Abreise aus Chor exakt zu ermitteln.

Als Mama ihre Rente beantragte, benötigte sie eine Bescheinigung vom Arbeitsplatz des Vaters. Sie bekam ein Dokument der Schlisselburger Schiffsreparatur-Werft ausgehändigt, wo der Vater in der Position des Heizers vom 6. Oktober 1927 bis 18. Januar 1938 tätig gewesen war. Doch im Rentenordner hat Mama das Protokoll der Kommission verwahrt, in dem bestätigt wird, dass der Vater in dieser Fabrik nicht erst ab 1927, sondern bereits ab1925 arbeitete. Im Protokoll sind die Kollegen des Vaters erwähnt – die Heizer N.I. Parikow und W.I. Klukowin, die bestätigten, dass der Vater in diesen Jahren mit ihnen zusammenarbeitete. Dieses Dokument fand bei der Berechnung der Rente keine Berücksichtigung, aber es ermöglicht die Feststellung, dass die Familie 1925 bereits in der Stadt Schlisselburg lebte.

Schlisselburg

Ich wurde am 2. Januar 1927 in der Stadt Schlisselburg, Goubernement Leningrad, geboren. Wir wohnten in der Straße Kleiner Newskij-Kanal im Haus ¹ 82, welches der Schiffsreparatur-Werft gehörte. Die Straße war eine Einbahnstraße; zur einen Seite hin verliefen die Straßen, auf der linken, wenn vom Stadtzentrum flussabwärts ging, standen Wohnhäuser, an der anderen Seite verlief das Ufer der Newa, genauer gesagt – der Kleine Newskij-Kanal. Die Sicht auf die newa wurde von einer Insel verdeckt, auf der sich die Anlage der Pjotr-Aleksejew-Baumwolldruck-Fabrik befand. Zwischen der Straße Kleiner-Newskij-Kanal und der Insel gab es einen Nebenfluss der Newa, unser Lieblingsplatz zum Bootfahren. Die Insel erstreckte sich entlang des Newa-Ufers, verdeckte die Sicht auf die Newa selbst und die Bewohner der Straße konnten lediglich mit dem Blick auf die Fabrikgebäude vorliebnehmen. Der Kleine-Neskij-Kanal war in jenen Jahren noch in Betrieb, und wir Kinder liegen immer los, um den Arbeitern beim Öffnen und Schließen der Schleusenklappen zu helfen, denn die Schleusen befanden sich geradewegs gegenüber von unserem Haus. Die meisten Bewohner der Straße Kleiner-Newskij-Kanal besaßen Boote, auch wir hatten eins. Wir fuhren schrecklich gern damit herum, die Eltern schimpften, erlaubten es uns dann aber doch. In Schlisselburg, ebenso wie im Gebiet Leningrad, war der Skisport im Allgemeinen weit verbreitet. Mit meinen zehn Jahren begeisterte ich mich sehr dafür. Áåðåãà Íåâû áûëè èäåàëüíî Die Ufer der Newa eigneten sich hervorragend für Abfahrtsrennen. Sprungschanzen in der gewünschten Höhe und Sprungentfernung bauten wir uns selbst aus Schnee.


Bruder Viktor fährt mit Freunden im Boot

In Schlisselburg, wie überall in der Umgebung von Leningrad, war eine besondere Art von Schlitten im Winter weit verbreitet, die man “Finki” nannte. Die Kufen solcher Schlitten waren aus Profilstahl gefertigt. Die Vorderenden der Kufen wiesen eine radiale Krümmung auf, wie es bei Schlitten auch üblich ist. Die Kufen gleiten über den Schnee, häufiger über Eis, und die engste Seite der Kufen weist eine Breite von einem Zentimeter auf. Auf den Kufen wird der Sitz befestigt, der aussieht wie ein Stuhl mit Rückenlehne. Zwei Beine passen auf die eine Kufe, zwei auf die andere. Für gewöhnlich fährt man auf so einem Schlitten zu zweit: einer setzt sich auf den Stuhl, der andere – übt die Rolle einer Rikscha aus: der linke Fuß steht auf der Kufe, die Hände umfassen die Rücklehne des Stuhls, und der rechte Fuß stößt ab und zwingt den Schlitten in eine Richtung. Für eine bessere Griffigkeit auf dem Schnee oder dem Eis versieht man das rechte Bein mit so einer Vorrichtung, die eben dieses bewirkt. Solche Finki-Schlitten hatten wir damals.

In Schlisselburg gab es in den Jahren zwei Unternehmen, die das Stadtbild prägten: Die Newsker Schiffsreparatur-Werft (Nord-West-Flussschiffahrts-Reederei) des Ministeriums der Binnenflotte der RSFSR unter der Anschrift: Fabrik-Insel, Haus ¹ 2. Das andere Unternehmen war die Pjotr-Aleksejew-Baumwolldruck-Fabrik, die sich ebenfalls auf der Insel befand. Die Insel war durch eine Brücke, die über einen Nebenarm der Newa führte, mit der Stadt verbunden.

Die Stadt Schisselburg wurde 1702 gegründet. Obwohl sie bereits 1323 als Festung zum Schutz vor den Schweden an der Mündung der Newa in den Ladoga-See angelegt wurde. Die Stadt liegt am linken Ufer der Newa und auf Befehl Peters I. kreuz und quer von Kanälen aus Granit durchzogen, die man von irgendwo hergeholt hatte. Um nach Leningrad zu gelangen, das war immer sonntags, gingen wir mit der ganzen Familie zur Anlegestelle Schlisselburg, bestiegen einen kleinen Dampfer und setzten zum gegenüberliegenden Ufer über, vorbei an der Festung Schlisselburg. Anschließen benutzten wir den Vorortzug bis zum Finnischen Bahnhof, und von dort ging es “weiter durch die Stadt”.


Mein Vater – Peter Adamowitsch Dinges

Mein Vater arbeitete als Brigadeführer der Heizer in der Newsker Schiffsreparatur-Werft. Als Stachanow-Arbeiter wurden seine großformatigen Bilder ständig beim Gebäude der Fabrikverwaltung ausgestellt. Die gesamte Binnenschifffahrtsflotte war mit Kohle in Betrieb, und das heißt – es gab Kessel, in denen die Kohle verbrannt wurde, und die Kessel mussten instandgehalten und repariert werden. Auch diese Arbeit wurde vom Vater und seinen Brigadearbeitern verrichtet. Die Kesselschmiede wurden als “Auerhähne” bezeichnet. Es war eine harte Arbeit. Bruder Viktor arbeitete in derselben Fabrik als Dreher.

Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt, jeder hatte seine spezielle Tätigkeit. Olga und ich waren mit schulischen Dingen befasst. Der älteste Bruder Wanja arbeitete anfangs auch in der Schiffsreparatur-Werft. Später wechselte er zur Baumwolldruck-Fabrik als Norm-Sachbearbeiter. Wanja war aktives Mitglied der Laienspielgruppe der Fabrik. Er hatte immer eine Ader für das Schauspiel. Er sagte dem Vater sogar, dass er gern die Theaterfachschule besuchen würde, doch der Vater hieß diese Idee nicht gut. Auf der Bühne des Fabrik-Clubs spielte Wanja in Stücken, die seinerzeit sehr populär waren. Es gibt noch ein Foto, auf dem er mit einer Gruppe von Amateurschauspielern zu sehen ist; die Aufnahme wurde nach einer Aufführung direkt in der Schminkabteilung gemacht wurde.


Viktor auf dem Fahrrad

Viktor hatte viele Freunde und gute Kameraden, so dass der Vater sich um die Erziehung seiner Söhne leine Sorgen machen brauchte. Wir besaßen ein Fahrrad, und die Brüder, besonders Viktor, fuhren gerne damit herum. Aber wenn es gerade nicht benutzt wurde, dann fuhr ich damit. Natürlich konnten meine Füße, wenn ich auf dem Sattel saß, die Pedale noch nicht erreichen, deswegen musste ich auf den Pedalen stehen – die Hände am Lenker, und dann ging es los.
Der Vater besuchte gerne Auktionen, die in diesen Jahren von den Behörden veranstaltet wurden, um dort die Sachen von Inhaftierten und Enteigneten zu veräußern. Unter unseren Spielsachen gab es zahlreiche Dinge, die auf diesen Auktionen erworben worden waren. Ich kann mich an eines noch gut erinnern – ein Buch, welches wir “Zarinnen-Buch” nannten. Es handelte sich um einen prächtigen Folianten, wo in Farbe die Mode aller Epochen und Völker abgebildet war. Daneben gab es bei uns eine Menge reich ausgestatteter Bücher, die in der Zeit vor der Revolution herausgekommen und ebenfalls auf Auktionen ersteigert worden waren. Vater kaufte sich eine Taschenuhr mit dem Firmenstempel “Pawel Bure” (Paul Buhré; Hoflieferant des russischen Zaren; Anm. d. Übers.) und für die Schwestern – goldene Armbanduhren.

Wir waren vier Kinder, und der Vater verstand sehr gut, dass die Familie ihr eigenes kleines Reich benötigte. Unweit der Stadt Schlisselburg gab es einen Sandsteinbruch, aus dem Sand gefördert wurde. Der Sand wurde auf einer Schmalspurschiene mittels Lokomotiven-Zugkraft ans Ufer der Newa gebracht, wo er auf Lastkähne verladen wurde. Diese Verladestelle befand sich am Stadtrand von Schlisselburg, ebenso das Lokomotiven-Depot. Der Vater, als Heizer, arbeitete dort abends und reparierte Loks. An seinem Hauptarbeitsplatz – auf der Schiffsreparatur-Werft – war er Brigadeführer der Heizer, und dies stellte für ihn einen Zusatzverdienst dar. Wanja und Viktor halfen ihm mitunter bei dieser Tätigkeit.

Vater hatte eine Idee – er wollte sein eigenes Nest, und dann ging sein Wunsch in Erfüllung. In der Stadt Schlisselburg, in der Proletarskij-Straße ¹ 15 lebte der Este Andrej Andrjewitsch Erglis. Er verkaufte dem Vater für viertausend Rubel ein eingeschossiges Holzhaus. Dem Hausbesitzer Erglis überließ der Vater in dem erworbenen Haus ein Zimmer – lebenslänglich und kostenlos. Vater baute noch ein zweites Stockwerk darauf: je ein Zimmer für Wanja und Viktor, und als das Haus fertig war, kam der Augenblick der Verhaftung. Das Nest für die Familie war gebaut, aber sogleich wieder zerstört worden.

Die Verhaftungen


Mein Vater – Peter Adamowitsch Dinges

Vater wurde am 18. Januar 1938 verhaftet – ein weiteres Opfer des Krasnojarsker Terrors. Am 25. März wurde er als Agent der deutschen Spionageabwehr zum Tod durch Erschießen verurteilt. In den Jahren 1937-38 wurde über alle Schuld- oder Unschuldsfragen von Troikas entschieden. Eine solche Troika beschloss auch das Schicksal meines Vaters. Die Troika (der Gehilfe des operativen Bevollmächtigten der 2. Abteilung Timofejew, der Leiter der 11. Abteilung und Leutnant der Staatssicherheit Tellinen sowie der Chef der 11. Abteilung der Behörde für innere Angelegenheiten bei der Leningrader NKWD-Verwaltung und Hauptmann der Staatssicherheit Magbert) entschied: die Ermittlungsakte ¹ 41102 - Jahr 38, bezüglich der Beschuldigung des Peter Adamowitsch Dinges nach § 58-6 des Strafgesetzes der RSFSR zur weiteren Verfügung an das NKWD der UdSSR weiterzuleiten; gemäß Befehl ¹ 00485 des Volkskommissars für innere Angelegenheiten der Sowjetunion, des Generalkommissars der Staatssicherheit Jeschow, zu verurteilen nach der 1. Kategorie (Erschießung).

Der Sohn des älteren Bruders Wanja erhielt Zugang zu den Archiven des NKWD, und dort gibt es ein sehr interessantes Dokument:

À. Ê. Ò., 9. April 1938.

Das Urteil in Bezug auf Peter Adamowitsch Dinges wurde von mir, dem Kommandanten der NKWD-Behörde des Gebietes Leningrad und dem Oberleutnant der Staatssicherheit D.R. Polikarpow wurde auf Grundlage der Anordnung des stellvertretenden Leiters der NKWD-Behörde im Gebiet Leningrad, dem Major der Staatssicherheit Garin, vom 8. April 1938, ¹ 223423, vollstreckt. Der oben genannte Verurteilte wurde erschossen.

Unterschrift. 9. April 1938.

Noch eine Tropika entschied zu Sowjetzeiten: die Anordnung der Kommission (Troika) des NKWD der UdSSR vom 9. November 1937 in Bezug auf L.S. Kunes, vom 8. Januar 1938 in Bezug auf A.F. Gossek und vom 5. März 1938 in Bezug auf P.A. Dinges ist aufzuheben und ihr Fall aus Mangel an Beweisen für die gegen sie erhobenen Anklagen einzustellen. Sie wurden posthum rehabilitiert. Lew Solomonowitsch Kunes, Ingenieur, und Anton Franzewitsch Gossek, Betonarbeiter, stammten beide aus Leningrad; sie wurden erschossen, Kunes 1937, Gossek 1938. Beide Nachnamen sind in den Verhörprotokollen erwähnt. Wo sich das Grab des Vaters befindet, ist uns nicht bekannt, aber wir wissen, dass die Opfer der Erschießungen der 1930-er bis 1940-er Jahre ab Sommer 1937 in der Siedlung Lewaschowo, Bezirk Wybor, Stadt Leningrad, bestattet wurden.

Wir lebten in der Nähe von Leningrad, und in diesen Jahren herrschte ein schrecklicher Terror, es waren allgemeine Verhaftungen im Gange, besonders in Leningrad und dem Leningrader Gebiet. Die Familien der Verhafteten wurden nach Mittel-Asien und andere beängstigende Orte verbannt, und sie schrieben erschreckende Briefe nach Hause. Mama kannte den Inhalt dieser Briefe.

Mein Bruder Viktor nahmen sie am 5. Februar fest, achtzehn Tage nach der Verhaftung des Vaters. Wieder ein Opfer des “Roten Terrors”. Ich ging zur Schule und begegnete Viktor. Er wurde von zwei Männern in Zivil abgeführt. Er blieb stehen, sagte irgendetwas zu mir und sie geleiteten ihn weiter in Richtung unseres Hauses, offenbar um dort eine Durchsuchung durchzuführen; danach sah ich ihn nicht wieder. Mama erzählte, dass sie ein Wiedersehen mit Viktor erwirkt hätte. Das war die letzte Begegnung mit ihrem Sohn. Mutter berichtete, dass es schwer war ihn anzuschauen. Die sowjetischen Folterkammern haben alle gebrochen.

Viktors Strafakte war “fein säuberlich” zusammengezimmert worden. Sie ordnete ihn einer “konterrevolutionären faschistischen Spionage- und Sabotage-Gruppe” zu, die angeblich 1935 gegründet worden war. Zu ihr gehörten neben Viktor auch zwei Brüder Waidman, Jurij – Baggerarbeiter und Pawel – Wächter in der technischen Abteilung, sowie der Mitarbeiter der Schiffswache I.S. Rolsing. Dieselbe Troika (Timofejew, Tallinen und Migbert), die sich schon den Vater vorgenommen hatte, beschloss auch in diesem Fall: die Ermittlungsakte unter der ¹ 41722 (Aktenzeichen der Gruppe) zur Überprüfung ans das NKWD der UdSSR zu übermitteln, gemäß Befehl ¹ 00485 des Volkskommissars für innere Angelegenheiten, des General-Kommissars der Staatssicherheit Jeschow, nach der 1. Kategorie.

Doch Viktor Dinges‘ Schicksal sollte sich anders fügen. Auf Anordnung einer Sondersitzung des NKWD der UdSSR vom10.04.1938 wurde für V.P. Dinges die Inhaftierung in einem Besserungs-/Arbeitslager (Konzentrationslager) für eine Dauer von 10 Jahren bestimmt. Am 18. Juli 1938 wurde V.P. Dinges aus einem NKWD-Gefängnis im Leningrader Gebiet nach Wladiwostok geschickt, in eine Abteilung des SewWostLag des NKWD, zur weiteren Überführung nach Kolyma. Letzteres bestätigt (!!!) eine Gefängnisbescheinigung, ausgestellt 1938, Datum und Monat sind unklar. In dem Dokument heißt es:

NKWD-Behörde des Gebietes Leningrad, Gefängnis-Haftanstalt, Gefängnis ¹ 2, Stadt Leningrad, 8. Abteilung der Behörde für Staatssicherheit der NKWD-Behörden im Leningrader Gebiet.

Unter ¹ S.G. - 41724 vom 11.06.1938. Wir teilen mit, dass der Häftling Viktor Petrowitsch Dinges am 18. Juli 1938 in die Stadt Wladiwostok zur Verfügung des Leiters des SewWostLag zur Verschickung nach Kolyma gebracht wurde.

Darunter gibt es zwei Unterschriften: des Gehilfen des Leiters des Gefängnisses ¹ 2 und des Leiters der Erfassungs- und Verteilungsstelle. Mit diesem Dokument sind sämtliche weiteren Zeugnisse über Viktors Schicksal verschwunden. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Viktor im Gefängnis ¹2 ums Leben kam und nicht nach Kolyma gebracht wurde; diese Bescheinigung aus dem Gefängnis wurde c zu dem Zweck erstellt, um uns in die Irre zu führen.

Auf unsere Anfrage an den föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation, Behörde für die Stadt und das Gebiet von Sankt-Petersburg, mit der Bitte uns Informationen über Viktor Petrowitsch Dinges mitzuteilen, antwortete die Behörde für die Registrierung von Archivbeständen am 16. Juni 1998:

W.P. Dinges. Auf Anordnung einer Sondersitzung des NKWD der UdSSR \ Troika \ vom 10.04.1938 wurde die Inhaftierung in einem Besserungs-/Arbeitslager für die Dauer von 10 Jahren festgesetzt. Am 18. Juli 1938 wurde V.P. Dinges aus dem Gefängnis ¹ 2 des NKWD des Leningrader Gebiets nach Wladiwostok gebracht, in die Abteilung des SewWostLag des NKWD zur weiteren Verschickung nach Kolyma.

Das alles ist eindeutig eine Lüge.

Wir sind im Besitz einer Gefängnisbescheinigung, ausgestellt 1938 von der NKWD-Behörde des Gebiets Leningrad, Gefängnis-Haftanstalt, Gefängnis ¹ 2, der Stadt Leningrad. Diese Bescheinigung wurde von der 8. Abteilung der Behörde für Staatssicherheit ausgestellt, und zwar auf Anfrage der Behörde für Staatssicherheit der NKWD-Behörde ¹ S.G – 41724 vom 11.04.1938, die darum gebeten hatte, Auskunft über den Aufenthaltsort des Gefangenen V.P. Dinges zu erteilen. In der Bescheinigung heißt es:

Wir teilen mit, dass V.P. Dinges am 18. Juli 1938 zur Verfügung des Leiters des SewWostLag in die Stadt Wladiwostok, zur weiteren Verlegung nach Kolyma, verbracht wurde.

Unterzeichnet: Gehilfe des Leiters des Gefängnisses ¹ 2 \ Myschlennikow \. Leiter der Erfassungs- und Verteilungsstelle \ Guk\.

Es ist mir unverständlich, weshalb die 8. Abteilung der Behörde für Staatssicherheit der NKWD-Behörde sich für den Gefangenen V.P. Dinges interessierte und wieso die Leitung des Gefängnisses ¹ 2, in dem V.P. Dinges inhaftiert war, der 8. Abteilung der Behörde für Staatssicherheit des NKWD Antwort geben sollte. Das bringt einen doch auf den Gedanken, dass Viktor im Gefängnis verstarb.

Allerdings bleibt uns Viktors Todesort unbekannt. Nach beharrlichen Anfragen schickte man uns schließlich seine Sterbeurkunde, in der es heißt:

Verstorben am 11. Juni 1939 im Alter von 22 Jahren, worüber im Personenstands- und Sterberegister am 10.Mai des Jahres 2000 ein Eintrag unter der ¹ 1-D vorgenommen wurde. Die Todesursache wurde nicht ermittelt. Todesort: Region Magadan, Republik Russland. Ort der Registrierung: Standesamt Schlisselburg, Gebiet Leningrad. Ausstellungsdatum: 10. Mai 2000.

Wenn du derartige “Dokumente“ liest, denkst du: was muss das für eine Regierung sein, dass sie den Menschen solche “Dokumente” ausstellt, in denen sie sie auch noch verhöhnt und verspottet. Verständlich, dass niemand weder das Jahr noch den Ort noch den Grund für Viktors Tod kennt. So verhält es sich mit Millionen solcher Menschen, “über deren weiteres Schicksal, ihren Vernichtungsort, es keinerlei Zeugnisse gibt”.

Im August 1989 wurde Viktor rehabilitiert. Das Opfer des Roten Terrors erhielt seine Rehabilitation 51 Jahre später. Und wie merkwürdig sich das anhört:

Viktor Petrowitsch Dinges fällt (!!!) in den Gültigkeitsbereich von Artikel 1 des Dekrets des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 16. Januar 1989 “Über die zusätzliche Maßnahmen zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit in Bezug auf die Opfer der Repressionen, die im Zeitraum der 1930er und 1940er Jahre sowie Anfang der 1950er Jahre stattgefunden haben.”

Das ist alles. Und wo ist die Reue? Die Sowjetmacht ist nicht in der Lage Reue zu zeigen.

Die Verhaftung von Bruder Wanja

Meinen Bruder Wanja verhafteten sie am 10. Juni 1938. Dabei kam die Verhaftung vollkommen unerwartet. Ungefähr einen Tag vor der Festnahme erhielt Wanja eine Nachricht, in der es hieß, dass er innerhalb von vierundzwanzig Stunden Schlisselburg verlassen solle. Wie ich mir das heute vorstelle, hat das todsicher ein Gutmensch veranlasst. Wanja kam dieser Aufforderung nicht nach. Allerdings hatte er dafür auch seine Gründe: Nina, Wanjas erste Frau hatte ein Kind, und sie konnte nicht einfach wegfahren. Aber trotzdem beschloss Wanja, sie fortzubringen. Nach der Verhaftung des Vaters und Viktors hatten sie Wanja den Ausweis weggenommen, deswegen händigten sie ihm in den ersten Junitagen eine Bescheinigung aus. Darin stand, dass Wanja in den Kanton Seelmann, ASSR der Wolgadeutschen nachkommen und am 11. Juni am Bestimmungsort eintreffen sollte. Anschließend wurde diese Art Visum von irgendeinem Leiter bis zum 15. Juli verlängert, aber Wanja nutzte diese Möglichkeit nicht. Wanja besaß in Schlisselburg zahlreiche Bekannte, die gute Posten innehatten. Und so beschloss er, einen von ihnen aufzusuchen – einen NKWD-Mitarbeiter, um mit ihm zu reden. Während der Zeit betrat ein höhergestellter Leiter das Amtszimmer, bemerkte Wanja und sagte: “Was macht der denn hier?”. Danach begannen die Mitarbeiter, nachdem sie ein Rundholz vom Diwan genommen hatten, der in der Amtsstube stand, Wanja damit zu verprügeln. Dann riefen sie die Wachen und verhafteten Wanja. Das ereignete sich am 10. Juli 1938.


Nina, Bruder Wanjas erste Frau mit Sohn Valentin

Später wurde in Schlisselburg eine Bescheinigung über die Verhaftung, die Anordnung bezüglich der vorbeugenden Maßnahmen und den Haftbefehl ausgestellt. Vor der Festnahme arbeitete Wanja als Normen-Sachbearbeiter in der Planungsabteilung der P. Aleksejew-Fabrik. Daher wurden Mitarbeiter dieser Abteilung herangezogen: der Sekretär des Komitees der Allrussischen Leninistisch-Kommunistischen Jugend-Organisation Maksimow, das Fräulein Tjapkowa – Angestellte in der Abteilung, Loban – Mitarbeiter der Abteilung. Sie alle sagten gegen Wanja aus. All ihre Aussagen kann man in den Archiven finden. Später, im Jahr 1957, zogen einige von ihnen – Maksimow und Loban – ihre 1938 gemachten Aussagen zurück, indem sie sagten, dass das Protokoll falsch dargestellt worden wäre. Doch am 14. Juni 1938 beschloss die Troika:

Die Ermittlungsakte ¹ 45113-38 bezüglich der Beschuldigungen gegen Iwan Petrowitsch Dinges nach § 58-10 des Strafgesetzes ist zur Verfügung des NKWD der UdSSR weiterzuleiten – gemäß Befehl ¹ 00485 des Volkskommissars für innere Angelegenheiten, des Generalkommissars der Staatssicherheit, des Genossen Jeschow, nach der 1. Kategorie.

Und die Troika setzte sich zusammen aus: dem operativen Bevollmächtigten Juschkow, dem Chef der Schlisselburger Stadt-Abteilung des NKWD - Unterleutnant der Staatssicherheit Tworilow - und dem Leiter des Leningrader operativen Sektors der NKWD-Behörde im Gebiet Leningrad – dem Leutnant der Staatssicherheit Kondratowitsch. Iwan Petrowitsch Dinges wurde von einer Troika der NKWD-Behörde des Gebietes Leningrad zu 10 Jahren Besserungs-/Arbeitslager verurteilt. Im November 1940 reichte Wanja Beschwerde ein, die unter der Aufsicht des Staatsanwalts der Abteilung für Sonderangelegenheiten Jakubenko geprüft wurde. Es wurde folgende Entscheidung getroffen: der Beschwerde des Verurteilten Dinges sollte nicht stattgegeben werden, worüber er zu informieren wäre. Wanja verbrachte 10 Jahre hinter Stacheldraht. Im September 1957 wurde eine Beschwerde an die Staatsanwaltschaft der UdSSR eingereicht, mit der Bitte, das Urteil zu überprüfen, das 1938 von der Sonder-Troika gefällt worden war, und es als solches für ungültig zu erklären, da es aufgrund von gefälschtem Ermittlungsmaterial nicht objektiv zustande gekommen war. Und wieder die Troika: (ein General-Major und zwei Oberstleutnante):

Der Fall des Angeklagten Iwan Petrowitsch Dinges wurde vom Militärtribunal des Leningrader Wehrkreises am 21. Oktober 1957 geprüft. Die Anordnung vom 11. Oktober 1938 in Sachen I.P. Dinges wurde für ungültig erklärt und das Verfahren aus Mangel an Tatbeständen eingestellt.

Und die 10 Jahre hinter Stacheldraht? Wie sieht es damit aus? Keine Antwort.

Wolgagebiet

Da sie um mich und Olga große Angst hatte, brachte Mama uns fort, und wir versteckten uns zunächst irgendwo bei Bekannten in der Nähe von Leningrad, anschließend fuhr Mama mit uns nach Woronesch, wo gute Bekannte von uns wohnten. Bei ihnen blieben wir eine Zeit lang.

Dann brachte Mama uns in die Ortschaft Bangert in der Deutschen Wolgarepublik, wo wir uns bei ihrer Schwester, Tanta Sonja, bis Mai 1939 versteckt hielten. Die nicht sehr große Ortschaft Bangert liegt ein wenig abseits der Straße, wenn man aus der Stadt Engels in Richtung Süden des Landes fährt. Der Ort ist protestantisch und grenzt beinahe an ein anderes Dorf namens Teller, in dem die Einwohner katholisch sind. Die Bewohner der beiden Ortschaften mochten sich nicht besonders gerne. Die Dörfer besaßen herrliche Obstgärten, die entlang der Straße angelegt waren. Einige Jahre lang musste ich meinen Verwandten dabei helfen, die Obstgärten zu bewachen, indem ich draußen im Garten übernachtete.

Trotzdem sollten Schwester Olga und ich trotzdem unbedingt weiter lernen, aber russische Schulen gab es nur in der Stadt Engels. Deswegen wurde beschlossen zu Mutters Bruder, Onkel August, zu fahren, der zu der Zeit in Engels wohnte und arbeitete. Bei ihm lebten wir von Mai 1939 bis August 1941. Mama fand Arbeit als Reinmachefrau im Kontor “Sagotseno”, der Getreidebeschaffungsstelle, wo Onkel August als Direktor tätig war. Ich absolvierte die fünfte und sechste, Olga die sechste und siebte Klasse. Ein bisschen kann ich mich aus jenen Jahren noch an den Finnischen Krieg erinnern, wahrscheinlich deswegen, weil man in der dunklen Jahreszeit in der Schule das Licht ausschaltete und uns nach Hause schickte.

Verbannung

Entsprechend dem Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 wurden wir im September 1941 aus der Stadt Engels in die Ortschaft Turguschan, Uschursker Bezirk, Region Krasnojarsk, ausgesiedelt. Die Aussiedlung gestaltete sich wie ein schrecklicher Pogrom. Die Menschen verloren alles, sie waren gezwungen, alles zurückzulassen, was sie sich über Jahre angeschafft hatten. Und dieses Los ereilte nicht nur die Wolgadeutschen, sondern auch andere Völker: die Nachbarn der Deutschen – die Kalmücken, die Krim-Tataren, Tschetschenen, Inguschen und zahlreiche andere Nationalitäten. Was habe ich nicht alles für Volksgruppen während meiner Verbannungszeit gesehen. Aber es herrschte Krieg, und so ließ sich alles wenigstens irgendwie begründen. Einmal begegnete ich einem aus den baltischen Republiken stammenden Verbannten, der in den Nachkriegsjahren, in den 1950ern, ausgewiesen worden war. Diese Leute warn, wie man ihnen erklärt hatte, ausgesiedelt worden, um den Platz für andere frei zu machen – verständlich für wen.

Man ließ uns Güterwaggons besteigen, an den Türen Wachen, und transportierte uns über Mittel-Asien ab nach Sibirien. Während wir auf der Turk-Sib-Linie fuhren, war es nicht so schlimm. Aber als der Zug hinter Nowosibisrsk auf die Trans-Sib abbog, sahen wir das schreckliche Sibirien. Die meisten Häuser ohne Dächer, das Vieh mitten im Schnee stehend. Es fiel uns schwer das anzusehen.

Aus den Güterwaggons ausgeladen wurden wir an der Bahnstation Uschur; anschließend brachten sie uns auf Leiterwagen in die Ortschaft Turguschan, wo sie uns in den Häusern von Kolchosbauern unterbrachten. Wer arbeitsfähig war, musste arbeiten.

Freilich arbeiteten wir vorerst nicht – es herrschte Winter, aber Mama fand Arbeit als Reinmachefrau an der Turguschansker Schule. Ich besuchte in der Schule den Unterricht und absolvierte die siebte Klasse. Wir wohnten auch in der Schule. Ab dem Frühjahr hütete ich die Kolchos-Schafe. Die Pferche und Ställe, in denen die Schafe übernachteten, befanden sich mehrere Kilometer vom Dorf entfernt; deswegen musste man früh aufstehen, um dann zum Arbeitsplatz zu fahren. So durchlebten wir den Winter.

Sie dachten, dass unsere Aussiedlung damit beendet gewesen wäre. Nein, der Hintergedanke war ein ganz anderer – auf uns warteten die nördlichen Bezirke am Fluss Jenissei. Diese Idee 1941 zu verwirklichen schien unmöglich, denn zu dem Zeitpunkt war der Jenissei bereits zugefroren – im August. Deswegen musste die Umsiedlung bis zum Juni 1942 verschoben werden. Im Juni 1942 brachten sie uns von Turguschan über die Bahnstation Uschur in die Stadt Krasnojarsk, ans linke Ufer des Jenisseis, verluden uns dort auf einen Leichter (Lastkahn) und transportierten uns auf dem Jenissei in den Norden der Region Krasnojarsk. Der Leichter zog eine Schiffskarawane hinter sich her. Auf dem Lastkahn befanden sich Pritschen, auf denen wir uns niederließen. Die Karawane fuhr den Jenissei flussabwärts, legt bei den Siedlungen an, in denen es mindestens ein Haus gab und ließ am Ufer eine bestimmte Anzahl Verbannter zurück. Es waren Menschen aller Nationalitäten: Deutsche, Juden, Russen, Kasachen, Esten, Letten und andere. Sie gruben sich Erd-Hütten in den Boden und richteten sich darin, so gut es ging, ein. Wir warteten geduldig, wann wir an die Reihe kämen. Wir lachten, “je weiter, desto besser”. Wir passierten Jenisseisk, Turuchansk, Kureika. In Igarka verkündeten sie eine Quarantäne und setzten uns für eine gewisse Zeit auf einer Insel ab, die im Jenissei, gegenüber der Stadt Igarka, lag. Nachdem wir dort einige Tage ausgehalten hatten, wurden wir erneut auf einen Leichter verladen und weitertransportiert. Wir kamen an Dudinka, Ust-Port, Karaul vorbei und gerieten in die Jenisseisker Bucht, in die Siedlung Dorofejewsk, ungefähr 50 km von der Insel Dickson entfernt. In dieser Gegend beträgt die Breite des Jenisseis nach den Worten der ortsansässigen Fischer 35 km und sie nennen sie “breite Überfahrt”.
Dorofejewsk

Dorofejewsk befindet sich am linken Ufer des Jenisseis, und auf dem gegenüberliegenden Ufer liegen die Siedlungen Goltschicha und Swerewo. Am linken Ufer, nahe Dorofejewka, gibt es eine Siedlung namens Nassonowskije Pjesski. In Dorofejewska gab es nur drei Häuser, in denen ortsansässige Fischer wohnten, daher wurden die Neuankömmlinge auf den Dachböden dieser Häuser untergebracht.

Ich weiß nicht, wie es sich erklären lässt, aber in Dorofejewka, am Ufer des Jenisseis, lagen, wie ein göttliches Geschenk, acht oder zehn Wohnhäuser aus Holzbalken und alles, was man dafür sonst noch benötigte – Fensterrahmen, Türen und ähnliches. Alle, die in der Lage waren, sich mit Bauarbeiten zu befassen, machten sich an die Häuser. Und das bewahrte uns vor den Erd-Hütten, in denen die Menschen überwintern mussten, die schon vorher an anderen Stellen ausgesetzt worden waren. Zu Beginn der Kälte waren die Häuser im Großen und Ganzen fertig. Ich befasste mich zusammen mit einem Ofensetzer namens Zich mit dem Setzen von Öfen. In einem dieser Häuser ließen auch wir uns nieder: Mama, ich und Olja. Insgesamt fanden auf den zweistöckigen Pritschen zehn Personen Platz; wir Drei, vier Mitglieder der Familie Sinter: Mutter, Vater und Tochter Emma mit Bruder Arthur – und dann noch drei. In einem der Häuser gab es eine Funkstation, und ich freundete mich mit dem Funker an; er hieß Jura. Ich verbrachte viel Zeit bei ihm.

Im Winter herrschte draußen ständig Nacht. 2005 geriet mir ein Büchlein von Fridtjof Nansen in die Hände – „Ins Land der Zukunft. Die Große Nördliche Eisenbahn von Europa nach Sibirien durch die Kara-See“, in dem er eine Beschreibung dieser Gegenden in den Jahren 1913-1914 gibt. Wenig hat sich hier seitdem verändert. Nansen erzählt von seinen Kontakten mit den Menschen, die ihn umgeben – sowohl mit der ortsansässigen Bevölkerung (Samojeden, Juraken, Ostjaken usw.) als auch mit den dort lebenden politischen Verbannten. Ich war auch von Verbannten umgeben, es waren aber keine politischen, sondern, nach Meinung der Kommunisten, einfach nur mögliche Feinde der Sowjetmacht. “Popen und Kulaken – unsere Feinde” – das sind die ersten Losungen der “jungen” Sowjetmacht. Deswegen musste ich mich mit ehemaligen Ehefrauen von Geistlichen und ehemaligen “Kulaken” unterhalten. Während der stalinistischen Jahre war die Sowjetunion multinational, und ich begegnete Verbannten aller Nationalitäten: Russen, Letten, Juden und vielen Menschen anderer Volkszugehörigkeiten.

Hier in Dorofejewsk konnten die Menschen lediglich Fischfang betreiben. Deswegen arbeitete Mama nicht, aber Schwester Olja fand Arbeit in der Fischverarbeitung, in der sogenannten “Fischabteilung”. Das war eine schwere Arbeit. Olja kam von der Arbeit, und Mama bereitete ihr ein Bad für die Hände, die vom Salz völlig zerfressen waren. Später nahmen Oljas Hände durch Polyarthritis großen Schaden. Im Sommer und Herbst, wenn es noch warm war, arbeitete ich als Gehilfe des Ofensetzers. Mama kümmerte sich um das Kind eines ortsansässigen Fischers; daher gab es auf unserem Tisch zum Mittagessen stets frischen Fisch. In der Regel handelte es sich dabei um wertvolle Fischarten: Nelma (sibirischer Weißlachs), Omul (eine Lachs-Art), Muksun (sibirischer Weißfisch), aber auch Tschir und Sig (große Maränen).

Vaters Pawel Bure-Uhr fand ebenfalls Berücksichtigung – sie wurde gegen Fisch eingetauscht. Den Verbannten stand eine Essensration zu, doch sie konnten sie nicht kaufen, denn es gab kein Geld, weil es keine Arbeit gab. Die Frauen und Kinder konnten keine Fische fangen, alle Männer waren in Konzentrationslagern, und die jungen, arbeitsfähigen Leute waren nur in geringer Anzahl vorhanden. Bei den Verbannten handelte es sich vorwiegend um betagte und ältere Menschen, alle Frauen und Männer hatten sie in die “Trudarmee” mobilisiert, genauer gesagt – in Konzentrationslager.

Mit uns im Haus lebte eine Familie namens Sitner: die alten Eltern und Sohn und Tochter im Alter von 17 Jahren. Der Sohn arbeitete in der Fischerei auf einem Boot. Einmal suchte ein Sturm das Boot am Breiten Übergang heim und alle Fischer ertranken, auch der Sohn kam ums Leben. Sein Leichnam wurde nie gefunden. Ich sagte bereits, dass die Breite des Jenisseis an dieser Stelle – der Jenisseisker Bucht - 35 km beträgt.

Freilich konnte in Dorofejewka von keiner Schule die Rede sein. So verbrachten wir dort den Winter. Es war ein schrecklicher Winter. Völlig unerwartet erkrankte Mama. Die Ärzte stellten die Diagnose “Blutvergiftung”. Sie befand sich in einem sehr kritischen Zustand. Wir dachten schon, das wäre das Ende. Mit uns zusammen wohnte eine alte Frau mit Nachnamen Sitner – eine “Bet-Schwester”. Sie versuchten, sich Mama zu nähern, um ihr das Abendmahl zu reichen, doch Olja jagte die Sitner davon. Trotz allem besserte sich Mamas Gesundheit und schließlich wurde sie wieder gesund. Das war wie ein Wunder. Der grimmige nördliche Winter hinterließ in meiner Erinnerung nur ein Naturwunder, die sogenannten Elmsfeuer – das Polarlicht.

Zum Frühjahr erkrankten viele an Skorbut. Olja und Mama betraf diese Krankheit weniger, aber mir machte sie arg zu schaffen: der rechte Fuß krümmte sich, dafür konnte ich das Knie nicht mehr geradestrecken, und damit lief ich herum. Das Zahnfleisch lockerte sich und begann schon bei leichtester Berührung zu bluten, die Zähne fielen aus. Schließlich brachten sie Tannennadeln (junge Triebe) und Bottiche, darin kochten sie einen Sud und wir tranken ihn dann aus Bechern. Der Skorbut ließ nach, das Bein ließ sich wieder strecken.

Dudinka

Im Frühjahr 1943 kam ein Vertreter des MWD aus Dudinka nach Dorofejewka. Mama sagte ihm, dass sie Schneiderin wäre und gut nähen könnte, und außerdem – was in der damaligen Zeit sehr wichtig war -, dass sie eine Nähmaschine besäße. Er meinte, dass er sie mit nach Dudinka nehmen könnte. Wir begaben uns auf einen Seiner (Fischerei-Fahrzeug; Anm. d. Übers.) und begaben uns nach Dudinka. Und so kamen wir im Herbst 1943 nach Dudinka.

Im November 1943 nahm ich beim Dudinsker Produktionskombinat eine Arbeit als Schneider (Zuschneider von Massen-Anfertigungen) auf. Das Kombinat gerbte Rentierhaut, nähte Stiefel, Unti (Fellstiefel; Anm. d. Übers.), Ohrenmützen, Über- und Unterkleider, für den Sommer und für den Winter, das heißt, es produzierte alles, was ein derartiges Kombinat üblicherweise herstellt. Ich erledigte das Zuschneiden von Massen-Ober – und Unterbekleidung. Mein Chef war der verbannte und enteignete Nikolai Nikolajewitsch Aksjonow, ein guter Zuschneider für Damenkleider und Herrenanzüge, der aus der Republik Komi ausgewiesen worden war. Mama kam als Schneiderin für Massenprodukte an dieses Kombinat, während Olga Arbeit bei der Sparkasse fand. Anfangs lebten wir dort in einem Wohnheim auf Pritschen, später zogen wir in ein Gemeinschaftszimmer im Haus der Sparkasse. Die Sparkasse wurde von einem gewissen Tschechlow geleitet, einem offensichtlichen Tataren. Mama kochte für ihn das Essen. In den letzten Jahren seines Lebens wurde er in der Region Krasnojarsk wegen seiner Sammel-Leidenschaft für Lenin-Porträts berühmt.

Das Leben in Dudinka bedeutet ein ständiges Gefühl für die Nähe des “Gulag”. Im Dudinsker Hafen gibt es eine doppelseitige Anlegebrücke Pier, an der Seeschiffe festmachen. Wenn sich an der Pier ein Schiff befindet, auf dem sich zu beiden Seiten der Schiffswand Bretter-Toiletten befinden, dann bedeutet das, dass sie Gefangene gebracht haben. In jenen Jahren - 1944, 1945 und 1946 – wurden recht viele von ihnen gebracht, vermutlich um deutsche Lager “freizumachen”. Als man sie ausschiffte, zwang man sie, schon auf der Pier, sich hinzuknien, und dann trieb man sie in die Zone, um sie weiter nach Norilsk zu schicken. Das war kein angenehmer Anblick.

Krasnojarsk

Wir lebten in Dudinka bis August 1946. Mama erfuhr zufällig, dass die Ehefrau von Mamas Bruder (Onkel August), Tante Amalia, mit ihren Kindern in Kansk wohnte. Wir beschlossen zu ihr zu fahren, wie die in Dudinka lebenden Menschen es nannten, “zur Magistrale zu fahren”. Wir beschafften uns in der Kommandantur die Erlaubnis für die Fahrt nach Kansk, kauften Fahrkarten für das Schiff “Spartak” und reisten mit unseren Habseligkeiten nach Krasnojarsk. Auf der “Spartak” wurden auch “ausgemusterte” (kranke) Häftlinge nach Krasnojarsk transportiert. Wir waren lange unterwegs – gegen die Strömung. Die “Spartak” war ein Raddampfer; man sagte: “Viel Schwung, aber kein Fortschritt”, deswegen dauerte es so lange, aber schließlich hatten wir uns in die Stadt Krasnojarsk ”geschleppt“. Vom Flussbahnhof begaben wir uns zur Eisenbahn-Station und trafen endlich in der Nacht in Kansk ein. Wir schrieben die ersten Nachkriegsjahre. Am Bahnhof Kansk ging es in der Nacht sehr beängstigend zu. Bis auf die Unterwäsche entkleidete Menschen liefen dort herum. Kansk war immer schon eine ausgefallene Stadt gewesen, aber in jenen Jahren – war es ganz besonders grauenvoll. Wir kauften Fahrkarten nach Krasnojarsk und fuhren wieder dorthin zurück.

Damals mussten wir uns jeden Monat einmal zur Kommandantur begeben, um uns dort beim Kommandanten registrieren zu lassen, und es hing voll und ganz vom MWD ab – sie verfügten über uns wie sie wollten. Ich sagte dem Kommandanten, dass ich Schneider wäre, und er schickte mich in die Schneiderwerkstatt, die sie “Generalsschneiderei“ nannten. Sie war für die höchsten MWD-Mitarbeiter tätig. Leiter war ein gewisser Orkow, ein verbannter Jude aus Riga. Er hatte ein eigenes Schneideratelier in Riga besessen und dort Kundschaft aus den höchsten Gesellschaftskreisen Lettlands bedient. èè. In der “Generalsschneiderei” arbeiteten noch zwei weitere Schneider, ebenfalls Verbannte: ein Pole und ein West-Ukrainer.

Wir ließen uns in einer Privatwohnung in der Urizkij-Straße 30 nieder. Wir wohnten in einem Zimmerchen, ich schlief auf dem Flur, Mama und Olja – im Zimmer, zusammen mit der Zimmerwirtin Tante Soja. Tagsüber arbeitete ich in der Schneiderei, abends, das heißt nachts, war ich zusätzlich für diese beiden Schneider tätig, um mir etwas hinzuzuverdienen. Das war eine schwere Zeit, ich bekam nur einen kümmerlichen Lohn, und Mama war überhaupt nicht berufstätig. Olja erhielt auch nur sehr wenig Geld. Wir lebten in äußerst ärmlichen Verhältnissen, und alles war damals sehr teuer. Freilich konnte ich während der Zeit nicht die Schule besuchen.

Bei der Kündigung aus dieser "Generals-Schule" half mir merkwürdigerweise mein Chef und Kommandant. Für uns Verbannte war das Wort Kommandant etwas, was für den normalen Menschen unverständlich ist. Wir waren vollständig abhängig von ihnen, sie verfügten über uns, wie es ihnen gerade passte. Und in diesem Fall setzte er alles daran, damit man mich aus dieser Einrichtung entließ, wofür ich ihm heute noch dankbar bin.

Ich begann im Industriekombinat des Krasnojarsker Sonder-Kaufhauses zu arbeiten, anfangs als Schneider in Heimarbeit, später wurde ich in die Schneiderwerkstatt für Oberbekleidung versetzt.

Während meiner Zeit im Sonder-Kaufhaus besuchte ich abends die Krasnojarsker Oberschule N° 1 für die arbeitende Jugend, 1947-1948 ging ich in die 9. Klasse, 1948-1949 in die zehnte. Olja beendete in diesen Jahren die zehnte Klasse. Im Juli 1949 gab ich meine Unterlagen beim Sibirischen Institut für Forsttechnik ab und wurde für ein Studium an der Fakultät für Forstingenieurwesen angenommen, wo ich in eine Gruppe von Mechanikern kam.

1947 lernte Mama die Lehrkräfte der Musikschule kennen: Nina Jewsejewa Kalatschewa und Ludmila Aleksandrowna Schukowa. Sie hatten kleine Kinder: Mischa und Lenja Kalatschew, Tanja und Schurik Schukow. Die beiden Frauen gingen ihrem Beruf nach und Mama kümmerte sich um die Kinder. Sie wohnten in einem Haus an der Ecke der Urizkow- und Surikow-Straße. Wir wurden für viele Jahre Freunde dieser beiden Familien.

Im September 1949 wurde ich Student am Sibirischen Forsttechnischen Institut. Die zukünftigen Ingenieure und Mechaniker wurden in zwei Gruppen unterteilt. Ich gehörte zur ersten Gruppe. Der Älteste der Gruppe war Sergej Bagajew. Es war eine starke Gruppe. Nach Abschluss des Instituts erhielten viele Diplome mit Auszeichnung. Einstweilen schien alles gut zu sein. So vergingen zwei Jahre mit Lernen am Institut.

Doch die Sowjetmacht ließ es auch damit noch nicht gut sein; sie hielt es für notwendig, die Menschen auch weiterhin zu vernichten. Plötzlich kam eine furchtbare Nachricht: die Verbannten sollten die Stadt verlassen. Als Student durfte ich einstweilen noch in der Stadt bleiben, aber Olja und Mama mussten fahren. Das war 1952. Wie ich bereits sagte, arbeitete Olja bei der regionalen Apotheken-Verwaltung, sie machte ihre Arbeit gut und man respektierte und schätzte sie. Der Leiter der Apotheken-Verwaltung war ein gewisser Schljapin. Er beschloss für Olja einen Arbeitsplatz unweit der Stadt zu finden und schlug ihr die Apotheke in der Ortschaft Jemeljanowo vor, wohin Olja und Mama dann auch umzogen.

Zu der Zeit hatte die Zimmerwirtin, bei der wir in der Uritzkij-Straße untergekommen waren, die Stadt Krasnojarsk verlassen und eine Verwandte von ihr hatte nun die Wohnung inne. Mama hatte mit der neuen Hausherrin besprochen, dass ich in dem Zimmer wohnen bleiben würde, sie aber einen Deutschen eingeladen hätte bei mir zu wohnen, den Studenten der Musikfachschule Richart (Richard) Reusch (Reusch?) samt seiner Mutter. Die alte Mutter arbeitete nicht. Ich lebte etwa ein Jahr mit ihnen, und dann jagten sie mich fort. Ich zog zu ein paar anderen Studenten um, die sich bei einer Privatperson ein Zimmer genommen hatten. Der eingeschossige Bau aus der vorrevolutionären Zeit stand an der Ecke der Leninstraße und der Straße der Pariser Kommune. Der Nachname unseres Vermieters lautete Bokschanin; er hatte eine Tochter namens Mascha, die am medizinischen Institut studierte, sowie einen Sohn, der gerade seine Aspirantur in Moskau absolvierte, und das Thema seiner Dissertation stand im Zusammenhang mit dem Schneiden von Holz. Der Vater gab uns ein Zimmer; darin wohnten: Jura Jankowitsch – Student an der Fakultät für Forst-Ingenieurwesen und der Leiter des Institutschors, Albert Bai – Student an der Fakultät für Forstwirtschaft. Ich ersetzte einen Studenten, der zu der Zeit vom Universitätsstudium ausgeschlossen worden und ebenfalls aus den Reihen der Verbannten stammte.

Wir hatten ein gutes Leben, die Jungs waren sauber und ordentlich. So verbrachten wir den Winter. Im Frühjahr beendeten Jura und Albert das Institut und erhielten eine Arbeitszuweisung, allerdings blieb Jura in Krasnojarsk, um eine Arbeit am Architektur-Institut aufzunehmen. Ich wohnte noch eine Zeit lang bei Bokschanin, schlief auf dem Flur, denn das Zimmer gehörte jetzt dem Sohn. Der Hauswirt wollte den Raum nicht wieder vermieten, und so mussten wir fortgehen.

Ich wohnte dann bei Jewstolia Nikititschna, einer Verwandten von Galina Aleksandrowna Petrowa. Sie hatte ein kleines Zimmerchen, und ich gesellte mich zu ihr. Als man uns aus Engels aussiedelte, besaßen wir eine sehr gute Nähmaschine der Marke “Singer”, und die hatten wir mitgenommen. Später half sie uns dabei, aus Dorfejewska herauszukommen. In der Stadt Krasnojarsk kauften wir einen Nähmaschinentisch, ebenfalls der Marke „Singer“ dazu. Beim Umzug nach Jemeljanowo nahm Mama die Maschine mit. Als ich bei Jewstolia Nikititschna einzog, brachte ich die Nähmaschine aus Jemeljanowa mit dorthin und begann zwischen den Prüfungen daran zu arbeiten.

1953 bewarb sich Olga bei der Fachschule für Pharmazie und schrieb sich für den ersten Kurs ein. Sie und Mama kehrten nach Krasnojarsk zurück.


Ich, Mama und Schwester Olga

Im Sommer 1954 machte ich mein Diplom. Das Thema lautete "Rekonstruktion des Tomsker Reparatur- und Maschinen-Werks, und der konstruktive Teil bezog sich auf das Erhitzen von Werkstücken im Ofen mittels Gasgeneratoren, d.h. mit der Erarbeitung von Heiz-Konstruktionen für Generatoren-Gas. Leiter des Diplomprojekts war Jurij Aleksandrowitsch Swjaskin, und für das Erhitzen mit Gas beriet mich David Markowitsch Lewin. Ich meisterte meine Diplomarbeit mit der Note „ausgezeichnet“, wobei gleich mehrere Leute aus meiner Gruppe Diplome mit Auszeichnung erhielten. Nachdem wir unsere Arbeiten verteidigt hatten, wurden wir alle für die Zeitung fotografiert.

Auf allen Fotos stand ich immer am Rand. Aus irgendeinem Grund drängte der Fotograf mich immer weit an den Rand, und ich konnte nicht gleich kapieren warum. Aber als ich am nächsten Tag die Zeitung kaufte, begriff ich sofort - “ein Deutscher”. Nach der Abfahrt aus Krasnojarsk fragte ich Olja, ob sie zur Redaktion gehen und, weil ich wusste, dass während der Verteidigung der Diplomarbeit sehr viele Aufnahmen gemacht worden waren, um diese Bilder bitten könnte, aber jedesmal wurden sie uns mit hinterlistigen Begründungen verweigert.

Ischewsk

Im August 1945 trafen Mama und ich in der Stadt Ischewsk ein, beim Kombinat “Udmurtles”. Ich wurde dem Igrinsker Forstwirtschaftsbetrieb zugewiesen und bekam den Posten eines Ingenieur-Mechanikers. Man stellte uns ein Zimmer in einem zweistöckigen Häuschen zur Verfügung. Ich lernte Absolventen anderer Universitäten kennen, die ebenfalls zum Arbeiten in diesen Forstbetrieb gekommen waren. Einer von ihnen – Ilja Schin, ein Koreaner, hatte das Ingenieur-Institut für Eisenbahntransport in Dnjepropetrowsk absolviert. Ich sollte die Arbeiten eines Ingenieur-Mechanikers erledigen und Dienstreisen zu den einzelnen Holzstationen unternehmen. Uns gegenüber, den noch jungen Spezialisten, die aufgrund von Zuweisungen des Instituts zum Arbeiten hierhergeschickt worden waren, war man sehr freundlich gesinnt. Ich arbeitete in der Igrinsker Waldwirtschaft bis Dezember 1954.

Am 26. Dezember wurde ich aus der Igrinsker Waldwirtschaft aufgrund einer Abkommandierung in die Personalabteilung des Udmurtles-Kombinats entlassen. Am 30. Januar 1954 wurde ich auf den Posten eines Ingenieur-Mechanikers in die Postolsker Waldwirtschaft bestellt. Dieser Forstbetrieb befand sich unweit der Stadt Ischewsk und versorgte die Fabriken der Stadt mit Holz. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass alle Waldbetriebe des „Udmurtles“-Kombinats die Holzabfuhr aus den Holzeinschlagsrevieren zu den unteren Holzlagern ausschließlich per Eisenbahn bewerkstelligten – mit Dampfloks. Mit Kraftfahrzeugen wurde kein Holz transportiert. Doch es kam nicht dazu, dass ich in der Postolkser Forstwirtschaft arbeiten musste.

Das Kombinat "Udmurtles" bildete Arbeiter mit Spezialausbildung aus und verfügte über eine forsttechnische Schule, und für den Unterricht war ein Ingenieur-Mechaniker mit Diplom unerlässlich. Deswegen schickten sie mich also nicht in die Postolsker Forstwirtschaft, sondern als Lehrer in die Schule für Forsttechnik, obwohl es zu diesen Zeiten kategorisch verboten war, Universitätsabsolventen derartigen Profils in der Stadt zu belassen. Und erst am 31. März 1955 tauchte in meinem Arbeitsbuch der Eintrag „Versetzt auf den Posten eines Lehrers an der forstwirtschaftlichen Schule des „Udmurtles“-Kombinats.

Die stundenweise Belastung in der Schule war groß, und ich verdiente gutes Geld. Als wir an der Bahnstation Igra wohnten, wo sich die Verwaltung des Igrinsker Forstwirtschaftsbetriebs befand, hatte Mama eine sehr gute Frau kennengelernt, die Ehefrau eines leitenden Mitarbeiters des Forstunternehmens. Ihre Eltern lebten in der Stadt Ischewsk. Deswegen gaben uns diese Bekannten, als wir nach Ischewsk zogen, deren Adresse und empfahlen uns. Es waren Altgläubige, sehr gute Menschen, und bei ihnen konnten wir wohnen. Allerdings gefiel es Mama nicht sonderlich, dass sie Altgläubige waren. Jedenfalls hatten sie im Alltag ihre Besonderheiten, und so beschlossen wir auszuziehen.

Am Institut studierte in derselben Gruppe wie ich Viktor Kurizyn. In der Stadt Ischewsk lebten seine Verwandten, die Familie der Schwester seiner Mutter – die Ljamins. Nachdem wir als beschlossen hatten, die Altgläubigen zu verlassen, sprachen wir mit den Ljamins und siedelten zu ihnen um. Sie wohnten mitten im Stadtzentrum in einem großen, gediegenen, einstöckigen Holzhaus. An das Haus grenzte ein großer Obstgarten. Die Familie Ljamin war nicht groß: der Vater (Schriftsteller), seine Ehefrau und ihre Kinder – drei Söhne im Alter zwischen drei und fünfzehn Jahren sowie eine Verwandte namens Vera. Wir zogen also zu ihnen, bekamen ein kleines Zimmer und lebten einträchtig mit ihnen zusammen. Der Hausherr, ein udmurtischer Schriftsteller und ehemaliger Frontkämpfer, schrieb hauptsächlich Erzählungen über das Frontgeschehen, die dann von den lokalen Verlagen gedruckt wurden. Aber zu der damaligen Zeit war der udmurtische Schriftsteller Petrow viel bekannter, genoss eine große Popularität, und ganz besonders sein Roman “Alt-Multan“. Er genoss großen Erfolg in Udmurtien. Im Roman wird davon erzählt, wie im Jahre 1894 beim Sarapulsker Gebietsgericht ein Verfahren gegen elf Bauern der Ortschaft Alt-Multan lief, die beschuldigt wurden, den Bettler Matjuschin ermordet zu haben, mit dem Ziel, seine Eingeweide den heidnischen Göttern zu opfern. Das Buch ist auch heute noch ein Erfolg. In jenen fernen Zeiten, über die das Buch erzählt, traten zur Verteidigung der elf Bauern der Schriftsteller Korolenko und der bekannte Richter und Literat Koni in Erscheinung.

Wir lebten in jenen Jahren nicht schlecht, ich verdiente gutes Geld, und wir konnten Schwester Olja helfen, indem wir Geld und Pakete nach Krasnojarsk schickten, wo sie an der pharmazeutischen Fachschule studierte und bei Ludmila Aleksandrowna wohnte.

Auf Grundlage des Befehls des MWD der UdSSR vom 16. Juni 1954 wurde ich als Rehabilitierter anerkannt, und ab Januar 1955 wurde ich Opfer der politischen Repressionen.

Ich sagte bereits, dass wir, als ich in der Igrinsker Forstwirtschaft arbeitete, an der Bahnstation Igra in einem zweigeschossigen Haus im ersten Stock wohnten, und im Erdgeschoss lebte eine udmurtische Familie: die Eheleute und zwei kleine Kinder. Der Mann war bei der Miliz tätig und hatte Verbindungen zur Pass-Abteilung. Seine Frau war äußerst schlampig und konnte nichts – wie viele Udmurten. Mama, die ihre Gunst gewinnen wollte, war ihnen in vielem behilflich. Und infolgedessen bekam ich im Dezember 1954 einen provisorischen Ausweis. Und das war toll, denn ich hatte 15 Jahre ohne Ausweis gelebt; das waren schreckliche Jahre gewesen, Jahre schrecklicher Demütigungen, und es ist für mich sehr schlimm davon zu erzählen. Nun hatte ich also einen Ausweis, und das war sehr praktisch. In der Igrinsker Forstwirtschaft bekam ich einen guten schwarzen Mantel, mit dem ich nun auf die Straße gehen konnte.

Während der Kriegs- und Nachkriegsjahre waren in der Forstindustrie Automobile, Traktoren und gasbetriebene Motoren im Einsatz; als Brennmaterial verwendete man Generatoren-Gas, welches aus Holzklötzen gewonnen wurde. Um 1955 nahmen die Öl-Ressourcen in Russland zu, man sprach von der Stadt Grosnij als “zweites Baku”. Daher wurde beschlossen, alle Traktoren. Und Fahrzeugmotoren in der Forstwirtschaft auf Dieselbrennstoff umzustellen.

Im Winter 1956 wurde ich in meiner Funktion als Lehrer an der forsttechnischen Schule nach Moskau abkommandiert, um mich dort an der Timirjasew-Akademie für Landwirtschaft mit der Dieseltechnik und den Regeln für ihre Nutzung vertraut zu machen. Aus ganz Russland wurde eine Gruppe Lehrer der forsttechnischen Schulen zusammengestellt. Man brachte uns in Marina Roschtscha unter stellte eine Aufenthaltserlaubnis für einen Monat aus. Das war meine erste Reise ohne Kontrolle seitens der Kommandantur, und außerdem besaß ich sogar schon einen provisorischen Ausweis! Während meiner Arbeit an der forsttechnischen Schule verdiente ich gut, weil ich viele Stunden dort tätig war. Daher nahm ich eine recht große Summe Geld mit nach Moskau. Die Zeit, die ich in Moskau verbrachte, war für mich sehr nützlich, sowohl im Sinne der erworbenen Kenntnisse als auch in Bezug auf die Erweiterung meines eigenen Horizonts.

Ich kehrte aus Moskau zurück und nahm meine Arbeit an der Schule wieder auf. Später wurde die Schule von Ereignissen erschüttert, die auch mein Leben veränderten. Als ich im Januar 1955 an die Schule kam, war Maria Iwanowna Leiterin der Lehr-Abteilung – eine Frau, die zuvor als Leiterin der Personalabteilung bei „Udmurtles” tätig gewesen war. Damals war sie gerade mit der Suche nach einem Arbeitsplatz für mich beschäftig. Mama und ich befanden uns im Kombinatsgebäude und warteten auf meine Zuweisung auf einen Arbeitsplatz, als der Direktor des Reparatur- und Montage-Werks in der Stadt Ischewsk hereinkam. Maria Iwanowna berichtete mir später: “Ich trat auf ihn zu und erzählte ihm von dir; er sah dich an, drehte sich um und meinte “ich habe schon von meinen eigenen Juden genug”, das war auf mein Äußeres bezogen. Und ich erhielt eine Zuweisung als Ingenieur-Mechaniker zur Igrinsker Forstwirtschaft, die sich an der Bahnstation Igra befand.

Und die Ereignisse an der Schule entwickelten sich nach meiner Rückkehr aus Moskau folgendermaßen: Maria Iwanownas Mann, Mitarbeiter des Kombinats “Udmurtles” wurde zur Arbeit am Bau des Angarsker Wasserkraftwerks abkommandiert, und sie war eine freie Frau. An unserer Schule arbeitete ein aus der Staatlichen Fahrzeugkontroll-Behörde wegen Spekulation mit Personenkraftwagen entlassener ehemaliger Mitarbeiter, der in der Gruppe der Fahrer beschäftigt war. Während der gemeinsamen Arbeitszeit kamen die beiden sich näher, und dann kam es zu einer Tragödie – denn er erschoss sich. Alles Weitere klärten die Ermittlungsrichter. Die ganze Schuld lag im Verhalten der Maria Iwanowna. Und sie wurde entlassen. Als Ersatz für sie wurde eine andere Frau ernannt. Die Arbeitsverteilung, die danach unter den Schullehrern vorgenommen wurde, gefiel mir nicht. Und so beschloss ich die Schule zur verlassen. Freilich wollte niemand mich gehenlassen, und ich sah keine andere Möglichkeit, als einfach nicht mehr zur Arbeit zu gehen, worüber es auch einen Eintrag in meinem Arbeitsbuch gab.

Mama und ich bereiteten uns auf die Abreise vor. Es war schade, von Udmurtien Abschied zu nehmen, schließlich hatten wir hier drei Jahre verbracht und viele neue Freunde gewonnen. Aber in Krasnojarsk wartete Olja auf uns und die Perspektiven auf eine Lehrer-Tätigkeit hier in Udmurtien waren schlecht. Außerdem hatten wir keine eigene Wohnung, und auch die Perspektiven hier eine eigene Wohnung zu finden, waren nicht gut. All das veranlasste uns also zu unserem Fortgang. Doch auch in Krasnojarsk hatten wir keine Wohnung, aber immerhin war es uns vertraut, und so entschieden wir uns dorthin zu fahren. Nachdem all unsere Sachen in einen Container verladen worden waren, fuhren wir über Igra (wo meine Tätigkeit begonnen hatte) und Belesino nach Krasnojarsk.

Krasnojarsk

Während der ersten Zeit wohnten wir bei Ludmila Aleksandrowna. Unsere Sachen konnten wir lange nicht wiederbekommen, weil wir keine Wohnung besaßen; deswegen mussten wir viel Geld für die lange Aufbewahrung des Containers bezahlen. Schließlich fanden wir ein Zimmerchen. In der Bibliothek des Instituts arbeitete eine Frau, die über ein eigenes Haus verfügte und darin zu zweit mit ihrer alten Mutter lebte.

Das Haus befand sich in der Uritzkij-Straße, jedoch in einem Hinterhof und beinahe auf der Rückseite des Heimatkunde-Museums. Wenn wir den Hinterhof durch die Pforte betraten, ging es ein Stück nach unten, und wir gelangten fast bis zum Museumsgebäude.

Im September 1957 bekam ich eine Arbeitsstelle am Lehrstuhl für Mechanisierung bei der Holzverarbeitung des Sibirischen Technischen Instituts. Olja unterrichtete an der Schule in der Siedlung Industrialnij. Wenngleich wir mit unseren Wirtsleuten und der Wohnung zufrieden waren, wollten wir doch gern eine Wohnung über das Institut bekommen. Ein Mensch in leitender Position verließ für lange Zeit Krasnojarsk und beschloss, sein Eigenheim vertrauenswürdigen Menschen zu überlassen. Es handelte sich um ein Haus aus Ziegelsteinen mit einem schönen kleinen Hof am Ufer des Flusses Katscha. Das Haus war von einer Spedition errichtet worden, die später pleitegegangen war. Aber der Privatbesitzer wurde ausfindig gemacht. Eine dringende Notwendigkeit zwang ihn, Krasnojarsk für längere Zeit zu verlassen, und so brauchte er vertrauenswürdige Leute, die das Haus bis zur Rückkehr des Hausherrn hüteten. Man schlug uns vor, diese Mission zu erfüllen, und wir waren einverstanden.

In diesen Jahren war wurde Professor Baranow zum Rektor des Sibirischen Technischen Instituts ernannt, der zuvor als Rektor an irgendeiner zentralen Universität tätig gewesen und wegen irgendeines Vergehens in unsere Gegend geschickt worden war.

Er schaffte es innerhalb kürzester Zeit für zahlreiche Mitarbeiter des Instituts eine Wohnung zu beschaffen, unter anderem auch für Mitarbeiter unseres Lehrstuhls: die Gaidatschs, die Lewotschkina u.a. Am Ufer der Katscha begann der Bau von vier hölzernen Acht-Wohnungshäusern für Institutsmitarbeiter. Jeder Teilnehmer am Bau musste eine bestimmte Zahl von Stunden beim Hausbau abarbeiten. Ich gehörte auch zu den Bauleuten. Wir mussten dort alles machen: das aus Lessosibirsk eingetroffene Holzmaterial abladen, die Baugrube unter dem Gebäude ausheben, das Fundament aus Beton gießen usw. usw. Im Großen und Ganzen brauchten nicht viele Stunden abgearbeitet werden. Aber trotzdem gab es Hoffnung auf den Erhalt einer Wohnung.


Bruder Wanja, Olja, Mama, ich und Tatjana – Wanjas zweite Ehefrau

Wir zogen als on in das Privathaus und warteten auf die Fertigstellung unserer Wohnung. Wir wohnten dort fast eineinhalb Jahre. Wanja mit Ehefrau Tanja und Sohn Serjoscha kamen zu uns, und wir verbrachten eine schöne Zeit miteinander. Aber dann gab es ein Ärgernis: der Hausherr des Privathauses kehrte zurück und verlangte, dass wir schnellstens auszögen. Dafür fand er handfeste Gründe. Aber so schnell konnten wir unseren Auszug nicht bewerkstelligen. Es kam zu Stunk und Streit, und es ist schrecklich, sich heute daran zurückzuerinnern.

Schließlich bekamen wir vom Institut ein Zimmerchen in die Igarsker Straße 14 – einem ehemaligen Gemeinschaftswohnheim oder einer Kaserne. Unsere Möbel mussten wir einstweilen in dem Privathaus stehenlassen; Olja und ich übernachteten weiterhin dort, während Mama in der Igarsker Straße nächtigte. Das war eine schwere Zeit.

Das Technologische Institut

Am 20. Oktober 1960 wurde ich Aspirant am Sibirischen Technologischen Institut und war gleichzeitig mit Bautätigkeit befasst. Ab dem 20. Februar 1961 bekam Mama eine Rente in Höhe von 22 Rubel und 88 Kopeken, und zwar für den erschossenen Ehmann, den mittleren Sohn, der irgendwo im Lager ermordet worden war, für den ältesten Sohn, der zehn Jahre im Lager abgesessen hatte; allerdings sind sie alle heute „rehabilitiert”. Soviel sind die Repressionen in Geld wert.

Am 30. September 1963 endete meine Aspirantur, und ich blieb als Aspirant am Lehrstuhl für Mechanisierung bei der Holzgewinnung. Zu der Zeit war der Bau der vier Wohnhäuser in der Katschinsker Straße abgeschlossen, und ich bekam die Wohnung ¹3 im Haus N° 54-4.

Die Drei-Zimmer-Wohnung mit einer warmen Toilette war nicht schlecht, aber weiteren Komfort gab es dort nicht. Trotzdem befanden wir uns vor Glück im siebten Himmel, dass wir endlich unsere eigene Wohnung bekommen hatten. Wir erhielten Besuch; besonders häufig kamen Vitalij Kriwenko und seine Ehefrau mit der kleinen Lena, die damals noch Säugling war. Mama kochte sehr gern und gut, deswegen war es immer angenehm, sich an den Tisch zu setzen und etwas Leckeres zu essen.

Aber ganz allmählich begann Mama den Beginn einer Krankheit zu spüren. Sie war oft müde, und wir dachten, dass dies mit ihrem Alter zusammenhing. Olja suchte viele Male Ärzte mit ihr auf, doch sie konnten den Grund für ihr Krankheitsgefühl nicht finden. Schließlich luden wir mittels unserer Bekannten Margarita Aleksandrowna die Professorin des Medizinischen Instituts Vera Filippowna Gliwenko ein, die sofort den Grund für die Krankheit ermittelte, und sie nahm Mama zur Untersuchung mit ins Regional-Krankenhaus, wo dann tatsächlich auch Krebs festgestellt wurde. Man entließ sie aus dem Krankenhaus, und sie lag drei Monate zu Hause. Im Dezember baten wir Vera Filippowna erneut zu uns, aber Mama war schon sehr krank; sie starb am 4. Januar 1965. Für uns war das ein schlimmer Schlag. Aber das Leben ging weiter, und von nun an waren wir zu zweit – Olja und ich. Im vergangenen Herbst kam Wanja; wir hatten noch Fotos, auf denen wir zu viert waren, aber Mama sah darauf schon sehr krank aus.

1966 beendete Olja ihre Tätigkeit an der Schule der Siedlung Industrialnij und beschloss, als Lehrerin für russische Sprache und Literatur an die Musik-Fachschule zu gehen. Außerdem eröffnete man an der Fachschule eine Abteilung zur Vorbereitung von Musikern für “die kleinen Völker des Nordens”, und sie wurde in dieser Abteilung Erzieherin. Die Arbeit als Erzieherin und Lehrerin beanspruchte viel Zeit, aber bei mir war zu der Zeit die Belastung als Assistent nicht sehr groß, und so konnte ich viel Zeit den häuslichen Dingen widmen.

Das Flüsschen Katscha, das durch Krasnojarsk floss, bringt für die Menschen, die an seinen Ufern wohnen Unannehmlichkeiten, weil es jedes Jahr im Frühjahr ihrer Häuser überflutet. Sie wurden aus diesen Häusern umgesiedelt und erhielten Wohnungen in anderen Bezirken der Stadt Krasnojarsk. So eine Familie wandte sich auch an uns, mit der Bitte, die Wohnungen zu tauschen. Sie hatten eine Wohnung im Mikrobezirk Seljonaja Roschtscha zugewiesen bekommen.

Sie lebten ein halbes Jahr in der neuen Wohnung, ohne auch nur einen einzigen Monat ihre Miete bezahlt zu haben. Wir tauschten mit ihnen die Wohnung, bezahlten ihre Schulden und gaben ihnen eine gewisse Geldsumme.

Es handelte sich um eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Allee der Metallarbeiter, der Hauptstraße des damals im Bau befindlichen Bezirks Seljonaja Roschtscha. Es war wohl der Mikro-Bezirk in der Stadt, der sich am stürmischsten von allen entwickelte, aber trotzdem befand er sich weit entfernt vom Zentrum und von meinem Institut. Wir wohnten dort bis zum Frühjahr 1970.

Mit mir in einer Gruppe hatte Leonid Georgiewitsch Sisow studiert; 1970 war er zweiter Sekretär des Regionskomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Während der Studentenjahre hatten wir uns angefreundet und wohnten in benachbarten Bezirken. Ich wandte mich mit der Bitte an ihn, mir beim Tausch der Wohnung behilflich zu sein, damit ich näher ans Stadtzentrum käme, und er half mir. 1970 tauschte ich die Wohnung in Seljona Roschtscha gegen eine Wohnung in der Allee der Eisenbahner ein, Haus N° 22, Wohnung 70.

Veröffentlicht unter Biographische Notizen von Nikolai Petrowitsch Dinges


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