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Briefe aus dem Lager von I.G. Distergoft an seine Tochter

20.01.1940

Mein liebes Kind Inusja,
Ich schicke Dir wieder Grüße,
Wie geht’s Dir, meine Liebe.
Schick’ bald mir eine Antwort.
Oft seh’ ich Dich i Traum vor mir,
Du kommst mir schon so groß vor.
Und wie sehr kränkt es mich,
Daß dies nicht die Wirklichkeit ist, mein Liebchen .
Das dritte Jahr schon sind wir so verwaist,
Und wer weiß, wann ein Ende abzusehen ist.
Soviel Unglück, Aufregung, Unruhe und Sorgen
Haben Euch, meine Armen, ans Schicksal ausgeliefert.
Ich weiß, Dein Herz schlägt vor Sorgen:
Ob Du auch weiterhin zur Schule gehen kannst,
Ob Dein jugendliches Bestreben in Erfüllung gehen wird
Oder ob es zum Scheitern verurteilt ist.
Ich weißauch, daß Du manchmal schwere Seufzer ausstößt
Und Dein armseliges Leben verfluchst,
Gerade jetzt, wie nie zuvor,
Brauchst Du doch väterliche Fürsorge und Unterstützung.
Versteh’ mich doch, mein Krümelchen,
Vertraue, mein goldiges Töchterchen,
dass ich Tag und Nacht nicht zur Ruhe komme,
Ich träume von euch und verzehre mich ganz dabei.
Nur um eines bitte ich: schimpfe nicht auf mich,
Vergiß in schweren Minuten nicht,
Sei bescheiden, hab vor Mißgeschick und Unglück keine Angst,
Und vergieße nicht so viele bittere Tränen.
Laß den Mut nicht sinken, nimm Dich zusammen und lerne.
Kämpfe standhaft gegen alle Schwierigkeiten.
Und nimm den letzten väterlichen Rat an:
Hab Deine Mama immer lieb.

Liebe Inusja! Warum schreibst Du mir gar nicht mehr, Habe ich Dich mit irgendetwas gekränkt?

Mama hat vor langer Zeit geschrieben, daß Du in den Nächsten Tagen einen Brief an mich schickst; Danach erhielt ich von ihr wieder einen Brief, Aber den von Dir versprochenen habe ich immer noch nicht bekommen.

Wie steht es mit dem Lernen, Libchen, welche Noten Hast du im ersten Halbjahr bekommen? Mama schreibt In ihren Briefen aus irgendeinem Grunde gar nichts über Dich, Und von Dir kommt auch nichts. Vielleicht erhalte ich Nicht alle Briefe, denn für unseren Paragraphen Haben sie jetzt Vorschriften für den Erhalt und Das Versenden von nur einem Brief pro Quartal eingeführt, d.h. 

Alle drei Monate. Obwohl sie dieses Verfahren Offensichtlich bisher nicht angewendet haben, und ich Werde wie bisher, wenn immer es mir möglich ist, Schreiben, worum ich auch Euch bitte.

Schreib, wie Du die Ferien verbracht, ob Du Dich ein wenig erholt hast, sonst kommt es mir so vor, als ob es in diesem Jahr sehr schwer für Dich ist. Bist Du irgendwo an den Abenden aufgetreten und hast etwas gesungen? Nach Deinen letzten Briefen zu urteilen, und auch nach Mamas, bist Du zum Herbst hin fest entschlossen, Dein Studium fortzusetzen; ich möchte alles darüber erfahren, welches Spezialgebiet Du gewählz hast und wohin Du fahren wirst.

Im Augenblick bin ich noch am alten Ort, aber wie lange ich noch hier bleibe, ist nicht bekannt; es ist sehr wahrscheinlich, daß sie auch mich bald wieder auf Etappe schicken, denn viele sind bereits abgefahren.

Mein Gesundheitszustand ist derzeit unverändert. Ich habe Angst vor der Fahrt, die womöglich auch noch sehr lang dauerne wird, obwohl es auch hier nichts Gutes gibt, und vielleicht wird es am neuen Ort sogar noch schlechter; am schwierigsten wird der seltene Briefwechsel zu ertragen sein.

Wie lebt Ihr überhaupt, wie sind Dein und Mamotschkas Gesundheitszustand? Ist alles noch wie früher mit dem Heizmaterial so schwierig?

Was gibt es Gutes in unserem Abakan. Du hast es jetzt weit bis zur Schule; irgendwie hast Du geschrieben, daß ihr eine neue Oberschule habt.

Also, dann bleibt gesund! Wie immer küsse ich Euch ganz-ganz doll. Umarme und küsse für mich die liebe Mami.

Dein Papa I. Distergoft.

Mein liebes Töchterchen, liebe Inusja.

Schreib mir, wie es Dir geht, Inusja.
Ist die Natur im Frühjahr schön?
Ich habe hier nur schwarze Wolken,
und meine Wangen sind voller Tränen.
Ich sehne mich so nach Euch, Ihr Lieben,
Mir macht die Frühlingssonne keine Freude.
Ich denke nicht so, wie die anderen,
Meine Gedanken sind voller Sorge.
Die ganze Seele ist Euretwegen krank geworden.
Ich möchte, daß Ihr ein liechters Leben habt.
Das Elend liegt darin, daß ich jetzt ein rechtloser bin,
Es gibt rein gar nichts, womit ich Euch helfen kann.
Ich werde Euch wohl lange Zeit nicht
Wiedersehen, meine Lieben,
Das Strafmaß ist streng und hoch, wie die Wolga,
Und die Tage vergehen viel zu langsam.
Und während Du auf Deinen lieben Papa wartest,
Verrinnt auch Deine Jugend.
Du siehst die väterliche Sorge und Güte nicht,
Überall, überall ist meine Sorge.
Vielleicht werde ich Dich niemals
sehen, mein liebes Töchterchen.
Und vergeblich nur träume und phantasiere ich
von Deinem glücklichen Leben.
In den Tagen der Jugend und Blüte,
müßtest Du Dich anständig kleiden, etwas lernen;
Du wirst mich dafür verfluchen.
Aber lerne! Du sollst doch schließlich eine abgeschlossene Ausbildung haben.
Dein ganzes Geschlecht war ein arems, aber rechtschaffenes Volk:
Großvater, Urgroßvater, Mutter und Vater.
Ja, ich habe auch eine Menge Unglück gesehen,
Als ich noch ein minderjähriger Verbrecher war.
Wenn Unterricht war, lernte ich i der Schule,
Und in den Ferien war ich Hirte,
Um Brot zu verdienen, habe ich gearbeitet.
So ging das, bis ich 14 Jahre alt war.
Irgendwie habe ich 5 Klassen zuende gebracht.
„Es ist genug!“ – sagte mein Vater.
Und seit der Zeit habe ich als Knecht gearbeitet, ein Ungelernter.
So lange die Sowjetmacht mich davon nicht befreit hat.
Und so sind meine Kindheit und die Jugendjahre
unbemerkt, ohne Glück und Freude, zerronnen.
Und als dann die freiheit kam
und ich bereits ein erwachsener Bursche war,
da hätte ich frei lernen können,
aber die Sorge darünber vergaß ich wegen etwas anderem.
Ich verguckte mich in eine Braunhaarige,
ihre braunen Augen verzauberten mich.
Ich beschloß sie zu heiraten.
So – da ist sie also, Deine Mama.
Betrachten wir ihre Kinder- und Jugendjahre,
da gab es keinen Tag ohne Vorwürfe und Tränen.
Und Dir fällt wohl als Erbschaft unser mühsamer,
leidvoller Weg zu, den Du am eigenen Leib erfahren sollst.
Sei nicht traurig und laß den Mut nicht sinken, meine liebe Inusja!
Lern Du nur beharrlich und fleißig!
Geh im Alltagsleben und beim Lernen mit gutem Beispiel voran,
halte Dich nicht mit unwichtigen Kleinigkeiten auf.
Hier ist mein letzter väterlicher Rat:
Hör in allem auf die Mama.
Vielleicht komme ich eines Tages noch einmal zurück,
dann werden wir wieder eine heile Familie.
Bis dahin vergiß den Vater nicht, schreib ihm öfter Briefe.
Weiter wird er Euch nicht mehr zur Last fallen.

Innotschka, ich habe versucht, diesen Brief als eine Art Gedicht zu schreiben; daraus ist nichts geworden. Es ist mir nicht gelungen. Sieht so aus, als wäre ich auch noch ein schlechter Poet, urteile darüber nicht allzu streng.

Den ganzen April hindurch ist das Wetter abscheulich – kalt, der Mai teilweise auch. Im Augenblick ist es tagsüber warm und nachts sehr kalt. In der Ferne kann man jetzt grünes Gras sehen, due Knospender Bäume treiben, im großen und ganzen ist der Frühling in vollem gange – aber e rist nicht für mich gekommen. Ich muß weiterhin, und das auch noch für lange Zeit, in Gefangenschaft bleiben, die darin besteht, daß ich nichts weiter zus ehen bekomme als Bauarbeiten, Schwerstarbeit, Baracken, dürftiges Essen und viel zu wenig Schlaf. Mein einziger Kontakt zur Außenwelt sind Eure Briefe, die ich äußerst unpünktlich bekomme; ich weiß nicht, wie sich diese Unregelmäßigkeiten erklären; schon seit dem 29.04. habe ich keinen einzigen mehr erhalten.


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