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Nina Dsjubenko: Norilsk steht auf menschlichen Knochen

Es ist, als wenn es uns nicht gäbe,
Und dennoch sind wir – überall:
In Bahndämmen, Schienen und Brücken.
Ein Wunderwerk der Baukunst wird geschaffen –
Auf Knochen, die die Tundra schon verschlungen hat.
Die Ströme durchgezählter Menschen fließen,
Mit Riegeln schließen sie die Tore …
O, zwanzigstes Jahrhundert,
Du mein grausames Jahrhundert!
Wo ist die Gnade gegenüber den Gefallenen?
Wo ist der Ruf nach Freiheit?
L. Scherschewskij,
Gefangener des NorilLag

Statistik des Todes …

In den Annalen der Norilsker Geschichte wird der 1. September irgendwie nicht hervor gehoben. Dabei handelt es sich doch um den Tag, an dem das Hüttenkombinat auf Befehl des Ministers für Buntmetallindustrie in den Arbeitsprozess mit freien Arbeitskräften überging. Auf diese Weise kann man die temporären Rahen der Existenz des NorilLag kennzeichnen: 1. Juli 1935 – 1. September 1956. Die Geschichte des zwanzig Jahre währenden „Imperiums des Bösen“ wird wohl kaum irgendwann einmal aufgeschrieben werden. In dem bereits zusammen gekommenen „Anfangskapital“ an Daten und Materialien gibt es dokumentarische Quellen, aber hauptsächlich handelt es sich um Erinnerungen.

Und dann gibt es auch noch statistische Angaben. Zum Beispiel über die Todesfälle. Im städtischen Norilsker Standesamt werden Bücher verwahrt, in denen der Tod der Einwohner von Norilsk schon zu der Zeit registriert wurde, als der Ort noch eine kleine Siedlung war.

Im Standesamt wurde festgestellt, dass man in Norilsk mit der Registrierung von Todesfällen ab 1940 begann, wobei Häftlinge in die Aufzeichnungen nicht mit aufgenommen wurden. Aber in diesen Registern gibt es Informationen über verstorbene Kinder, welche von Müttern geboren wurden, die sich in Gefangenschaft befanden. Dadurch kann man Vergleichsziffern über die Kindersterblichkeit bei Freien und Inhaftierten erhalten.

Mehrfach gerieten mir Todesbescheinigungen in die Hände, die gleichzeitig auf mehrere Personen ausgestellt waren. Darin wurden Todes-Tatbestände bestätigt, die aus dem NKWD zugegangen waren, dasselbe Datum trugen und fortlaufend nummeriert waren. Solche Dokumente unterschieden sich deutlich von allen anderen: in ihnen blieben die Spalten über Geschlecht, Arbeitsplatz und Wohnort unausgefüllt, und es waren unterschiedliche Todesursachen angegeben, wenngleich sie alle rein medizinischen Charakters waren. All das lässt die Vermutung zu, dass im Lager gewisse, nennen wir es einmal – Aktionen durchgeführt wurden, die den Tod von Menschen nach sich zogen, wobei man bemüht war, die eigentliche Todesursache geheim zu halten.

Wenn man die Seiten des Todesregisters aus Kriegszeiten durchblättert, wird man erstaunt sein, wie viele Chinesen sich unter den Toten befanden, als ob die Halbinsel Taimyr und China eine gemeinsame Grenze gehabt hätten. Die Mehrheit von ihnen war von Beruf Wäscher gewesen. Aus den Erinnerungen medizinischer Mitarbeiter ist bekannt, dass die Chinesen es trotz des Defizits an Waschmitteln fertig brachten, Wäschestücke außerordentlich sauber zu waschen. Später wurden sie zwangsweise aus Norilsk fortgebracht.

Wenn bei einem Gefangenen die Haftstrafe zu Ende ging und er aus unterschiedlichen Gründen (politische wurden einfach „bis auf Weiteres“ dort behalten) vor Ort blieb, um im Kombinat weiter zu arbeiten, so wurde der Freie von dem Moment an bereits im Personenstandsregister eingetragen. Der Tod ereilte diejenigen, die unlängst noch Häftlinge gewesen waren, mitunter innerhalb weniger Stunden nach ihrer Freilassung: eine Aufzeichnung lautet beispielsweise – innerhalb von drei Stunden …

Natürlich ist es auch deshalb so schwierig zu ermitteln, wie viele Unschuldige es in den Norilsker „Zwangsarbeiterhöhlen“ gab, weil der Staatsterror sehr grausam war (viele Menschen durchliefen das Lager) und, wie A.I. Solschenizyn schreibt, die Gewalt stets mit Lügen einher ging. Ein Beispiel, das inzwischen bekannt ist und in den Lehrbüchern steht:
eine Verurteilung zu „10 Jahren ohne Recht auf Briefwechsel“ bedeutete – Erschießung. Aber der Umgang mit dieser gemeinen und zynischen Unwahrheit war durchaus üblich, um die Angehörigen zu trösten. Anschließend multiplizierten die Organe der Staatsanwaltschaft und andere staatliche Behörden diese Lüge noch viele Jahre lang, indem sie Totenscheine über Gefangene ausstellten, bei denen sich in der Spalte „Todesursache“ – sofern es sich um eine Erschießung handelte – lediglich ein Strich vermerkt war, wie zum Beispiel im Fall des Viktor (Viktorin) Iwanowitsch Pawlowskij.

Aus einem Brief seines Sohnes, Jewgenij Viktorowitsch:

„Der Vater wurde in die Familie eines Geistlichen hineingeboren, absolvierte in Irkutsk das geistliche Seminar und die staatliche Universität. 10 Jahre widmete er dem Dienst an Gott in Bajandaj und Tutur. Als Geistlicher war der Vater gegen das Religionsverbot, gegen die Schließung der Kirchen, was er auch in seinen Predigten gegenüber den Kirchgängern verlauten ließ. Dies diente auch als Grund für seine Verhaftung und Verurteilung durch eine „Trojka“ der für die Region Ost-Sibirien zuständigen OGPU am 21. März 1932 zu 10 Jahren Freiheitsentzug.

1936 fanden meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich uns zum Wiedersehen mit dem Vater im SibLag ein. Der Vater sagte uns, dass er seine Haftstrafe wegen seines Glaubens an Gott absitzen würde, um der Religiosität – das heißt um seiner Überzeugung willen. „Ich habe mich weder vor dem Vaterland noch vor der Sowjetmacht in irgendeiner Weise schuldig gemacht“, sagte er.

Das zweite Mal wurde er aufgrund angeblich terroristischer … Aussprüche verurteilt. Hinter Stacheldraht, in den Folterkammern des hinter dem Polarkreis liegenden NorilLag predigte er den Humanismus und den gewaltlosen Widerstand gegen das Böse – das oberste Gebot des Christentums. Gleichzeitig den Standpunkt eines Terroristen vertreten – das konnte er wohl kaum“.

Auf Anweisung einer „Trojka“ des NKWD in der Region Krasnojarsk vom 27. September 1937 wurde Viktorin Iwanowitsch Pawlowskij, geboren 1886, im NorilLag am 4. März 1938 erschossen. 50 Jahre später wurde er rehabilitiert.

Als Bestätigung für die Existenz der Norilsker Kinder-Arbeitskolonie dient die beim Standesamt von dem Forscher M.J. Waschnow gefundene Akteneintragung über den Tod des Jakob Filippowitsch Jakimenko, der dort als Koch gearbeitet hatte. Auch wenn es schwer fällt – aber man kann sich trotzdem vorstellen, wie es den gefangenen Kindern ergangen sein muss, wenn sogar ihr Koch dort ums Leben kam.

Im Januar 1989 wurde der Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über zusätzliche Maßnahmen zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit in Bezug auf die Opfer von Repressionen, welche in den 1930er, 1940er und zu Beginn der 1950er Jahre stattgefunden haben“. Zur Umsetzung dieses Ukas wurden im Lande Kommissionen aus den Reihen der „unsichtbaren Front“ zur Durchsicht und Überprüfung der in den Archiven vorhandenen Kriminalakten geschaffen. Über die Resultate der Arbeit einer solchen Kommission in der Region Krasnojarsk berichtete die Zeitung „Krasnojarsker Arbeiter“. Zwischen Januar und November 1989 wurden die Entscheidungen der außergerichtlichen Organe über 4648 Archiv-Strafakten für ungültig erklärt und insgesamt 7696 Personen rehabilitiert. Bei 50 Akten mit 402 involvierten Personen wurde eine Rehabilitierung verweigert (das entspricht einem Verhältnis in Prozent von 95:5).

Infolge der Arbeit dieser Kommission sandte das KGB (Komitee für Staatssicherheit; Anm. d. Übers.) der Region Krasnojarsk die Todesbescheinigungen der durch die UNKWD-„Troika“ Verurteilten zur Registrierung dorthin, wo der Tod eingetreten war. Und erst ab Mai 1989 schrieb man in den Dokumenten der zur Höchststrafe Verurteilten den Hinweis: erschossen. Hier die Notiz zu einer dieser Todesakten mit der Nr. 31 vom 6. Juli 1989: „Najdenko, Andrej Jewlampijewitsch, FRusse, geboren in der Stadt Tomsk im Jahre 1903. Befand sich als Häftling im NorilLag. Auf Anordnung einer „Troika“ der UNKWD der Region Krasnojarsk vom 27.09.1937 wurde er am 20. Oktober 1937 erschossen. Das Dokument, das den Tatbestand des Todes bestätigt – der Bescheid der KGB-Verwaltung in der Region Krasnojarsk vom 14. Juni 1989, N° 18/017046“.

Durch nur einer einzige Anordnung der NKWD-Behörde vom 27. September 1937 wurden in Norilsk 48 Personen erschossen, und aufgrund einer weiteren Anordnung vom 31. Oktober desselben Jahres - weitere 13 Personen.

Die Gefängniswärter hatten nicht viele Unschuldige zu verhaften, zu foltern und per Häftlingsetappe ins NorilLag zu schicken. Diejenigen, die zur „Besserung durch Arbeit“ ins Lager geschickt wurden, konnten in die Listen der für den Tod Vorbestimmten geraten. So wurden am 4. März 1938 in Norilsk 25 Personen erschossen und insgesamt, nach den Mitte November 1989 gemachten Angaben – 112. Analoge „Aktionen“ wurden nicht nur mit Häftlingen in Norilsk, sondern auch in Krasnojarsk durchgeführt, wo beispielsweise Josef Sacharowitsch Brin, Wladimir Kranidowitsch Pomeranzew, Wjatscheslaw Jasodsewitsch Taksutschi-Wetoschnekow, und in Dudinka – Wasilij Andrejewitsch Swinzow, Jewstafij Stepanowitsch Martynjuk und Wladimir Sergejewitsch Antonow erschossen wurden. Aber die Erschießungsorte von Nikolaj Aleksandrowitsch Potechin und Adam Wasiljewitsch Kirej sind in diesen Zeugnissen nicht vermerkt. All diese Leute waren Häftlinge des NorilLag. Und man kann schon nichts mehr über sie erfahren. Von den 112 Personen im Norilsker Museum waren früher lediglich die Namen von D.W. Krupskij und P.P. Dirks bekannt.

Die Geographie der Geburtsorte der Repressionsopfer zeugt von dem wahrlich umfangreichen Maßstab der Aktivitäten des „Führers des Weltproletariats“: Polen, Finnland, Deutschland, Jugoslawien, Korea, ganz zu schweigen von der UdSSR. Man muss hier auch noch folgendes Detail anmerken: unter den Repressierten begegnete man früher niemals Menschen, die von der Halbinsel Taimyr stammten, aber in diesen „leidvollen Listen“ befand sich ein Mann, der in Dudinka geboren war, - der 27 Jahre alte Aleksej Sawelewitsch Dubowskij.

Weswegen mag der Häftling des NorilLag einer neuerlichen Bestrafung ausgesetzt gewesen sein? Darüber kann man in einem Brief eben jenes J.W. Pawlowskij lesen, dem Sohn des erschossenen Geistlichen, der von 1928 bis 1957 zuerst als Assistent des Staatsanwalts und anschließend als dessen Stellvertreter tätig war.

„Wenn das Lagergericht für alltägliche Vergehen eine gerechtfertigte Anklage erhob, so konnte man dies in Bezug auf die wegen „konterrevolutionärer“ Vergehen, die unter den § 58 des Strafgesetzes der RSFSR fielen, keineswegs behaupten. Ich erinnere mich noch daran, wie aufgrund dieses Paragraphen der Sohn des Litauers Jonas Matusonis – Joso – vor Gericht gestellt wurde, weil er, während er seine Haftstrafe in der 5. Lagerabteilung des NorilLag verbüßte, am 31. August 1948, als im Radio die Bestattungsfeier von A.A. Schdanow übertragen wurde und er in der Brotschneiderei die Ration an einen in der Schlange stehenden Häftlinge austeilte, meinte: „Schaltet diesen Mist aus!“ Und der Lautsprecher wurde abgeschaltet.

Das Gericht fällte über Matusonis das Urteil – 10 Jahre Freiheitsentzug. Der Verurteilte schrieb eine Berufungsbeschwerde, die vom Gerichtskollegium für Lagerverfahren des Obersten Gerichts der UdSSR begutachtet wurde, aber das Urteil blieb in Kraft“. (Matusonis wurde im Juni 1941 im Range eines Hauptmanns Opfer der Repressionen; in Norilsk traf er im August desselben Jahres ein).

Wo in Norilsk befand sich der Erschießungsort? Nach den Erinnerungen von Iwan Jakowlewitsch Busmakow, seit 1936 Norilsker, der als Sprengmeister arbeitete und an den Vorbereitungen der Grube für das Massengrab beteiligt war, - lag es in eineinhalb bis zwei Kilometer Entfernung von der heutigen Chlor-Kobalt-Zeche, entlang des Dwugorbaja-Berges. Folgendes schrieb Fjodor Kalinnikowitsch Bortnikow , Norilsker, im Jahre 1941:

„Laut sehr spärlichen Angaben (verursacht durch die Unterschrift zur strikten Geheimhaltung) wurde zu jener schrecklichen Zeit in Norilsk die Todesstrafe in einem Stollen vollstreckt, der sich im sogenannten Norilsk-2 befand, im östlichen Teil der Norilsker Berge. Und das Ganze lief ungefähr nach diesem Schema ab: die vorbestimmten Personen wurden in dem betreffenden Stollen erschossen, und die anschließend für die Todesstrafe vorgesehenen Häftlinge mussten dann die Leichen aus dem Stollen herausziehen, sie mit Treibstoff übergießen (die leeren Fässer lagen noch lange Zeit vor dem Stolleneingang herum), um dann selber erschossen zu werden“.


Norilsk-2. Foto von Wladimir Kamyschew, in jenen Jahren Fotokorrespondent der Stadtzeitung „Sapoljarnaja Prawda“, aufgenommen im Sommer 1991

Diese Zeugnisse werden auch von I. Lendel bestätigt, einem Ungarn, der sich eine Zeit lang in Norilsk-2 befand. Aus Dokumenten ist bekannt, dass 1940 in Norilsk-2 ein Sanitätsstädtchen für gefangenen Invaliden organisiert wurde, die sogenannte „Schwächlingsmannschaft“. Dies geschah auf Befehl A. Sawenjagins. Aber es handelte sich keineswegs um ein Sanatorium, in das die zu Invaliden gewordenen Häftlinge da gerieten. Ins Sanitätsstädtchen schickten sie Häftlinge mit einem Handicap deswegen, um sie rationeller einsetzen zu können: sie stellten dort nämlich Schreibutensilien für Kanzleiräume her.


Norilsk-2. 1991 kam im Sommer, zusammen mit Norilsker Journalisten,
eine Gruppe Balten hierher – viele Landsleute von ihnen ruhen
hinter dem Polarkreis im ewigen Frost. Im Zentrum der Gruppe – der ehemalige Gefangene des NorilLag, Juris Popows.

Es gab kein einziges Lager ohne Strafisolatoren, Karzer und Baracken mit verschärftem Regime, in denen Gefangene untergebracht wurden, die die Lagerdisziplin verletzt hatten. Zum ersten Mal wird ein Strafisolator im Befehl N° 17 des Leiters des Norilsker Projekts – W.S. Matwejew – vom 21. August 1935 erwähnt. Die Aufzählung von Maßnahmen zur Festigung der Disziplin endete mit folgendem Aufruf: „Die NorilLag-Häftlinge sollen den Weltruhm der Erbauer des Weißmeer-Ostsee-Kanals festigen und vergrößern“. Trotz dieses Befehls unterstützte W.S. Matwejew im Lager noch eine gewisse „Freiheit“: es fehlte eine Lagerverwaltung, es wurden innerhalb des Lagers keine starren Unterabteilungen geschaffen, es gab keine Umzäunung, keine gebührende Haftordnung…

Am 17. Oktober 1938 unterzeichnete A.P. Sawenjagin den Befehl N° 409:

„ … Punkt 8. Dem stellvertretenden Leiter des NorilLag, dem Leutnant der Staatssicherheit – Genossen Aleksejenko – binnen einer 5-tägigen Frist die Einrichtung der Baracke mit verschärftem Regime außerhalb der Lagerzone abzuschließen.

Punkt 9. Meinem Stellvertreter, dem Genossen Busygin, binnen einer 2-tägigen Frist den Bau des Karzers außerhalb der Lagerzone zu beenden.

Punkt 10. Den Leitern der Werkshallen und ihrer Stellvertreter im Lager, wenn sie Vorarbeiter und Brigadeführer zu diesen Arbeiten mit heranziehen, all diejenigen, die versuchen sich der Arbeit zu entziehen, alle Faulenzer und Saboteure jeden Tag nach Schichtende zur Verfügung des Kommandanten der Baracke mit verschärftem Regime zu schicken.

Punkt 11. Den Genossen G. Mukand zum Kommandanten der Baracke mit verschärftem Regime zu ernennen.

Punkt 12. Die Verpflegung in der Baracke mit verschärftem Regime auf die Strafration zu beschränken – mit einer Brotausgabe von 300 Gramm und unbedingtem Ausführen der Leute zur Arbeit unter Konvoi-Bewachung.

Punkt 13. Die Rückkehr aus der Baracke mit verschärftem Regime an den vorherigen Arbeitsplatz nicht vor Ablauf von 5 Tagen mit Erfüllung der 100%igen Arbeitsnorm beim ersten Mal und 10 Tagen bei allen weiteren Malen zuzulassen. …

Punkt 15. Die hartnäckigsten Arbeitsverweigerer in den Karzer zu sperren und unter Zwangsbegleitung zur Arbeit – zum Säubern des Lager-Territoriums, auszuführen….“

Einen Strafisolator gab es in Ambarka, und später, als durch Ambarka die Bahnlinie verlief, wurde er nach Kolargon verlegt. Der Lagerleiter konnte einen Gefangenen dort für 6 Monate einweisen. Über einen längeren Zeitraum konnten die Menschen dort mit der Strafration nicht ausharren – „auf dem Weg zum Fuße des Schmidticha“, auf den bekannten Norilsker Friedhof. An Kolargon, ebenso wie an den Ort, an den die Todeskandidaten getrieben wurden, erinnert insbesondere A. Miltschakow, einbedeutender Akteur der Komsomolzen-Organisation, der 1939 dorthin geriet, zusammen mit zwanzig anderen, die Sawenjagin nach seinen Worten gerettet hat.

Das Gebäude des Strafisolators in Kolargon wurde bestimmungsgemäß bis 1982 genutzt. Ich musste mich dort während einer Exkursion Anfang der 1990er Jahre aufhalten. Die Wände der Zellen (in den meisten gab es aus irgendeinem Grunde überhaupt keine Heizung) waren aus „Rauputz“, die Türen von innen mit Eisenblechen verkleidet und vorsorglich wie Reibeisen präpariert. Es war unmöglich, an eine solche Tür zu klopfen …

Norilsk steht auf menschlichen Knochen, auf den Knochen von Menschen, die diese Stadt erbaut haben. Viele wurden erschossen, aber noch viel mehr starben durch Hunger und Kälte und die unerträglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Dudinka zu Zeiten des NorilLag

Wo begann das Norilsker Lager – eines der bekanntesten Einrichtungen des GULAG? Nicht dort, wo sich seine Verwaltung befand, und auch nicht dort, wo es seine Tore zum Meer und zu den Flüssen hatte, sondern noch ein wenig weiter den Jenisej flussaufwärts, bei Krasnojarsk. Dort war die achte Lageraußenstelle des NorilLag gelegen, die Anlegestelle Slobino. Sowohl diese Anlegestelle, als auch das benachbarte Transitlager waren Punkte, von denen aus die Gefängnisfracht an Sklavenarbeitern über den Fluss zu den großen Bauten des Sozialismus“ versendet wurde.

Und wenn auch der Jenisej zum Norden hin immer mehr Wasser führte, so nahm die Zahl der Sklavenarbeitskräfte immer mehr ab, so dass in der 4. Lageraußenstelle des Norilsker Besserungs- / Arbeitslagers, in Dudinka , nicht alle, welche die lange Etappe heil überstanden hatten, noch in der Lage waren, den Schiffssteg zu verlassen.

Durch diese kleine Siedlung fuhren große Häftlingspartien nicht nur nach Norilsk, sondern auch in den Norden der Halbinsel Taimyr sowie, wie erst kürzlich bekannt wurde, nach Nowaja Semlja und zum Franz-Josef-Land.

Im System des NorilLag erfüllte Dudinka zahlreiche Funktionen: Binnenhafen, Bahnstation, Flughafen, Lagerhaus, Verteilungspunkt für Häftlinge.

Und weiter stand ihm der Weg „der Sonne entgegen“ bevor, zu Fuß oder auf den Plattformen der Schmalspurbahn – dorthin, wo die Natur unzählige unterirdische Reichtümer vorbereitet hatte, und die Lager- und Kombinatsverwaltung – Arbeit: Besserungsarbeit, Zwangsarbeit und Strafarbeit.

Aus Dokumenten, die an die Standesämter von Norilsk und Dudinka aus der KGB-Behörde der Region Krasnojarsk gelangten, wurden die Namen derjenigen bekannt, die aufgrund der Aktivitäten der außergerichtlichen Organe in den Jahren 1937-1938 erschossen wurden.

Und wenn die Norilsker Materialien ausschließlich Häftlinge benennen, so bezeugen die Dudinsker Unterlagen, dass auch andere Bürger Repressionen ausgesetzt waren. Die netten Mitarbeiterinnen des Standesamtes in Dudinka waren dabei behilflich, ihre Namen bekannt zu geben.

Vermerk auf dem Totenschein N° 44 vom 28. November 1989 im Standesamt Dudinka: Ignatij Stepanowitsch Dolgoswjago, Ukrainer, geboren 1902 in Dudinka, arbeitete als Buchhalter im Fischereirevier Dudinka. Auf Anordnung einer „Troika“ der NKWD-Behörde in der Region Krasnojarsk vom 14. April 1938 am 9. Mai 1938 in Dudinka erschossen, was durch die Mitteilung N° 21/011627 der KGB-Behörde der Region Krasnojarsk vom 15. September 1989 bestätigt wird.

Zusammen mit ihm wurden an jenem Tag neun weitere Personen erschossen.

„Jeschows Handschuhe“ reichten in jenen Jahren auch bis zur Halbinsel Taimyr, denn unter den Volksgruppen, welche sie bewohnten, fanden sich ebenfalls „Feinde“. Ich werde sie hier namentlich nennen.

Zwei Jakuten: Pawel Gawrilowitsch Katyginskij und Pawel Pawlowitsch Woiloschnikow, beide aus dem Awamsker Bezirk.

Sieben Ewenken: Jakow Aleksandrowitsch Anziferow, Isosim Nikolajewitsch Bolschakow, Roman Rodionowitsch Bereschtschagin, Lasar Konstantinowitsch Pereprygin – aus dem Awamsker Bezirk; Wasilij Pawlowitsch Pantagirskij und Fjodor Wasiljewitsch Tschempagirskij – aus der kleinen Siedlung Chantajka sowie Grigorij Iwanowitsch Besrukich.

Ein Tunguse – Grigorij Afanasjewitsch Dobrochotow aus der Siedlung Tschasownja. Sechs Angehörige der Volksgruppe der Sacha, drei Laptukows, zwei von ihnen aus der Siedlung Wwedensk, Bezirk Dudinka, offensichtlich Verwandte: Filimon Nikolajewitsch und Platon Filimonowitsch, geboren 1889 und 1890, Konstantin Jegorowitsch Sidelnikow, Konstantin Wasiljewitsch Chwostow und Wasilij Jejorowitsch Jarozkij – alle aus dem Bezirk Dudinka.

Zwei Dolganen, beide mit Nachnamen Asenow – Pjotr Wasiljewitsch, Anton Konstantinowitsch, beide aus der Siedlung Awam …

All diese Menschen beschafften sich und ihren Familie Nahrung durch die Jagd und durch Rentierzucht. Die sozialistischen Verpflichtungen ab dem Ende des zweiten stalinistischen Fünfjahresplans wurden auch ohne sie erfüllt – sie alle wurden auf Anordnung einer „Troika“ der NKWD-Behörde der Region Krasnojarsk in den Jahren 1937 bis 1938 erschossen. Nur G.I. Besrukich arbeitete als Vorsitzender des Saultschinsker Nomadenrats im Awansker Bezirk. Geboren wurde er 1880 in der Siedlung Nikolskoje, und vor seiner Verhaftung lebte er in Samojedskaja Retschka (Samojeden-Flüsschen; Anm. d. Übers.). Das ist einstweilen alles, was über ihn bekannt ist.

Insgesamt wurden in den Jahren 1937 und 1938 in Dudinka, laut bekannten Angaben, 61 Personen erschossen. Zumeist handelte es sich dabei um Verschleppte.

Und irgendwo in den anderen Regionen des Landes förderten solche Gefangenen, Umgesiedelten, denen man alles genommen hatte, aus den Bergwerken Blei, gossen Bleikugeln … Diejenigen, die irgendwann damals aus dem NorilLag und anderen Lagern entlassen wurden, „entfliegen“ und sind bis heute Opfer. Im September vergangenen Jahres starb in der Stadt Grosny Pelagea Sawelewna Dubowskaja, die somit auch nicht mehr die Sterbeurkunde ihres Bruders Aleksej Dubowskij zu sehen bekam, der in Dudinka geboren wurde, sich als Häftling im NorilLag befand und in Norilsk erschossen wurde …

Folgendes schrieb der ehemalige Gefangene des NorilLag N.N. Jermolajew aus Alma-Ata an das Norilsker „Memorial“, wo Zeugnisse über die Opfer der Repressionen gesammelt werden: „ Im Winter 1936/37 kam ein Flugzeug nach Norilsk geflogen und holte Lapotnikow ab, der bis zu seiner Verhaftung der Ober-Energiewirtschaftler an der Ischorsker Fabrik gewesen war“.

Gleb Lapotnikow wurde 1902 in der Stadt Kaschin im Gouvernement Twer geboren, er kam mit dem ersten Aufruf als Häftling ins NorilLag. Es gelang ihm, bei der Pjaskinsker Expedition des Jahres 1936 dabei zu sein und als Ober-Ingenieur zu arbeiten. Im Befehl N° 33 vom 1. Februar jenes Jahres wird in einer Rede des Leiters der Norilsker Bauverwaltung und des NKWD-Lagers W.S. Matwejew von den mehr als guten Ergebnissen bei der Durchführung der vorsorglichen Reparatur des Kraftwerks durch Lapotnikow gesprochen: „ … die Arbeit hat ein mustergültiges Verantwortungsbewusstsein und eine aufrichtige Einstellung zur Arbeit seitens der Arbeiter am Kraftwerk Norilsk-1 gezeigt … der Reparaturplan ist übererfüllt worden und hat zu hervorragenden Resultaten geführt“.

Und nun klärte uns diese Notiz im Standesamt von Dudinka darüber auf, weshalb nie wieder jemand von ihm etwas hörte: Gleb Wasiljewitsch wurde am 8. Oktober 1937 erschossen.

Nicht solche Kader wie Lapotnikow, die der deutschen und englischen Sprache mächtig waren „entschieden alles“ in jenen, und manchmal auch in diesen, Jahren… Vielleicht tun wir uns deswegen so schwer damit uns umzustellen?

Auf diese Weise fügen wir der vielköpfigen Hydra Dudinkas aus der Zeit des NorilLag noch einen weiteren Kopf hinzu – den Kopf der Erschießung, und den werden wir weder heute noch für alle Zeiten vergessen.

Das Lager mit der Bezeichnung „Rybak“ („Fischer“; Anm. d. Übers.)

1990, als ich im Norilsker Museum tätig war, unterhielt ich mich mit einem Herrn Nowak. Der Nationalität nach ist er Tscheche, aber er lebte damals in Bonn. Er war von Beruf Ornithologe und gehörte zu einer Gruppe von Mitarbeitern des Instituts für natürliche Landschaften und Ökologie, die in den folgenden beiden Jahren auf der Halbinsel arbeitete.

Herr Nowak gab mir sein Interesse als Ornithologe an der Küstenregion des Taimyr zu verstehen: „Die Vögel, die bei Ihnen brüten, fliegen vor dem Winter nach Europa. Und die Wissenschaftler haben bemerkt, dass einige von ihnen in den 1950er Jahren ihre Futterration verändert haben, weil sie sich hier, auf der Halbinsel, von menschlichen Leichen ernährten“. Ehrlich gesagt – ich glaubte das nicht. Damals erinnerte ich mich sogleich an die gängigen, unqualifizierten, sowjetischen Kommentare: sie machen schlecht, lästern. Sogar bis zu den Vögeln sind sie gelangt … Aber schließlich hat es in Nordwik keine Massenbegräbnisse gegeben. Mitunter wurden Verstorbene den abgegrenzten Wasserbecken der Nordmeere bestattet. Da gab es für die Vögel etwas zu fressen.

Auf den Karten der sowjetischen Konzentrationslager, die ich verwahre, wird ein Taimyrer Lager mit dem Namen „Fischer“ erwähnt und der Zusatzbemerkung „Verbleib unbekannt“. Deswegen ist es schwierig das Geschenk zu bewerten, das der Wissenschaftler (Ornithologe) aus Deutschland gemacht hat, der ein Jahr später geographische Karten in russischer und deutscher Sprache schickte (bei uns gibt es bis heute überhaupt keine). Und auf beiden Karten sind die Koordinaten dieses geheimnisvollen Lagers eingezeichnet. Es befand sich auf der Halbinsel Tscheljuskin. Dort fließt die Nischnjaja Taimyra, in den der Fluss Leningradskaja mündet, und in sie wiederum – das Flüsschen Schirokaja. Und dort hat man ein Pünktchen gesetzt. Auf Fotografien der Lagerüberreste waren Rollen mit Stacheldraht, Barackenreihen, Trümmerteile von Flugzeugen, Förder- und Wachtürme sowie Tütchen mit Machorka zu sehen, die aus dem Jahre 1948 datierten, und die Wachen waren von den Baracken durch einen zweireihigen Stacheldrahtzaun getrennt. Es gibt Zeugnisse, nach denen an dieser Stelle Uranerz durch die Hände unzähliger, namenloser Häftlinge gefördert wurde.


Das Lager „“Rybak“ (Fischer; Anm. d. Übers.)
lag nördlicher als das NorilLag – bis heute ist darüber
kaum etwas bekannt

Unbekannt ist, wem dieses Lager eigentlich unterstellt war. Vielleicht dem Ministerium für mittleren Maschinenbau, in deren Interessensphäre auch alle „Uran“-Angelegenheiten fielen. Wir wissen, dass in diesem Ministerium zu der Zeit A. Sawenjagin arbeitete. Diese Seite in seiner Biographie wurde nie geschrieben.

Und im Bezirk des Lagers „Fischer“ findet sich auch eine sowjetische Toponymik (Ortsnamenkunde; Anm. d. Übers.): außer dem Fluss Leningradskaja gibt es noch einen Punkt – er heißt Schdanowskij.

Brief des ehemaligen Häftlings Witalij Babitschew

Ich beende das Material mit Erinnerungen, und bei demjenigen, der sie liest, wird sich jedes Mal das Herz schmerzhaft zusammenziehen. Witalij Nikolajewitsch Babitschew schickte seinen Brief an das Norilsker Museum. Er schrieb ihn unter dem Eindruck von Zeitungsartikeln über die Schicksale von Häftlingen stalinistischer Lager, von denen 8im Unterschied zu heute unter V.S. Gorbatschow eine ganze Mengte veröffentlicht wurden. Ich zitiere diesen Brief in seiner ganzen Länge.

Ich las in der Zeitung „Nachrichten“ vom 8. September 1988 den Artikel „Zum Gedenken an die Gefangenen des NorilLag“. Als ehemaliger Häftling möchte ich von ein paar Tatsachen, man kann schon sagen, der Geschichte von Norilsk, dem NKWD der Stalinzeit berichten.

Ein paar Worte über mich. Nach den Absichten von Sergo Ordschonikidse wurde am Eisenbahn-Knotenpunkt Wjerchowzewo eine mechanisierte Sortier-Rutsche gebaut, mit deren Hilfe die Waggonladungen mit Erzen aus Kriwojrog und die Züge mit fertigen Chargen für die Metallurgie-Fabriken sortiert wurden. Das gab die Möglichkeit, auf 28 Erz-Lagerräume in jeder Fabrik zu verzichten, das heißt nach der Technologie „Bergwerk – Eisenbahnzug – Hochofen“ zu arbeiten. Der Aufbau galt als äußerst wichtig, und deswegen wurde er von Sergo auch höchstpersönlich überwacht. Ich war Partei-Organisator des Zentral-Komitees der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken). Auf den Bestattungen gehörte Sergo immer zur Gruppe der Dnjepropetrowsker Bolschewiken. Diese und andere Gründe bildeten dann auch die Grundlage für meine Verfolgung im Jahre 1937 als Volksfeind.

Es begann die alptraumhaften 18 Jahre in Gefängnis-Folterkammern, politischen Isolationsgefängnissen, Zentralgefängnissen, auf Häftlingsetappen, in Lagern und in der Verbannung.

1939 brachte man uns, die durch das stalinistische Regime, Skorbut und Ruhr Ermüdeten und Geschwächten, aus dem Politisolator Jelez ins Krasnojarsker Durchgangsgefängnis. Dort lud man uns auf hölzerne Lastkähne, die mit achtstöckigen Pritschen ausgerüstet waren, und beförderte uns im Schlepptau des Raddampfers „Maria Uljanowa“, dem Eisgang folgend, auf dem Jenisej bis nach Dudinka. Diese Reise zog sich über zwei Monate hin. Verpflegt wurden wir mit einer „Pampa“ aus ungekochtem Jenisej-Wasser, Salz und Mehl. Die ganze Portion bestand aus drei Kellen pro Person. Anstelle von Geschirr erhielt jeder seine Kelle in das Behältnis gefüllt, was er gerade bei sich hatte: in Schuh, Mütze, Hut, Ärmel oder den Jackenschoß. Hast du nichts abbekommen – dann krepier‘ doch! Die Aluminium-Löffel wurden einem weggenommen, und hölzerne wurden nicht ausgegeben. So war man gezwungen, wie die Hunde zu fressen – indem man den Inhalt mit der Zunge aufleckte. Wasser, gekochtes Wasser und Brot bekamen sie nicht.

Auf der Barke befanden sich 600 Häftlinge. Auf jeder Pritschen-Etage stand ein großes hölzernes Fass für die Notdurft, welches einmal am Tag durch eine Luke auf das Deck hinausgereicht und dann über Bord gekippt wurde. Da die Fässchen keine Griffe besaßen, entglitten sie häufig den Händen der geschwächten Menschen, ergossen sich auf Pritschen und Bettzeug und beschmutzten auch die Menschen. Vor unseren Augen starben sie aus Mangel an frischer Luft, Wasser, der miserablen Verpflegung und aufgrund der unhygienischen Verhältnisse. Die Toten wurden den Konvoi-Soldaten erst auf das Deck hinaufgereicht, als sie anfingen, einen unerträglichen Verwesungsgeruch auszuströmen. So wurde es möglich, dass man für die Ausgeschiedenen drei zusätzliche Kellen „Brühe“ bekam. Innerhalb von nur zwei Monaten verlor allein unser Kahn mehr als 150 Leute.

Bei der Ankunft in Dudinka konnte kaum jemand über den vereisten Steg ans Ufer gehen – die meisten von uns mussten herausgetragen werden und wurden anschließend auf dem ewigen Frostboden des Taimyr abgelegt. So kamen dann zu Skorbut und Ruhr auch noch die Lungenentzündungen hinzu. Und wieder gab es Verluste unter den lebendigen „Leichen“. Diejenigen, die am Leben blieben, wurden zwei Wochen später auf die offenen Plattformen der Schmalspurbahn verladen und mit dampfbetriebener, leistungsschwacher Zugkraft in das 100 km entfernte Norilsk transportiert; für diese Strecke benötigten wir zwei Tage und Nächte. Unterwegs bekam jeder zwei Stückchen gesalzenen Kabeljau und zwei Rationen Brot.

Auch bei dieser Gefangenen-Etappe ging es nicht ohne Verluste ab, denn sie wurden durch den stark auffrischenden, stürmischen Taimyr-Wind begünstigt, der äußerst kalt war und die entkräfteten, nur notdürftig bekleideten Menschen heftig durchpustete. Diejenigen, die am Leben blieben und tatsächlich in Norilsk ankamen, behielten diesen Wind zeitlebens im Gedächtnis. Es ist mein größter Wunsch, dass die neue Generation von diesen Häftlingsetappen stalinistischer Willkür erfährt. Norilsk ist mir wegen seines Nulevoj Piket (Platz, Ausgangspunkt für die Erschließung von Bergwerken; symbolischer Punkt in der Geschichte von Norilsk mit Gedenkstätte; Anm. d. Übers.), des Morosow-Bergwerks mit den Schmidticha-Schachtanlagen, den Zelt-Zonen der 6. und 2. Lagerabteilungen, dem Blockhäuschen des legendären Geologen Urwanzew, dem solide gebauten, zweigeschossigen NKWD-Gebäude usw.

Durch den Willen des Schicksals geriet ich zum Arbeiten in den „Schmidticha“-Schacht (6. Lagerabteilung). Anfangs lebten wir in Zelten, dann bauten wir uns aus Brettern Baracken. Die Baracken wurden mit „Kanonenöfen“ beheizt, die aus Eisenfässern hergestellt wurden. Wasser gewannen wir aus Schnee. Zum Suppe Holen gingen wir in die Küchenbaracke, in der allerersten Zeit – immer mit einer Hand das gespannte Drahtseil umfassend, denn aufgrund der häufigen Schneestürme waren die Spuren immer sofort wieder zugeweht. Man konnte wohl losgehen, aber den Weg zurück nicht mehr finden. Toiletten gab es nicht – das wurde unter freiem Himmel erledigt. Im Lager wurden wir ausgerüstet. Man gab Steppjacken, gefütterte Hosen, Wattejacken, Filzstiefel, Mützen und Handschuhe an uns aus. Wir schliefen in voller Kleidung, um die durchnässte Kleidung am eigenen Körper zu trocknen. Wenn wir am Morgen aufwachten, mussten wir unsere festgefrorenen Wattejacken und Mützen von den Pritschen losreißen. In erster Linie trieben sie uns zur Arbeit, damit wir für uns ein Gefängnis bauten, und für die „Freien“ – Häuser und Villen. Außerdem meißelten wir Fundamente für ein Heizkraftwerk, Metallurgie-Betriebe ….. in den ewigen Frostboden.

Die ersten Jahre waren wir mit ungelernten Arbeiten unter der Aufsicht von Wachsoldaten beschäftigt; damals sagte man: „Geh‘ und dreh‘ dich nur nicht um“. Allerdings hatte ich schon früher Glück, als viele andere. In der 6. Lagerabteilung lebte eine Brigade aus Musikern eines Blasorchesters, dessen Leiter und Schöpfer der gefangene Komponist Sergej Fjodorowitsch Kaidan-Deschkow war, Autor der Pionier-Hymne „Erhebt Euch in die Lüfte mit dem Feuer. Seit meiner frühesten Kinder- und Jugendzeit war ich in einer musikalischen Familie aufgewachsen und spielte selber Trompete. Das Orchester war gerade auf der Suche nach Trompetenspielern, und da Kaidan-Deschkow von mir wusste, lud er mich in die Klub-Baracke ein, um dort meine musikalischen Fähigkeiten zu prüfen. Er erzählte, dass er von einer „Troika“ nach § 58-10 zu einer zehnjährigen Strafe verurteilt worden sei. Nach Norilsk hatten sie ihn 1935 gebracht. Im Orchester war er der einzige Politische, bei allen anderen Musikanten handelte es sich um alltägliche Kriminelle (Diebe, Banditen, Hochstapler, Betrüger und andere). An sich nehmen sie keine politischen Häftlinge ins Orchester auf, aber da nun gerade dringend ein Trompeter gebraucht wurde, will er versuchen, meine Aufnahme im Orchester zu erwirken. Alle Musiker übten „privilegierte“ Tätigkeiten aus – denn gewöhnliche Kriminelle sind keine Feinde, sondern Freunde des Volkes.

Das Orchester diente in erster Linie den „Freien“, vor allen Dingen den Mitarbeitern des NKWD und der III. Abteilung. So bekam S.F. Kaidan über das NKWD die Erlaubnis für meine Aufnahme, für einen Politischen, der im Orchester mitspielen durfte. Auf diese Weise entfielen auf 30 Musikanten lediglich zwei politische „Frajer“ (Personen, die nicht zur Welt der Kriminellen gehören, die von diesen jedoch gern beraubt, betrogen usw. werden; Anm. d. Übers.) – Kaidan und ich. Das Orchester spielte häufig auf Beerdigungen von „Freien“, auf fröhlichen Abenden der NKWD-Mitarbeiter, Tanzveranstaltungen, Fest- und Feiertagen, im Kombinat und bei anderen Veranstaltungen. Alle Musiker, sogenannte Freunde des Volkes, liefen ohne Wachbegleitung und mit Passierscheinen herum. Mit Ausnahme von Kaidan und mir. Bei jedem Verlassen der Lagerzone gesellte sich ein Wachsoldat zu uns – „Popka“, der „Lagersittich“ mit einer Nagan-Pistole. In der übrigen Zeit war ich Grubenarbeiter, Verladearbeiter für Kohle bei der Eisenbahn, Arbeiter in der geologischen Brigade; ich sprengte Schurfstellen als Fundamente des BMS (großes Hüttenwerk; Anm. d. Übers.). An den Tagen, an denen ich mit dem Orchester spielen musste, wurde ich von den gewöhnlichen Arbeiten für einen halben Tag freigestellt und unter ganz persönlicher Wachbegleitung mitsamt meiner Trompete bei den Kultur- und Vergnügungsveranstaltungen abgeliefert.

Eines nachts kam ein bewaffneter NKWD-Mann, um S.F. Kaidan samt Sachen mitzunehmen. Später erzählten sich die Musiker, dass Sergej Fjodorowitsch nach Norilsk-2 geschickt worden wäre, wo damals Erschießungen von Häftlingen durchgeführt wurden. Am folgenden Tag fand eine wichtige Veranstaltung des NKWD statt, zu der unaufschiebbar das Orchester benötigt wurde. Sogleich wurde in der III. Abteilung der Älteste des Orchesters, Viktor Jeskow, herbeigerufen und als Leiter des Kollektivs vorgeschlagen. Viktor erwiderte, dass sich keiner der Spieler an sein Instrument setzen würde, so lange Kaidan nicht wieder zurückgekehrt sei. Schließlich brachten die NKWD-Mitarbeiter Kaidan in aller Eile zum Orchester zurück. Sergej Fjodorowitsch war vollständig ergraut. Von ihm erfuhr ich nähere Einzelheiten über Norilsk-2. Nach seiner zehnjährigen Inhaftierung wurde S.F. Kaidan freigelassen und in die Verbannung nach Igarka geschickt, wo er in Not und Elend starb.

Unter den Musikern gab es nicht wenige, die eine höhere musikalische Ausbildung genossen hatten. Es handelte sich um I.A. Batschejew, S. Diagilew, Karuso, Kornitschenko, Sergejew u.a. Es gab auch Musiker, die zehn Jahre aufgebrummt bekommen hatten, weil sie den „Marsch des Jagd-Regiments“ gespielt hatten, der übrigens auch heute noch im Repertoire der Militär-Blasorchester zu finden ist. Nach S.F. Kaidans Freilassung wurden einigen Musikern mit Konservatoriumsabschluss vorgeschlagen das Orchester zu übernehmen, aber das Kollektiv wollte keinen von ihnen annehmen. Die Orchestermitglieder meinten: „Lasst uns Vitalij Babitschew als Orchesterleiter behalten“. Ich selber lehnte ab, denn ich hatte keine spezielle Ausbildung bekommen, sondern war lediglich Amateurmusiker. Aber das Orchester war ein sehr gutes und daher für das Kombinat absolut unerlässlich. Ohne angemessenen Leiter wäre es auseinandergefallen, und das durfte man schließlich auf keinen Fall zulassen. Man ließ mich in die Kultur- und Erziehungsabteilung, zum Genossen Tschornich (seinen Vor- und Vatersnamen habe ich leider vergessen) rufen. Er meinte zu mir: „Übernimm doch das Orchester. Die Musiker brauchen einen Menschen, an den sie glauben, den sie akzeptieren. Auch wenn sie dich in ihrer Sprache als „Frajer“ bezeichnen, also nicht als Dieb wie ihresgleichen, aber sie schätzen und respektieren dich trotzdem. Du warst Komsomolzen-Organisator beim Zentralkomitee, Partei-Organisator beim Zentralkomitee, du hast Erfahrung beim Arbeiten mit Menschen, organisatorische Fähigkeiten. Ich werde dir helfen“. Man sagte mir, dass Tschornich, bevor er nach Norilsk gekommen war, im Zentralkomitee der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiken) tätig gewesen wäre, und dass gute Menschen ihn zum Arbeiten nach Norilsk geschickt hätten, damit er auf diese Weise seiner Verhaftung entging. Und so wurde ich Orchesterleiter.

Natürlich lud ich eine Menge Laufereien und Kummer mit den Musikanten auf mich, aber sie beschützten mich, ebenso wie Kaidan, wegen meiner Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. In den Jahren vor und während des Krieges bewahrte mich das Orchester im Wesentlichen vor den Massenerschießungen, denn laut „Akte“ galt ich als unverhüllter Volksfeind. Mit der Zeit organisierten wir ein Konzert-Jazzorchester für die Gefangenen. Unser Programm bestand aus Nummern mit betrieblichen, produktionsbezogenen Themen und viel Humor. Das gefiel den Häftlingen – und den Freien auch.

In unserer Lager-Stelle war als Ober-Inspektorin der Kultur- und Erziehungsabteilung Natalia Nikolajewna Karpowa tätig, eine sehr gebildete und intelligente Frau. Wir beteten sie an und vergötterten sie. Unter den eintreffenden Häftlingsetappen gab es so manch einen Musiker, Schauspieler und Tänzer, den wir nach und nach in unsere Konzert-Programme mit einbezogen. Und auf diese Weise entstand ein gutes Kollektiv. Natalia Nikolajewna stellte vor der Norilsker Lager-Leitung die Frage, ob man innerhalb der Kultur- und Erziehungsabteilung nicht ein Theater ins Leben rufen könnte. Auf Anordnung des Norilsker Lagerleiters Jeremejew wurde dieses Theater offiziell gegründet, und man ernannte mich zum ersten künstlerischen Leiter.

Später gerieten in dieses Theater und sein Kollektiv, im Rahmen neuer Häftlingsetappen, auch so offensichtliche Musikanten wie Iwan Aleksandrowitsch Batschejew, ehemaliger musikalischer Leiter des Zwasman-Jazzorchesters. Anschließend arbeitete er im Haus der Ingenieure und Techniker, und nach seiner Freilassung spielte er im Orchester des Staatlichen Rundfunks der UdSSR. Verurteilt wurde er von einer „Troika“ des NKWD nach § 58.10 zu zehn Jahren. Sergej Diagilew – Dirigent, Cellist war später am Swerdlowsker Operntheater als Dirigent beschäftigt. Der Theaterkünstler Lew Chomenko wurde nur deswegen verurteilt, weil er auf der Ost-Chinesischen Eisenbahnlinie geboren war. Im NorilLag verbüßte er seine Haftstrafe mit der kompletten Mannschaft der Chorkapelle Lwow, unter der Leitung von Dragan. Hier wurden für nichts und wieder nichts Irina Kryts, Mezzo-Sopran der lettischen Operette, Sportler, der Schwimmer Valerij Bure, der berühmte estländische Pianist Uno Tombre, das Zigeuner-Tanzorchester und noch viele andere Musikanten, an deren Nachnamen ich mich schon nicht mehr erinnern kann.

Aber wie könnte man sich nicht daran erinnern, was die Römer sagten: „Brot und Unterhaltung!“ Und so gab es also in Norilsk mehr Unterhaltung als Brot. Wir , die Sowjet-Menschen, organisierten sie nicht für Stalin, sondern für den Sieg über die Faschisten. Der Stalinismus ist schlimmer, als der Faschismus, und den endgültigen Sieg errangen wir auf der 20., 22. und 19. Parteikonferenz. Wir gaben Konzerte für Gefangene und Freie, in den Lageraußenstellen, im Haus der Ingenieure und Techniker sowie in den Fabriken, und dabei lebten wir von der genormten Essensration – 700 Gramm Brot und eine warme Suppe.

Später bat ich darum, dass man mich zur Arbeit gehen ließ, damit ich in meinem Beruf als Konstrukteur tätig sein konnte. Der Leiter der Kultur- und Erziehungsabteilung, Genosse Tschornich, war damit einverstanden, mich zur Lagerstelle Dudinka versetzen zu lassen, aber unter der Bedingung, dass ich dort aus Gefangenen eine Theater-Filiale für inhaftierte Zuhörer und freie Hafenmitarbeiter gründete. Damit war ich zufrieden und erfüllte seine Bitte auch. Das erste Programm stand bei uns unter dem Motto „Der Zug Dudinka – Norilsk“. Es wurde ein großer Erfolg. Mit diesem Programm bedienten wir im Laufe eines Jahres Dudinka und Norilsk. Und erst danach ließen sie mich endlich als Konstrukteur bei der Hafenbehörde von Dudinka arbeiten. Dort begegnete ich (trotz des unter Stalin und Berija herrschenden Regimes der Denunziationen, Verleumdungen und Verfolgungen) ebenfalls Menschen, die sich uns, den Volksfeinden, gegenüber gutmütig und herzlich verhielten. Da nenne ich in erster Linie den Chef des Hafens – Timofej Gawrilowitsch Stifejew, der jetzt in Woronesch als Direktor der Produktionsvereinigung tätig ist, Alla Aleksandrowna Waisberg – Haupt-Dispatcherin der Flotte des Norilsker Kombinats. Ich möchte auch A.P. Sawenjagin und den Chef der Norilsker Versorgungsgesellschaft – W.N. Ksintaris, würdigen. Sie benahmen sich gegenüber den Gefangenen mit großer Herzlichkeit und Menschlichkeit. Obwohl man mich nach dem Kriege mit einer sehr strapaziösen Häftlingsetappe zur Verbüßung meiner Gefängnisstrafe für 4 Jahre ins Aleksandrwosker Zentralgefängnis schickte, bin ich trotzdem für mein Leben dankbar, welches die oben erwähnten Menschen mir erhalten haben. Ewig sei ihnen der Ruhm!

Verzeihen Sie mir, dass ich so schlecht geschrieben habe, ich bin schon 78 Jahre alt. Jetzt bin ich Rentner und verdienter Eisenbahner Vitalij Nikolajewitsch Babitschew


Zum Gedenken an ihre umgekommenen Verwandten
entzünden Balten auf der leidgeprüften Erde von Norilsk-2 Kerzen.
In der Stadt gibt es bis heute kein Denkmal für die Häftlinge des NorilLag –
es existiert lediglich das Versprechen es zu errichten, in Stein
gemeißelt, wie das, was bereits seit einigen Jahrzehnten auf dem
Gardeplatz von Norilsk steht.


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