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Nina Dsjubenko: „Wenn der Nürnberger Prozeß über die Kommunisten-Bolschewiken verhängt worden wäre, dann wären die Bücher Kersnowskajas darin die wichtigsten Beweisstücke

Wie alle, so erfuhren auch wir von ihr aus den Materialien, die im Jahre 1990 in den ersten Nummern der Zeitschrift „Ogonjok“ („Flämmchen“; Anm. d. Übers.) veröffentlicht wurden. Es handelte sich nicht so sehr um Texte, als vielmehr um Zeichnungen – Illustrationen aus dem Leben des GULAG. Autorin dieses einzigartigen, während ihres GULAG-Aufenthaltes entstandenen Werkes war Jefrosinia Antonowna Kersnowskaja. Ihre Erinnerungen wurden in jenen Jahren teilweise im „Banner“ bekanntgemacht. Danach erblickte ihr Album „Felsmalerei“ das Licht der Welt, in dem alle 699 Zeichnungen, samt erklärenden Untertiteln, enthalten waren; etwas später erschienen dann ihre Erinnerungen – ausschließlich in Textform – in einer separaten Ausgabe. Nur gibt es leider keine Gesamtausgabe aller Texte und Zeichnungen, wie Jefrosinia Antonowna es sich so sehr gewünscht hatte.

Über das GULAG ist bereits in hinreichender Menge geschrieben worden. Es existieren historische Forschungsarbeiten, Sammlungen von Archivdokumenten. Aber das Thema, ebenso wie das Leben selbst, ist unerschöpflich. Unter den zahlreichen, ganz unterschiedlichen Quellen ist Jefrosinia Antonowna Kersnowskajas Bildwerk wahrhaft beispiellos. Sie hat darin nicht nur ihren Weg von Bessarabien nach Sibirien beschrieben, sondern auch in Zeichnungen festgehalten. Wenn der Nürnberger Prozeß über die Kommunisten-Bolschewiken verhängt worden wäre, dann wären die Bücher Kersnowskajas darin die wichtigsten Beweisstücke.

Zur Zeit der „Ogonjok“-Veröffentlichungen lebte Jefrosinia Antonowna in Jessentuki und hatte bereits einen Schlaganfall erlitten. Aus Amerika war ein Echo gekommen, das in der Nr. 8 veröffentlicht wurde: „Ich schreibe Ihnen im Namen einer Gruppe von Mitarbeitern der russischen Abteilung „Stimme Amerikas“. Wir haben Ihre Reportage über das Leben und Werk der J.A. Kersnowskaja sowie die in der Zeitschrift „Ogonjok“ veröffentlichten Fragmente aus ihrem Roman in Bildern (No. 3, 4) gelesen. Wir sind Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen, aber diese Materialien haben bei uns einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Niemand vermag dieser Frau das verlorene Leben zurückzugeben, aber wir möchten ihr das bittere Los wenigstens ein wenig erleichtern. Wir haben für sie eine Spendensammlung organisiert und von dem zusammengekommenen Betrag einen Rollstuhl gekauft. Unser Kollege, der Geistliche Viktor Potapow, wird ihn in der „Ogonjok“-Reaktion abliefern. Die Fluggesellschaft „PAN-AM“ hat den kostenlosen Lufttransport zugesichert. Wir bitten Sie, bei der Übersendung unseres Geschenkes an Jefrosinia Antonowna behilflich zu sein. Übermitteln sie ihre bitte unsere tiefe Verehrung. Ihr Mut und ihre Menschlichkeit müssen einfach Begeisterung hervorrufen. Ilja Talew. Washington, USA“.

So ein Echo also aus dem Zentrum ideologoischen Wirkens gegen Frieden und Fortschritt – der „Stimme Amerikas“ (wie unsere Propaganda es zur Zeit des Klassenkampfes immer hervorgehoben hatte).

Wladimir Wagiljanskij beschrieb seinen Eindruck vom Werk Jefrosinia Antonownas im „Ogonjok“ folgendermaßen: „Meiner Meinung nach liegt in den Bildern die ganze Pointe. Nun sagen Sie doch mal, in welchem Land man noch so eine peinlich genaue, skrupellose Künstlerin findet, die ihre „GULAG“-Chronik in Schulheften führt, ohne sich dabei um die Qualität des Papiers oder die sichere Aufbewahrung der Zeichnungen zu sorgen ...

In diesen Bildern liegt eine ganze Enzyklopädie. Sie enthalten dermaßen viele Erkenntnisse, wie sie nicht einmal ein ganz gewissenhafter Memoirenschreiber und auch keine Dokumentensammlung vermitteln kann. Das wachsame Auge der Künstlerin hält Situationen fest, wie sie niemals von einer Foto- oder Filmaufnahme eingefangen werden könnten (Fotografen und Kameraleute waren im GULAG nicht zugelassen!): das Leben in Einzel- und Sammelzellen, die Schrecken der Etappengefängnisse und Gefangenentransporte, der Alltag in den stalinistischen Lagerbaracken, die Arbeit der Häftlinge im Krankenhaus und beim Holzeinschlag, im Leichenhaus und im Kohlenschacht. Kersnowskaja erinnert sich an alles – nicht nur wie der Kübel für die Notdurft aussah und welche Kleidung die Gefangenen trugen, sondern auch wie die Verhöre und Durchsuchungen gehandhabt wurden, wie sich Schlägereien, das Waschen im Badehaus, der Gang zur Latrine, das Begraben der Leichen und die Liebe im Lager abspielten. Mit anspruchsloser Lapidarität, die sowohl Erwachsenen als auch Kindern verständlich ist, zeichnet sie ihr zwanzigjähriges Leben in der Verbannung und bei der Zwangsarbeit, ihre Leidensgenossen und Henker. Und was für Urbilder sich in den Zeichnungen finden: Lageraufseher, Schwerkriminelle, Professoren, „Glucken“ (Provokateure; Anm. d. Übers.), Sonderzwangsarbeiter, Minderjährige, Abkratzer, Bauern, „Käferchen“ (Leichen; Anm. d. Übers.), Brigadiere, männliche Lesben, „Gevatter“ (Bez. für die Sicherheitsoffiziere; Anm. d. Übers.), Prostituierte! Und all das hat Kersnowskaja mit kinematografischer Präzision erfaßt. Es gibt fast keine Statik, keine Ruhe in ihren Zeichnungen – bei ihr ist alles in Bewegung, alles „lebt“. Die seelische und emotionale Belastbarkeit durch die Bilder geht bis an die äußerste Grenze!“

Jefrosinia Antonowna wurde in Odessa geboren, im Russischen Imperium – 9 Jahre vor seinem Zerfall. Die Mutter – Lehrerin für Englisch und Französisch konnte auch Altgriechisch. Der Vater –Jurist und Kriminologe. Sie erhielt eine hervorragende Bildung, beherrschte 9 Sprachen, was sie, ihrer eigenen Meinung nach, ihrer Mutter zu verdanken hat.

Später studierte sie Tiermedizin.

Während des Bürgerkrieges wurde Jefrosinija Antonowas Vater verhaftet. Er sollte zusammen mit 700 anderen Männern erschossen werden, die, als die Weißen abzogen, die Heimat nicht verlassen wollten. Die Mutter betete für den Vater in der Kirche und ging von dort nicht eher wieder fort, als bis dieser wieder zurückkehrte. Ein Wunder rettete ihn: der Begleitsoldat, der die Häftlingskolonne zum Erschießungsort hinübertrieb, erkannte im Vater den Mann, der ihm irgendwann einmal geholfen hatte ... Jefrosinia Antonownas Mutter traf eine Vereinbarung mit ein paar griechischen Fischern, und diese brachten sie in jener Nacht über das Meer nach Rumänien. Dort in Bessarabien, nahe der Stadt Soroki, in dem Dorf Zepilowo, befand sich der Gutshof von dem sie ursprünglich stammten. Und genau dort war es, wo Jefrosinia Antonowna dann die Entscheidung fällte, nach Beendigung des Gymnasiums Farmerin zu werden, obwohl der Vater ihr vorschlug in Paris zu studieren, wo sich bereits ihr älterer Bruder befand. Ende der dreißiger Jahre starb der Vater. Nun hätten Mutter und Tochter in ihrem Haus mit den drei Zimmern wohnen können, aber hier mischten sich Molotow und Ribbentrop in ihr Leben ein, die im August 1939 den Nichtangriffspakt zwischen der UdSSR und Deutschland unterzeichneten und im Grunde genommen ihre „Einflußbereiche“ auf den Osten Europas untereinander aufteilten. Die Rote Armee kam von Westen, und das Volk aus diesen „Einflußbereichen“ fuhr in Viehwaggons gen Osten. Auch Kersnowskaja fuhr – als „Besitzende“ und „aus einer reichen Familie stammend“. Zuvor schickte sie die Mutter nach Rumänien. Sie dachte, daß es „nicht für lange wäre“, aber es wurden zwanzig Jahre daraus. Auf welchen Inseln des „Archipel GULAG“ war sie? Beim Holzeinschlag in der Region Tomsk, von wo sie fortlief und dabei zufuß und ganz allein 500 km zurücklegte. Während der Inhaftierung, von 1942 bis 1952 – das Untersuchungsverfahren im Altai, anschließend in Nowosibirsk, wo sie im eiskalten Wasser Wäsche aus den Frontlazaretten wusch, danach – Slobino, der, wie sie es nannte „Norilsker Markt der Unfreien“.

Ihre gesamte sibirische Zwangsarbeit und Verbannung stellte sie in ihren Zeichnungen dar. Aus ihnen kann man vieles von dem erfahren, was sie beim Aufbau des Kommunismus in einem einzeln betrachteten und äußerst strapazierten Land durchmachen mußte. „...Mein ganzes Leben in jenen Jahren war eine Kette beispielloser und absurder Ereignisse, wie sie in den Verstand eines normalen Menschen nicht hineinpassen – und niemand kann das so nachempfinden, wie jemand, der das alles überlebt hat!“ – so charakterisierte Kersnowskaja diesen Zeitabschnitt.

Und so spiegelte die Einwohnerin Bessarabiens bis 1940, Staatsbürgerin der UdSSR und seit jener Zeit Verbannte, Inhaftierte in mehreren sibirischen Lagern, als sie in die Freiheit hinausging, „die Geschichte jener Jahre“ wider – „der schrecklichen, traurigen Lehrjahre meines Lebens“.

Aus welchen Lehrstunden bestand nun ihre „höhere GULAG-Ausbildung“ an dieser „Universität“ des maßlos Bösen?

Eine der ersten Lektionen – Geographie

Von der Südwest-Grenze der UdSSR bis nach Narym fuhr sie in einem Waggon, in dem es noch nicht einmal einen kleinen Verkaufsstand gab, und in dem die schlimmste Qual die Langeweile war.

In der Verbannung, in der Holzfällerei, verbrachte Jefrosinia Antonowna acht Monate, genau wie ihr verstorbener Vater es ihr in einem weisen Traum vorausgesagt hatte. Von dort lief sie fort. Mitten im Winter durch die Taiga, mutterseelenallein, ohne Nahrung, mit nur einer einzigen Decke ...

„Als ich vor Müdigkeit umfiel, grub ich mich in den Schnee ein, irgendwo unter dem Wurzelwerk von Bäumen, und schlief ein, aber die ganze Zeit über fühlte ich, daß ganz in meiner Nähe der Tod lauerte ... Ich weiß selber nicht, welche Macht mich schließ zum Aufwachen zwang.“ – „Und woher nahmen sie die Kraft weiterzugehen?“

„Vor mir – weites, ödes Land. Dort – ein Fluß. Welcher Fluß? Der Ob? Der Jenisej? Beide Flüsse fließen nach Norden. Die Sträucher sind alle nach rechts geneigt. Also liegt der Norden zur Rechten. Ich stehe am rechten Ufer. Würde ich dem Jenisej folgen, müßte ich mich am linken Ufer befinden. Also – handelt es sich um den Ob! Wie viele Male habe ich solche und ähnliche „geographische Aufgaben“ lösen müssen! Wie oft habe ich es bedauert, daß ich mich in der Geographie Sibiriens so schlecht auskenne.

Nachdem ich zahlreiche kleinere Flüßchen durchquert hatte, wärmte ich mich von dieser eisigen Badewanne im Laufschritt wieder auf“.

Wie jeder andere Flüchtling kam auch Kersnowskaja zu dem Schluß, daß es besser war, sich tagsüber auszuruhen: erstens war es dann wärmer, und zum anderen weniger gefährlich. Es war sinnvoller, in der Nacht weiterzumarschieren.

Also – zufuß – ganze fünfhundert Kilometer weit.

Über eine weitere Flucht ist uns nichts bekannt.

Lektion in Wirtschaftskunde

„Wie eine Kette schwärmten die Kinder entlang des nicht abgeernteten Weizenfeldes aus: Der Lehrer erklärt ihnen irgend etwas ... Endlich begreife ich: diese völlig erschöpften, vom Hunger geschwächten Kinder kauen Getreide ...“.

„Als ich zum ersten Male eine derartige Mißwirtschaft sah, konnte ich meinen eigenen Augen kaum trauen! Damals habe ich vieles mit dem Krieg erklärt ... bis ich schließlich überzeugt war, daß der Grund dafür weit tiefer lag und noch viel erbarmungsloser war“. Es fällt schwer, diesen nüchternen Beobachtungen des Verstandes und den traurigen Empfingungen des Herzenes noch etwas hinzuzufügen“. Dem eigenen Volke wegen der Verwirklichung von ein paar lebensfremden ideologischen Dogmen das Leben nehmen – ein ewiges Beispiel für die Handlungsweise der Machthaber: der gestrigen, der heutigen und auch der von morgen. Und eine solche Ökonomie war die geballte Ausdrucksform der sowjetischen Vernichtungs- und Arbeitspolitik.

Politischer Elementar-Unterricht

„Ein Stachanowarbeiter ist ein Stachanowarbeiter, damit er satt wird“. Diese Schlußfolgerung Kersnowskajas wird durch die alltägliche sowjetische Demagogie bekräftet, daß Arbeiter durch ihrer eigenen Arbeitserfolge, ihre hervorragenden Ergebnisse, zu besonders vorbildlichen und eben Bestarbeitern wurden, wobei es sich in Wirklichkeit aber stets um sogenannte „Tufta“ (Fälschung von Zahlen und Statistiken, um das Plansoll zu erreichen; Normbetrug) handelte. Als Kersnowskaja sich in der Region Altai im Gefängnis befand, da erweiterte sie ihre Kenntnisse in politischem Elementarwissen. Sie schreibt: „Eine junge Frau, die mit uns im Gefängnishof spazierenging, saß ein, weil sie es versäumt hatte, einen Menschen zu denunzieren, der zuerst aus 15 Streichhölzern die „verhängnisvolle“ Zahl „666“, danach das Wort „Schlange“ und zuguterletzt „Lenin“ ausgelegt hatte. Mir, mit meiner ganzen „jüdischen Beschränktheit“ schien es so, als ob man jemanden nur wegen einer begangenen Tat zur Verantwortung ziehen kann. Nur mit Mühe hatte ich anfangs begriffen, daß hier, in diesem Lande, auch das als Verbrechen gilt, was jemand gesagt hat. Aber daß man wegen etwas Gehörtem ins Gefängnis kommen kann – nein! Das übersteigt selbst alle Vorstellungskräfte eines in heißesten Fieberphantasien liegenden Wahnsinnigen!“ – Noch viele Male wird Jefrosinia Antonowna ihre Kenntnisse in derartigem „Wahnwitz“ erweitern.

Lektion in Atheismus

„Mitunter fand sich im Schweinestall Gesellschaft ein ... Dieses Mal brachte Irma Melmann einen Sammelband antireligiöser Verse mit. Es fällt schwer zu sagen, welches dieser Gedichte das dümmste und gemeinste war.

- Meine Ansicht über solche Art von „Poesie“? – fragen Sie.

- Na ja, zum Lesen derartiger Verse ist ein Schweinestall wohl der geeignetste Ort. Vielleicht auch eine Jauchegrube ... – antwortete ich auf Ira Melmanns Frage, zuckte mit den Achselnund machte mich auf, um die Ferkel zu füttern. Ich war weit von dem Gedanken entfernt, daß damit mein Schicksal besiegelt sein würde ...“.

„Ich wurde für schuldig befunden, antisowjetische Agitation und zersetzerische Tätigkeiten auf der Schweinefarm betrieben zu haben. Außerdem beschuldigte man mich des Hasses au den „Stolz der sowjetischen Poesie – Majakowskij“.

Aufgrund dieses Urteils geriet Jefrosinia Antonowna dann auch ins Norillag.

Mathematik-Stunde

Eine Frau kam unter lautem Wehgeschrei ins Leichenhaus hereingestürzt: „ Ich habe mein Töchterchen umgebracht, ich habe mein Kind erdrückt!“ – In den ausgestreckten Armen – ein totes Kind, etwa 9-10 Monate alt. Auf die Frage von Direktor Nikitin erklärte sie: „Unser Zimmer ist 11 qm groß. Auf dem Tisch – die alten Leute, Großvater und die Oma. In der Ecke neben dem Schrank – ein Mieter mit Frau und Kind. Mein Mann und ich – auf dem Bett. Unsere Kindchen auch – zwei unten an den Füßen und die Kleine – neben mir ...“. Nikitin setzte sich telefonisch mit dem Staatsanwalt in Verbindung, und der befahl ihm, dorthin zu gehen und alles an Ort und Stelle zu prüfen. Als er zurückkehrte, schlug Pawel Jewdokimowitsch auf meine Frage nur die Hände über dem Kopf zusammen: „Weißt du, Frosjenka, mich wundert nur, wie es angehen kann, daß die Großmutter nicht den Großvater erdrückt hat, und auch der Mieter mit seiner Familie ... Wie kommt es, daß sie sich nicht gegenseitig zerdrückt haben?“ Die Frau wurde am Tod ihres Kindes für „nicht schuldig“ befunden.

So lebten also in Norilsk freie Arbeiter. Und auf einen Lagerinsassen kamen 50 cm Wohnfläche – wo sollte eine Menschenseele denn da für sich Platz finden!

Lektion in „Rationalisierung“ (Erfahrung aus dem Norillag)

Bis zum Krieg hatte man die Toten in irgendwelchen zusammengenagelten Särgen beerdigt; während des Krieges stieg die Zahl der Leichen dermaßen an, daß ... man einen sogenannten Katafalk erfand – eine Kiste auf Rädern, in die man die nackten „blinden Kühe“ (Bez. für Leichen im Lagerjargon; Anm. d. Übers.) in Schichten aufeinanderlegte – immer eine mit den Füßen am Kopf des anderen.

Eine Ironie des Schicksals: denn der Mieister, der diesen „Katafalk“ erfunden hatte, starb kurz darauf und war einer der ersten, die darin auf ihre letzte Reise geschickt wurden.

1947 fing man wieder an, die Toten in Särgen fortzubringen ... aus denen sie dann übrigens in Gemeinschaftsgräber gekippt wurden.

Lektion in Humanismus

In den Berichten Kersnowskajas werden sehr oft Beispiele dafür angeführt, wie sie eine Strafe verbüßen mußte, nur weil sie den Menschen gegenüber eine barmherzige Haltung eingenommen hatte.

Während der Arbeit im zentralen Lagerkrankenhaus in Norilsk ereignete sich, als sie gerade Krankenwache hatte, der erste Todesfall. „Ein Krim-Tatar starb. Mit allerletzter Kraft versuchte er sich ein wenig aufzurichten, rief mich zu sich heran und sagte dann: „Schwester! Hier ist die Adresse meiner Frau ... Schreib ihr“. Ich erfüllte seinen letzten Wunsch und bekam dafür einen Verweis! Konnte ich denn wissen, daß ein Häftling nicht das Recht besitzt, sich von seiner Familie zu verabschieden, wenn er im Sterben liegt – nicht einmal per Brief?

Sollte ich es noch einmal wagen, jemandem eine Todesnachricht zu übermitteln, dann würde ich in ein Straflager kommen – zum Sandschaufeln“.

Lektion in Geschichte

„ ... Er ritt über das Feld ... Ich weiß nicht, wer das war. Am besten paßte dieser Reiter zu den „Opritschniks“ (private Armee zur Zeit Iwans des Schrecklichen 1565-1573, auch „Zarenhunde“ genannt; Anm. d. Übers.). Nur waren an seinem Sattel keine Hundeköpfe und Besen festgebunden, sondern ein Bündel Schultersäcke. Worum geht es? Was hatten sich diese völlig erschöpften, halb verhungerten Kinder und Alten zuschulden kommen lassen, als sie die Ähren sammelten? Im Dorf erklärte man mir: „Für eine Tagesarbeitseinheit gibt man ihnen nichts. Aber wenn sie diese Ähren aufsammeln – das geht – bis zu 10 kg ...“.

„Aber die Ähren gehen ja so oder so kaputt!“ – „Ja, so ist es, aber wenn man ihnen erlaubt, Ähren zu sammeln, dann geht doch kein Mensch mehr zur Arbeit? Oder sie werden vielleicht absichtlich Ähren übriglassen“.

Bei solchen Fragen, wie Jefrosinia Antonowna sie sich stellte, ohne eine Antwort darauf zu erhalten, befanden auch wir uns in einer Sackgasse. Gibt es bei uns denn so ein historisches Schicksal – eine Opritschina (etwa: Zeit der Polizeitruppen; Anm. d. Übers.) ohne Ende und ohne Grenzen?

An sich ist die „Felsmalerei“ eine wertvolle Urquelle der allgemeinen Geschichte der Repressionen, insbesondere aber auch des Norillag – ein fertiges Szenario mit Einzelaufnahmen für einen Film.

Lektion der Wahrheit

Im Jahre 1960 schrieb J. Kersnowskaja, Sprengmeisterin im Schacht 13/15 an die Zeitung „Sapolnjarnaja Prawda“ („Polar-Wahrheit“; Anm. d. Übers.) einen Brief über Verletzungen der technischen Sicherheitsvorschriften. Eine maßgebende, kompetente Kommission überprüfte auf Bitten der Redaktion die Tatsachen und erstellte ein Gutachten, das besagte, daß die Beschwerde eine Verleumdung gegenüber den sowjetischen Menschen darstellte.

In Wahrheit waren während der Unterredung gar keine kritischen Bemerkungen gefallen, es ging vielmehr um die „Niedertracht“ der Autorin aus reichem Hause, deren Eltern ins Ausland geflohen waren. In dem Brief wurde ihre „Gehässigkeit gegenüber allem Sowjetischen, die sie von ihren Eltern geerbt habe“ erwähnt, daß sie „öffentlich die Hitlerleute unterstützte“ (?), „und nach Verbüßung ihrer Strafe nicht mit ihren schmutzigen Geschäften aufhört“ (?). Kurz gesagt, die Grubenarbeiter kämpfen für die Ernennung ihres Schachtes zum Schacht der kommunistischen Arbeit, während „Kirsanowskaja nach wie vor Gift versprüht“ (in dem Artikel „Eine Fliege verdunkelt nicht die Sonne“ hatten sie ihren Familiennamen genau so verdreht).

Dank der gemeinen Publikation in der „Sapolnjarnaja Prawda“ kennen wir heute den kurzen Text des zweiten Briefes, den Jefrosinia Antonowna Kersnowskaja schrieb: „Es war ein Mißverständnis. Ich habe mich durch die vielversprechende Bezeichnung „Polar-Wahrheit“ in die Irre führen lassen. Eigentlich habe ich mir erst heute die Titelzeile genauer angesehen und dabei erfahren, daß es sich um ein Organ des Stadtkomitees der Partei und des städtischen Deputiertenrates der Werktätigen handelt. Infolgedessen ist es unnötig und zwecklos, daß ich mich hier weiter einmische. Ich bin weder in der Partei noch Abgeordnete, ich bin – Schachtarbeiterin“. Es folgten Kommentare zu Spekulationen über den Wert einer so hochtrabenden Bezeichnung wie der eines „sowjetischen Grubenarbeiters“ ...

Danach fand eine Versammlung am Arbeitsplatz Jefrosinia Antonownas statt, aber hier erlitten die Organe eine vernichtende Niederlage: die Arbeiter erhoben sich zu ihrer Verteidigung. Sie sagten, daß Kersnowskaja eine hervorragende Sprengmeisterin, zuverlässige Genossin und ein von Grund auf guter Mensch wäre. Eine „Festnahme“ der wahrheitsliebenden Frau erfolgte nicht ... Und dann „gab man ihr den Rat“ Norilsk zu verlassen. Sie bat darum, sie noch ein Jahr und vier Monate weiterarbeiten zu lassen, bis sie das Mindestsoll an Berufsjahren erfüllt hatte“, damit sie dann vorzeitig in Rente gehen konnte. Sie begründete dies damit, daß sie ihre Mutter aus Rumänien zu sich holen wollte, die sie 18 Jahre lang für tot gehalten hatte. Ihr Anliegen wurde abgelehnt. Und so verließ sie1959 das ungeliebte Norilsk.

Jefrosinia Antonowna kaufte ein kleines Häuschen in Jessentuki und holte ihre Mutter dorthin, aber ihr Glück währte nicht lange – drei Jahre später starb die Mutter. Und da machte sich Kersnowskaja daran, ein Buch über ihr Leben zu schreiben – mit Illustrationen ... Wie hart, wie schwer hatte sie gearbeitet! Sie hatte in Slobino Lastkähne beladen, ein Haus in der Sewastopol-Straße gebaut, war Krankenschwester im Zentralen Lager-Krankenhaus gewesen, hatte bei der „gastfreundlichsten Behörde der Stadt – dem Leichenhaus“ gearbeitet, „blinde Kühe“ (Tote; Anm. d. Übers.) auf dem Friedhof begraben, in den Kasernen die Fußböden geschrubbt, Unrat und Schmutz aus dem Bereich des Strafisolators entfernt, Reparaturen an der Eisenbahnlinie ausgeführt und im Schacht gearbeitet ... Dort wurde ihr auch die Freiheit wiedergegeben, aber sie erhielt keinen Ausweis. Der freieste Platz, den sie fand war – die Unterwelt: der Schacht. Aber man ließ sie nicht Geld verdienen, damit sie später eine gute Rente hatte. Und so blieb sie für Norilsk auch eine „Feindin“. Für einen so ungemein wahrheitsliebenden Menschen, wie Jefrosinia Antonowna, war die Sowjetmacht nicht im christlichen Sinne verlogen.

In ihren Erinnerungen nennt Kersnowskaja zahlreiche Namen, die uns teils geläufig, teils unbekannt sind. Sie erwähnt einen Olympia-Sieger aus Estland. Erik Ottowitsch Sternbek, Einwohner von Norilsk – in ihrem Buch nannte sie ihn August Neo. Gerade sein Leben war es, das Dr. L.B. Mardna im Lager-Krankenhaus rettete.

So wurde beispielsweise bekannt, daß in Norilsk zehn von zwanzig am Leben gebliebenen Helden in der Schlacht um die Festung Brest erschossen worden waren.

Bis heute streiten die Geschichtsgelehrten Rußlands darüber, welchen Sozialismus wir eigentlich aufgebaut haben und welche Gestalt er eigentlich besaß. Die Autorin der „Felsmalerei“ bezeichnete die sowjetische Ordnung mit dem Wort Sklaverei. Sie schreibt: „Findet ihr denn hier euren Engels, der diesen S ... vom wissenschaftlichen Standpunkt aus erklärt?“

1994 starb Jefrosinia Antonowna Kersnowskaja, diese wahrhaft menschliche Frau, die ihr ganzes Leben lang die Macht der Wahrheit bekräftigt hat und die eine talentierte Schriftstellerin und Künstlerin war. Sie wurde in Jessentuki begraben. Aber niemals ging für diese bemerkenswerte Persönlichkeit die Sonne unter – nicht einmal die Zeit konnte sie in den Schatten stellen ...

(Von der Redaktion der Krasnojarsker „Memorial“-Website: das Buch von J. Kersnowskaja „Wieviel kostet ein Menschenleben“ ist auf ihrer offiziellen Web-Site zu lesen)


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