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I.I. Jegorov . Erinnerungen

„Haben denn diee Kommandeure etwa
Angst, die feindlichen Uniformen mit
ihren Bajonetten zu zerreißen ..."„
M. J. Lermontow . “Borodino”

Über den Stalin-Kult ist in der letzten Zeit viel geschrieben worden. Der allgemeine Hintergrund vernichtet ihn ja eher als Akteur auf dem Gebiet der Revolutionsbewegung, obgleich einzelne Stimmen, hinter denen sich ein bestimmter Teil der Gesellschaft verbirgt, sich bemühen, die Repressionen und andere Methoden der Staatslenkung zu verteidigen, indem sie dies mit den sich im Lande vor dem Kriege herausgebildeten Bedingungen erklären. Die einen wußten allem Anschein nach nur sehr wenig von der wahren Lage der Dinge. Die anderen dagegen – wußten viel zu viel und wollten die entstandene Atmosphäre in der Gesellschaft nicht nur nicht ändern, sondern vielmehr mit allen Mitteln bewahren. Um den Menschen zu erforschen oder - mehr noch – den Gesellschafts- und Staatsmann, darf man ihn nicht als einfachen Menschen mit seinem Alltagsverhalten vergessen. Das stellt nämlich häufig den Schlüssel zur Enträtselung aller Geheimnisse dar. Fangen wir mit den Ursprüngen an. Der Keim der politischen Verfolgungen liegt im Jahr 1925. Hier ein Auszug aus dem stenografischen Bericht vom XIX. Parteitag aus der Rede des Delegierten der Leningrader Organisation: „Genossen, wo findet man die Antworten auf aktuelle Fragen der Gegenwart? Man schickt uns zu Molotow, zu N.K., aber sie selbst wissen gar nichts oder wollen sich zumindest nicht mit irgendetwas abgeben. Schließlich schickt man uns zu Stalin. Zweifellos hat Stalin einen großen Verstand, aber sein Verstand ist schematischer Natur, er analysiert nicht. Er kann auf jede beliebige Frage aus dem vergangenen Leben antworten, ist aber nicht in der Lage, Antworten auf Fragen der Zukunft zu geben. Man sagt uns – Sie üben viel Kritik, und was kommt dabei heraus? Dafür, daß man Kritik geübt hat, schicken sie einen dorthin, wohin Makar nicht einmal seine Kälber gejagt hätte. Die Alte (N.K.) hat zwei Artikel geschrieben, und nicht einer von ihnen wurde gedruckt“. Und da begann es mit den Repressionen. Gestern haben sie Lenin bestattet, heute wird seine gesamte Familie (Ehefrau, Schwester, Bruder) auf Befehl Stalins aus der Kreml-Wohnung fortgejagt.

Im Jahre 1928 brach dieser Prozeß über die Industrie-Partei herein, an deren Spitze der Akademiker Ramsin gestellt wurde. Nachdem man ihnen erstmal einen entsprechenden Stempel aufgedrückt hatte, begannen die Gewaltanwendungen mit den Wissenschaftlern. Die einen wurden in Gefängnissen gequält, andere in Lagern gepeinigt. Die Persönlichkeit Ramsins als Wissenschaftler, als Erfinder, wurde aus dem Leben gestrichen, obwohl die von ihm bis zu diesem Zeitpunkt erfundenen Spezial-Kessel, bis zum heutigen Tage in Betrieb sind – und zwar im Wärmekraftwerk in Nasarowo, nicht weit von Krasnojarsk.

1951 arbeitete in Karaganda (Lager Pessotschnyj) beim Bau der Ziegelei eine Brigade aus ehemaligen Akademikern, Doktoren der Wissenschaften verschiedener Fachrichtungen.

Sie befaßten sich mit dem Abreißen von Mauerwerk. Ein unglückseliges Land, in dem Akademiker einfachste Bauarbeiten ausführen und ein Pope mit nicht abgeschlossener Ausbildung den Staat lenkt.

Die Gebildeten sind keine Pilze, sie werden nicht alle vierundzwanzig Stunden geboren. Das Volk muß sie erhalten. Und in Stalins Epoche wurden sie vernichtet. Nicht umsonst laufen wir noch mehr als dreißig Jahre danach mit ausgestreckter Hand und goldenen Rubeln wegen jeder Suppenkelle ins Ausland.

1904 wurde die Tifliser Organisation der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei zerschlagen. Stalin floh nach Baku. Sehr bald freundete er sich mit einem gewissen Achmet an. Achmet ist Ureinwohner von Baku. Er trägt sich mit Diebesabsichten herum – raubt eine Bank aus, nimmt den Tresor und lebt zu seiner vollsten Zufriedenheit. Stalin, der in Baku den Spitznamen Koba angenommen hat, faßt Vertrauen zu Achmet. Er erläutert ihm den wesent-lichen Sinn seines hiesigen Aufenthaltes und eröffnet ihm das Geheimnis, daß sie die Revo-lutionäre mit Geld helfen unterstützen sollen. Und Achmet besitzt viel Geld, und für einen guten Zweck tut es ihm um eine bestimmte Summe nicht leid. Er teilt seine Beute, obwohl er den Raubzug allein begangen hat. Nach der Inbesitznahme des Tresors versteckt Achmet ihn für ein paar Wochen auf dem städtischen Müllplatz. Dabei übergibt er Koba den zweiten Tresorschlüssel. Und als Achmet überzeugt ist, daß man nicht mehr hinter ihm her ist – holt er sich Geld. Bald stimmte beim Zählen des Geldes die Summe nicht mit dem Tresor-Verzeichnis überein. Und als Koba sich mit Achmet traf, entschuldigte er sich vor ihm und bat darum, seinen Genossen nicht zu verraten, daß er ein wenig von dem Geld für seine Bedürfnisse genommen hatte. Achmet schwieg, und Koba behielt alles in Erinnerung.

Im Jahre 1911 werden sie verhaftet. Stalin wird nach Turuchansk in die Verbannung geschickt, in das Dorf Kurejka. Achmet geriet ins Petrowsker Zentral-Gefängnis, wo er Kurse in echtem Revolutionskampf mitmachte.

1937 nimmt Achmet den Posten des Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets von Aserbeidschan ein. Er wird als Volksfeind verhaftet und zur Höchststrafe verurteilt. Während er in der Zelle saß, sprach Achmet alle ihn quälenden Gedanken vor den Genossen aus. Und Verurteilte lügen nicht.

„Ihr werdet vielleicht von hier wegkommen, aber mich erschießen sie. Ich habe Stalin drei Briefe geschrieben. Nicht einen einzigen hat er beantwortet. Koba mag keine Zeugen, und ich weiß einfach zu viel von dem, was in Kobas Biografie niemand wissen soll. Deswegen soll ich sterben“.

All das erzählte Rejn, der Brigadier der Holzverlade-Brigade an der Koktschetawsker Wald-station des Akmolinsker Lagers, der vor seiner Verhaftung in Baku als Haupt-Energie-wirtschaftler von Aserbeidschan gearbeitet hatte.

Das Ende der zwanziger und der Beginn der dreißiger Jahre waren von zwei Ereignissen gezeichnet: der Liquidierung der Kulaken als Klasse und die Kollektivierung des gesamten Landes. Die Entkulakisierung war recht schnell bewältigt. Nachdem die Menschen erst einmal abgestempelt worden waren und man die entsprechend dem Zuteilungsschlüssel notwendige Anzahl von Familien zusammengebracht hatte, wurden diese auf Fuhrwerke verfrachtet und zu Sammelpunkten gebracht. So geschah es auch mit unserer Familie. Bei Ankunft an der Station Bogojawlensk wandte sich Vater an den Leiter der Evakuierungsstelle. Jener sah sich seine Militär-Dokumente an und bemerkte: „Sie sind illegal verhaftet worden. Es gibt einen geheimen Erlaß, der die Aussiedlung von Teilnehmern des Bürgerkrieges verbietet, aber ich habe keine Befugnis, Sie gehen zu lassen ... Wenn Sie am Bestimmungsort ankommen, schreiben Sie“. Uns so verstand ich mit meinen 15 Jahren, daß alle Gesetzte damals nur zum Zwecke irgendwelcher Losungen erlassen wurden. Das Leben floß unter ununterbrochener Willkür dahin. So gelangten wir mit dem sechsten Transportzug nach Karaganda. Man warf uns in der kahlen, unbewohnten Steppe hinaus. Die Kinder, die noch unter zehn Jahre alt waren, starben fast ohne Ausnahme während der ersten Monate. Zu Beginn der Kälteperiode errichteten wir die Siedlung „Kompanejskij“ aus Stroh, Stallmist und Grassoden. Mit dem ersten Schneefall gestattete man uns, die Erdhöhlen zu verlassen und in die Häuser einzu-ziehen. Und nach weniger als einem Jahr waren von den etwa 40.000 hierher Gebrachten weniger als 14000 Menschen am Leben geblieben, vielleicht auch weniger, denn der Nachschub des Menschenmaterial lief seinen Gang. Nachdem der Aufbau der Siedlung beendet war, wurde die gesamte erwachsene Bevölkerung zum Bergbau sowie zum Bau der Eisenbahnlinie Karaganda-Balchasch, die sich über eine Länge von 400 km erstreckt, gejagt.

Straßen wurden gebaut, aber ihre Erbauer kehrten nicht mehr zurück. Von einem freimütig erzählenden Teilnehmer des Bauprojektes erfuhr ich zufällig nach einigen Jahren, daß „vom Straßenbau lediglich die Köche und ein Teil der Brigadiere zurückkamen, alle übrigen sind unter den Eisenbahnschwellen liegengeblieben – ich war dort Koch“. Dies sagte Wassilij

Dodonow, der Vater meines Schulkameraden, in einer vertraulichen Unterhaltung aus.

So gestaltete sich die Vernichtung des besten Teils der Bauernschaft, die mit ihrem Getreide und anderen Produkten das russische Volk ernährt hatten. Jetzt, unter den Bedingungen von Glasnost und Demokratie muß man sich scheinbar schämen, wenn man sich mit „Siegen“ rühmt. Früher wurde am Rednerpult schon mal vom "Veteran" im Kampf gegen die Kulaken gesprochen. Ich habe Kulaken beobachtet; sie sind in der Regel ein großes, breitschultriges, bedächtiges Volk, mit Handflächen so breit wie ein Spaten, rauh und schwielig von der täglichen Arbeit auf dem Acker. Und welcher Art mochten die Kulaken in Rußland in jenen Jahren gewesen sein, wo durch den Bürgerkrieg das ganze Territorium niedergewalzt worden war. Wenn auch nur irgend jemand sich fremder Arbeitskräfte bediente, dann wurde er im günstigsten Fall vertrieben. Und schlimmstenfalls kam er in diesem Kampf – ums Leben.

Die Siedlung „Kompanejskij“, die innerhalb von zehn Monaten zwei Drittel der ursprünglich hierher gebrachten Menschen verlor – das ist ein mikroskopisch kleiner Punkt auf der Land-karte, und von diesen Punkten lagen tausende ganz verstreut, angefangenen mit dem russischen Norden und endend mit dem Fernen Osten, und viele von ihnen mit einem noch düsteren und tragischeren Schicksal verknüpft.

In seiner Erzählung „Das Brot“ schreibt Aleksej Tolstoj: „Als Stalin an die Zaryziner Front kam, brachte er in Schlitten für die Soldaten Machorka in Schachteln mit. Welch eine liebevolle, väterliche Sorge – hunderte von Schachteln mit Machorka für tausende Front-soldaten, ob das nicht eine allzu billige Art ist, Anerkennung und Achtung von Menschen zu erwerben, die vielleicht in ihren allerletzten Kampf gezogen sind.

Und wo ist ihre Barmherzigkeit und Güte abgeblieben, als er ab Ende der zwanziger Jahre bis hin ins Jahr 1953 Millionen Menschen ins Grab schickte, junge Menschen, alte Leute, ehrbare und arbeitssame Bauern, die an nichts auch nur irgendeine Schuld traf, bis hin zu den Solda-ten, die in Kämpfen und während der Revolution berühmt geworden waren, den talentierten Gelehrten, den Staats- und Parteimännern? Und das bezeichnet so manch einer als Stalins Sozialismus.

Mit der Verabschiedung des Erlasses über Bestrafung wegen Zuspätkommens zur Arbeit wurde in der Nähe von Moskau, am Ufer des Chimkinsker Stausees ein Konzentrationslager für Leute eingerichtet, die man verurteilt hatte, weil sie zu spät am Arbeitsplatz erschienen waren. So lauten die Worte Dundukowskijs aus dem Dorf Opotschka, Region Pskow, der sechs Monate in diesem Lager verbüßte:“ Die Hauptarbeit der Gefangenen bestand darin, Eisschollen am Stausee auszusägen und in Stapeln aufzuschichten. Angeblich für die Kühl-schränke der Moskauer. Wer die vorgeschriebene Norm nicht erfüllte, mußte auch noch die zweite Schicht durcharbeiten. Die Wachmannschaften wurden natürlich abgelöst. Denjenigen, die die Leistungsnorm nicht schafften, war es nicht gestattet, Briefe oder Päckchen zu empfangen. Die tägliche Sterberate im Lager betrug bis zu vierzig Menschen“. Er schloß mit den Worten: „Wenn da nicht ein freigelassener Landsmann gewesen wäre, der mir seinen Posten als diensthabender Feuerwehrmann überließ, dann wäre ich dort nicht mehr heraus-gekommen“.

Am 18. Juni fuhr Dundikowskij, nachdem er aus dem Lager freigelassen worden war, mit dem Zug und beobachtete, wie durch Wind und Wellen das Arbeitsergebnis dieser unglücklichen Menschen in die Weiten des Wassers auseinandergetrieben wurde. Nicht eine einzige Eisscholle gelangte in einen Moskauer Kühlschrank.

1951 kam, nach Beendigung der Haftstrafe, die von den Gerichten festgesetzt worden war,

per Etappe eine Gruppe aus Karaganda nach Krasnojarsk. Allen wurde, ungeachtet ihrer fach-lichen Qualifikation, lediglich allgemeine Arbeiten beim Bau angeboten. Alle Neuankömm-linge mußten sich einmal pro Woche melden. Und das war noch nicht alles. Uns wurde ein Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjet der UdSSR aus dem Jahre 1925 vorgelesen: „Wer am linken Ufer des Jenissej in der Stadt Krasnojarsk registriert ist und plötzlich eigenmächtig am rechten Ufer auftaucht, der wird vom Gericht zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt“. Und auch das ist Stalins Sozialismus.

In den Erinnerungen der A. Allelujewa, der älteren Schwester von N. Allelujewa, der Ehefrau Stalins, steht geschrieben: „Mit dem ersten in Atschinsk zusammengestellten Revolutionszug kamen Stalin, Swerdlow und andere nach drei Tagen und drei Nächten in Petersburg an“. Wenn sie zu den Allelujews kamen und sich zu einem Glas Tee niederließen, begann Stalin gewöhnlich die Unterhaltung: „Jakob, weißt du noch, wie es in Kurejka war? Wenn sich die Zeit für meinen Dienstbeginn näherte und ich mich auf die Skier stellte und zum Postholen nach Turuchansk lief. Ich mochte mich noch nie mit Hausarbeiten beschäftigen“. Jakob Michajlowitsch antwortete dumpf, ohne seinen Kopf zu heben und mit einem Löffel den Tee in seinem Glas umrührend: „Glaubst du denn, daß sie überhaupt irgendjemandem gefällt – die Hausarbeit? Niemandem gefällt sie. Das ganze Elend liegt nur darin, daß sie gemacht werden muß“.

Aus einem Bericht des Direktors des Swerdlow-Museums (dem ehemaligen Stalin-Museum) in Turuchansk: „Auf der Datscha in Kunzewo erzählt Stalin seinen Besuchern, wie er aus der Turuchansker Verbannung geflohen war. Das steht, nach seinen Worten, in den Erinnerungen des G.K. Schukow. All das ist ausgedacht, erstunken und erlogen. Nach den Dokumenten, die im Archiv des Krasnojarsker Partei-Gebietskomitees aufbewahrt werden, steht überhaupt nichts von irgendeiner Flucht aus der Turuchansker Verbannung. Stalin wurde nach Ablauf der Verbannungszeit im Jahre 1915 in die Armee mobilisiert und leistete seinen Wehrdienst in der Atschinsker Garnison – bis zur Februarrevolution. Darüber schweigt er in seiner Biogra-fie. Stalin lebte hier, wie der Direktor es ausdrückt, nicht schlecht: der Zar ließ ihm jeden Monat 15 kg Mehl und sechs Rubel für Tabak zukommen, und Störe konnte er ja selbst im Jenissej angeln. Ach, unter was für schwierige Bedingungen hatte der Zar den Gesetzes-brecher gestellt. Und was tat dieser Revolutionär, nachdem er die uneingeschränkte Macht an sich gerissen hatte? Er verbot das Buch John Reeds über die Revolution („Zehn Tage, die die Welt erschütterten“) nur deshalb, weil der Autor sich keine Mühe gemacht hatte, im Verlaufe seines Buches wenigstens mit einem Wort so eine Person des öffentlichen Lebens wie Stalin zu erwähnen.

Kaum hatte man die Bauern in Kolchosen untergebracht, denen 1917 erklärt worden war, daß sie die Herren über den Boden wären, da erschien das Gesetz vom 7. August 1932, demgemäß alle Produkte, die von Kolchosbauern hervorgebracht worden waren, zu Staatseigentum erklärt wurden. Und die Menschen, die die ganze Nacht hindurch auf den Feldern gearbeitet hatten, besaßen noch nicht einmal das Recht, nach der Ernte die heruntergefallenen Ähren aufzusammeln. Sie besaßen nicht das Recht, die in den ausgetrockneten Teichen und Sümpfen umgekommenen Karauschen aufzuheben.

Und erneut Hunger, und erneut Gerichtsverhandlungen, Bestrafungen und dieser ganze Sozialismus.

Einzelne Genossen haben in der Presse ausgesagt, daß Stalin viel erreicht hat. Das Größte, was er erreicht hat, das ist die Zerstörung der Kirchen. Scheinbar versuchte er allen zu beweisen, was für ein leidenschaftlicher Gottloser er war. Nicht umsonst haben sich die Russen aus prähistorischen Zeiten das Sprichwort bewahrt: „Niederreißen, nicht aufbauen – dann gibt es keine Kopfschmerzen“. Und sie fingen an mit dem Niederreißen dessen, was von meisterlichen Händen und talentierten Architekten erbaut worden war. Es tritt mit Schande der nicht zustande gekommene Bau des Rätepalastes, der speziell an der Stelle der zerstörten Kirche geplant war, zutage; die erst gebaute und später dann zu Kriegszwecken auseinander genommene Baikal-Amur-Magistrale. Millionen von Mitteln und zehntausende Menschen-leben – alles ist hin, wurde zu Staub.

Die Krönung dieser Hirnlosigkeit, dieser unmenschlichen Grausamkeit und absoluten Unver-antwortlichkeit – der Bau der Eisenbahnlinie Workuta – Norilsk, das berühmte Bau-Projekt No. 503, in die man enorme materielle Mittel steckte und bei dem zehntausende von Men-schenleben verlorengingen, ohne jeglichen Nutzen zu bringen.

Vereinzelte Beobachter haben ihre Gedanken darüber geäußert, daß Stalin als Revolutionär

versucht hatte, den Sozialismus nach seinem eigenen Schema aufzubauen. Nein, er ist gar kein Revolutionär. Man hat ihn hineingesetzt in das Nest der Revolution. Und sobald dieser Vogel flügge geworden war, begann er aus diesem Nest alle hinauszuwerfen, die sich in seiner Nähe, oder auch nicht, befanden, die ihn aber störten. Er ist einfach ein hinterlistiger Bandit von großem Kaliber. Aber nicht jener Bandit, der mit dem Knüppel in der Hand Mann gegen Mann auf seine Opfer losgeht. Immer blieb er zeitweilig im Schatten, um die Ecke. Und als die Sache dann zur Austeilung kam, da nahm er sich alles nach einem bereits vorbereiteten Rezept weg. Und den Hauptvollstreckern wurden die Stempel aufgedrückt, und sie gingen an Orte, die nicht so weit entfernt waren, von wo sie in der Regel nie wieder zurückkehrten.

Die Stagnationsperide – das ist die Fortsetzung des Kultes in etwas frisierter und geglätteter Form.

Entfernt den schwarzen, blutigen Schandfleck von unseren Heiligtümern. Säubert die Kreml-Mauer von all dem verfaulten Kram, der weiterhin die Leichtgläubigen und die Schurken mit dem Gift des Kultes verdirbt.

Und soll das doch die Vergeltung sein für die herangebrachten unzähligen Leiden des sowjetischen Volkes und dafür, daß Millionen unschuldiger Menschen zu Opfern wurden. Das befreit den Willen und das Bewußtsein des Volkes. Es fühlt sich wahrhaftig frei von den verschiedenen Arten und Erscheinungsformen des Kultes im Bereich des schöpferischen Bewußtseins. Und die Anhänger des Kultes, die man, gelinde gesagt, Bürokraten nennt, denen der Kult abhanden gekommen ist, die empfinden Leere unter den Füßen.

Die Bremsen, die geschickt in den Mechanismus der Perestrojka eingefügt worden sind, lassen in ihrer Wirkung nach. Der Kampf der gesunden Kräfte der Gesellschaft gegen die negativen Erscheinungen wird erfolgreich verlaufen.

 

ANMERKUNGEN ZU DEN ERINNERUNGEN AN DIE VERGANGENHEIT

1. Der Winter des Jahres 1942 brachte wenig Schnee. Die ersten Schneeflocken fielen auf gefrorenen Boden. Der vorhandene Schnee wurde vom Wind in die Schluchten fortgeweht.

Wir mußten eine Strecke von fast 20 km auf dem sagenhaften Aryk – Balyksker Trakt

zurücklegen, wo überhaupt kein Schnee lag. Der Trakt hatte eine Breite von etwa 200 oder mehr Metern, und wir sind fast den halben Winter lang mal von rechts nach links, mal von links nach rechts gefahren, um die Durchfahrt mit Schnee zu bedecken, den wir von den Abhängen am Flußufer und anderen Orten herbeischleppten. Und dann haben wir einzelnen die Pferde mit den Fuhrwerken hinübergebracht.

2.Das Lagerzentrum verlangte mehr Holz, als das Revier tatsächlich entsprechend der festgelegten Norm hervorbringen konnte. Man fand einen Ausweg aus dieser Lage.

Anstelle einer vier Tage und Nächte dauernden Fahrt wurde die Verpflichtung auferlegt, die Fahrt in nur drei Tagesreisen zu schaffen. Das heißt die Brigade braucht mit Holz beladen vom Revier bis nach Koktschetaw zwei Tagereisen und muß für den Rückweg an einem einzigen Tag eine Entfernung von 70 km zurücklegen.

Wie sich die Pferde gefühlt haben, das erfuhren wir im Sommer; wir selber schliefen während der Fahrt und tauschten von Zeit zu Zeit die Kutscher aus.

Im Sommer brachen Pferdekrankheiten aus; dreißig Pferde verschwanden aus dem Rechen-schaftsbericht. Die Krankheit der Sommertage. Der Grund – völlige Erschöpfung.

Anfang Dezember desselben Jahres. Ich bin Brigadier der Transportbrigade. Wir sind mit Ladung unterwegs nach Koktschetaw. Eine Frau kommt uns entgegen; sie treibt einen jungen

Bullen an, der vor einen Einzel-Schlitten gespannt ist. Nur mit Mühe schafft er es ihn zu ziehen. Die Jungs schreien: „I. I., guck mal, dort schleppt sich unser Fleisch dahin!“

Am nächsten Tag, als wir gegen Abend zurückkehren, da sehen wir seitlich, etwa vierzig Meter vom Weg entfernt, so einen Haufen liegen. Der Moskauer Taxifahrer Popow schreit:

„I. I., das ist doch der Bulle (jener von gestern)“. Ich gehe auf den Schützen Ulanowskij zu. Ich sage zu ihm: „Sollen die Jungs sich doch ein paar Stückchen aus dem Bullen heraushacken“.

Er erlaubte es. Und als die Jungs sich dem Bullen näherten, überlegten sie nicht lange, nahmen ihn hoch, luden ihn auf und brachten das ganze Tier zum Pawlowsker Stützpunkt.

Ulanowskij wurde unruhig und er machte Kapitän Barinow – dem Lagerleiter – von allem Meldung. Der erinnerte sich an das Massen-Viehsterben, und hier brachten sie nun einen verendeten Bullen zum Stützpunkt! Unverzüglich rief er mich zu sich, schimpfte mich halb gutmütig aus, daß ich meine Bande auseinander gehen lassen sollte, und verlangte, daß ich diesen Bullen sofort zurückbrächte, also 15 km von hier entfernt. Die Jungs zogen ihn mit dem Schlitten fort, hinter den Misthaufen, und gegen Morgen war von dem Bullen nichts übriggeblieben als die Erinnerung an ihn.

3.Dezember 1944. Ich bin Brigadeführer für das zentrale Transportwesen, bereits in eben diese Akmolinsker Abteilung des KarLag. Mir oblag die Verantwortung für die Bereitstellung des Transportes. Gegen halb sieben sollten alle Pferdeställe leer sein. An der Wache gingen sie um sechs Uhr vorbei. Das Wetter war herrlich. Eine wunderbare Stille, Frost um –30°C. Gegen zehn Uhr morgens kam Wind auf, und brachte Schnee heran. In der Sprache der Kasachen heißt das Buran (Schneesturm). Auf der Straße konnte man auf drei Meter Entfernung keine Menschenseele erkennen. In diesem Moment kommt der Lagerleiter – Kapitän Barinow. Er findet im Pferdestall Zuchthengste vor. Wir begrüßen uns, und plötzlich fragt er: „Hast Du den gesamten Transport geleitet?“ Ich antworte bereitwillig: „ Ja, den gesamten“. Dann sah er mich mit seinen grauen Augen an und stieß hervor: „Und die Muttertiere?“ Ausweichen konnte ich nun schon nicht mehr. Und ich sagte: „Natürlich“. Da hob er die rechte Hand, zeigte mit dem Finger auf einen durchgehenden Balken im Dachstuhl und sagte: „Wenn auch nur eine einzige Stute vorzeitig fohlt, hänge ich dich da oben an dem Querbalken auf“. Ich stelle mir das ganze Chaos auf der Straße vor und erwiderte: „Dann hängen Sie mich sofort auf“. Er fragte: „Wieso?“ „Weil“, so antwortete ich, „sich niemand die Mühe machen wird, die Wahrheit herauszufinden; alle sagen, sie hat gefohlt, weil sie auf dem Trasnport war". „Aber du bist mutig“ – meinte er unter anderem. Worauf ich entgegnete: „Für mich gibt es keinen anderen Ausweg“.

4.Dasselbe Jahr 1944. Der Winter verläuft schwierig. Der Futtermeister ist Pawa Nikolajewitsch Tscheprowka – ein äußerst rechtschaffener und herzensguter Mensch. Das Heu wiegt er mit dergleichen Sorgfalt ab wie das Brot für die Strafgefangenen. Jeder Pferdestall bekommt seine

Normzuteilung, abhängig vom Viehbestand. Einmal gehe ich hinaus auf den Platz und sehe die Gruppe von Salnikow mit 6 Paar eingespannten Pferden, wie sie schon zur Abfahrt bereit sind. Und ich sehe, daß sie sich einen Armvoll Heu nicht aus jenem Pferdestall genommen haben, in dem ihre Pferde stehen. Ich verlangte, daß sie das Heu wieder an seinen Platz zurücklegen. Salnikow, als Gruppenleiter, gehorchte nicht. Da trat ich an eines der Pferdepaare heran, nahm es bei den Zügeln und sagte: „Wenn Sie nicht das Heu an seinen Platz zurückbringen, werden Sie nicht abfahren; und ob diese Fahrt überhaupt stattfindet (sie transportierten Steinkohle als Heizmaterial), liegt in ihrer Verantwortung. In dem Augenblick hörte ich ganz deutlich: „Geh weg, sonst werde ich schießen“. Ich drehte mich nach der Stimme um und stellte mich so hin, daß ich eine gerade Linie zwischen dem Schützen, mir und dem Pferd bildete. Er wiederholte noch einmal seinen drohenden Befehl, indem er den Hahn der Sperrvorrichtung spannte; da sagte ich zu ihm: „ Denken Sie daran, daß nicht alle sechs hier gemeine Schufte sind. Es finden sich Leute, die auch Ihnen die Wahrheit sagen werden. Wenn Sie schießen, werden Sie sich dafür verantworten müssen.“ Noch einmal drehte er an dem Hahn, aber das beunruhigte mich nicht; dann stand Salnikow auf, trat heran und warf das entwendete Heu auf einen Haufen, und unmittelbar nach ihm warfen auch alle anderen es dorthin, aber ganz durcheinander. Da verlangte ich, daß sie es so aufschichten sollten, wie es vorher gewesen war. Sie sammelten das Heu auf und fuhren davon. Damit schien der Vorfall erledigt.


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