Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Ðóññêèé

Sie hat gewartet, es aber nicht mehr erlebt

Zweiundvierzig Jahre wartete die Mutter auf ihren Sohn. Noch einen weiteren ersten Januar konnte sie nicht ertragen – sie starb (1984).

Unsere Mama hatte fünf Kinder in diesen Kriegs- und Vorkriegsjahren. Der älteste Bruder, Mischa, wurde 1925 geboren. 1941 beendete er die achte Klasse. Virtuos spielte er auf der Balalaika (Mama verwahrte sie ihr Leben lang), versuchte Gedichte zu schreiben.

Zu Beginn seiner Ausbildung in der 9. Klasse konnten sie das Schulgeld nicht bezahlen. Mama nahm sich sehr zu Herzen, dass der Sohn nun nicht lernen konnte; sie bat darum, noch ein wenig zu warten – vielleicht könnten sie es dann schaffen zu bezahlen. Aber es gelang nicht. Sie arbeitete als Lehrerin an der Grundschule, und was verdiente eine Lehrerin damals schon!? Der Vater lebte nicht bei uns. Und außer uns, den fünf Kindern, wohnten in unserer Familie noch die Großmama (Mamas Mutter) und der Großvater (Großmamas Bruder). Acht Personen – und sie mussten alle von einem einzigen Gehalt durchgebracht werden.

Der Bruder schämte sich, jeden Tag vom Schuldirektor die Mahnung nach dem Schulgeld zu hören, und so verließ er die Schule mit 16 Jahren, um in der Holzfabrik zu arbeiten. So nannten sie damals das Holzverarbeitungskombinat. Aber auch der Lohn, den er dort erhielt, reichte weder für unsere Brotration noch für ihn selber – den energiegeladenen jungen Mann, der den ganzen Tag schuftete. Er hatte Freunde, mit denen er die Abende verbrachte. Sie waren sehr gut miteinander befreundet, waren immer zusammen. Mischa Neiman – der älteste von ihnen, war 19 Jahre alt, Kostja Damberg und Witja Dogatschew beide 18.

Am 21. November 1942 wurde der Bruder 17 Jahre alt, und eine Woche später kamen Leute zu uns nach Hause, führten eine Haussuchung durch und nahmen den Burschen mit. Sie brachten ihn für immer fort – ihn, der doch so eine wichtige Hilfe und Stütze für unsere große Familie bedeutet hatte.

Ich war damals 11 Jahre alt, der jüngste Bruder war fast zwei. Und wie ich mich jetzt erinnere, saß ich mit dem Kleinen während der Haussuchung am russischen Ofen und weinte, und ich dachte dabei, dass sie nun gleich Mischa fortbringen würden und der kleine Bruder ihn wohl nie wieder zu sehen bekäme. Mischa liebte den Kleinen sehr, trug ihn oft auf seinen Armen umher. Liebevoll und fröhlich war der große Bruder. Und nach seiner Verhaftung gab es für uns keinen Trost.

Wohin und an wen sich Mama auch hilfesuchend wandte, immer in der Hoffnung, irgendetwas unternehmen zu können! Der Bruder des Vaters war erster Sekretär beim Bezirkskomitee der Partei – er verweigerte jede Hilfe (viele Jahre später bat er um Verzeihung dafür, dass er nicht hatte behilflich sein können, wobei er darauf verwies, dass es damals ebenso eine Zeit gewesen sei). Bei unserer Miliz erhielt man noch nicht einmal eine Auskunft. Die Antwort auf Mutters Frage lautete: „Sie werden nicht einmal ein Knöchelchen von ihm zu sehen bekommen!“

Erst später erlaubte ein Zugereister ein Wiedersehen bei der Gerichtsverhandlung. Das war unsere allerletzte Begegnung mit Mischa. Bei der Verhandlung waren Großmutter, Mama und ich anwesend. Ich weiß nicht, wovon sie sprachen, denn ich klammerte mich an Mischas Hand und weinte immerzu. Diese letzte Begegnung habe ich jetzt so klar vor Augen, als hätte sie gerade eben erst stattgefunden. Der Bruder zeigte mit seinem ganzen Äußeren, dass es ihm gut ging und versuchte uns zu beruhigen. Er trug staatliche Kleidung, nicht die Sachen, die er getragen hatte, als er von Zuhause fortging. Ein wenig besser. Offensichtlich hatte Mischa sie von seinen Freunden übernommen, um den Eindruck zu erwecken, dass er hier ganz gut lebte. Damals wurden dann auch all seine Freunde verhaftet.

Dann wurde die Gerichtsverhandlung für die Öffentlichkeit geschlossen, und selbst die Angehörigen durften nicht mehr dabei sein. So konnte Mama auch ihr Leben lang nicht in Erfahrung bringen, was ihr Sohn eigentlich so Schlimmes verbrochen hatte, warum man ihn verhaftet und weshalb sie ihn für immer verloren hatte. Sie verurteilten Mischa nach § 58 – als Volksfeind! Er und Neiman erhielten jeweils acht Jahre, Damberg und Logatschew – jeder zehn. Man brachte ihn nach Krasnojarsk.

Wir bekommen einen Brief, in dem er schreibt: „Mama, komm so schnell es geht her, denn man wird uns bald aus Krasnojarsk fortschicken, und es kann sein, dass wir uns dann nicht mehr sehen“. Man wollte sie nicht vom Arbeitsplatz fortlassen, die Zeit verrann. Und als Mama schließlich in Krasnojarsk eintraf, traf sie ihren Sohn dort schon nicht mehr an, man hatte ihn abtransportiert. Drei Jahre später hatte sie immer noch keine Nachrichten von ihm erhalten, aber später kam dann ein Brief. Und so geschah es mehrere Male – jahrelang kein Brief. Als Antwort auf ihre Nachforschungen erhielten sie eine Todesbescheinigung. Und dann kam plötzlich vom neuen Aufenthaltsort erneut ein Brief von Mischa. Und so ging das acht Jahre lang.

Später schrieb Mischa, dass man ihn frei gelassen hätte, aber ihm nicht erlaubte den Ort zu verlassen. Er bat darum, ihm einen Aufruf zuzusenden, dass er zu ihnen kommen sollte – dann würde man ihn fortlassen. Mama beschrieb in ihrem Aufruf die familiäre Lage, ließ das Schreiben beim Dorfrat und der Konsumgenossenschaftsstelle des Bezirks beglaubigen und schickte das Schreiben ab, doch als Antwort erhielt sie erneut eine Todesbescheinigung – und diesmal war es die letzte. Wir warteten weiter, aber es kam nichts mehr.

In der Bescheinigung wurde mitgeteilt, dass er angeblich am 1. Januar 1952 an einer Verletzung gestorben sei, die er sich bei einer Schlägerei zugezogen hätte (?!). Kein Kummer hätte wohl schlimmer sein können, als diese Nachricht. Wenngleich es in den langen Jahren unseres Werdegangs eine Menge Elend gegeben hat. Unser Großvater starb, nachdem er fast verhungert, einen Fladen aus Maiskolben gegessen hatte (den jüngeren Bruder konnten sie im Krankenhaus gerade noch retten). Damals arbeitete ein äußerst verständnisvoller Arzt bei uns; mehrmals lag auch die Mama mit dem kleinen Bruder im Krankenhaus, um ihn dort mit Krankennahrung zu unterstützen.

Im Alter von 50 Jahren ging Mama aufgrund ihrer Invalidität in Rente, sie erhielt 27 Rubel.

Wegen Bruder Mischa wurde der zweite Bruder nicht in die Partei aufgenommen. Und der Jüngste, als er sich dieser Lehrstunde erinnerte, trat ihr von sich aus gar nicht erst bei, obwohl es aufgrund seiner Situation und seines Interesses möglich gewesen wäre. Jetzt ist er Kandidat der technischen Wissenschaften.

In seinen Briefen beklagte Mischa sich nie darüber, wie es ihm in der Unfreiheit erging, nur sehnte er sich immer nach der Freiheit oder bat darum, ihm irgendetwas zu schicken. Aber was konnte Mama ihm schon schicken, wo sie doch die Alleinverdienerin in der Familie war. Aber sie schickte trotzdem etwas (getrocknete Rüben, Wurzeln oder ähnliches).

Unter den zahlreichen Appellen und Briefen bezüglich des Bruders gab es auch ein Schreiben an M.I. Kalinin, doch gab es auf die Anfrage keine Antwort. 1948 erteilte das Oberste Gericht die Antwort „…ist der Bitte für eine Überprüfung des Falles auf dem Dienst-Aufsichtswege aus Mangel an Beweggründen nicht stattgegeben worden“ (N° 48, Verz. 21262.). Und 1963 teilten sie mit: „ … Urteil …für ungültig erklärt ….und das Verfahren wegen Unbeweisbarkeit der Anklage eingestellt“ (N° 1283 – vollständige Gesetzessammlung).

Michail Neiman saß offenbar seine Strafe ab und kam wieder in Freiheit, allerdings vermag ich über sein weiteres Schicksal nichts zu sagen. Von Kostja Damberg erzählte man sich kurz nach der Gerichtsverhandlung, dass er bei einem Fluchtversuch erschossen worden sei. Er war der einzige Sohn seiner Eltern. Seine Mutter verlor den Verstand und starb. Auch der Vater lebte nicht mehr lange. Viktor Logatschew wurde nach einiger Zeit entlassen – angeblich, weil er sehr geschwächt war. Unter der Bedingung, dass man ihn, wenn er zu Hause wieder ganz gesund würde, an die vorderste Front schicken wollte. Und so kam es auch. An der Front weilte er nicht lange, er kehrte mit einem fehlenden Bein von dort zurück. Und wie ich mich jetzt erinnere, sagte er in einem fort: „Wozu leben wir?“ Inzwischen weilt auch er schon nicht mehr unter den Lebenden.

Die Briefe des Bruders an die Mutter sind nicht mehr erhalten, sie bat darum alle zu verbrennen, nachdem sie von seinem Tode erfahren hatte. Aber vier Briefe meines Bruders, die er an mich gerichtet hatte, befinden sich noch in meinem Besitz. Wo er nur überall gewesen ist – in Nischnij Tagi, im Gebiet Karaganda, an der Kolyma, in den Siedlungen Atka, Jagodnyj im Gebiet Magadan, im Gebiet Chabarowsk.

Viele Schicksale, ähnlich dem des Sascha Pankratow in A. Rybakows Roman „Die Kinder des Arbat“. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Werden zukünftige Gedenkstätten bei den Menschen irgendwelche Gefühle für die ganz unnötig ausgehauchten Leben empfinden? Aber im Gedächtnis der Angehörigen werden sie sich stets als unerträglicher Schmerz äußern.

Am 21. November 2006 wurde Michail Wasiljewitsch Soldatow 81 Jahre alt.

T. Panjukowa

Schmerz und Erinnerung. Gewidmet den Opfern der politischen Repressionen in den 30er bis 50er Jahren des 20. Jahrhunderts im Bezirk Jermakowskoje, Band 2


Zum Seitenanfang