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Kasis (Kasimesch) Gajgalas. Brief aus dem KrasLag

Liebes Söhnchen und Schonuschka!

21/X-42

Gestern Abend habe ich mich sehr gefreut, als ich gleich zwei Briefe von Euch bekam; den dritten habe ich nicht erhalten. Ich dachte, daß Ihr gar nicht mehr lebt; alle habe ich nach Euch gefragt und keiner konnte mir sagen, wo Ihr seid. Meine Brotration beträgt 400–600 gr. Suppe gibt es zwei-, mitunter dreimal, in einem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden.

Wann und auf welche Weise Borussewitsch gestorben ist, weiß ich nicht; damals war ich nicht zuhause. Borussewitsch ist gestorben, Bimba, Strasdas, Schilejkis, der Ehemann von

Misjunuwna. Ich beeile mich mit der Antwort auf Eure gestrigen Fragen; ich antworte heute. Ich arbeite, wo ich gerade hinkomme und was gerade anfällt, was auch Du, Söhnchen, und Mama arbeiten.

Schreibt! Ich küsse Euch ganz fest. Auf Wiedersehen, Euer Ehemann und Vater Gajgalas. Die Anschrift der Krasnojarsker Eisenbahnstation Reschoty lautet Postfach N 235/10, Lager-außenstelle Nr. 10, Kasimir Kasimirowitsch Gajgalas.


Meine Lieben!

17/XI-42

Dieser Tage erhielt ich Euren dritten Brief, den ich unverzüglich beantworten will. Ich bin gesund. Ich habe mich wieder berappelt, wiege soviel, wie unser Alfons gewogen hat.

Wenn ihr meinen Brief erhalten habt, dann antwortet sofort. Meine einzige Freude sind doch die Briefe von Euch. Mein lieber, guter Sohn und seine Braut, vergeßt mich nicht, schreibt öfter. Ich werde auch nicht in Eurer Schuld stehen. Bei uns ist Winter und es herrscht jetzt durchschnittlicher Frost. All Eure drei Briefe sind schon vor langer Zeit geschrieben, fast gleichzeitig. Schreibt oft. Ich küsse Euch beide ganz, ganz fest. Auf Wiedersehen, Euer Ehemann und Vater Gajgalas.

Meine Anschrift: Krasnojarsker Eisenbahnstation Reschoty, Postfach 235/10, Lageraußen-stelle Nr. 10.

* Auf der Rückseite befindet sich ein Stempel mit dem Aufdruck „Geprüft von der Militär-zensur Krasnojarsk“ *


15/XII-42. Lieber Sohn, liebe Ehefrau,

ich schreibe Euch meinen dritten Brief. Ich lebe und bin gesund. Wie geht es Euch? Seid Ihr gesund? Ich wünsche Euch alles Gute zum Neuen Jahr, Gesundheit und Erfolg bei allem. Schreibt mir oft, damit mir fröhlich ums Herz wird.

Im Traum sehe ich Euch oft. Dieses Jahr haben wir nicht so starken Frost. Sobald Du meinen Brief erhälst, Söhnchen, schreib gleich wieder.

Auf Wiedersehen. Ich küsse Euch ganz, ganz fest. Euer Ehemann und Vater K. Gajgalas.

15. Dezember 1942.


Meine Lieben! 12/II-43

Ich habe von Euch zwei Briefe bekommen, die Glückwünsche zum Neuen Jahr und noch einen. Ich freue mich so sehr über Eure Briefe, daß ich es nur schwer beschreiben kann.

Wie gern würde ich zu Euch fahren und Eure Kartoffelchen essen.

Mit mir lebt Jurkewitsch, aber mit dem komme ich schlecht aus; auch Frunski, der Schreiber in Koltypjany war, lebt hier. Mama kennt ihn. Mit ihm leben wir gut. Von seiner Frau hat er ein Paket bekommen und mir etwas abgegeben. Gena, der Ehemann von Lobsek, ist im Alter von 32 Jahren gestorben. Der Ksiondz (römisch-katholischer Priester) Frunski, Schwester Anna und sein Bruder sind ebenfalls gestorben.

Weitere Bekannte gibt es nicht. Ich bin so froh, mein Sohn, daß Du gut lernst. Meine unnötige Kleidung habe ich verkauft. Und sonst bin ich gesund und am Leben. Die arme Mama hat es schwer, aber was soll man machen; sie hat nicht einmal warme Kleidung. Es ist gut, daß sie Rentierfell-Stiefel gekauft hat. Ich sehe Euch oft im Traum. Wir haben auch starken Frost. Mein entfernter Verwandter, Ostup Kowalewskij, ist auch gestorben. Er hat in Owante gewohnt. Schreibt mir häufig Briefe, ich bemühe mich zu antworten. Wenn Du meinen Brief bekommen hast, dann schreib schnell zurück. Bis dann. Auf Wiedersehen. Ich küsse Euch beide ganz, ganz fest.

Euer Vater und Ehemann.


15/III 1943

Geliebter Sohn und Schonuschka!

Ich gratuliere Dir zum Namenstag und wünsche Dir das Allerbeste, damit all Deine Wünsche in Erfüllung gehen. Ich bin gesund, aber sehr geschwächt und fühle mich auch ganz schwach. Wenn Ihr mir ein Paket schicken könntet: ein paar Kilogramm. Getrocknete Kartoffeln, ein paar Kilogramm Mehl und getrockneten Fisch. Kartoffeln kochen, schneiden und trocknen lassen. Viele von uns bekommen das so; das wäre für mich eine große Unterstützung. Natürlich wenn Ihr könnt, aber nicht, daß Ihr dann für Euch nicht genug habt. Ich wäre Euch sehr dankbar und dann hättet Ihr mich ganz gut unterstützt. Wir haben schönes Wetter, geringen Frost, Tauwetter. Wie steht es mit Deiner und Mamas Gesundheit? Wie seid Ihr gekleidet? Du müßtest Stiefel haben, und Mama auch. Ich sehe Euch ganz oft im Traum. Ich habe Sehnsucht nach Euch. Auf Wiedersehen. Ich küsse Euch beide ganz, ganz fest. Euer Vater und Ehemann.

Auf der Rückseite:

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Gibt es in Eurer Nähe einen Fluß oder See, wo man Fische angeln kann? Als du noch zuhause warst, hast Du doch immer so gern Fische gefangen. Falls Ihr kein Mehl habt, dann könnt Ihr mir auch ein paar Graupen herschicken.

Du hast mir geschrieben, daß bei Euch auch die Ehefrau von Dinda, Strasda und Borysse-witsch leben,und jetzt schreibst Du, daß es aus unserem Gebiet niemanden gibt. Wenn Ihr habt, dann schickt mir etwas Papier zum Briefeschreiben.

* Außerdem ein Stempel: „Geprüft von der Militärzensur Krasnojarsk 18*


Meine Lieben!

24/III-43

Deinen Brief habe ich am 23/III erhalten, und abends haben sie mir mitgeteilt, daß ich zu 5 Jahren verurteilt wurde und die Strafe am 14/VII-1946 endet. Lieber Sohn, ich habe solche Sehnsucht nach Dir und Mama, so sehr, daß mir sogar das Schreiben schwerfällt. Ach, Ihr Lieben, Ihr Herzensguten! Im Herbst habe ich mich wieder erholt. Ich habe 60 kg gewogen. Jetzt wiege ich weniger; um wieviel weiß ich nicht. Schade, daß sie keine Pakete annehmen. Wenn sie es tun, dann schickt irgendetwas; das wäre für mich eine große Unterstützung. Ich gratuliere Euch, meine Lieben, zum bevorstehenden Feiertag und wünsche Euch alles Gute. Bei uns war das Wetter auch gut, aber in den letzten Tagen hat wieder Frost eingesetzt. Ich sehe Euch häufig im Traum. Ich wache auf, und dann seid Ihr nicht da; schade, daß es nur ein Traum war und keine Wirklichkeit. Schreib, Söhnchen, wie bei Euch die Landschaft aussieht, eher hügelig oder mehr eben, und ob es weit von Tomsk entfernt ist. Auf Wiedersehen. Ich küsse Euch ganz, ganz fest. Euer Vater und Ehemann.

Auf der Rückseite:

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Ich bete auch und bitte Gott, daß er Euch behütet und bei guter Gesundheit läßt. Du, Söhnchen, schreib oft. Eure Briefe sind meine einzige Freude. Euer Vater und Ehemann Gajgalas.

* Ebenso ein Stempel: „Geprüft von der Militärzensur Krasnojarsk 202“


Meine Lieben!

10/VII-43

Ich habe mich sehr gefreut, von Euch einen Brief bekommen zu haben. Seit April hatte ich keine Nachrichten mehr von Euch erhalten; ich dachte schon Ihr lebt nicht mehr.

Ich kann auch gar nicht meine Freude über Deinen Erfolg in der Schule beschreiben und gratuliere Dir, mein lieber Sohn, zu Deinen Fähigkeiten und Bemühungen. Du mußt inzwischen groß geworden sein, ich sehne mich so sehr nach Euch. Ich bekomme 480 gr Brot und einen halben Liter Suppe am Tag. Die Gegend hier ist eben, fruchtbarer Boden, und viel Wald.

Mama und Du, Ihr seid fröhlich, und mir ist es so allein langweilig. Du bist groß geworden, und Mama gealtert. Ich habe irgendwann einmal in Tomsk gelebt.

Schreibt oft, denn Eure Briefe sind meine einzige Freude; ich wünsche, daß bei Euch die Kartoffeln und Rüben und Rote Bete gut gedeihen.

Schreibt. Auf Wiedersehen. Ich küsse Euch beide ganz, ganz fest.

Euer Vater und Ehemann

10/VII-43 Gajgalas


Lieber Sohn, liebe Frau! 21/VII-43

Euren Brief vom 17/V. habe ich erhalten. Ihr schreibt, daß Ihr ein Paket schicken könntet, sie es aber nicht in Empfang nehmen würden. Unser Lagerleiter hat gesagt, daß sie es annehmen können; man müsse nur den Namen des Gefangenen auf das Paket schreiben, und dann nehmen sie es entgegen. Wenn ich ein Paket erhielte, würde ich mich gut erholen. Geh zur Post, mein Sohn, und frag mal, ob sie ein Paket befördern werden, und dann schickt auch ein bißchen Salz mit. Ich habe in meinem letzten Brief gar nicht mitgeteilt, was ich arbeite [der Rest der Zeile ist verschmutzt und zerknittert] ... ein anderes Mal habe ich mit einem Besen den Hof gefegt. Kleidung und Schuhe habe ich einstweilen. Die Fische sind zwar klein, aber fett und getrocknet, das ist gut. Ich habe geschrieben, daß es hier viele Beeren gibt, und Pilze gibt es auch. Es ist gut, daß Ihr Milch bekommt. Also dann, auf Wiedersehen. Ich küsse Euch ganz, ganz fest.

Euer Vater und Ehemann Gajgalas.

* Auf der Rückseite: „Geprüft von der Militärzensur, Krasnojarsk 34“ *


 

ANMERKUNGEN zu „Lietuvos Gyventoju Genocidas“, Vilnius 1991.

1. Zum Brief vom 21.10.42

BORYSIEWICZ Mikolaj, Sohn von Marcina, geb. 1898, Förster, lebte in Linkmenis (Ingalinsker Kreis). Er kam 1943 im Lager ums Leben (nach einem Brief im Jahre 1942 zu urteilen).

BIMBA Martinas Karolio (Marcin, Sohn von Karola), geb. 1893, Besitzer des Gutshofes (Vorwerk) Budris. Kam 1942 im Lager ums Leben.

STRAZDAS Bernardas Vinco (Benrard, Sohn von Wincentego), geb. 1908, Bauer aus dem Dorf Pakeunis (Ignalinsker Kreis). 1941 verhaftet.

2. Zum Brief vom 12.02.43

JURKIEWICZ Feliks, Sohn von Jerzego, geb. 1883, Kreis Schwentschonis, Dorf Aschwa-rajschtschis.

PRUNSKIS Pranas Stasio (Franciszek, Sohn von Stanislawa), Beamter in Kaltanenai (Koltyniany), Kreis Schwentschonis.

PRUNSKIS Petras Mykolo, geb. 1872, Geistlicher im Dorf Schwilbutschjaj, Kreis Sarassaj. Verschleppt in das Dorf Tschechanicha, Ust-Pristansker Kreis, Altaj-Gebiet, kam am 07.12.42 ums Leben.

PRUNSKITE Ona Mykolo, geb. 1867, Bäuerin aus dem Dorf Schwilbutschjaj, verschleppt nach Tschechanicha, kam am 21.09.42 ums Leben.

PRUNSKIS Juozas Mykolo, geb. 1871, Bauer aus Schwilbutschjaj, kam im Dezember 1942 im KrasLag ums Leben.

3. Zum Brief vom 15.03.43

DINDA Mykolas Juozo, geb. 1912, Bauer aus dem Dorf Pagautschisas, Kreis Schwentschonaj. 1941 verhaftet. Über die Ehefrau liegen keine Kenntnisse vor.

Ehefrau von B. W. Strazdas: Sofia, Tochter von Adam, geb. 1918, Kinder: Antoni, geb. 1940, Regina, geb. 1938. Wurden in die Region Tomsk verschleppt.

Ehefrau von M.M. Borissewitsch: Stefania, Dochter von Stefan, geb. 1900.


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