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Rostislaw Gortschakow . Drei Novellen über Igarka

Mitte der 1960er Jahre zog ich von Leningrad nach Igarka um, wo ich mich ganz unerwartet davon überzeugen konnte, daß die Nostalgie im Hinblick auf die weißen Nächte mich nicht mehr sonderlich ergriff, wie es damals im Laufe der vorangegangenen Jahre meiner Tätigkeit auf Sachalin der Fall gewesen war. Und das lag noch nicht einmal daran, daß die Frühlingsnächte im äußersten Norden einem weißer vorgekommen waren, als die an der Newa. Es lag an den Leningradern, die in Igarka in großer Anzahl zusammengekommen waren, als ob irgendwelche verwegenen Experimentatoren versuchten, überall hinter dem Polarkreis Filiale von Petrograd zu errichten. Zum Beispiel hatte ich von Zeit zu Zeit beim Anblick der Abonnenten, die mit mir zusammen die Quittungen für die „Wetschorka“ ("Abendblatt" - Anm.d.Übers.), die „Newa“ oder den „“Baltischen Seemann“ ausschrieben, die beinahe mystische Empfindung, mich nicht inmitten einer ewigen Frostregion zu befindenn, sondern in der heimatlichen vierzigsten Abteilung in der Ligowka-Straße. Na ja, und schon deswegen muß man von dem, was in Igarka, als der Kapitän und Lehrmeister W.W. Konetschkij bei den jährlichen Feierlichkeiten der ganzen Stadt zum Tag der Aufhebung der Blockade wie üblich zum Ufer hinabstieg nicht sprechen muß.

Es muß gesagt werden, daß es in der neuen vaterländischen Geschichte in der Tat mehr als genug tollkühne Experimentatoren gab, denken wir nur an das NKWD, welches den Jenissejsker Norden gewissenhaft mit verbannten „Trotzkisten“ aus Petersburg versorgte, oder das viel-gepriesene Komitee für den Nordmeer-Seeweg, welches in Leningrad aktiv alle möglichen Spezialisten für das neu entstandene „Meerestor Sibiriens“ anwarb – Hydrographen und Ärzte, Köche und Geologen, Funker und Schauspieler. Nachdem Igarka für lange Zeit zu meiner Heimat geworden war, schien es mir mit den Ufern der Newa durch eine Vielzahl von Fäden verbunden zu sein.

Es versteht sich, daß an den Jenissej nicht nur Leningrader verbannt und angeworben wurden, und dennoch verloren sie sich durchaus nicht in der bunten Nationalitätenvielfalt von Gesichtern, Schicksalen und politischen Paragraphen, durch die in den ersten Jahren ihrer Existenz ein neuer Hafen am Jenissej entstand. Nicht zuletzt kann man zu den Gründen der Leningrader Eigenart die hohe Professionalität und die Treue zu den Traditionen der Petersburger Kultur zählen. Aber wahrscheinlich wäre dies allein nicht ausreichend, um von Generation zu Generation hinter dem Polarkreis eine besonders ehrerbietige Einstellung zu dem Begriff „Leningrader“ zu bewahren. So darf man doch auch den Igarsker Deutschen, Griechen, Litauern und Finnen keine Vorwürfe machen wegen des Verrats an den Traditionen ihrer nationalen Kultur, aber es gab auch hervorragende Kenner ihres Fachs unter der Vielzahl der in Igarka lebenden Sibirjaken oder denen. die aus Archangelsk oder auch aus Moskau stammten. Wie ich es mir vorstelle, geben die Worte des Tschekisten Kurbatow den Schlüssel zum Verständnis der Gründe für die besondere Einstellung der Einheimischen von Igarka zu den Leningradern, die er im Herbst 1938 an seine eigenen Untergebenen richtete: „ Solange der Leningrader Stamm von hier nicht vollständig herausgesäubert ist, wird unsere Arbeit in Igarka keinen Sinn machen. Entweder liquidieren wir ihren Ungehorsam zur Mutter des Teufels oder wir verspielen die Stadt“.

Die Tschekisten verspielten die Stadt. Denn jede beliebige menschliche Gesellschaft lebt durch Widerstand. Sobald sie aufhört sich zu widersetzen – sei es durch Naturkräfte, Schwierigkeiten im Wachstum oder herrische Tyrannei – gibt sie sich unvermeidlich dem Untergang preis. Igarka leistete Widerstand und konnte deshalb, trotz der Bemühungen der Henkersbehörde, während all der Jahre der Stalinherrschaft eben jene „Widerspenstigkeit“ durchhalten, welche es Igarka bis zu den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts gestattete, das einzigartige und wundervolle Igarka zu bleiben. Natürlich lag darin auch das unzweifelhafte Verdienst vieler ihrer freien wie auch unfreien Einwohner, aber die Erinnerung der Einwohner lenkt immer ab von der führenden Rolle bei der Schaffung des widerspenstigen Igarsker Charakters ausgerechnet gegenüber den Leningradern.

Einige Novellen, die diesen würdigen Menschen gewidmet sind, gründen sich auf reale Geschehnisse. Auch meine bescheidene Arbeit soll als bescheidener Beitrag der Dankbarkeit an jene unsere Landsleute dienen, die selbst in den für das ganze Land so unheilvollen Jahren nicht erzitterten, nicht zurückschreckten oder ins Wanken gerieten und nicht ihre stolze Zugehörigkeit zum „Leningrader Stamm“ preisgaben.

Auf wundersamste Weise

- Das ist so eine Sache, Maschenka, - wandte sich Larow an das vor ihm auf einem Schemel sitzende braungebrannte Mädchen mit dem langen, leichten Kopftuch, welches den Einwohnerinnen von Igarka den Netzhut gegen stechende Insekten ersetzt.

- Es scheint so, als ob morgen zu uns mit dem Dampfer "Rudsutak" Korrespondenten kommen sollen. Lies mal, die gesamte Agitationsbrigade hat ihre Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. Sowohl aus Krasnojarsk, als auch aus Nowosibirsk und sogar aus ganz aus Moskau. Ich bin mit Lipp hierher geflogen, so daß ich ein wenig früher als sie hier bin. In der Hauptsache interessieren sie sich natürlich für das Thema Holzexport, aber irgendjemand hat es auch auf deine „Agroarktika“ (Selektier- und Experimental-Station - Anm.. d. Übers.) abgesehen. Es würde wohl nicht schaden, sich im voraus Gedanken darüber zu machen, was wir ihnen erzählen wollen - und wie. Deshalb habe ich dich auch gerufen. Was meinst du?

- Boris Wassiljewitsch, - das Mädchen schüttelte mißtrauisch den Kopf, - ich dachte, daß sie mich geschäftlich zu sich gerufen haben, ich habe mich wie eine Verrückte beeilt, aber sie ... Irgendwelche Zeitungsleute. Einfach lächerlich. Sagen Sie mir lieber, ob das Saatgut aus Turuchansk schon geliefert worden ist?

- Es ist gebracht worden, Maschenka, es ist gebracht worden. – Lawrow nahm aus seiner Tasche ein paar akkurat mit einem Bindfaden umwickelte, prall gefüllte Päckchen.- Halt das mal. Alles, was du erbeten hast, habe ich beschafft. Wenn das für Ihre Maria ist, meinten sie, dann bekommt sie es auch. Aber laß das Saatgut mal Saatgut sein, und was die Zeitungsleute betrifft, so sehe ich persönlich darin nichts Lächerliches. Wenn es lächerlich wäre, dann würde ich dich damit nicht belästigen. Ich sage dir: man muß gründlich überlegen.

- Wozu hier lange überlegen? – wunderte sich Mascha. – Bei uns waren doch auch schon Korrespondenten von der „Sowjetskaja Arktika“, und nach ihnen kam ein Amerikaner im Frühjahr hierher geflogen, der beinahe jede Erdbeerpflanze im Gewächshaus abgeknipst hat. Die haben mich nicht gestört, eher – ich sie. Und von der Arbeit werde ich niemanden ablenken, selbst wenn man mich darum bitten würde.

- Nun! – Larow hob belehrend den Finger. – Das ist ein wahres Wort: von der Arbeit soll man niemanden abhalten. Auf gar keinen Fall! Mehr noch: sie werden sich über die Helden der bäuerlichen Arbeit hinter dem Polarkreis erkundigen – ganz allgemein und nicht irgendetwas Konkretes. Und es wäre auch besser, sie überhaupt gar nicht erst zur Insel zu bringen. Um so mehr, als der Hafen-Kutter mit den Lotsen flußabwärts gefahren ist, und mit dem Ruderboot können wir den Gästen nicht die festgelegte Sicherheit garantieren. Man hat sich darauf geeinigt ihnen zu sagen, daß noch Hochwasser herrscht, daß die Anlegestelle bislang noch nicht eingerichtet ist, na ja, und sowas alles ... Verstanden?

- Nein. Der Kutter ist abgefahren, aber die Leute haben doch Motorboote. Wenngleich sie

selbstgebastelt sind, aber sie sind doch viel schneller, als wenn man rudern müßte. Warum durfte die „Sowjetskaja Artika“ und die Amerikaner denn auf die Insel, und diese Leute hier nicht?

- Weil, Mascha, die „Arktika“ mit den Amerikanern wegen deiner Selektion nach Igarka gekommen ist. Die haben sich interessiert für Pud und Zentner und den Einfluß des Tageslichts auf die Reife. Und die heutigen Gäste, wie mir in Krasnojarsk einige alte Freunde eingeredet haben, interessieren sich für etwas ganz anderes in deiner Wirtschaft.

- Etwas anderes? Außer mit Selektion befassen wir uns doch mit nichts anderem. Verstehst du, da hat die Partei vor dem ganzen Land die Aufgabe gestellt, die verbannte Kulakenschaft als schädliche Klasse auszurotten, und in Igarka passiert es, daß genau diese Kulakenschaft, anstatt daß sie umgebracht wird, Erdbeeren mit Gurken züchtet, auf die verschiedensten Fragen der Amerikaner fröhlich antwortet und sich überhaupt keine grauen Haare wachsen läßt! Begreifst du, welche organisatorischen Konsequenzen sie verfolgen werden, wenn wir so eine Haltung gegenüber der feindlichen Klasse einnehmen?

- Und inwiefern ist sie feindlich, wenn jene Erdbeeren und jene Gurken nicht für die Feinde sind, sondern für diejenigen, die im Waldkombinat arbeiten und Kinder großziehen? Und die in der Tundra rund um die Uhr Kartoffeln roden, sind das etwa Feinde? Die haben doch selbst gesagt, daß Sie mich in Leningrad aus dem gesamten Institut wegen meiner Arbeitshände ausgewählt haben – so daß man, nach den Schwielen zu urteilen, die hiesigen Männer mit ruhigem Gewissen geradewegs ins Volkskomitee schicken kann!

- Nehmen wir mal an, daß ich dich aus Leningrad nicht einzig und allein wegen deiner Hände genommen habe, sondern auch wegen deines Kopfes. Deswegen wiederhole ich jetzt auch zum dritten Mal: ü-ber-le-ge ganz genau! Du und ich – wir wissen doch, wer sich hier mit was beschäftigt, und den ehrbaren Leuten bedeutet deine Lyrik in Bezug auf die Beförderung der Kulaken ins Volkskomitee nicht so viel, als daß sie es wissen wollen, und hören brauchen sie es auch nicht.

- Worin sind denn die Menschen auf der "Rudsutak" so ehrlich?

- Darin, daß sie an rechtschaffenen politischen Aufgaben arbeiten. Begreifst du den Unterschied? Deine ganzen Jarowisationen (künstliche Kältebehandlungen, um eine Entwicklungsbeschleunigung bei Saatgut zu erzielen; Anm. d. Übers.) und Selektionen sind für sie eine ganz unwichtige Angelegenheit. Da wurde zum Beispiel der Leiter der Abteilung der Kolchos-Organisation der Zeitschrift „Krasnaja Panorama“ („Rotes Panorama“; Anm. d. Übers.), der Genosse Sawelij Kononow, hierher geschickt. Nicht weil dort die Ernten gut sind, sondern weil sie dort auch solche klugen Menschen ausfindig gemacht haben, die sich als Klassenfreunde von den Klassenfeinden durch ihre Schwielen an den Händen unterschei-den.

- Na und?

- Aber solche klugen Köpfe gibt es dort nicht mehr, Mascha. Man hat sie entlassen. Wegen Tölpelei, Energielosigkeit und Komplicenschaft mit nicht klassenbewußten Elementen. Jetzt sind dort weder kluge Köpfe zurückgeblieben, noch überhaupt irgendwelche Elemente.

Nun begreifst du doch – wir müssen dem Genossen Kononow deine Farm auf einer Untertasse mit Goldrand überreichen, oder ist es besser, ihm nicht alles zu zeigen?

- Das Signal kam für ihn wahrscheinlich nicht von irgendwo, sondern direkt von hier, - erwiderte Mascha. Das bedeutet, daß man ihn nicht mit dem Traktor von der „Agroarktika“ weggezogen bekommt. Obwohl ... Was glauben Sie, Boris Wassiljewitsch, wird er hier eigentlich suchen?

- Leute natürlich. Jene, die 1930 hierher verschleppt worden sind und die, die bei der richtigen Einstellung längst nach allen Berechnungen ins ewige Eis eingegangen sein müßten. Kurzum – er braucht eine Statistik.

- Eine Statistik? Dann muß er in der Hauptsache nicht zu mir, sondern zu Schorochow im NKWD gehen. Mit ihm müssen Sie darüber reden!

- Aber wozu mit Mischa reden? Er hat mit mir gemeinsam die Baracken für die Umsiedler gebaut, als du hier noch gar nicht existiert hast, in ihrem 1. Verbannungsjahr. Auch er hat, genau wie du, im Hinblick auf Schwielen Verständnis. Wieder war auch damals das Verständnis zwischen ihm und uns sehr einfach – entweder zusammen mit den Bauern überleben oder man entfernt sich von ihnen mitsamt der ganzen Stadt und stirbt an Skorbut. So wirst du Kononow doch jene Aufgabe nicht erklären. Ich habe seine Artikelchen im Flugzeug gelesen – eine absolute „eiserne Hand der Kollektivisierung“ ...

- Es ist schon besser, daß es nicht notwendig ist, mit Michail Nikolajewitsch zu sprechen, -

meinte Mascha nachdenklich und blickte durchs Fenster auf die sonnige Jenissejsker Landschaft hinab, - das heißt, er wird uns den Rücken schon stärken. Man müßte nur wissen, wo die Schwachstellen sind ... Wann, sagten Sie, wird die "Rudsutak" in Igarka sein?

- Morgen, gegen Mittag, hat man uns zugesagt. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden ausladen und gegen Abend fahren sie wieder zurück, mit den Angeworbenen, mit denen schon die endgültigen Verträge abgeschlossen worden sind. Also, daß man damit rechnen kann, für eineinhalb Tage aus dem Arbeitszeitplan herauszufallen. Wir dürfen hier keinerlei Planlosigkeit zulassen. Damit bloß alles auf wundersame Weise gelingt, sonst wird nachher überhaupt nicht mehr nach dem Arbeitsplan gegangen - und dann gibt es in höchstem Maße Ärger.

- Mußten die denn ausgerechnet jetzt kommen, - seufzte das Mädchen und erhob sich von ihrem Schemel. - Na ja, die hätten ja nach Jessentuki oder auf die Krim fahren können, aber nein, sie müssen unbedingt nach Igarka... Vielen Dank, daß sie mich gerufen haben, Boris Wassiljewitsch, und zweifeln sie nicht daran - alles wird auf wunderbare Weise in Ordnung gehen! Ganz bestimmt! Ich habe alles verstanden. Nur eines werde ich wohl nie so ganz begreifen, - fügte sie hinzu, in dem sie bereits nach dem Türgriff faßte, - warum gibt es auf der Welt soviele Menschen, denen es schlecht geht, weil es anderen Menschen gut geht?

Der Besuch der "Agitbrigaden" ging vorüber, das heißt, alles verlief glatt und reibungslos. Zahlreiche Reportagen bezeugten einmütig, daß die Organisation und der Aufbau des Igarsker Vorpostens des Sozialismus im fernen Norden im Eiltempo und mit bolschewistischer Prinzipienfestigkeit durchgeführt wurde. Die Meister der Parteifeder geizten nicht mit schönen Farben, als sie die Errungenschaften der Igarsker Einwohnerschaft beschrieben:

"Als wir durch die innerhalb kürzester Zeit errichteten Werkshallen und Meeresanlagestellen gehen, hören wir den deutlichen, abgehackten Erläuterungen des Vorsitzenden des Komitees des Nordmeerseeweges, des Genossen Lawrow, zu:

- Dies ist eine Vorrichtung mit elektrischer Zugkraft zum Ziehen von Baumstämmen, sie ersetzt drei Arbeitsgruppen.

- Hier erweitern wir die Anlegestelle noch für zwei weitere Dampfer.

- Unser Bestarbeiter im Holzsägen, der Genosse Malkow, schafft nicht weniger als die doppelte Norm.

Wir lauschen ihm, und die untersetzte Gestalt des Bolschewiken und Stalin-Anhängers Lawrow erscheint uns untrennbar mit der rauhen Landschaft hinter dem Polarkreis verbunden zu sein, in die gebieterisch für Jahrhunderte Baumschlepper, elektrische Zugkraft, Dampfer an den Anlegestellen und Säge-Bestarbeiter Zugang gefunden haben.

"Hinter Ingenieur Tjagunow betrete ich die Werkshalle der Graphit-Aufbereitungsfabrik. Ich bin umgeben von komplizierten Werkbänken und Mechanismen mit ausländischen Markennamen. Ich lese: "Hamburg, Cincinnati, Manchester". Der Ingenieur lächelt: "Jetzt arbeitet die kapitalistische Internationale in Igarka für die Welt-Revolution!" - Sie arbeitet und wird arbeiten, - füge ich in Gedanken hinzu und betrachte aufmerksam die konzentrierten und tapferen Gesichter der Graphitarbeiter".

"Niemanden ließ der kämpferische Auftritt der Direktorin der Selektions- und Experimentalstation "Agroarktika", Maria Chrennikowa, gleichgültig. Genossin Chrennikowa kam aus der Stadt des großen Lenin in den äußersten Norden, und ihr glühendes Komsomolzenherz brachte, gemeinsam mit den Herzen des gesamten guten und jungen Kolektivs der Station, den ewigen Schnee zum Schmelzen und zwang die früher unfruchtbare Tundra, für das hinter dem Polarkreis lebende Proletariat Kartoffeln, Kohl, Tomaten, Gurken und sogar Erdbeeren wachsen zu lassen. Die reichen Früchte des Arbeitsvormarsches der Komsomolzen in der Arktis werden wir am Abschiedsabend im Igarsker Club ansehen und bewerten können. "Wir werden eine volständige Lebensmittel-Unabhängigkeit vom Festland erreichen!" Diese Worte der Genossin Chrennikowa gingen buchstäblich im Sturm des allgemeinen Jubels und Beifallklatschens unter".

 

An dem ganzen Abschiedstrubel nahm nur einer nicht teil. Der Leiter der Kolchos-Bauabteilung bei der Zeitschrift „Rotes Panorama“, Sawelij Kononow, lag in der oberen Koje seiner Kajüte und starrte teilnahmslos an die Decke. Ihn regte das alles auf – das rhythmische Kreischen der Ankerwinde hinter den Bullaugen, das fröhliche Gezänk der Ladearbeiter, aber am meisten wurden die Erinnerungen an den gestrigen Tag in ihm wachgerufen. Schien es doch, als sei das Glück ihm selbst in die Arme gelaufen ...

Daß die Direktorin sofort auf seine Komplimente ansprach, damit hatte er auch nicht gerechnet; er hatte sich so verstellt, als ob er sich ohne Ende über die Reparatur des Kutters freute, - jedenfalls ist es auf dem Trockenen viel angenehmer, mit einer entzückenden Nordländerin ein Interview zu führen, als auf irgendwelchen halbüberschwemmten Inseln. Als er auf diese Weise die Wachsamkeit der Chrennikowa eingeschläfert hatte, begab er sich zum örtlichen Tschekisten, aber auch dort konnte er nichts Lohnendes erfahren. Der mürrische, unfreundliche Kerl sagte nur eins: „Alle Angaben zur Sterblichkeit der Sonderansiedler stehen unter Verschluß. Ich habe kein Recht, sie herauszugeben. Die Umerziehung läuft normal. Vom Zentrum kommen in dieser Richtung keinerlei Rügen“. Aber Sawelij hatte auch gar nichts anderes erwartet – „der Gönner“ hatte ihn rechtzeitig vorgewarnt, daß die gesamte Führungsspitze Igarkas in gegenseitigem Einverständnis sei und daß man ihre liberale Kurzsichtigkeit lieber von unten enthüllen sollte. Erfahrung im Umgang mit der „Arbeit von unten“ hatte Sawelij reichlich, und nachdenklich begab er sich zum Aushängeschild des Standesamtes, das ihm nicht erst einmal bei ähnlichen Dienstreisen aus der Not geholfen hatte.

Beim allerersten Blick auf das lachlustige Mädchen, die bei den Worten „Hauptstadt-Journalist“ beinahe in Ohnmacht fiel, beschloß Sawelij, daß von diesem Augenblick an alles so gehen würde wie es sollte. Und er irrte sich nicht. Die Herrin über das Igarsker Standesamt stellte sich ihm ausgelassen als „Klawdija, und unter Freunden Klawotschka“ vor und legte sogleich alles auf den Tisch, was er benötigte - auch das, was er nicht benötigte – von den mit ihrer runden Kinderhandschrift ausgefüllten Karteikarten „der auf natürliche Weise Verstorbenen“ bis hin zu dicken Bündel von Heiratsgesuchen. Dabei plapperte sie unermüdlich davon, daß im Norden jeder kulturell veranlagte Mann „eine ausgemachte Seltenheit“ sei, und daß um einer solchen Seltenheit willen einige kulturelle Mädchen nicht einmal darum bitten würden, etwas früher von der Arbeit wegzugehen.

- Wie ich sehe, sein die Siedler hier bei Ihnen wie die Fliegen gestorben, - unterbrach Sawelij Klawdijas Monolog, indem er mit einer deutlich zutage tretenden Enttäuschung den letzten dicken Packen an Sterbeurkunden nach (innerhalb des Jahre/s) 1933 von sich schob.

- So ist das hinter dem Polarkreis. – Klawa zuckte mit ihren Crèpe de Chine-Schultern. Bei mir zuhause in Leningrad habe ich innerhalb eines Jahres nicht so viele Verstorbene registriert, wie hier an einem einzigen Tag. Sie denken wohl, das bei uns hier sei ein Kurort, was?

- Kurort oder nicht Kurort, aber in Moskau werden Signale gesetzt, daß die nicht zerschlagene Kulakenschaft von hier sogar auf Urlaub in ihre Heimatdörfer fährt, dort ihre abgesägten Flinten ausgräbt und die unbewußten Elemente durcheinanderbringt. Sowas kommt doch vor, oder?

Daß sie die Flinten ausgraben? Nein, von einer derartigen Unordnung hört man bei uns nichts, Sawelij Nikanorowitsch. Ich kann auch ohne Flinten schon das zweite Jahr nicht um Urlaub bitten. Und im allgemeinen schreiben sie ihnen auch die Wahrheit. Sie wissen schon, was passiert, wenn die Leitung es möchte, dann werden die sogar ein Kätzchen in Urlaub schicken. Und das ist sogar sehr einfach! Nur mir, das verstehen sie doch selbst, werden sie das nicht erzählen. Und Ihnen bestimmt auch nicht, oder?

- Das haben sie genau auf den Punkt getroffen, - nickte Sawelij, - solche Berichte wird niemand irgend jemandem geben, hier ist stets die Initiative der Massen gefordert. Es war eine Freude, Klawotschka, mit Ihnen zu sprechen, und auch ihre Wirtschaft ist Ausdruck einer hundertprozentigen ganzen Arbeit hinter dem Polarkreis – ich habe nicht umsonst hier bei Ihnen hereingeschaut.

- Natürlich nicht umsonst! Bei uns hier geschieht alles auf ganz wundersame Weise! – kicherte Klawa, deren Wangen sich aufgrund der Lobessprüche rot färbten, unpassend, woraufhin Sawelij sie sogleich insgeheim als hoffnungslose dumme Gans bezeichnete.

- Ich habe das Gefühl, daß das Material, das über Ihr Standesamt beschafft worden ist, gut ausfällt, - unterstrich er am Ende seines Besuchs. – Aber zum Abschied sagen Sie mir doch noch: auf Ihre berühmte „Agroarktika“ kann man wohl tatsächlich ohne Kutter nicht gelangen, um sich dort, wie es sich gehört, eine Zeit lang an ihren ruhmreichen Errungenschaften zu ergötzen?

- Weshalb soll man da nicht hinkommen können? – wunderte sich Klawa. Dort fahren doch auch viele mit dem Ruderboot hin, zum Fischen. Nur wird es natürlich mit einem Ruderboot ein ziemlich langes Getrödel sein, und auch kentern tun sie manchmal ... Aber mit einem Motorboot – das wäre doch schön! Einer meiner Kavalliere hat mich vor langer Zeit zu einer solchen Spazierfahrt überredet, und ich habe doch solche Angst vor Wasser, und vor dem Jennisej sowieso ...

- Klawotschka, Goldschätzchen, ich fürchte mich nicht vor Wasser; ich schwimme wie ein Fisch, - kann ich Ihren Kavallier nicht zu einer Fahrt überreden?

- Es kommt darauf an, wer ihn überredet, - und durch ihr kokettes Zucken mit den Wimpern bezeugte Klawa, daß es in der vorliegenden Frage keine Alternative gab.

- Aber wird man ihn überreden können, - Sawelij öffnete das Futteral seiner „Lejka“ und nahm mit einer weiten Geste den Deckel vom Objektiv – der beste Sachbearbeiter im hinter dem Polarkreis liegenden Igarka, dessen hervorragende Augen die Leser von der Titelseite der populärsten Zeitschrift des Landes „Rotes Panorama“ in Erstaunen versetzen würde! Abgemacht?

- Von der Titelseite?! – vor lauter Aufregung erhob sich Klawa ein wenig von ihrem Stuhl. – Sawelik Nikanorowitsch, ja, ich tue alles für Sie ... Ich überrede nicht nur Petka, sondern auch jeden anderen, den sie wollen. Sie können damit rechnen, daß Sie schon auf der Insel sind!

Klawdijas Charme wurde noch hervorgehoben durch eine Flasche „Gereinigten“, denSawelij aus der Kooperative mitgebracht hatte, und er hinterließ auf den sich nach der Schichtarbeit im Kombinat ausruhenden Petka einen so unumstößlichen Eindruck, daß dieser sich sogleich aktiv daran machte, seinen „Japaner“ anzuwerfen – den vorsintflutlichen, kleinen Benzinmotor mit der eingestanztenen Inschrift „Kawasaki“ auf dem gußeisernen Zylinderblock. Klawa nahm Petka und Sawelij das kollektive Versprechen ab, nach Beendigung ihrer Fahrt unbedingt bei ihr mal abends hereinzuschauen und winkte ihnen lange vom Ufer hinterher.

Der rhythmisch mit blauem Qualm schnaufende kleine Motor von Petkas Boot begann plötzlich zu keuchen und verstummte, als es bis zur Insel nur noch ungefähr dreißig Meter waren. Alle Versuche von Klawas Kavallier mit dem Haarschopf die sich weigernde ausländische Technik wiederzubeleben, wurden nicht von Erfolg gekrönt, und als Sawelij sah, daß die Strömung das Boot unerbittlich vom Ufer fortdrückte, schlug er vor:

- Pjotr, vielleicht sollten wir uns an die Ruder setzen? Es ist ja nicht mehr weit bis zum Ufer!

- Ja, laß uns rudern, - rief Pjotr ermunternd aus und schleuderte den Schraubenschlüssel auf den Boden des Bootes.

- Wie denn? – wunderte sich Sawelij. – Haben Sie die Ruder nicht genommen?

- Wann hätte ich sie denn nehmen sollen, wenn Sie und Klawka hier so überraschend aufgetaucht sind? Ich bin ja gedrängt worden zu fahren - und so sind wir gefahren … Wer konnte denn ahnen, daß der Magnetzünder schon wieder seinen Geist aufgibt? Hab mal keine Angst, Freund Sawelij, das ist nicht so schlimm! Ein Stündchen später wird es uns schnurstracks zur Sandbank hinaustragen, dort werden wir auch übernachten.

- Was heißt das – übernachten? – fragte „Freund Sawelij“ erstaunt nach. – Morgen geht mein Dampfer! Und im übrigen hat mich Moskau keineswegs zum Übernachten hiergeschickt, sondern um Dinge zu erledigen …

- Du schaffst es sowieso nicht alles zu erledigen! Sieh dich hier lieber mal um: es ist sonnig, warm, es gibt keine Wellen, und was für eine Weite! Wo wird dir sonst noch ein solch überwältigender Abend beschert! Nie im Leben! Und für dich und mich schimmert außerdem noch deine Flasche vor uns. Streichhölzer haben wir auch, eine volle Schachtel,und Angelutensilien habe ich auch immer parat! Wir angeln die besten Fische aus dem Jenissej und kochen eine prima Fischsuppe – ach, Sawelij, du mein aufrichtiger Freund, uns beneidet heute selbst Michail Iwanytsch Kalinin, vergebens, wenn er auch der allrussische Oberste ist, was? Und deine „Rudsutak“ kommt nirgends hin, sie fährt morgen erst gegen Abend ab, und bis dahin hat Klawka uns schon hundertmal hinausgeschleppt – sie ist doch kein Dummchen, sie wird schon verstehen, was los ist, wenn wir nicht zum Abendessen kommen! Und ich muß morgen auch zur Nachtschicht, das weiß sie ja.

- Und wenn wir schwimmen? – fragte Sawelij, in dem er mit seinem Blick schwermütig der hinter dem Heck fortschwimmenden Insel folgte.

- Schwimmen? Das kann man. Aber dann mußt du nicht zurück, sondern nach vorn sehen! Da, siehst du das Kap, ungefähr fünf Werst von hier entfernt? Genau da kommen wir auch heraus, natürlich, falls du gut schwimmen kannst und gern durch die Tundra läufst. Allerdings würde ich trotzdem nicht dazu raten – das Wasser ist immer noch eisig, jetzt klettern höchstens die Bären darin herum, und das auch nur für kurze Zeit.

Nachdem die Bären erwähnt worden waren, nahm Sawelij von der Idee einer Rettung durch Schwimmen Abstand, bewahrte aber noch eine halbe Stunde lang seiner Dienstpflicht die Treue, indem er versuchte, bei seinem Gesprächspartner Einzelheiten über die Kulaken-Umerziehung auszukundschaften. Schließlich und endlich, überzeugt von Petkas vollständiger Nutzlosigkeit für die Sache im Kampf gegen die weichen Liberalen, fügte er sich demütig dem Schicksal. Abwechselnd ruderten sie mit dem Kochtopf zu der Sandbank und zogen das Boot schnell ans sanft abfallende Ufer, das mit allen möglichen Trümmerteilen bedeckt war. Dort wurden sie dann auch am nächsten Tag von einer Schaluppe der „Rudzutak“ entdeckt, auf deren Planken die schreckliche Gestalt Lawrows mit einem Fernglas in der Hand stand.

- Genosse Kononow, was erlauben Sie sich denn da? – ertönte sein heiserer Bariton über das Wasser. – Noch ein wenig, und wir hätten die Luftaufklärung in Bewegung gesetzt! Hat man Sie denn nicht, wie alle anderen auch, vorgewarnt, daß hier die Arktis ist und jegliche Eigenmächtigkeiten kategorisch unzulässig sind? Ich werde gezwungen sein, Ihre Leitung zu informieren … Warten Sie mal, - Lawrow betrachtete mit Befremden die angeschwollene, gleichsam glutrote Blase auf Sawelijs Wange, der niedergeschlagen beim Feuer von einem Bein auf das andere trat, - was ist denn mit Ihrem Gesicht passiert? Man sieht ja ihre Augen überhaupt nicht!

- Die Mücken haben ihn so zugerichtet, Boris Wassiljewitsch, - erklärte Petka verlegen. Ich hatte ihm schon gesagt: schlaf nicht; es ist besser, wenn wir am Feuer ein bißchen dösen.

Aber er wollte nicht. Er meinte, da wäre es zu heiß; er wollte nur ein Stündchen auf der Seite

beim Feuer gelegen und unter meiner Jacke Schutz suchen. Sich verbergen, aber man sieht es ja - im Schlaf hat er sie wohl abgeschüttelt … Und dann hat er auch noch Durchfall bekommen, wahrscheinlich hat er zu viel Fisch gegessen! Den ganzen Morgen konnte er nicht auf seinen Vieren stehen, hat immer nur in der Hocke gesessen…

 

- Vera Sergejewna, nehmen sie sich des Patienten mal an, - Lawrow streckte der Schiffsarzthelferin die Hand hin, die ihr Köfferchen öffnete und sich unverzüglich daran machte, die Qualen des schwach jammernden Sawelij zu lindern. – Und mit dir, Wasjukow, werde ich noch reden, wenn du nach Igarka zurückgerudert bist. Halte mal,- auf den Sand flog ein Paar Ruder, - und danke deiner Klawdija, daß sie rechtzeitig begriffen hat, was dir, du Depp, für ein Unglück widerfahren ist. Ohne Ruder auf den Fluß hinauszufahren, und dann noch einen Gast mitzuziehen, so etwas kannst auch nur du fertigbringen. Und was ausgerechnet an dir die Mädchen finden, ist mir schleierhaft!

Als die Schaluppe hinter der Flußbiegung verschwunden war, stocherte Petka noch einige Male energisch mit dem Ruder in der niedergebrannten Kohle herum und krümmte sich plötzlich in einem unhaltbaren Lachanfall. Er trampelte mit den Füßen, schlug sich mit den Handflächen auf die Knie und wischte sich die Tränen aus den Augen, indem er ohne Zusammenhang vor sich hinredete: „Na, Klawa, du hast mir ja ein Geschenk gemacht! Das ist Klasse! Na, Petersburger Liebchen! Niemals werde ich das vergessen! Klappt ja alles wie am Schnürchen! Auf ganz wundersame Weise!“ Dann, als ob er sich plötzlich auf irgendetwas besonders Wichtiges besann, nahm er Haltung an, atmete einmal ganz tief ein und fing an, über den ganzen Jenissej zu brüllen: „Ach, Sawelij, du mein inniger Kumpel!“ – woraufhin er dreimal hintereinander um das Feuer herum ein Rad schlug und, erschöpft vor Lachen, zu Boden fiel.

Danach stand Petka auf, wischte sich das Gesicht ab, warf das Ruder ins Boot, das er mit einem heftigen Ruck ins Wasser stieß und sprang leichtfüßig an Bord. Der „Japaner“

sprang bei der ersten Motorumdrehung an und begann eifrig, aber langsam, der Strömung die Kilometer für den Rückweg nach Igarka abzuringen.

Die talentierte Pflanzenzüchterin und Urheberin zahlreicher frostbeständiger Gerstensorten, Kartoffeln, Kohlarten und anderer landwirtschaftlicher Kulturen, Maria Mitrofanowna Chrennikowa, setzte im Norden über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten in würdiger Weise die schöpferische Tradition des Leningrader Instituts für Pflanzenzucht fort und wurde durch die Liebe der Bürger und ihren internationalen Ruf einer hervorragenden Experimentatorin vor den Schwankungen des Schicksals beschützt.

Klawa Mikeschina (Ehename Wasjukowo), die nachts hunderte zusätzlicher Totenbescheinigungen ausstellte – obwohl es in Wirklichkeit noch ganz lebendige Bauernseelen waren - retteten Igarka vor der geplanten, grausamen Säuberung, und das ging in das Buch der amerikanischen Journalistin Ruth Gruber unter dem Titel „Klawa – die fröhliche Seele einer Stadt hinter dem Polarkreis“ ein. Ganz zu Beginn des Krieges schrieb sie sich als Freiwillige für Krankenschwester-Kurse ein; über ihr weiteres Schicksal ist mir nichts bekannt. Jedenfalls kehrte sie nicht mehr nach Igarka zurück.

Boris Wassiljewitsch Lawrow, der bis zum Allerletzten die unter seiner Vormundschaft stehenden Nordbewohner vor den Attacken der Ljubjanka-Henker verteidigte, wurde auf dem Höhepunkt der Jeschow-Repressionen verhaftet und im Juli 1941 von den Tschekisten erschossen. Heute ist nach diesem seltenen Organisator und ersten Baumeister Igarkas, Dicksons und Nordwiks eine der zentralen Straßen Igarkas benannt.

Ein lieber Mensch

Später konnte sich Leutnant Wolkow nicht mit Bestimmtheit darauf besinnen, was zum Teufel ihn in das Restaurant getrieben hatte. Er hatte sich schon bei den Grenzsoldaten nicht schlecht vollgetankt mit "verdünntem" Alkohol, hatte anschließend auf dem Weg zum Hafen-Durchgang bei den Leuten vorbeigeschaut, die immer noch die „Wolgoles“ mit Brettern beluden, wo er bei den Balten, die durch den Besuch des Tschekisten verblüfft waren, auch noch eine Flasche Gin leerte. Mit einem Wort, es bestand eigentlich keinerlei Notwendigkeit, dem noch etwas hinzuzufügen. Um so mehr, als ihm am Morgen die Abfahrt des Lastkahnes mit Baracken-Fertigbauteilen nach Dudinka bevorstand – dem Hauptprodukt, das der Fürsorge des Leutnants der Igarsker Filiale des NorilLag unterlag. Wäre Wolkow nicht das unbesetzte Fahrzeug des Exekutiv-Komitees aufgefallen, ein „Emka“, der unglücklicherweise ausgerechnet in dem Moment bei der Anlegestelle auftauchte, als der Abschied von den Seeleuten an der Gangway erfolgte, so hätte er sich wohl friedlich zum Ausschlafen in sein Wohnheim begeben. Aber beim Anblick dieses schicken Vehikels bewegte Wolkow irgend etwas dazu, gebieterisch die Hand zu heben. Der Fahrer bremste vor Schreck. Es ertönte ein knappes: „Du stehst zur Verfügung der Organe“, und der Tschekist öffnete vor den Seeleuten weit die Fahrzeugtür, wobei er gründlich seine Revolvertasche zurechtrückte:

- Bitte einsteigen! Sozusagen nach kaukasischer Art lade ich alle ins Restaurant ein! Jegliche Einwände gelten als Tatbestand unmittelbaren Widerstandes gegen die Staatsgewalt.

Noch etwa zwei-drei Jahre zuvor wäre man diesen Worten mit Gelächter begegnet, aber im Hof stand der nicht zu Humor aufgelegte Herbst des Jahres 1938, und zwei Steuermänner mit einem alten Mechaniker, die eilig vom Kapitän das „ok“ erhalten hatten, machten sich mit Wolkow auf den Weg. Auf dem Weg vom Hafen in die Stadt schwiegen die Seeleute in gespannter Erwartung – im letzten Leningrader Winter hatten harmlose Einladungen ins Theater, zu Besprechungen in die Reederei, oder auch nach Moskau zum Volkskomitee nicht selten mit dem Verschwinden der Geladenen geendet. Auch der Leutnant hüllte sich in Schweigen und rechnete unter Qualen im Kopf nach, wieviel Geld er noch hatte. In seine Brieftasche hatte er seit dem vorgestrigen Tage, als sein Vorgänger wegen dessen Beförderung nach Krasnojarsk verabschiedet wurde, nicht mehr gesehen. Seinen Barbestand vor allen Anwesenden nachzählen wollte er nicht, und die Verabschiedung selbst, wie sehr er auch sein Erinnerungsvermögen anstrengte, kamen aus den Tiefen seiner Erinnerung zum Vorschein als unbestimmte, blaß rosafarbene Flecken, ohne jegliche Einzelheiten, was des Geld betraf. Schließlich und endlich gab er die Erinnerungsversuche auf und entschied, was der Zweck wäre – und daß die Mittel sich schon finden würden.

Der „Emka“ hielt vor dem breiten, geschnitzten Vorbau am Hauseingang der „Muster-Kantine No. 1“ und, indem er dem Fahrer auf herrische Weise ein „Hier warten“ zuwarf, brachte der Leutnant seine Begleiter zu einem freien Tischchen an der bislang noch leeren Estrade. Alle ursprünglichen Befürchtungen der Gäste in Bezug auf die wahren Absichten ihres Gastgebers zerstreuten sich rasch – jener kippte sich so selbstvergessen ein Glas nach dem anderen hinter die Binde, daß er schon bald jegliche Fähigkeit nicht nur zu umsichtigen, sondern überhaupt zu irgendwelchen vernünftigen Handlungen verlor. Er brachte Trinksprüche auf geheime Helden der Sowjetunion aus, auf die anwesenden hübschen Damen, auf die verstärkte Wachsamkeit auf allen Meeren und vor allem auf die Bewaffnung des Landes, damit sich bloß kein Feind an den Grenzen einmischte. Mir nichts, dir nichts forderte der Leutnant irgendwelche billigen Mädchen der ganz unanständigen Art auf, an das Tischchen zu kommen, und machte sich eifrig daran, sie mit Sekt vollzupumpen, den er empfahl, ausschließlich zusammen mit Pilzen zu verkosten. Sogleich begann ein Bajan-Trio die Rumba „Karioka“ ertönen zu lassen , und Wolkow ging schnell mit einem der Mädchen in die Hocke, fiel jedoch um, als hätte man ihn abgesägt, und stieß an den Oberschenkel einer der Damen. Der Dame wurde unverzüglich befohlen, sich mit ihren Freundinnen zum Dreschplatz davonzumachen, da es ihnen an Kultur fehle.

Auch die Bajan-Spieler bekamen von Wolkow ihr Strafe ab, indem sie vom Fußboden aus den kategorischen Befehl erhielten, mit dem Durcheinander in der Zone aufzuhören und für die Marine-Gäste „Warjaga“ („Die Waräger“; Anm. d. Übers.) zu spielen. Im Verlauf der musikalischen Ausführung der „Waräger“ begannen die Seeleute zaghaft ihren siegreich an den Tisch zurückgekehrten Gastgeber darum zu bitten, den „so gut gelungenen Abend zu beenden“.

Zu ihrer Verwunderung mußten sie Wolkow nicht erst lange überreden – möglicherweise, weil er zu diesem Zeitpunkt, nach seinem eigenen Eingeständis bereits „zu allem bereit“ war. Mit dem munteren Ruf „Auf die Pferde!“ steuerte der tapfere Leutnant auf den Ausgang zu. Auf halbem Wege gelang es der Büfettfrau Nadja Kopejkina ihn abzufangen. Die ausgehändigte Rechnung steckte Wolkow, ohne einen Blick darauf zu werfen, in ihre Schürzentasche und versuchte weiterzugehen, aber die Kopejkina klammerte sich mit einem tödlichen Griff an seinen Ärmel.

- Was willst du? - fragte der Leutnant in aufrichtiger Verwunderung.

- Zahlen Sie die Rechnung, Genosse Wolkow, - sagte Nadja scharf.

- Geld? Das Bankett hat zu Ehren der Helden unseres Landes stattgefunden, verstehst du? Eine öffentliche Maßnahme. Das Stadtkomitee zahlt.

- Es wird gar nichts zahlen! Dort haben sie gesagt, daß wir das nicht auf sie abwälzen sollen, sie hätten schon genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun. Soll das etwa alles an den Kellnerinnen hängenbleiben? Ninka hat zuhause drei Kinderchen zu versorgen – von was soll sie denn das Bankett bezahlen?

Die Seeleute vergingen vor Scham und versuchten, Nadja heimlich von ihrem eigenen Geld etwas zuzustecken, aber der Leutnant unterbrach diesen Versuch ganz entschieden.

- Was soll das? Wessen Gäste sind Sie hier? Ach, meine? Dann will ich eure Rubel nicht mehr sehen! Ich betrachte diesen Vorfall als erledigt; wir gehen jetzt alle zum Auto.

- Sie werden zu gar keinem Auto gehen, - erklärte die Kopejkina und ließ seinen Ärmel nicht los. – Entweder zahlen Sie jetzt oder wir werden die Miliz rufen.

- Die Miliz? - sagte Wolkow wütend, stieß die Bufettfrau von sich und flüsterte vor sich hin: Die werde ich gleich selber rufen, wegen deiner öffentlichen Verhöhnung der Machtorgane. Weißt du überhaupt, du Miststück, was du da tust?

- Das weiß ich! – Nadja weinte ein wenig, gab den Weg für den Leutnant jedoch nicht frei. –

Und schämen Sie sich gar nicht, sich vor Ihren Gästen so aufzuführen, wenn Sie selbst die Frauen nicht achten. Begleichen Sie die Rechnung, Genosse Wolkow, und dann fahren Sie, wohin Sie wollen. Unser Direktor hat strengstens angeordnet, daß wir niemanden gehen lassen sollen, der seine Schulden nicht bezahlt hat, und schon gar keinen Fremden.

- Einen Fremden?! – Wolkow geriet in Verwirrung. – Ich bin also ein Fremder?

- Und was sind Sie für einer, wenn Sie ganz aus Norilsk hierhergekommen sind? – die vor Schreck blaß gewordenen Seeleute legten versehentlich ihre Finger an die Lippen: Nadja konnte durch ihren Tränenschleier hindurch schon nichts mehr sehen. Wolkow schenkte ihren Worten nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er wurde von der sich allmählich immer schneller drehenden Spirale rasender Bosheit aufgedreht.

- Der Bevollmächtigte der Staatssicherheit ist also für dich ein Fremder? Das ist deine Anordnung, ja? Das bedeutet, den Organen den Zutritt verwehren, die gefallen euch wohl nicht? Und baltische Seeleute möchte man hier auch nicht haben? Einmal aus der Wiege der Revolution gekommen - und dann ruht euch aus, Genossen, hinter dem Zaun; habe ich dich da richtig verstanden? Paß bloß auf! W-wo ist hier bei euch das Telefon? Gleich wirst du für dein Verhalten deine Strafe kriegen - keine Sorge. Ich werde euch schon zu Staub zerreiben, ihr unvernichteten Konttabandisten!

- Was geht hier vor sich, Genossin Kopejkina? – Diese ruhige, beinahe träge Frage stand so sehr in Kontrast mit Nadjas Schluchzen und dem Wehklagen des betrunkenen Leutnants, daß in dem Saal im Nu Stille eintrat. Wolkow wankte leicht und wandte sich an den auf der Schwelle der Küchentür stehenden eleganten Alten im dunkelblauen, dreiteiligen Anzug, dessen strenger Blick noch das warm-dunkelkirschrote Halstuch mit den Silberstreifen betonte.

- Sie ... Was w-wollen Sie?

- Ich möchte wissen, was hier vor sich geht, Genossin Kopejkina? – wiederholte der Besitzer des eleganten Halstuches seine Frage, indem er den stammelnden Tschekisten keines Blickes würdigte.

- Iwan Alexandrowitsch – Genosse Wolkow will schon wieder nicht für sein Festessen zahlen, - Nadja kämpfte mit den Tränen. – Sie sagen, daß sie einmal wegen der Helden getrunken haben, und mal waren es Gäste aus der Wiege der Revolution, und daß dafür das Stadtkomitee aufkommen wird.

- Na, von der Wiege habe ich gehört, - schmunzelte der Alte und sah sich den Leutnant mit aufrichtigem Interesse an: - Das heißt also, daß Sie genau jener Wolkow sind? Erstaunlich! Wir freuen uns natürlich stets über Sie, guter Mann, aber bezahlen müssen Sie trotzdem. Sowohl für Ihren letzten Besuch, als auch für diesen.

- Was bist du denn für einer? – Diese Frage Wolkows bestätigte überzeugend, daß ihm die Stadt, in der man den „guten Mann“ noch ganz vom Anfang der 1930er Jahre her kannte (entweder wegen seiner beliebten, humorvollen Redeweise oder wegen seiner tadellosen Arbeit), vollständig fremd war. Damals war es dem Komitee des Nordmeer-Seeweges gelungen, einen der besten Buchhalter aus dem Leningrader Trust für Cafes und Restaurants nach Igarka abzuwerben. – Wer bist du denn, daß du diese feindlichen Dreckskerle hier verteidigst? Wer bist du, frage ich dich?

- Ich bin Iwan Alexandrowitsch Scharonin. Hauptbuchhalter der Igarsker Gaststättenbetriebe; und als Nebentätigkeit vertrete ich gelegentlich den Direktor dieser Einrichtung in seinem Amt. Und ich empfehle Ihnen sehr dringend, die Frau nicht zu beleidigen, die hier nur meiner Anordnung Folge leistet. Sie hat die strikte Weisung erhalten, dem betrunkenen Gesindel nicht einmal für eine Kopeke zu glauben, daß es bezahlen würde.

- Betrunkenes Gesindel?! Wolkows Verstand weigerte sich, an die Realität desGeschehenen zu glauben. Zutiefst erregt ließ er sich auf einen Stuhl fallen. – Was ist denn hier bei Ihnen Gesindel, was?

- Nun, Gesindel, guter Mann, gibt es nicht nur bei uns, sondern überall; jene die nicht einen Finger rühren, die es darauf abgesehen haben, auf fremde Kosten zu leben. Wenn Sie der Meinung sind, daß Sie nicht dazugehören, dann bezahlen Sie bitte unverzüglich. Andernfalls muß die Leitung Ihnen gegenüber Maßnahmen ergreifen ...

Nun reicht es aber, alter Dummkopf, - sagte Wolkow und faßte an seine Revolvertasche. – Du hast dir sowieso schon so viel zusammengequatscht, daß es für zehn Jahre Haft reicht. Kurz gesagt: morgen früh haben sich alle in der Marxstraße 2 einzufinden. Dort wird sich schnell feststellen lassen, wer hier ein Fremder ist. An mir wird's nicht liegen, macht euch bereit, Scheusale! – Ohne seine Hand vom Griff des Nagan zu nehmen, begab sich der Leutnant schwankend zum Ausgang. Niemand hielt ihn zurück. Hinter den Fenstern fauchte der Motor eines abfahrenden PKW, und im Saal trat eine tödliche Stille ein.

- Irgendwie begreife ich nicht, wie man einem Betrunkenen Waffen anvertrauen kann, - sagte Scharonin und schloß, als ob er sich von diesen ganzen Hirngespinsten einriegeln wollte, sorgfältig die Tür, die der Tschekist weit aufgestoßen hatte. – Aber der Kunde hat zweifellos recht: an ihm wird's nicht liegen, und vorbereiten müssen wir uns. Nadja, bringen Sie doch bitte ein paar Blatt Papier her, damit wir alles der Reihe nach festhalten können, was hier passiert ist. Die Genossen sind, soweit ich verstanden habe, Leningrader. Und folglich werden sie sich auch nicht weigern, die Wahrheit zu bestätigen, sagte Iwan Alexandrowitsch, und setzte sich neben die erstarrten Seeleute.

- In welcher Angelegenheit seid ihr gekommen, Genossen? – Der Leiter der Igarsker NKWD-Verwaltung, Ober-Leutnant Kurbatow, richtete seinen Blick unverwandt auf das Kollektiv der mustergültigen Kantine No. 1, das sämtliche Stühle und Bänke in dem Vorraum einnahm.

- Guten Morgen, Genosse Kurbatow,- der grauweiße Kopf von Iwan Alexandrowitsch neigte sich in einer leichten Verbeugung. – Wir sind hier auf Anordnung des Norilsker Bevollmächtigten, des Genossen Wolkow, erschienen.

- Zu mir? – fragte Kurbatow nochmals ungläubig nach. – Vielleicht haben Sie sich geirrt, und er erwartet sie bei sich in der Smidowitscha-Straße?

- Nein, er hat die Adresse ganz genau genannt: wir sollten uns am Morgen in der Marx-

straße 2 einfinden.

- Merkwürdig. Ich bin nicht auf dem laufenden. Hat Wolkow nicht angerufen? – wandte sich Kurbatow an die hinter der Schreibmaschine sitzende Sekretärin. Jene schüttelte verneinend den Kopf, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. – Na gut, gleich werden wir das Geheimnis lüften, - sagte Iwan Alexandrowitsch mutig zwinkernd, öffnete beide Schlösser seines Kabinetts und verschwand hinter der schweren, mit braunem Kunstleder bezogenen Tür.

Als sich eine Minute nach zehn die Türen wieder öffneten, war Kurbatow nicht wiederzuerkennen. Schweigend musterte er Scharonin von Kopf bis Fuß mit einem aufmerksamen, blinzelnden Blick und murmelte schließlich zwischen den Zähnen hindurch:

- Genosse Bolkow wird gleich hier sein. Niemand verläßt den Ort. Wartet hier.

Wolkow tauchte erst nach einer Stunde auf. Seine Augen, blutunterlaufen von einem heftigen Katzenjammer, waren ganz rot, wie bei einem Kaninchen. Er begrüßte niemanden, brummte der Sekretärin etwas zu und ging dann in sein Kabinett. Ein paar Minuten später wurde Scharonin dorthin gerufen. Kaum saß er auf dem Stuhl, da begriff Iwan Alexandrowitsch, daß Kurbatow seine Zeit nicht umsonst verschwendete:

- Bestätigen Sie, Bürger Scharonin, daß Sie vom Chef der antiparteilichen Bande Bergawinows nach Igarka angeworben worden sind?

- Als Bergawinow mir die Arbeit vorschlug, war er nicht Chef der Bande, sondern Leiter der Politverwaltung der Nordmeer-Seeweg-Organisation. Es gab damals keinerlei Grund, ihn für einen Volksfeind zu halten.

- Und daß die Volksfeindin Ostroumowa ausgerechnet Sie anstelle des verhafteten Trotzkisten Masalskij zum Restaurant-Direktor ernannt hat, des ist Ihrer Meinung nach wohl reiner Zufall?

- Walentina Petrowna Ostroumowa ist mir lediglich in ihrer Eigenschaft als Parteivorsitzende der Stadt bekannt. Und gerade in dieser ihrer Eigenschaft hat sie mich auch zum Direktor ernannt. Daß sie eine Volksfeindin ist, das höre ich jetzt zum ersten Mal von Ihnen.

- Sie antworten in unzulässiger Weise, Bürger Scharonin. Kein Grund, ich höre zum ersten Mal ... Wenn sie hier bei uns ein so Sauberer und mit Rechtschaffener sind, wie erklären Sie sich dann Ihr gestriges Benehmen? Verhöhnung eines Mitarbeiters der Staatssicherheit mit der schändlichen Bezeichnung „Gesindel“ und ähnliche Verleumdungen der Organe?

- Alle Erklärungen zum gestrigen Skandal des Genossen Wolkow befinden sich bei mir und sind auf gebührende Weise durch die Unterschriften der Zeugen bestätigt.

- Ihre Kellnerinnen sind also die Zeugen? Die Tochter des Kulaken Kopejkin und die Ehefrau des verhafteten türkischen Spions Gewjorkjan? Schöne Zeugen haben Sie da, Scharonin, bessere gibt es ja wohl nicht.

- Ich kann ja nichts dafür, daß ich nur diese habe, - wunderte sich Iwan Alexandrowitsch ungerührt. – Sagen Sie, und die Mannschaftskommandeure des Dampfers „Wolgoles“, einschließlich der Sekretärin seiner Parteiorganisation, - zählen die bei Ihnen auch zu den Kulaken und Spionen?

- Was hat denn hier die Kommandeursmannschaft der „Wolgoles“ mit der Sache zu tun?

Kurbatow blickte finster drein.

Nun, ihre im Saal befindlichen Vertreter bekräftigen ebenfalls den Tatbestand, daß Genosse Wolkow sich geweigert hat, seine Rechnung zu bezahlen.

Kurbatow warf langsam einen bleischweren Blick auf den neben ihm sitzenden Kollegen.

- Was denn noch für eine Kommandomannschaft? Du hast gesagt – nur die Kellnerinnen!

- Na ja, da waren noch solche Seeleute ... Wir haben ein wenig zusammengesessen ... Ich glaube, sie sind von der „Wolgoles“ oder von sonstwo ... Sie wollten aber nichts unterschreiben, sie dachten, er lügt nur! Und im Vorraum nur irgendwelches Weibervolk, da gibt es keine Seeleute.

- Seeleute sind dort nicht, weil die „Wolgoles“ heute Nacht beladen worden ist und vermutlich jetzt bereits die Außenreede verläßt, - erklärte Iwan Alexandrowitsch. – Aber alle Genossen Seeleute hatten sich mit Unterschrift und Adressen eingetragen, wobei sie den wichtigen Tatbestand ihrer Parteizugehörigkeit unterstrichen und ebenfalls erwähnt hatten, daß zwei von ihnen Ordensträger waren. Wie sie schreiben, empörte sie ganz besonders das betrunkene Geschwätz des Genossen Wolkow über gewisse geheime Helden der Sowjetunion, über die geheime Haupt-Waffe, mit der unsere Grenzen geschützt werden, gar nicht zu reden davon, daß Genosse Stalin angeblich im Unrecht sei, weil er verschiedene bedeutende Juden geschützt hatte.

- Das, was da über den Genossen Stalin gesagt wurde ... ist das auch unterschrieben worden? – fragte Kurbatow, wobei er sich zu Wolkow schon gar nicht mehr umdrehte, sondern nur starr auf Scharonin blickte.

- Ja, das auch, guter Mann, - nickte Iwan Alexandrowitsch.

- Geben Sie mal her,- Kurbatow streckte die Hand aus.

- Bitte, - Scharonin legte einen dünnen, grauen Schnellhefter auf den Tisch. – Verzeihen Sie, aber dies ist nur eine Kopie. Da Genosse Wolkow bei uns ein Zugereister ist, habe ich das Original zusammen mit den beiden unbezahlten Rechnungen an seine Führung geschickt.

- Wieso denn zwei? – Kurbatow blickte finster drein. – Wieso zwei?

- Weil Genosse Wolkow auch für sein letztes Bankett nicht bezahlt, sondern vielmehr versucht hat, seine Schulden auf das Stadtkomitee abzuwälzen.

- Bringen Sie das Stadtkomitee nicht ins Spiel! – sagte Wolkow jäh. – Sagen Sie lieber, aus welcher Abteilung ihr parteifeindlicher Brief geschickt worden ist!

- Aus gar keiner, guter Mann. Am Morgen ist Genosse Lipp mit unseren Schuldeneintreibern nach Norilsk geflogen, und ich nutzte die Gelegenheit. Er versicherte mir, daß er diesen Brief unmittelbar im Empfangsraum des Genossen Sawenjagin abgeben würde. Offenbar haben er und Genosse Kurbatow dieses Dokument praktisch zum selben Zeitpunkt durchgelesen.

Wolkow hing der Unterkiefer herunter. Drei Jahrzehnte später charakterisiert Alexander Issajewitsch Solschenitzyn, als er über die Häftlinge des NorilLag spricht, den NKWD-General Awraam Sawenjagin mit den Worten „wildes Tier“. Man darf nicht daran zweifeln, daß der Autor des „Archipel“ („Archipel GULag“; Anm. d. Übers.) sehr gut wußte, über was er da schrieb, aber um der Gerechtigkeit willen muß man hinzufügen, daß der General mit seinen Untergebenen ebenso unbarmherzig war, wie mit den Gefangenen. Deshalb rückte Kurbatow furchtsam ein Stück von Wolkow weg, dessen Gesicht um die Augen herum eine erdbraune Färbung annahm.

- Kann ich gehen, oder haben Sie an die Zeugen noch Fragen? – unterbrach Iwan Alexandrowitsch die sich hinziehende Pause.

- Fragen? – Der Blick Kurbatows verzehrte buchstäblich den sich zusammenkauernden Wolkow. – Wäre er aus Igarka, dann wären natürlich Fragen aufgetaucht. An ihn. Aber da er aus Norilsk stammt, soll doch die Norilsker Leitung mit ihrem Bevollmächtigten das auch selbst in Ordnung bringen. Diese Angelegenheit liegt außerhalb meiner Kompetenz, und Sie, Genosse Scharonin, sind ganz richtig vorgegangen, indem sie Ihr Signal an die richtige Stelle gesandt haben. So, daß ... Einen Moment mal, - das Telefon läutete, und er nahm den Hörer ab.

- Der Hafen-Dispatcher fragt? Und was soll ich mit ihr? Na, los, verbinde. Hier Kurbatow. Wo ist Wolkow? Was soll das heißen – wo? Bei mir! Das Bugsierschiff ist abgefahren? Na und? Ab sechs Uhr morgens gewartet? Den Teufel versteh ich, erläutere es ihm selbst.

Aber der Leutnant hatte bereits selbst verstanden, ohne jegliche Erklärungen. Er preßte die unrasierten Wangen mit seinen Fäusten zusammen, schaukelte auf seinem Stuhl herum und stellte sich immer wieder die gleiche Frage: „Da hat wohl einer geschlafen, was? Da hat wohl einer geschlafen, so eine Gemeinheit, was? Was wird denn nun aus den Lebensmitteln, was? Was?“

Einige Sekunden beobachtete Kurbatow ihn widerwillig, unter Qualen, dann legte er langsam den mit Entrüstung brodelnden Hörer auf und wandte sich an Scharonin.

Also solche, mit Verlaub gesagt, Kader schleichen sich mitunter sogar in die Machtorgane ein. Und wenn man das mal nachprüft, dann sien sie überhaupt keine Kader, sondern tatsächlich bloß Gesindel ... Sie sind frei, Genosse Scharonin.

Frei war Iwan Alexandrowitsch Scharonin nicht allzu lange. Kurbatow, der sich an den in seinem Kabinett ruhig vor sich hin lächelnden unabhängigen Leningrader erinnerte, schickte ihn schon bald aufgrund einer fingierten Beschuldigung wegen Diebstahl an sozialistischem Eigentum ins Gefängnis. Aber die blutige Jeschow-Welle, die Kurbatow zu den Gipfeln der Igarsker Machtorgane emporhob, war zu jener Zeit bereits am Ende angelangt, und der gute Mann, der mit Hilfe der Unterstützung seiner treuen Igarsker Freunde die Revision seines Urteils erreicht hatte, konnte erneut auf seinen geliebten Arbeitsplatz als Buchhalter zurückkehren.

Der Auftritt der drei Seeleute, von dem Mut Iwan Alexandrowitschs angeregt, scheint für heutige Maßstäbe nichts Alltägliches zu sein. Aber gemessen an jenen schrecklichen Jahren kann er außer Zweifel als wahre bürgerliche Heldentat bezeichnet werden. Das Schicksal hat es nie wieder so eingerichtet, daß diese verdienten Menschen jemals wieder nach Igarka zurückkehrten. In der allerersten Stunde des Krieges wurde der Leningrader Dampfer „Wolgoles“ von Hitlers Soldaten im Stettiner Hafen eingenommen. Auf die Besatzungsmitglieder, die das Glück hatten den nazistischen Lagern zu entkommen, warteten nach der Vernichtung des Dritten Reiches die stalinistischen ...

 

Die ganze Welt liegt vor uns

Diese Geschichte begann beinahe so, wie in der „Odyssee des Kapitän Blad“. Dort fing der an Podagra leidende Gouverneur Stid an, unter seinen jamaikanischen Sklaven einen Chirurgen auszufindig zu machen, und die Ehefrau des Leiters des Igarsker Lagerpunktes 503 Baranow

benötigte dringend einen Gynäkologen. Der nächste gute Frauenarzt befand sich nicht allzu weit entfernt – hinter dem Jenissej, im westlichen Abschnitt des Lagerpunktes, wo ein ehemalige Rigaer Dozent mit SS-Runen am Unterarm als Feldscher im Lager-Krankenhaus von Jermakowa geführt wurde. Aber der First Lady in Igarka brachte das keinerlei Erleichterung, da der Machtbereich ihres Ehemannes sich nicht auf Jermakowa erstreckte und es niemanden gab, den man gegen den Jermakowsker Arzt in Igarka austauschen konnte. Am linksseitigen Ufer besaß der Selbstherrscher Schtschukin auch so alles – einen Chefkoch und Testflieger, Zeichner und Konstrukteure, Bärendompteure und Balerinas, usbekische Mullahs und polnische Priester, Diplomaten und Opern-Diven. Er hatte sogar einen rumänischen Hellseher, den Schtschukin sehr hoch einschätzte und für ihn beim Depot das unerhörte Amt eines Planers und Forschers organisierte. Im Vergleich mit ähnlichem Reichtum verlor das Kontingent am rechten Ufer vollständig – dort war man gerade im Anfangsstadium dabei, die arktische Eisenbahnlinie „Salechard-Igarka“ zu verlegen.

Aber über einen Trumpf im Kampf um den Gynäkologen verfügte Baranow noch. Er wußte, daß durch Aufhetzung seines Rumänen der General davon träumen würde, am hochgelegenen Jenissejsker Ufer ein Reiterstandbild von Jossif Wissarjonowitsch zu errichten, um über dieses Ereignis ganz genau zum 70. Geburtstag des Führers Meldung zu erstatten. Aber in Jermakowo gab es niemanden, der den Führer hätte modellieren können. Gerade eben dieser Schtschukin besaß auch keinen Skulpteur, aber im Unterschied zu dem „Planer und Forscher“ wußte er, woher er einen nehmen konnte – von Odinez im Kurejsker Sonderlager.

Odinez errichtete dort den Gedenk-Komplex „Die Sibirische Verbannung des J.W. Stalin“. Eine ganze Abteilung von Skultpteuren arbeitete in Kurejka, aber unter Berücksichtigung der Wichtigkeit des Gebäudes waren die Chancen für einen Austausch zweifellos gleich Null gewesen, wenn Odinez nicht zu Baranows Glück einen japanischen Übersetzer benötigt hätte. Der Übersetzer war außerordentlich notwendig für die Bearbeitung des großen Bündels an Dokumentationen zu den an ihren Lagerpunkt gelieferten Diesel-Generatoren aus der Mandschurei. In Baranows Wirtschaft fehlte ein Japaner ebenso, wie ein Skulpteur, aber auch hier besaß man Kenntnis darüber, wo man solche Leute ausfindig machen konnte: in der

8. Arbeitskolonne, die dabei war, einen Weg für die Schmalspurbahn vom Jenissej zur Haupttrasse zu bahnen. Dort gab es unter den Arbeitsanweisern einen großen Moskauer Orientalisten, der Gerüchten zufolge sowohl mit Koreanern, als auch mit Chinesen in deren Muttersprache hervorrragend zurechtkam. Aber für “Versta" – den langaufgeschossenen Leiter der 8. Arbeitskolonne Mischtschuk – hatte Baranow schon einen "Haken" vorbereitet: jener hatte schon seit dem Frühjahr ein Auge auf den Leningrader Radsportmeister geworfen, der bei Baranow im Steinbruch arbeitete.

Die in jenen Jahren populäre Losung „Wissen ist Macht“ bekräftigte ihre Stichhaltigkeit auch unter Lagerbedingungen, indem sie dem allwissenden Baranow glänzenden Erfolg bei dem schwierigen Austausch garantierte. Der Jermakowsker SS-Mann kam zur Frau des Igarsker Leiters, der Kurejsker Skulpteur siedelte nach Jermakowo um, der Orientalist schied aus Tschornaja Retschka aus und kam nach Kurejka, und der Sportler aus dem Igarsker Steinbruch, um den Kreislauf der Sklaven hinter dem Polarkreis zu vollenden, tauchte vor den glücklichen Augen des "Wersta" auf.

Mischtschuk wurde überall im Lager 503 als wirtschaftlich wohlorganisierter Mann und großartiger Erfinder gerühmt. General Antonow, der die 8. Arbeitskolonne inspizierte, seufzte beim Anblick der in der untergehenden Sonne heiß glühenden Lagertore erleichtert auf: „Das ist ja toll! Sogar die Konservendosen sind bei ihnen nicht abhanden gekommen!“ Auch der herrenlose Lastkahn, den das Jennisejsker Frühlingshochwasser von irgendwoher direkt in die Mündung des Schwarzen Flüßchens geschwemmt hatte, war Mischtschuk nicht abhanden gekommen, dort, wo die Lagerhäftlinge gerade dabei waren die Sträucher abzuholzen, um sich für die mit dem Hochwasser ankommenden ersten Frachtladungen vorzubereiten. Aus dem halbversunkenen Lastkahn machte der eifrige Mischtschuk zunächst eine zuverlässige Anlegestelle und verbuchte dann den Inhalt der Laderäume als „Eingang“. Es kam ihm nicht einmal der Gedanke, der zuallererst nötig gewesen wäre, in den Kopf, nämlich zu versuchen, den eigentlichen Besitzer ausfindig zu machen. Im übrigen konnte der Besitzer ja ein x-beliebiger sein: am Ufer wuchs der Berg an nagelneuen Fässern und Säcken mit Salz, einer Menge Gummistiefel, Netze und anderer gewerblicher Vorräte, die die Häftlingen aus den Frachträumen herausgeholt hatten. Der Lastkahn war zweifellos für die weiter flußabwärts gelegenen Fischerei-Kooperativen bestimmt gewesen, aber, wie General Antonow zu sagen beliebte, „wer zu schlau ist, den bestraft das Leben“.

Den „begriffsstutzigen“ Mischtschuk erfreuten auch die in einem Sperrholz-Behälter der Anlegestelle „Heimat“ zusammen mit einem ausgezeichneten Vorrat an Radiolampen entdeckten Anoden- und Kathoden-Batterien. Dafür versetzte der Inhalt des Bug-Laderaumes den Kolonnen-Leiter in arges Erstaunen: dort drängten sich, wie reglos stehende Hengste in einem zu engen Pferdestall, irgendwelche merkwürdigen, schmalen Rechtecke, welche der beim Abladen arbeitende ehemalige Zeichner anfangs für Kuhlmann-Reißbretter hielt. Als man von dem ersten „Zeichenbrett“ die dicke Verpackung aus Pappe heruntergerissen hatte, kannte die Verwunderung Mischtschuks keine Grenzen: vor ihm prunkte ein schmuckes Beute-Fahrrad der Marke „Mifa“, für das in seiner Heimatstadt Rjasan die geschniegelten ortsansässigen Laffen bereit gewesen wären, mit ihrem eigenen Kopf zu bürgen.

- Ich würde zu gern wissen, was für ein Gesindel Fahrräder hinter den Polarkreis schickt, - sagte Mischtschuk und spuckte entrüstet aus. – Das sieht ihnen ähnlich, die Krämer dort auf dem Kontinent sticht mal wieder der Hafer. Sieh mal einer an, die haben wohl gedacht, daß die Tschuktschen auf ihren „Mifas“ hinter den Rentieren hinterherjagen werden. Natürlich schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, aber was soll man hier mit solch einem göttlichen Geschenk anfangen, - ich stehe da vor einem Rätsel ...

Was man damit anfangen sollte begriff er, als die mit merkwürdigen deutschen Aufschriften gestempelten Kisten mit Fahrradteilen der Marke ZIP geöffnet wurden. Neben einer Hausapotheke, einigen Vorräten , einem halben Dutzend Speichen und zwei Glühbirnen für Scheinwerfer befand sich auch noch, ähnlich einer kleinen Faustpatrone, ein Dynamo darin. Eine Zeit lang warf er ihn langsam mit der Handfläche hoch, als ob er ihn abwiegen wollte, dann lenkte er seinen Blick auf die vor ihm abgeladenen „Zeichenbretter“ und meinte nachdenklich:

- Na ja? Insgesamt genommen kann man die Elektrifizierung sogar ausgesprochen gut hinbekommen!

Und man bekam sie hin! Bereits zum August hin sprachen alle davon – angefangen mit Igarka, wo die Menschen unablässig Erfahrungen mit dem unbarmherzigen Fehlen von Energie gemacht hatten, bis hin zu der wie ehedem mit Kerosin beleuchteten Kurejsker Gedenkstätte, wo die von einem Moskauer durchgeführten Instruktionen, wie sich herausstellte, eine absolut nicht standargemäße „feindliche“ Häufigkeit von Wechselstrom vorgesehen hatten – vierzig Hertz, anstelle der festgelegten sowjetischen fünfzig.

Um sich eine Weile an dem kleinen Plan zur Elektrifizierung Rußlands mitten in der Tundra zu ergötzen, traf General Antonow erneut ein. Wärmstens lobte er sowohl die Lampe, welche die „kupfernen“ Tore erleuchtete, als auch den Scheinwerfer in der Bäckerei sowie zwei Deckenleuchten in der VOCHr-Kantine. Aber bereits beim Anblick der drei Gefangenen, die mit aller Kraft die Pedale der aufgebockten Fahrräder traten, geriet Antonow dermaßen in Rührung, daß er ein wenig hochhüpfte und Mischtschuk schmatzend aufs Kinn küßte (ein beinahe episches Ereignis, wenn man den Lagerspitznamen Antonows „Sieben Pud Augustfleisch“ (???) berücksichtigt. Danach begannen über die Wirtschaft Mischtschuks an der Trasse ganz fantastische Gerüchte zu gehen, die ausdrucksvoll den riesigen, nächtlichen, roten Schein am Himmel über Tschornaja Retschka, die grellen Projektoren an jedem Wachturm und den himmelblauen Wunschtraum der Wachmannschaften beschrieben: drei Reihen elektrifizierten Stacheldrahtes.

Der Neid der Nachbarn gegenüber Mischtschuk war um so heftiger, als die 8. Kolonne zu den allerkleinsten unter den Lagerpunkten des östlichen Reviers des Lagers 503 zählte – dort arbeiteten irgendwie vierhundert Häftlinge, die alle in etwa zehn Baracken untergebracht waren. Zudem verlegten sie ja nicht die Hauptstrecke der Eisenbahnlinie, sondern die der Hilfsschmalspurbahn, auf der durch die Tiefen der Tundra auf dem kürzesten Wege Frachten vom Jenissej zum Bahndamm des Lagerkomplexes 503 geliefert werden sollten, wenngleich sowohl die Sümpfe und Mücken, als auch der Frostboden auf der Schmalspurtrasse genau dieselben waren, wie auf der „großen“; aber insgeheim nannten alle die „Achte“ nicht anders als „Faulenzer“. Mitunter wurde eine ähnliche Einstellung auch noch darin deutlich, daß Mischtschuk nicht zu der im Lager 503 berüchtigten Art von Sadisten gehörte: Häftlinge, die sich bei ihm etwas hatten zuschulden kommen lassen, saßen bei ihm niemals im Winter in reetgedeckten Strafbunkern und wurden im Sommer auch nicht vor der Zone „den Mücken ausgesetzt“. Natürlich zählten sie Mischtschuk in der Arbeitskolonne nicht als Humanisten – solche Leute verkehrten unter den Tschekisten überhaupt nicht, - aber sie sagten, daß man unter ihm leben konnte. Mit einem Wort, die achte Lagerkolonne wurde von allen beneidet – sowohl die Leitung, als auch das „Kontingent“. Und dann noch der Ruhm des großartigen Elektrifizierers!

Mischtschuk jedoch, der im Herzen ein Ästhet war, meinte, daß das Bild seiner Elektrifizierung noch nicht hinreichend vollendet sei, es fehlte noch das letzte I-Tüpfelchen zu diesem genialen Stück. Was das für ein Stück sein sollte, begriff er, als er bei einer der Versammlungen in Igarka von dem im dortigen Steinbruch existierenden Radsportmeister hörte. Gerade ein solcher Berufssportler würde seiner Truppe die Entstehung einer idealen Legende „durch Pedaltreten“

garantieren! Man muß dazu sagen, daß Mischtschuk zu seinen ästhetischen Überlegungen auch äußerst praktische besaß: die Radfahrer unter seinen Häftlingen waren zu nichts zu gebrauchen. Obwohl auf die allererste Anfrage hin „Wer heute anstelle von Tages-Kolonnenarbeit die ganze Nacht auf einem Rad herumfahren will – einen Schritt vortreten!“ -

alle aus der Reihe traten, hatte nach einer Woche die Zahl der Freiwilligen bereits merklich abgenommen. Acht Stunden lang die mit Dynamos voll besetzten Räder treten schien doch einigen von ihnen gegen den Strich zu gehen, sogar bei der abwechselnden Raucherpause nach jeweils einer Stunde. Einigen war es zuwider, anderen reichten die Kräfte nicht aus. Ein vom Aussehen her ganz stämmiger und vor Gesundheit strotzender, kerngesunder Mann, den sie kürzlich aus Jermakowo in die 8. Kolonne verlegt hatten, war noch lange vor Mitternacht plötzlich im Sattel zusammengebrochen und fand sich unvermittelt im Lazarett wieder. Der diensthabende Krankenpfleger sah flüchtig auf die geschwollenen Beine des „Pedaltreters“ und ging zu seinem Schachbrett zurück, indem er ein klares Urteil fällte: „Troddel! Mit Wassersucht Sport treiben!“ Mit einem Wort, den Meistertitel zu erhaschen – entweder als selbständige Zugkraft oder als begeistertes „Gabelpferd“ (ein Pferd, das in die sog. Gabeldeichsel eingespannt wird; Anm. d. Übers.) – wurde für Mischtschuk so etwas wie eine fixe Idee. Was er nicht alles von Baranow anforderte – zwei Rollen nagelneuer Stacheldraht und kanadisches Eipulver, Salz und Rundfunkempfänger, sogar ein solches Überdefizit, zu dem an der Trasse ein aufgebrochenes 200-Liter-Faß Kerosin gehörte, - alles war vergeblich. Bis zu eben jener Zeit hatte nichts geholfen, bis, wie schon vorher erwähnt, Baranows Frau einen guten Gynäkologen benötigte.

- Das heißt, Sie waren Leningrader Radsportmeister? – Liebevoll betrachtete Mischtschuk seine neue Errungenschaft – einen hageren, vollständig ergrauten Mann von etwa vierzig Jahren.

- War ich. Nur nicht von der ganzen Stadt, sondern vom Wassileostrowsker Bezirk.

- Na, nun tun Sie mal nicht so bescheiden. In der Akte steht der Vermerk, daß Sie Leningrader Meister waren. Mischtschuk schlug den vor ihm auf dem Tisch liegenden großen, zerfetzen Ordner mit einer Nummer und dem Familiennamen „Artjuchow“ auf.

- Ich habe auf den Fehler hingeweisen, aber der Untersuchungsbeamte hat gesagt, daß das für mich schon keine Bedeutung mehr hat. Sie werden mich als Spion einsperren., und nicht als Radfahrer. Ich wollte nicht anfangen zu streiten. ich glaube, er wollte bloß daß die Akte irgendwie gründlich aussah.

- Das kommt vor. Was soll’s, ein Bezirksmeister kommt uns auch gut zupaß. Wann haben Sie denn das letzte Mal im Sattel gesessen?

- Vor zwölf Jahren. Am 1. Mai 1937. Unmittelbar nach der Sportlerparade haben sie mich dann auch verhaftet.

- Das ist schon recht lange her ... Unter wie lange haben Sie sich vom Radsport mitreißen lassen?

- Ja, eigentlich seid meiner Kindheit. Angefangen habe ich noch auf dem väterlichen „Dux“. Mit den andern Jungs bin ich in einer Stunde bis nach Zarskoje Selo gejagt! Von uns aus waren das so ungefähr 30 Kilometer s gakom.

- Das ist gut. Dann wollen wir hoffen, daß jene charakterliche Veranlagung sich bewahrt hat.

Sind Sie mit dem Arbeitsplatz vertraut?

- Ja.

- Ihre Aufgabe hier wird die folgende sein. Sie werden Brigadeführer des Elektrotrupps sein und drei Schichten mit jeweils drei Mann zusammenstellen. Während Sie sich ein wenig umschauen, werden Sie Kolonnenarbeit verrichten. Die Leute dort sind ausdauernd und zäh, es ist zuverlässiger, sie von dort zu nehmen. Als Anreiz gibt es eine höhere Essensration. Die „Abkratzer“ werden sich zum Mitmachen melden – die müssen Sie jagen. Das wird uns teuer zu stehen kömmen. Der Winter steht vor der Tür, die Arbeit an den Pedalen wird nicht nachts durchgeführt werden, wie im Augenblick, sondern rund um die Uhr, in Schichten.

- Da brauchen Sie einen zusätzlichen Vorrat an Dynamos. Was die Beutestücke betrifft, so kann ich dazu nichts sagen, ich hatte bisher nur mit unseren zu tun, aber bei der Dauerbelastung rund um die Uhr werden sie wahrscheinlich alle nach ein paar Monaten hinüber sein ... Aber die Deutschen haben hervorragende Buchsen und Ketten, die nicht so schnell verschleißen, das habe ich gesehen.

- Gut, zum Winter werde ich Dynamos besorgen. Vielleicht werden wir sogar Akkumulatoren auftreiben, sofern bei der Igarsker Feuerwehr einen „Zissok“ (Automarke; Anmerkg. der Übers.) ausrangieren, wie sie es versprochen haben. Und so werden wir uns nach und nach mit dem Notwendigen ausrüsten ... Und bis dahin – an die Arbeit, Champion.

Mischtschuk irrte sich nur in einem. Als Hauptansporn für das Pedaletreten erwies sich nicht die höhere Essensration, sondern Artjuchow selbst. Am meisten verblüfften die Neulinge seine ungewöhnlichen Trainingsmethoden.

- Hört mal zu, nein, hört bloß mal zu, was er mit mir gemacht hat, - verschluckte sich vor freudiger Verwunderung der einäugige Ilja, der in ferner Vergangenheit einmal Chauffeur von Ordschonikidse gewesen war. – Seli, ich trete die Pedale nur so zum Schein, schaue, wie er seine letzte Kraft einsetzt und frage: du mußt wohl am meisten hier machen, was? - Er schweigt. Und die Augen sind geschlossen. Dann sagt er plötzlich: wo hast du früher gewohnt? - Was soll das heißen – wo? – antworte ich, in Tbilissi natürlich, wo hätte ich denn sonst wohnen können? – Erinnerst du noch das Haus, wo du gewohnt hast? – Wie soll ich mich nicht daran erinnern, auf dem Awlabar haben wir gewohnt. - Und war das Stadtzentrum weit von euch entfernt? – Wieso weit? Überhaupt nicht: vom Armenischen Markt durch das alte Vinnij fahre ich hinunter, dann an Metecha vorbei, über die Brücke, dann noch etwa zehn Minuten an der Kura entlang, und da ist auch schon das Zentrum! Dann, sagt er, wenn es nicht weit ist, dann fahren wir jetzt von deinem Zuhause ins Zentrum, ja? – Anfangs verstand ich nicht recht: wie – jetzt fahren? – Und er antwortet: Na schließ mal deine Augen und stell dir vor, daß du dich vor euerm Vorbau aufs Fahrrad gesetzt hast und ins Stadtzentrum gefahren bist; nur erzähl, wo wir fahren, und ich sage dir, wie man am besten durch die Berge fährt und wie am besten bergab. Und so fuhren wir los. Ach, was war das, liebe genazwalebi, ach, was war das? Ich kann ihnen nicht erzählen, scheni tschiri me, ich habe Angst, daß ich anfangen werde zu weinen ... Und dann fuhren wir aus dem Zentrum weiter und traten die Pedale; in Sololaky lebt meine Schwester, eine aus unserer Familie ist zurückgeblieben, zu ihr führt so eine schöne Straße, daß man singen möchte! Der Wind pfiff in den Ohren, so schnell fuhren wir! Ich dachte schon – ich hätte alles vergessen! Aber es scheint, daß ich mich noch an alles erinnern kann! Nein, genazvalebi, was ist das für ein Mensch, jetzt ist er für mich wie ein Bruder! Was hat er da mit mir so einfach gemacht, was? Musa, der Tatare, der dritte bei uns, sagt: morgen bin ich an der Reihe, ich werde euch durch Feodosia spazierenverfahren, aber nur ich antwortete ihm scharf: nein, morgen fahren wir erst noch zu meiner Mutter auf den Werijsker Friedhof, dazu bin ich ganz fest entschlossen. Aber dann, mein Lieber – wohin du willst! In dein Feodosia, in sein Leningrad; die ganze Welt liegt vor uns!

Nach und nach bildete sich zur Registrierung in die Artjuchow-Gruppe eine regelrechte Schlange. Die Wachmannschaften, die in der Wachstube am warmen Ofen ein Schläfchen machten, hegten keinen Verdacht, daß der orangefarbene Kreis vor den Lagertoren im Schnee den Glanz der Kirchenkuppeln von Kiew und Nowgorod, die sonnenbeschienen Stellen an Dwina und Wolga, das Schimmern der weit entfernten Karpaten- und Uralgipfel, die Abendlichter der Straßen von Warschau und Tallinn widerspiegelten. Auch Mischtschuk selbst hegte darüber keinen Verdacht; er war voll und ganz zufrieden mit dem „trockenen Überrest“ beim Tausch des Orientalisten gegen den Champion: das Licht in den Unterkünften der Wachen brannte vierundzwanzig Stunden, rund um die Uhr, kein Kerosingeruch betäubte mehr die Köpfe der Köche und Arbeitsanweiser, und am Tag der Stalinschen Verfassung wurde ihr Lagerpunkt von Antonow als einziger mit dem Vermerk erwähnt, daß es dort niemals ein Feuer gegeben habe – woraufhin die ganze feierliche Versammlung entrüstet lärmte: „Die haben da also elektrische Stromversorgung!“ Danach gingen alle ohne Zwischenrufe zur Erörterung ihrer Bereitschaft über, Maßnahmen im Hinblick auf den bereits in Kürze bevorstehenden 70. Geburtstag Stalins zu ergreifen. Auch hier blamierte Mischtschuk sich nicht; er erstattete eifrig Meldung über die bunte Beleuchtung, die am Jubiläumstage das Porträt des Volkslieblings in Originalgröße erstrahlen lassen würde. Daß für diese Maßnahme die Kraft eines „Dreieraggregat-Fahrradkraftwerkes“ benötigt wurde, darüber verlor der Leiter der 8. Lagerkolonne nicht ein einziges Wort.

Die Ehrenurkunde, die Mischtschuk vor dem Festtag für die Früchte seiner Elektrifizierung ausgehändigt wurde, schien einzigartig: alle unvergleichlich ehrgeizigeren, schöpferischen Vorhaben der Leiter der benachbarten Lager fielen mit Pauken und Trompeten durch. Dabei

fielen einige im buchstäblichen Sinne durch, wie es zum Beispiel mit der Rangier-Lok namens „Ovechkoi“ geschah, die sie in der 9. Kolonne zu Ehren dieses Jubiläums versuchten, vorzeitig über den Fluß Sucharika hinüberzuschaffen, indem sie die Schienen auf das noch nicht festgewordene Eis legten. Auch das Reiterstandbild des Führers tauchte am Jenissejsker Ufer nicht auf: dem Skulpteur wurde gleich bei seiner Ankunft in Jermakowo von einem in sich zusammenstürzenden Bretterstapel die Hand zerquetscht – was nicht einmal der scharfsichtige Rumäne hatte voraussehen können. Die geplante telefonische Unterredung mit dem Jubilar über die gerade im Bau befindliche Direktleitung von Kurejka nach Moskau, auf die Antonow so große Hoffnungen gesetzt hatte kam ebenfalls nicht zustande. Stalin wünschte nicht mit „heimatlichen Orten“ zu sprechen, was „Sieben Pud Augustfleisch“ mit schlecht verborgener Schadenfreude sogleich Poskrebyschew mitteilte, der den Hörer in der Hand hielt.

Dafür gelangten alle Maßnahmen für lokale Veranstaltungen zu Ruhm. In der Tat nahm das „Kontingent“ an ihnen, selbstverständlich, überhaupt nicht teil , aber nichtsdestoweniger wurde auch in seiner Straße gefeiert: am 21. Dezember gab es Frost mit Seltenheitswert – die Quecksilbersäule schob sich bei minus 51 Grad bis auf einen kaum mehr sichtbaren Stummel zusammen, und allen Brigaden, die Außenarbeiten verrichteten, erhielten an diesem Tage offiziell arbeitsfrei.

Theoretisch gesehen konnte man den nicht beheizten Anbau bei der Roten Ecke, wo die Elektrogruppe untergebracht war, mit der kalten Luft unter freiem Himmel gleichsetzen, aber die Pedaltreter weigerten sich kategorisch, die anläßlich des großen Jubiläums ausgegebenen langen Pelzmäntel anzuziehen, denn ihre Arbeit erhitzte sie nicht schlechter als irgendein Ofen, egal wie frostig es auch draußen war.. Sie begannen mit gesteppten Wattejacken und Fausthandschuhen, aber bereits zur zweiten Zigarettenpause zogen sie sich nicht selten bis auf die Unterhosen aus. Indem sie das Tempo wegen der zunehmenden Kälte immer mehr steigerte, entwickelte die Truppe jetzt auf ihren langen Wegen Rekordgeschwindigkeiten, und Mischtschuk lobte immer wieder seine eigene Umsicht: „Hätte ich keinen Vorrat an Glühbirnen gehabt, dann hättet ihr schon im Oktober beim ersten Frost alles verbrannt – tretet in die Pedale, wie die Teufel auf der Spartakiade!“

Obwohl er sich wie gewohnt zur üblichen Abendschicht begab, ging der Festtag auch an Artjuchow nicht vorüber: er hatte Glück. Die Arbeit mit zwei erst kürzlich zur 8. Kolonne hinzugekommenen Litauern kam ihm gut zupaß. Der jüngere, namens Jurgis, sprach fast überhaupt kein Russisch, und bei den „Exkursionen“ zeigte er keinerlei sichtbare

Regung; dafür konnte er ohne Verschnaufpause in die Pedale treten, wobei er drei Zigarettenpausen hintereinander ausließ, um so seinem älteren Landsmann – Aldewinas, einem Rechtsanwalt aus Memel, die Möglichkeit zu geben sich öfter auszuruhen. Aldewinas verletzte Artjuchow mit seinem tiefgründigen Wissen über eine Vielzahl europäischer Städte, von dem nicht weit von Memel entfernten Königsberg bis hin zu Florenz am Mittelmeer. Diesmal beschloß der Advokat in Wien zu verweilen, wo er irgendwann sein zweites Studium beendet hatte.

Beginnend mit dem Universitätsplatz, fuhren sie den Schottenring mit seinen weihnachtlich beleuchteten Vitrinen hinunter, bis hin zu den Kavallerie-Kasernen, bogen ab auf den von Festtagsfeuern bunt erstrahlenden Franz-Josef-Kai, überquerten, schneller werdend, den Kanal, fuhren weiter zum Prater und waren schon im Begriff, durch die mit den feinen Flocken des ersten Schnees verschneite Hauptallee des Parkes an die Donau zu radeln, als sie jäh vom frostigen Quietschen der sich öffnenden Tür unterbrochen wurden.

Sie drehten sich dem Eintretenden zu und wären dabei beinahe aus dem Rhythmus gekommen: im Türdurchgang stand der Gevatter! Unter anderen Umständen hätte ihnen das Erscheinen des operativen Lagerbevollmächtigten nichts Gutes verheißen, aber offensichtlich erstreckte sich diese Regel nicht auf Feiertage: erstens konnte sich der Gevatter kaum auf den Beinen halten, und zweitens hielt er eine Flasche Schnaps und einen Fayence-Teller mit einem kleinen Weinglas in den Händen. Der Gevatter fegte mit der Hand eine mit Zigarettenstummeln vollgestopfte Dose von dem Sperrholzregal und stellte stattdessen, nicht ohne feierliche Haltung, seine Jubiläumsgabe hin.

- Da! – sagte er. – Das ist für euch! Ich sage den Jungs: seht mal, wie das Porträt leuchtet, eine absolute Schönheit, ganz wie der Kreml. Und wer tritt in die Pedale? An so einem schönen Tag muß man sie doch ehren, oder etwa nicht? Wegen ihrer ehrbaren Arbeit? Mischtschuk sagt: nein, sie sind auf Schicht. Wegen Stalin soll man die nicht ehren?! Wenn doch heute das ganze Volk, wie ein einziger .... . Und wer ist Mischtschuk für mich? Ein niemand! Meine Arbeit ist eine besondere. Ich bin mir selber ein Mischtschuk! Ich hab was genommen und es den Leuten gebracht. Damit sie auch mit ... mitmachen können. Wenn ich ehrlich sein soll ... Wie das ganze Volk, wegen Jossif Wissarionowitsch! Damit er noch hundertmal 70 Jahre alt wird! – und schwankend verschwand der vom eisigen Dampf umhüllte Gevatter ebenso plötzlich wieder hinter der Tür, wie er erschienen war.

Trotzdem fuhren sie noch bis zur Donau, wo Aldewinas sich einen kleinen Spaziergang zu dem Sperrrholz-Regal genehmigte.

Ich nehme an, daß wir den Siebzigjährigen nicht hundertmal erleben werden, - sagte er, und stocherte mit einem Schraubenzieher in einem blechernen Verschluß. – Das ist ein großer Trinkspruch für große Leute. Und die kleinen, so wie wir, können auf irgendetwas Einfacheres trinken. Was ist uns im Leben geblieben, außer wir selbst? Nichts! Trinken wir deswegen auf uns. Viso gjaro, brigadiras! Alles Gute für uns!

Er sprang mit Leichtigkeit in den Sattel, und das ganze Dreiergespann, sich geschickt zwischen all den Autos und Wiener Kutschen hindurchschlängelnd, fuhr wohlbehalten und glücklich weiter und erreichte bis zur nächsten Zigarettenpause die Bahnhof-Straße.

- Wie ich erraten kann, fährt der erste Zug vom Wiener Bahnhof nach Leningrad? – lächelte Aldewinas, und übergab seine Verpflichtung an den Brigadeleiter.

- Stets mit Vergnügen, - nickte Artjuchow zustimmend. – Wenn es Leningrad ist, dann ist es Leningrad. Wie Ilja sagt – die ganze Welt liegt vor uns! Darauf trinke ich auch.

- Das ist ein hervorragender Trinkspruch! Vielleicht nicht am richtigen Ort und nicht zur rechten Zeit, aber dafür unter den richtigen Leuten. Die ganze Welt liegt vor uns – so ist das! Fahren wir weiter! Auf geht’s!

Aber da zwang das unsichere „Praschau“ alle, sich erstaunt zu Jurgis umzudrehen. Der ewig Schweigsame hatte angefangen zu sprechen! Und er sprach ziemlich lange! Aldewinas übersetzte:

- Brigadier, Jurgis möchte uns auch an seine Heimatorte führen. Aber er kommt nicht aus einer Hauptstadt. Seine ganzen zweiundzwanzig Lebensjahre hat er auf dem Lande in der Nähe von Rasjainjai gearbeitet. Das ist so eine kleine Stadt in Schemajtija, unserer waldreichen litauischen Region. Dort gibt es bis jetzt diese wilden Tiere ... Mit so Quasten an den Ohren – wie heißen die noch gleich?

- Luchse?

- Ja, genau. Rasjainjai. Sehen Sie, Brigadier, wie ähnlich unsere Sprachen sind, stimmt’s?

- Stimmt. Die Sprachen sind sich ähnlich – das heißt auch die Menschen sind nicht allzu verschieden! Fahren wir in die Waldregion!

Und ihre unermüdlichen Beine, die sich während des besonnenen Berichtes von Jurgis weiterbewegt hatten, machten sich daran, bei dem klaren Mondlicht die schwierige Sache zu schaffen, Kilometer um Kilometer an dem gewundenen Flußbett entlang, an der mit einer Eisschicht bedeckten Dubisa, über die Hügel und Täler der Arjogala, zwischen geheimnisvollen seni Jahrhunderte alten dichten Waldes, auf öden weißen Wegen, die von schweigenden, geschnitzten Figuren mit hohen verschneiten Mützen bewacht wurden. Plötzlich brach Aldewinas in Lachen aus und senkte die Stimme.

- Er sagt, daß wir hier, bis fast ganz nach Kaunas, lieber nicht so laut Russisch sprechen sollen. Lieber nur flüstern. Rechts von uns fängt der Wald an, der als heilig gilt. Er ist sehr, sehr alt, er erinnert sich an alles, er weiß alles. Viele tapfere Menschen gingen nach dem Krieg dorthin, und aus seinen Dörfern auch. Sie sind in der Art wie diese baschnitschju, die am Wege stehen, - wie sagt man "Wachtürme"? „Wache halten“?

- Sie bewachen?

- Ja, sie bewachen, die Region vor Bösem bewachen. Was das „Sprechen im Flüsterton“ betrifft, so hat er natürlich einen Scherz gemacht. Er sagt, daß, wenn wir einmal mit ihm fahren, werden wir vor niemandem Angst haben, können beliebige Lieder singen, aber wir sollen lieber nicht im Frost stehenbleiben. Er sagt, daß man Schemajtija vor solchen Menschen, wie den Brigadieren, nicht zu bewachen braucht.

Kurz vor Kaunus kletterte ihr zuverlässiger Begleiter, der sich in dem Partisanengebiet gut auskannte, aus dem Sattel, erstens, weil er in solch einer großen Stadt noch nie gewesen war, und zweitens, weil er nun an der Reihe war, sich ein wenig die Beine zu vertreten. Jurgis Trinkspruch wurde zu einem einfachen bäuerlichen „Atschu!“ –„Danke“, mit einer Artjuchow zugewandten Verbeugung.

Und danach kletterten sie schon nicht mehr von ihren immer schneller sausenden pfeilschnellen Maschinen. Es schien, als ob die Müdigkeit sie auf immer und ewig verlassen hatte, und jedem von ihnen hinter dem Rücken mächtige Flügel gewachsen waren. Die gestandenen erwachsenen Menschen lachten und neckten einander, als wären es Jungs. Die nächtlichen Leningrader Straßen flimmerten fröhlich mit ihren grünen Verkehrsampeln, die vom Vorneujahrsschnee bedeckten Grünanlagen schwenkten als Antwort auf ihre Trinksprüche mit den Zweigen der alten Lindenbäume und auf der Troizkij-Brücke schwenkte der ewig Wachhabende – Alexander Wassiljewitsch Suworow - die Arme. Gleich hinter der Festung bogen sie in den Kronwerkskij-Prospekt ein. Eine Minute heftigen, erstickenden Atems der Eile, - und schon waren sie auf der Wassiljewskij-Insel, ähnlich dreier glühender Boliden, die mit dem Licht ihrer Scheinwerfer den menschenleeren Bolschoj-Prospekt zerschnitten. Noch ein Augenblick – und in der Ferne zeigten sich hinter der geschmeidig gebogenen Koschewennaja-Linie die allen dreien wohlbekannten warmen Lichter von Artjuchows heimatlichem, altem Kapitänshaus mit seinen seltsamen, hölzernen Steuerrädern, Ankern und Nixen.

- Wenn sie das Licht nicht ausmachen – dann bedeutet es, daß sie auf uns warten, - sagte Aldewinas billigend.

- Wiskas kajp pas schmones, - bestätigte Jurgis, - alles ist so, wie bei den Menschen! Auf der Koschewennaja-Linie sind sie jedesmal auf unterschiedlichen Wegen angekommen, aber vom Haus mit den Steuerrädern führte er sie immer geradewegs nach Zarskoje Selo, wo die Schicht dann üblicherweise auch endete. Die letzten Schlucke des eisigen, vom Frost ganz dickflüssig gewordenen Schnapses hatten sie bereits ausgetrunken, bevor sie Pulkowo erreicht hatten: rund um den Berg zu fahren war schwierig, und die Beine schienen schwer wie Blei zu sein. Daher mußten sie ihr vorheriges rasantes Tempo verlangsamen, und auch der Frost machte sich am Morgen auf sibirisch heftige Weise bemerkbar, so daß man einfach nichts trinken konnte. Auf dem Gipfel des Hügels hielt Artjuchow an und schöpfte Atem.

- Ich bin müde. So müde ... Laßt uns doch bitte umkehren, nach Hause, - sagte er zu seinen Gefährten, aber da wurde es aus irgendeinem Grund ganz dunkel , und weder Aldewinas noch Jurgis waren zu sehen. – Fahren wir nach Hause! – rief er, drehte sein Fahrrad um und trat, was das Zeug hielt, in die ungehorsamen Pedale – und plötzlich spürte er in seinem Herzen einen heftigen Schmerz, und seine Augen schlossen sich von den aus ihnen hervorströmenden Wellen eines unerträglich hellen Lichtscheins.

Dann ließ der Schmerz nach. Ein wunderbarer Frühlingsabend begann, sie fuhren von den Pulkowsker Höhen nach Hause, und die ganze Welt öffnete sich vor ihnen.

Mischtschuk wurde von Dunkelheit und Kälte geweckt. Er begriff nicht, was da vor sich ging, bewegte leicht die Hand und stieß sich den mit irgendetwas unzufriedenen und nachdenklichen Kopf. Ein vom Tisch herunterfallendes Glas klirrte. Er nahm aus der Tasche ein Feuerzeug und brachte die Flamme an die zwischen den ganzen geleerten Flaschen stehende Kerosinlampe. – Ausgetrunken haben sie das, die Teufel! – sein wütender Blick umrandete das traumhafte Endergebnis der Jubiläumsfeier. – So, nun aber aufstehen! – fing er an zu brüllen. – Weshalb ist es hier so kalt? Der Ofen ist kaum geheizt, alle sind eingeschlafen! Deine Mutter – besann er sich plötzlich, - und warum ist das Porträt nicht erleuchtet? Schon lange? Wer hat in die Pedale getreten? – Ohne eine Antwort abzuwarten ergriff er die Lampe und stürzte im Laufschritt aus der Roten Ecke.

Daß gar keine Notwendigkeit bestand so zu rennen, das begriff er, als er die Tür des Anbaus weit gepöffnet hatte. Eine dicke Schicht Reif vereinigte zwei von den Sitzen zueinander geneigte Gestalten zu einem absurden, unten halbierten Stumpf. Die dritte Leiche war auf dem Fußboden neben dem Fahrrad erstarrt, den Kopf weit nach hinten geworfen, - gleichsam, als ob sie genau betrachten wollte, was hinten vor sich ging.

Das Gesicht war vollständig von einer porigen, weißen Kruste bedeckt. Aus der Tasche der offenstehenden, gesteppten Wattejacke schaute ein Flaschenhals hervor. Mischtschuk zog sie vorsichtig heraus, wobei er sich an dem eisigen Glas die Finger verbrannte. Die Flasche war ganz leer. Auf demTeller, der am Rande des Sperrholz-Regals stand, lagen noch eine einzelne kleine Scheibe rosarot gefärbten Schabefleisches.

- Hast du ihn hergebracht? – wandte er sich an den schuldbewußt hinter ihm schnaufenden Gevatter.

- Ich wollte es besser machen, Genosse Major. - Der Gevatter wich zurück, eingeschüchtert von dem gierigen Zähnefletschen des Leiters, - damit, das heißt, auch sie ... Wegen ehrlicher Arbeit ... Damit sie wie alle, wie das ganze Volk sind!

Noch Anfang der 1980er Jahre konnte man am Schwarzen Flüßchen den versunkenen Lastkahn sehen, der Mischtschuk einst als Anlegestelle bei Hochwasser gedient hatte. Ich selbst habe mich nicht selten auf seinem warmen, sonnenbeschienen Deck braun werden lassen. Danach sammelte ich am Wegesrand die dort reichlich vorkommenden Pilze und schritt ohne Hast und Eile über die dahinfaulenden Schwellen der Schmalspurbahn zu den gespenstischen Wachtürmen und Baracken der längst verlassenen 8. Lagerpunktes. Mit jedem Jahr verfiel diese ganze, der Vergessenheit anheim gefallene Welt tiefer in das Nichtsein, verschlungen von der Zeit, durch Rost, die Lagerfeuer der Jäger, Hochwasser, den starken Bewuchs mit Sträuchern und Büschen. „Die Urwälder haben es gegeben, die Urwälder haben es genommen“, wie Kipling ganz richtig bemerkt hat ... Gleichzeitig gingen die Menschen aus dem Leben, die sich an irgendetwas vom Außenlager Nr. 503 hätten erinnern können, an seine Henker, seine Helden und Märtyrer. Schließlich, gegen Mitte der 1990er Jahre, verschwand auch die Nachfrage nach solchen Erinnerungen. „Das Thema ist beendet, das Volk ist dessen müde geworden“ – behaupten die heutigen Politiker mit der Überzeugung von Psychiatern, die bei einem Geistesschwachen die Unfähigkeit konstatiert haben, sich auf etwas Wesentliches zu konzentrieren ...

„Aber ich möchte gern glauben, daß das nicht so ist“, sang Wladimir Semjonowitsch Wysozkij unnachgiebig, und sein Glaube war scheinbar nicht vergeblich. Im Jahre 1997, loderte schließlich inmitten der schweigenden Lager-Friedhöfe, der auf der Seite liegenden, rostigen Dampfer und den gespenstischen Lagerpunkten des Lagers Nr. 503 die Leuchtreklame des "Jupiter"-Kinos, fingen die Motoren des Vorführraumes an zu rauschen, und zu den Mündern der Häftlinge, die sich aus allen Ecken Rußlands dort versammelt hatten, zogen sich Mikrofone heran. Davon hat der britische Regisseur Thomas Roberts einen Dokumentarfilm in voller Länge gedreht – „Der Todeszug“. Als Kameramann des Films fungierte der glänzende Meister des polnischen Dokumentarfilms Bogdan Dziworski. Die Filmmusik wurde von Dan Jones geschrieben und ausgeführt vom Chor der Kathedrale zu Bristol. Diesen bemerkenswerten Film konnte man in zig Ländern sehen, deren Zuschauer mit einem Sturm der Dankbarkeit und Erregung reagierten – unter anderem auch auf eine der erschütterndsten Episoden, die der „Fahrrad“-Brigade der 8. Lager-Kolonne gewidmet ist.

Soweit mir bekannt ist, interessiert unsere Fernsehkanäle der Film „Der Todeszug“ nicht. Im übrigen hat die legendäre Brigade jetzt keinen Angst mehr davor – sie ist bereits in die Unsterblichkeit eingegangen und für gedankenlose Gleichgültigkeit unerreichbar geworden. Vor ihr hat sich tatsächlich die ganze Welt geöffnet!

Rostislaw Gortschakow


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