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Kerze der Erinnerung. Das Tajmyr-Gebiet in den Jahren der politischen Verfolgung. Erinnerungen

Maria Alexandrowna Smirnowa (Weis). Sie ließen uns kein Brot für unterwegs backen.

Geboren am 6. August 1923 in Marxstadt, Gebiet Saratow, ASSR der Wolgadeutschen. 1941 in den Tajewsker Bezirk, Region Krasnojarsk, verschleppt. Befand sich ab 1942 in Sonderansiedlung in der kleinen sibirischen Siedlung Dorofejewsk im Ust-Jenisejsker Bezirk, Nationalgebiet Tajmyr.

Meine Eltern waren Kolchosarbeiter. Mein Vater starb einen Monat vor Kriegsausbruch, im Mai 1941.

Am 16. September 1941 verließen wir Marxstadt und fuhren nach Sibirien. Im Hause meiner Tante stand ein Backtrog; sie wollte noch Brot backen, aber sie erlaubten nicht, dass wir für unterwegs etwas buken.

Auf einem Lastkahn gelangten wir bis nach Saratow, anschließend fuhren wir einen ganzen Monat lang mit dem Zug. Auf Umwegen brachten sie uns nach Kasachstan. Am 16. Oktober kamen wir im Dorf Weselaja, im Tasejewsker Bezirk, an.

In Sibirien arbeitete ich in einer Kolchose als ungelernte Arbeiterin: ich war Melkerin, mähte Heu.

Am 6. Juni 1942 bestellen sie mich ins Kriegskommissariat. Ich war Komsomolzin. Deswegen dachte ich, dass sie mich vielleicht gebrauchen könnten, um die verwundeten zu verbinden. Ich hatte in unserer deutschen Schule medizinischen Unterricht erhalten; dort hatten wir gelernt, wie man Menschen erste Hilfe leistet. Aber es stellte sich heraus, dass ich in den Hohen Norden sollte; dort benötigten sie Arbeitskräfte. Ich durfte mich nicht einmal mehr von meinen Angehörigen verabschieden. Sie hatten Angst, dass wir uns verstecken könnten und dann fliehen würden. Aber wo sollten wir uns da schon verbergen? Wir konnten ja noch nicht einmal Russisch.
Man erklärte uns, dass wir für insgesamt drei Monate dorthin fahren und dass sie uns anschließend nach Hause bringen würden. Seitdem habe ich meine Mutter nicht wiedergesehen. Sie blieb in Sibirien.

Wir fuhren mit einem Leichter, den der Bugsier „Molotow“ ins Schlepptau genommen hatte. Sie brachten uns in die Siedlung Dorofejewsk, die sich etwa vierhundert Kilometer nördlich der Siedlung Ust-Port befand. Sie brachten uns also dorthin und setzten uns am Ufer ab. Überall lag noch Schnee. Wir schliefen unter umgedrehten Booten. In der Siedlung standen ein paar Häuser, in denen Russen wohnten; vielleicht waren es ebenfalls Deportierte, ehemalige Enteignete. Sie arbeiteten auch beim Fischfang, genau wie wir. An der Wolga hatte ich mit meinem Vater auch schon Fische gefangen. Allerdings hatten wir dazu kleinere Netzte verwendet, während sie hier mit einem großen Schleppnetz fischten. Netze sind leicht. Ein Schleppnetz ist furchtbar schwer und hat eine Länge von ungefähr 350-400 Metern. Es mußte immer mehrmals in den Jenisej geworfen werden. Schwer war das. Wir arbeiteten barfuß im Regen. Mich schickten sie in die Fischannahmestelle nach Karepowsk, wo ausschließlich Nenzen als Fischer arbeiteten. Ich war ganz allein unter ihnen. Sie benachteiligten und beleidigten uns, die Verbannten, nicht. Sie waren sehr nett. Es gab unter ihnen auch keine größeren Prügeleien. In ihrer Kolchose hatten sie einen guten Vorsitzenden, Iwan Fjodorowitsch Samarskij. Er ließ es nicht zu, dass sie zuviel Schnaps tranken. Und die Nenzen respektierten ihn. Sie sagten: „Er hat Menschen aus uns gemacht!“

1958 zogen wir nach Ust-Port um. Ich hatte bereits meine eigene Familie, fünf Kinder. Ust-Port war eine saubere Siedlung. Die Menschen lebten einträchtig miteinander. Ich fand Arbeit in der Fischkonservenfabrik. Arbeitsbeginn war um acht Uhr morgens. Um zehn vor acht ertönte in der Fabrik immer eine Sirene.

In der Siedlung gab es auch ein schönes, großes Klubhaus. In der ersten Zeit wohnte ich in einem zweistöckigen Haus. Dort lebte auch Luisa Davidowna Filbert. Hier lernte ich sie kennen. Es stellte sich heraus, dass mein Bruder Iwan Bruhl mit ihr zusammen in der pädagogischen Fachschule in Marxstadt die Schulbank gedrückt hatte.

Aufgezeichnet in der Siedlung Ust-Port im Jahre 1993

 


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