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Brief von A.A. Kirillow

Verehrte Freunde!

In der Zeitung „Krasnojarsker Komsomolze“ vom 6. August 1992, Ausgabe Nr. 84, befindet sich in den Listen von Repressionsopfern auch mein Großvater Sachar Fjodorowitsch Kirillow, der in aus der Ortschaft Koma im Nowosjelowsker Kreis stammte. Er wurde tatsächlich im Sommer des Jahres 1937 verhaftet und zum NKWD gebracht; über sein weiteres Schicksal ist uns nichts bekannt. Es gab kein einziges Lebenszeichen mehr, er ist spurlos verschwunden. 1937 wurde er bereits zum zweiten Mal Opfer von Repressionen. Ich kann mich nicht erinnern, wann genau, aber wahrscheinlich war es das Jahr 1930, in dem er entkulakisiert wurde. Man entzog ihm das Stimmrecht und verbannte den so „Entrechteten“ nach Turuchansk oder zumindest in den Turuchansker Kreis. Mama – seine älteste Schwiegertochter - fuhr dorthin, und anscheinend entließ man ihn gegen Bürgschaft aus der Verbannung. Danach lebte er mit Großmutter und uns in einem kleinen Pfahlhütte, wo sich auch seine Werkstatt befand. Ich war ständig um ihn herum, weil er nicht rauchte, und wenn er sich ausruhte, dann knackte er immer Nüsse und gab mir welche und auch Fruchtbonbons (die er stets zum Anbieten mit sich herumtrug). Wenn ich zu lange sitzengeblieben war und anfing einzuschlafen (damals war ich fünf Jahre alt), legte er mich vor die Werkbank auf die dort liegenden Hobelspäne und fuhr dann mit seiner Arbeit fort, wobei er mich weiter mit Spänen zuschüttete. Bis heute, wenn ich den Geruch frischer Hobelspäne wahrnehme, bringe ich das mit dem Großvater in Verbindung, der auf der Werkbank saß, und mit dem heißen, dunklen Kanonenofen. Wir lebten in der Siedlung des 1. August genau an der Stelle, wo die Brücke den Fluß überquert, näher zu den Eisenbahnschienen hin. Ich erinnere mich gut an die hölzernen Baracken, in denen chinesische Fischer wohnten, bei denen (im Sommer) stets Netze hingen. Aber uns machten die Chinesen Angst. Und durch diese Baracken (die auch noch in den 1950er Jahren hier standen) erfuhr ich auch den Aufenthaltsort unseres Groß-vaters. Der Vater arbeitete damals im Zaton-Hafen, dort, wo in der kalten Jahreszeit die Schiffe überwintern, als Schreiner bei der Schiffsreparatur, und Mama und ich gingen über den unbebauten Boden am Kanal entlang. Es war ein ziemlich weiter Weg, und bei der Gelegenheit pflückte ich Blumen vom Wegesrand.

Es herrschte Hunger; die Einnahmen von allem, was mit dem Floß aus der Ortschaft Koma abgeflößt wurde, wurde verkauft und das ganze Geld ging für’s Essen drauf (und Vater und Mutter hatten doch 6 Kinder). Und der Vater entschied sich, in seine Gegend zu fahren. Wir fuhren fort nach Balachta, wo man den Vater 1935 verhaftet und dafür verurteilt hatte, daß er Baptist war, und er hatte nach §58 eine Strafe von 5 Jahren bekommen; und der Großvater zog nach uns nach Nowosselowo um, and später in die Ortschaft Koma. Nach der Verhaftung des Vaters Agap Sacharowitsch Kirillow nachm Großvater den älteren Bruder Alexej zu sich, der auch bei dem Großvater das Schreiner-Handwerk lernte. In Koma gab der Großvater Werkunterricht an der Schule. Vor der Entkulakisierung hatte er ein schönes Haus mit einem Blechdach besessen, das am Hang, direkt am Flüßchen Koma, gelegen war. In der unteren Etage befand sich die Werkstatt. Sein ganzes Leben lang hat er Häuschen gebaut und sie mit Holz verziert. 1905, während des japanischen Krieges, war er Sanitäter; er besaß das Georgskreuz, hatte Quetschungen erlitten. Soweit ich ihn erinnere – stand er in der Werkstatt immer mit krummem Rücken, aber immer mit wohlwollender Miene. Mama erzählte, daß er ein sehr guter Mensch war, aufmerksam und äußerst arbeitseifrig, und sie in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal gehört hatte, daß er grobe Worte ausgesprochen oder über irgend jemanden schlecht geredet hätte. Er besaß goldene Hände, er tat stets nur Gutes.

Verehrte Freunde, wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, über sein Schicksal etwas zu erfahren, teilen Sie mir dies bitte mit. Alles, was gewesen ist, läßt sich nicht mehr rück-gängig machen, aber man möchte es doch so gern wissen, damit auch unsere Kinder die Geschichte unserer älteren Generationen erfahren, unserer nahen Verwandten, damit diese Kinder eine Wiederholung solcher schrecklichen Zeiten niemals zulassen.

Außer dem Großvater gibt es noch einen weiteren mit dem Familiennamen Kirillow: Ilja Fjodorowitsch Kirillow. Ja, der Großvater hatte einen Bruder namens Ilja Fjodorowitsch, dessen Kinder ich kannte, aber jetzt habe ich seine Adresse nicht. Mir ist bekannt, daß seine Tochter in der Stadt Krasnojarsk wohnt, im Swerdlowsker Bezirk, auf dem Berg gegenüber der Holzabflößerei.

Meine Adresse: 662800, Minussinsk, uliza Sportivnaja, 33-2, Alexander Agapovich Kirillow
Hochachtungsvoll,
Alexander Ag. Kirillow
16. August 1992


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