Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Русский

Brief von W.A. Masnjak

Ich bin Wladimir Andrejewitsch Masnjak, geboren 1914, Ukrainer, und stamme aus dem Gebiet Charkow, Petschenischsker Kreis, Dorf Basaliewka. Heute ist das nicht der Petschenischsker Kreis, sondern der Kreis Tschugujewskij. Im Jahre 1931 wurden mein Vater und wir Kinder, allesamt 6 Mann, in das Gebiet Swerdlowsk verschleppt, Kreis Kysel, in die Siedlung Wjerchnjaja Gubacha (heute ist das die Region Perm, und die Stadt heißt Nowaja Gubacha). Am 6. Januar 1938 wurde ich das Opfer von Repressionsmaßnahmen. 10 Monate saß ich in der Kreisstadt Kysel im Gefängnis. Hier fand auch das Ermittlungsverfahren statt, aber was sie da geschrieben haben und wessen ich beschuldigt wurde, das weiß ich jetzt – verurteilt nach §58, Artikel 7, 9, 10, und 4. Später erfuhr ich noch im Gefängnis von guten Menschen, was das für Artikel sind.

10 Monate saß ich in den Städten Kysel, Irbit und Swerdlowsk. Am 6. November, nachts, wurden wir in einem „Schwarzen Raben“ (dem üblichen KGB-Fahrzeug; Anmerkung der Übersetzerin) fortgebracht, in Waggons verfrachtet, und am 12. November waren wir bereits an Ort und Stelle: im WjatLag, bzw. den Wjatsker Lagern, Kirowsker Gebiet. Der 1. Lager-stützpunkt war die Verteilungsstelle – 15 Tage; dann lud man uns auf offene Waggonplatt-formen und fuhr uns 75 km weit. Dann jagten sie uns mitten in der Nacht 12 km weit, bis zum 8. Lagerstützpunkt – dem Straflagerpunkt. Ich verbüßte meine Haftstrafe an verschiedenen Lagerpunkten. Am 8. Lagerstützpunkt begann ich sofort als Fuhrmann zu arbeiten. Bis Dezember 1941 arbeitete ich auf Pferden. Der Brigadier war ein guter Mensch – Sascha Timofejew. Er stammte aus der Stadt Krasnojarsk. Er war gut, hochgewachsen und kräftig. Er erzählte, daß er auf dem Jenissej als Matrose gefahren sei. Er mochte mich sehr gern und ich tat ihm leid. Ich war in der Brigade der jüngste – 23 Jahre war ich alt. Während des Krieges war natürlich alles sehr schwierig. Sie wählten 6 Mann von den Fuhrleuten und 6 von den Holzfällern aus. Sie brachten uns 28 km weiter in die Taiga hinein, zur Holzbeschaffung. Im Oktober war ich dort bereits zwei Monate. Ich wurde krank, und man schickte mich zum Stabslagerpunkt. Dort lag ich einen Monat, aber auch danach ging es mir noch schlecht. Und plötzlich begannen sie aus dem 8. Lagerpunkt alle Häftlinge abzutransportieren, und das waren 3500 Leute. Es gab viele Kranke. Drei Krankenstationen: eine für die Tuberkulose-kranken, eine zur Behandlung von Durchfall-Erkrankungen und eine für alle anderen Krank-heiten. Hauptsächlich litten die Menschen an Erfrierungen. Die Schwerkranken wurden in die Sowchose Nr. 2 geschickt. Das liegt in entgegengesetzter Richtung, ungefähr am 1. Lager-stützpunkt. 9 km entfernt, bereits jenseits des WjatLag liegt unsere Sowchose. So nannten wir das. Dort verbrachte ich drei Jahre und arbeitete hauptsächlich zu Pferde. 1945 verlegten sie mich in das „sozialistische Städtchen“. Ich arbeitete als Kutscher, beförderte die Leute von der Lagerleitung und erhielt einen Passagierschein. Dort blieb ich bis zum Ende der Straffrist. Am 29. November 1947 wurde ich freigelassen. 1 Monat und 9 Tage fehlten noch bis zum Ende der Haftstrafe. Ich fuhr nicht in den Ural zu den Eltern, sondern in die Heimat – in das Gebiet Charkow, Tschugujewsker Kreis, Dorf Basaliewka. Dort lebte ich auch bis 1949 und arbeitete in einer Kolchose. Und wieder grollte der Donner. Am 9. April 1949 wurde ich verhaftet und ins innere Gefängnis der Stadt Charkow gebracht. 5 Monate vergingen, bis eine Moskauer Sonder-Beratung beschloß, mich für immer in die Region Krasnojarsk zwangsumzusiedeln. Sie brachten mich ins Krasnojarsker Gefängnis. 5 Tage blieb ich dort. Dann wurden auf den Raddampfer „Akademik Pawlow“ 110 Menschen verladen und in den Kreis Jenissejsk gebracht, in die Siedlung Maklakowo, zur Holzfällerei. Heute ist das die Stadt Lessosibirsk. Am 21. September 1949 kamen wir dort an. Bis 1954 stand ich unter Kommandantur. Dann entließ man mich aus der Kommandantur-Unterstellung, gab mir einen Paß – und 1956 wurde ich rehabilitiert. Aber ich fuhr von dort aus nirgendwohin. Ich heiratete, baute ein kleines Häuschen. Ich habe 3 Söhne und 12 Enkel. Von 1949 bis 1989 habe ich in der Holzfabrik gearbeitet. Jetzt bin ich 77 Jahre alt. Was Sascha Timofejew betrifft, so wurde ich im Dezember 1941 von ihm getrennt, und so weiß ich gar nicht, ob er noch lebt oder vielleicht dort gestorben ist. Ja, so war das mit mir.

Wladimir Andrejewitsch Masnjak


Zum Seitenanfang