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Norilsker „Memorial“, N° 1, April 1990

Ziel und Mittel

Die Norilsker Geschichtsaufklärungsorganisation „Memorial“ entstand im November 1989. Zum auf der Wahl- und Gründungskonferenz gewählten Vorstand gehörten 37 Personen.

Seine Arbeit lenkt der Vorstand auf folgende Richtungen: archiv-historische Forschung (Vorsitzender der Sektion – O.N. Chakimulina, Kandidatin der Geschichtswissenschaften);
Redaktions- und Verlagsarbeit, Aufklärungsarbeit (Journalist A.L. Lwow); Herstellung von Kontakten mit ehemaligen Häftlingen, praktische Hilfeleistung gegenüber Repressierten (D.I. Michailowa, Leiter der Kommunikationsabteilung des Kombinats), Errichtung von Gedenksteinen an den Begräbnisstätten, Memorial-Ausstattung (Sekretär des Stadtkomitees der KPdSU G.D. Tscheburaschkin). Die Organisierung des „Memorial“ entstand aufgrund konkreter historischer Ereignisse, die zur Reanimierung der moralischen Grundlagen unseres Lebens führten. Hier in Norilsk steht denen, die der „Memorial“-Organisation beigetreten sind, bevor, die volle, ungeschminkte Wahrheit über die tragische Vergangenheit der Region wiederherzustellen, das Gedenken an die Opfer der Willkür zur wahren und den ehemaligen Lagerinsassen des Norillag das Leben zu erleichtern. Umfang und Sinn dieser Aufgabe legt allen Teilnehmern der Bewegung gänzlich freiwillige moralische Verpflichtungen auf, die sehr im Einklang mit den im Lande vor sich gegangenen Aufräumungsbestrebungen und Erneuerungen stehen.

Jeweils mittwochs, von 11 bis 21 Uhr, versehen die Vorstandsmitglieder ihren Dienst im Museum (Lenin-Prospekt 47). Wir erwarten gern alle, die „Memorial“ bei der Enthüllung der Namen ehemaliger Gefangener, Zeugenaussagen- und berichte aus jener Zeit helfen wollen.
Bringen Sie Fotos und Dokumente, Tagebücher und Erinnerungen mit; scheuen Sie sich auch nicht, um Hilfe zu ersuchen.

Gemäß unserer Satzung kann jeder Mitglied der Organisation werden, der das 14. Lebensjahr vollendet hat, einen Aufnahmeantrag stellt und seinen Beitrag zahlt; es kann sich dabei auch um ein Kollektiv handeln. Der Jahresbeitrag für Nichtberufstätige beträgt ein Rubel, für alle anderen Einzelpersonen nicht weniger als zehn Rubel. Unternehmen, Brigaden, Werkstatt-Mitarbeiter, die sich dazu entschließen, Kollektiv-Mitglied von „Memorial“ zu werden, bestimmen den von ihnen zu leistenden Gesamtbeitrag selber.

Mittwochs treffen sich die Vorstandsmitglieder unserer Organisation zur Erörterung der ihrer Arbeit und weiteren Pläne. Jeder kann an diesen Zusammenkünften teilnehmen. Die viel Ausdauer und Geduld erfordernde Arbeit beim Sammeln von Materialien, Dokumenten, der Ergänzung der Repressiertenkartei hat bereits Ergebnisse gebracht. Das Volksarchiv vervollständigt sich. Forscher und Journalisten veröffentlichen Artikel und Studien, Künstler stellen auf ihre Weise die historische Erinnerung über die erste Generation Norilsker dar, Architekten beteiligen sich an der Erarbeitung eines Projekts für eine Gedenkstelle.

In der bekannt gegebenen Woche des Gedenkens wird das erste Gedenkzeichen auf dem ehemaligen Friedhof am Fuße des Schmidticha-Berges errichtet. Alle Ereignisse der Woche, die Begegnungen und Zusammenkünfte, tragen Wohltätigkeitscharakter. Wir rechnen damit, dass die Teilnahme der Einwohner unserer Städte am Programm dieser acht Tage die finanziellen Mittel der Gesellschaft aufstocken und es möglich machen wird, dass ehemaligen Norilsker Lagerinsassen, die heute in Norilsk, aber auch außerhalb leben, materielle Hilfe zu teil werden kann.

Ich wende mich an alle, die sich als Norilsker bezeichnen; der Nutzeffekt der Arbeit von „Memorial“ hängt in vielen Dingen von ihnen ab. Das wird auch dann so sein, wenn wir eine Gedenkstätte für die Opfer politischer Repressionen errichten und der letzte noch in Norilsk lebende, einst politisch Verfolgte aufs „Festland“ fährt. Man darf eine solche Gedenkstätte nicht nur in Beton und Stein bauen, sondern auch in der eigenen Seele, in den Seelen unserer Kinder, Nachfahren und Anhänger.

Es gibt da so einen Aphorismus der besagt: wer seine Geschichte vergisst, ist zu ihrer Wiederholung verdammt. Einer Wiederholung der historischen Tragödie vorbeugen – das ist das Ziel der Arbeit der „Memorial“-Organisation.

Lelija Petscherskaja, Vorstandsvorsitzende der Norilsker „Memorial“-Organisation


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