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Wanda Janowna Pawljak. Galina Janowna Pawljak. Zwei Schwestern

Wanda Janowna Pawljak

Die Verhaftung

Es war Nacht. Schwesterchen Galotschka wachte von irgendeinem merkwürdigen, unbekannten Flüstern auf. Ich hörte eine Frau, die einen schwarzen Pelzmantel und ein Kopftuch trug, mit einer mir gänzlich unbekannten Stimme sprechen. Sie befahl Mama: "Wecken Sie ihre Tochter". Bald darauf trat ein Mann in Militäruniform ein und sagte: "Die Mädchen sollen aus dem Zimmer hinaus und in die Küche gehen". Wir sahen, daß Mama ein verweintes Gesicht hatte. Auf die Frage, wo denn Papa wäre, antwortete sie: "Dort in dem Zimmer", das hieß im elterlichen Schlafzimmer. Sie gingen in das besagte Zimmer. In der Wohnung war alles umgeworfen, alles durcheinander. Papa stand drort, bereits in Mütze und Mantel.

Neben Papa standen zwei Soldaten. Auf das Ende der Durchsuchung im Kinderzimmer wartend, zog einer der Soldaten einen Nagan aus der Revolvertasche, richtete ihn auf Papa und führte ihn zu einem Auto, einem "Schwarzen Raben", der vor dem überdachten Eingang stand.

Mama, ich und Galotschka rannten aus der Wohnung und liefen hinter dem Fahrzeug her. Der Fahrer hatte die Umzäunung noch nicht verlassen, als er anhielt, und die Frau sagte aus dem Wageninneren heraus, daß wir nicht hinterherlaufen und weinen sollten. "Morgen kommt euer Papa wieder nach Hause". Das war am 13. Februar 1937.

Aber Papa kam weder morgen noch nach einem Jahr zurück. Am Morgen begleiteten Galotschka und ich Mama zum Gefängnis. Aber wir erfuhren nichts über Papa, weder wo er sich befand, noch was mit ihm los war.

In der Schule wußte die ersten Tage niemand etwas über die Situation bei uns zuhause; im Unterricht weinte ich ständig. Die Lehrerin bemerkte, daß mit mir irgendetwas nicht stimmte.

Ich erzählte ihr alles, sie zuckte nur mit den Schultern, aber ich beruhigte mich nicht.

Am 18. Februar 1937 sagte man mir: "Du bist aus dem Kommunistischen Jugendverband ausgeschlossen". Und Schwesterchen Galotschka ersuchten sie, die Pionier-Zusammenkunft zu verlassen. Sie nahmen ihr das Pionier-Halstuch ab und die Spange, mit der das Tuch befestigt war.

Der Schulbesuch wurde unerträglich. Die ständigen Beleidigungen und Erniedrigungen von Seiten der Altersgenossen: "Tochter eines Volksfeindes", "Spionin", usw. Sie konnten einen and en Zöpfen ziehen oder einen beliebigen Gegenstand ins Gesicht werfen. Ein paar Lehrer hatten für uns Verständnis und versuchten das irgendwie in Ordnung zu bringen, aber es gelang ihnen nicht, Hohn und Spott dauerten an. Und selbst ein Teil der Lehrkräfte änderte plötzlich die Einstellung uns gegenüber. Sie riefen uns nicht mehr an die Tafel und interessierten sich nicht dafür, ob wir unsere Hausaufgaben erledigt hatten.

Ich war in der Schule Nr. 18 in der 8. Klasse, meine Schwester in der 4. Ich hörte auf, in die Schule zu gehen, aber Galotschka ging weiter dorthin, ohne selber zu verstehen, was da eigentlich vor sich ging. Mama wußte nicht, daß ich die Schule nicht mehr besuchte, und den Lehrern war es egal.

Papa hatte als 1. Steuermann auf dem Dampfer "Maria Uljanowa" der Krasnojarsker Flußschiffahrtsgesellschaft gearbeitet. Uns kam zu Ohren, daß in jener Nacht, als sie Papa abgeholt hatten, viele Mitarbeiter der Flußschiffahrtsgesellschaft ebenfalls verhaftet worden waren: Kapitän Alexejew, Kapitän Wakutin, Kapitän Sidorow, Schumajlow, Parschukow und eine Reihe anderer.

Die Tage vergingen, aber Papa kam nicht zurück. In die Schule ging ich nicht mehr. Ich mußte alles meiner Mutter erzählen.

Was sollte ich tun? Zur Arbeit wurde ich nicht eingestellt, ich war noch keine 16 Jahre alt. Aber wie es so schön heißt: es gibt keine Welt ohne gute Menschen. Ich wurde in der Krasnojarsker Verwaltung des Gebietskonsumgenossenschaftsverbandes als Schriftführerin eingesetzt. Und ich lernte weiter an der Musikschule No. 1 in der Karl-Marx-Straße. In der Musikschule wußte niemand etwas über das Geschehene.

Wir wußten nicht, wovon wir leben sollten; ich erhielt ein erbärmliches Gehalt. Mama nähte zuhause, das Schwesterchen ging zur Schule. Täglich gingen Mama, ich und meine Schwester mit Paketen zum Gefängnis, die man uns abnahm. Über Papa erfuhren wir nichts, auch nicht, ob er jemals die Pakete erhalten hat. Wohl kaum. Die Zeit verrann.

Am 10. Oktober 1938 kehrte ich abends, ungefähr um 7, 8 Uhr, nach Hause zurück. Neben dem Tor kam mir unsere Nachbarin entgegen. Unter Tränen sagte sie: "Töchterchen, Walenka, geh nicht nach Hause. Sie haben deine Mama mit einem "Schwarzen Raben" weggebracht, zwei Soldaten und eine Frau. Galotschka haben sie auch irgendwohin mitgenommen. Und eben sind sie noch einmal zurückgekommen, um auf dich zu warten. Lauf weg, Töchterchen". Sie waren bereits in der Musikschule gewesen, aber irgendwie waren wir aneinander vorbeigegangen. Das erfuhr ich erst 9 Jahre später, als ich nach Krasnojarsk zurückkehrte. Wohin sollte ich laufen? Ich konnte doch nirgends hin.

In unserer Familie waren sieben Kinder gewesen. Zwei Mädchen, Tonja und Tanja, starben bereits vor Papas Verhaftung im Jahre 1937. Der älteste Bruder, Innokentij, lebte in der Stadt Jenissejsk und arbeitete bei der Flußschiffahrt; er war an der Überwinterungsstelle geblieben. Der mittlere Bruder, Alexander, diente in Leningrad bei der Baltischen Rotflaggen-Flotte, Bruder Michail diente in den Reihen der Sowjet-Armee. Unsere Brüder wurden wie durch ein Wunder von den Repressionen verschont, sie lebten nicht bei uns in Krasnojarsk. Sie waren nicht Papas leiblichen Kinder.

Aber nun will ich mit dem Bericht über meine Rückkehr aus der Musikschule fortfahren. Ich rannte also nach Hause; sie erwarteten mich nicht im Hof, sondern direkt in der Wohnung. Als ich eintrat, fragte mich einer der Soldaten:"Nachname, Vorname. Wir haben auf Sie gewartet". In der Wohnung hatte erneut eine Durchsuchung stattgefunden. Alles war umgeworfen und lag verstreut durcheinander. Ich sah, daß Mama nicht da war, das Schwesterchen auch nicht. Ich brach in hysterisches Schreien aus, vor lauter Schock, was ich dort sah und wegen der Anwesenheit der NKWD-Mitarbeiter. Ich erinnere mich noch an eine Frau in Uniform, die auch bei den Soldaten war, und die mir mit einem Handtuch das Gesicht trockenwischte und mir Wasser zu trinken gab. Ich beruhigte mich ein wenig. Danach brachten sie mich auf die Straße hinaus, ließen mich in den "Schwarzen Raben" einsteigen und brachten mich zum Krasnojarsker Gefängnis.

Im Gefängnis

Die Massenverhaftungen unter den Mitarbeitern der Jenissejsker Flußschiffahrtsgesellschaft dauerten an (nach Aussagen der Erwachsenen).

Im Gefängnishof ließen sie mich beim Hauptgebäude aussteigen, in das sie mich auch hineinbrachten. Ein langer Korridor, rechts eine Tür mit einer Klappe. Weiter hinten im Korridor noch eine Tür, aber ohne so eine Luke. Von dort hörte man die Stimmen der Begleitsoldaten. Einer von ihnen sagte zu mir: "Geh in die rechte Tür hinein", und sogleich saß ich hinter Schloß und Riegel.

Ich fand mich in einem großen Raum mit zwei vergitterten Fenstern wieder. Um mich herum war es still, aber ich hatte Angst vor der unendlichen Einsamkeit; das war etwa um 11, 12 Uhr nachts. Dann brüllte einer der Begleitsoldaten durch die Luke: "Geh weg vom Fenster, geh zur Tür; stell dich dorthin, damit ich dich sehen kann". Voller Angst tat ich alles, was er sagte.

Nachts brachten sie mich zum Verhör. Am nächsten Tag wurde mir eine Notiz zugeworfen. Ich kann mich daran erinnern, daß sie zwei Verhaftete durch den  Korridor begleiteten, und mich brachten sie auch irgendwohin. Das Zettelchen konnte ich vom Boden aufheben, ohne daß der Wachsoldat etwas bemerkte. Der Inhalt der Notiz war erlogen. "Dein Papa hat dich am Tag der Verhaftung gesehen; sie haben zu ihm gesagt: wenn du nicht das Protokoll unterschreibst, dann werden wir deine Tochter erschießen".

Ich dachte - Papa ist auch im Gefängnis, er lebt. Vor Freude brach ich in Tränen aus. Aber er war schon gar nicht mehr am Leben; er war bereits am 18. Februar 1937 erschossen worden. Das erfuhr ich anhand der Strbeurkunde meines Vaters am 23. Januar 1990. Todesursache: Erschießung, Stadt Krasnojarsk.

Aufgrund meiner Naivität war ich sogar zufrieden, daß ich im Gefängnis war; jetzt, so dachte ich, werde ich Mama und Papa wiedersehen. Aber der Untersuchungsrichter im Gefängnis sagte mir, daß ich nach drei Tagen nach Hause entlassen und Galotschka wiedersehen würde.

Nun, ich blieb noch eine ganze Weile in dem Raum. Erneut wurde die Tür geöffnet und ein neuer Soldat, etwas älter als der erste, sagte: "Austreten! Zur Latrine!" Ich sah ihn an und verstand nicht ganz, wohin er mich rief. Ich antwortete ihm: "Ich weiß nicht, was das ist". Er erwiderte laut und in grobem Tonfall: "Los! Gehen wir!" Das war ein ziemlich kurzes Verhör! Danach brachten sie mich wieder in den Raum.

Ich legte mich auf die kahle Bank, die in einer Ecke des Raumes stand, und schlief ein. Ich erwachte von einem wilden Geschrei, Weinen und Lärm. Sie hatten damit begonnen, in den Raum, in dem ich mich befand, viele Frauen hineinzulassen, manche mit irgendwelchen Sachen, manche nur mit dem, was sie anhatten. Unheimliche, durchdringende Schreie von Müttern, die die Namen ihrer Kinder ausriefen. Die Mütter wußten nicht, wohin man ihre Kinder bringen würde. Der Raum wurde immer voller und voller. Innerhalb einer Nacht wurde er mit so vielen Menschen vollgestopft; bis zum Morgen dauerte das. Ich schien das allerjüngste und schüchternste Mädchen dort zu sein. Ich hatte schreckliche Angst. Eine der Frauen fragte mich: "Mädchen, wie bist du hierher geraten, wie alt bist du? Bist du zusammen mit deiner Mutter verhaftet worden?" Ich antworte, daß dies nicht der Fall war, daß ich nicht verhaftet worden sei, sondern, daß man mich nur befragen wollte und mich wahrscheinlich deshalb mitgenommen hatte. Und sie hätten mir versprochen, daß ich nach drei Tagen wieder nach Hause entlassen würde. Sie sah mir in die Augen und sagte: "Du mein liebes Mädchen, weshalb quälen sie dich nur so" und strich mir über den Kopf.

Am Morgen, so gegen 10, 11 Uhr, kamen nochmals eine Gruppe Frauen in den Raum. Und hier begegnete ich Mama. Sie hatte sich die ganze Nacht hindurch, zusammen mit anderen Frauen, im Haupttrakt des Gefängnisses befunden, einem eingeschossigen Gebäude aus Holz. Die Frauen waren zur Ausfertigung irgendwelcher Dokumente und zur Abnahme von Fingerabdrücken in diesen Raum geführt worden. Auch ich durchlief diese Prozedur. Man kann nur schwer wiedergeben, was geschah, als Mama mich in diesem Gefängniszimmer sah. Mama wurde schlecht, sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Andere Häftlingsfrauen halfen ihr, sich wieder ein wenig zu beruhigen.

Ich weiß nicht, ob ich Mamas Verfassung beschreiben kann, als sie ihre noch nicht volljährige, durch nichts in Verruf geratene Tochter in der Umgebung eines Gefängnisses wiedererblickte. Mamas erste Frage war: "Wo ist unsere Galotschka?" Ich sagte: "Ich weiß es nicht". Natürlich hätte ich ihr sagen können, was bei meiner Rückkehr aus der Musikschule die Nachbarin mir erzählt hatte, daß man sie an diesem Tag mit einem "Schwarzen Raben" fortgebracht hatte. Plötzlich wurde die Tür geöffnet, einige Frauen mußten in Reih und Glied antreten, darunter auch Mama, und wurden weggeführt. Es ist mir unmöglich zu beschreiben, wie mir da zumute war. Mama gelang es noch zu schreien: "Bitte darum, daß man dich in Zelle 4 läßt". Wie, auf welche Weise ich Mama noch einmal zu Gesicht bekommen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Die Situation war nach wie vor erschwert durch Ängste, Tränen und Hoffnungslosigkeit.

Die Zelle Nr. 8

Die Erledigung der Formalitäten war zuende. Wie hörten den Ruf des Diensthabenden: "Häftlinge zum Ausgang". Man brachte uns in den Frauen-Block. Die Verteilung auf die Zellen begann. Ich kann mich noch daran erinnern, daß die Wachbedienstete Judina hieß. Ich wandte mich an sie: "Tantchen, laßt mich in Zelle 4". - "Und weshalb solltest du in Zelle 4 wollen?" - "Meine Mama sitzt dort", sagte ich. In bösem, grobem Tonfall stieß sie hervor:" Ich bin nicht dein Tantchen, du Spionen-Brut". Sie schob mich beiseite, weg von den anderen, verteilte alle Frauen auf die Zellen, nur ich blieb allein in dem Raum stehen. Schließlich kam ich an die Reihe; sie begleitete mich den Korridor hinunter und stieß mich in Zelle 8.

In dieser Zelle befanden sich ausschließlich wiederholt Verurteilte, Diebinnen. Eine Frau von etwa 35 Jahren kam auf mich zu; sie hielt ein Kind auf dem Arm. Zu dieser Zeit waren die Kinder zusammen mit ihren Müttern in der Zelle. Die Frau wurde Sina genannt, und mit Spitznamen "Königin". Ihr ganzer Körper war von Tätowierungen zerstochen, und sie sprach ausschließlich Gaunerjargon. Sie hielt einen Jungen von etwa 6 Monaten auf dem Arm. Das Kind war sehr mager, blaß, verwahrlost und krank.. Vor Überraschung und Verwunderung vergaß ich ganz, wo ich war.

Sie fragte:"Weswegen?" - Ich erwiderte: "Das weiß ich nicht".

"Welcher Paragraph?"

"Ich weiß es nicht".

"Bist du eine Politische?" fragte sie weiter.

"Meine Mama ist auch hier im Gefängnis, in Zelle 4, sie lassen mich nicht zu ihr".

Vor lauter Neugier geriet die Menge in Zelle 8 in Bewegung, aber Sina gab den Befehl: "Geht auseinander!" Die Frauen traten zurück. Sina wandte sich an mich: "Du bist ein sauberes Mädchen, du wirst das Kindermädchen für meinen Sohn Witka sein." Ich erwiderte: "Wenn Sie mir vertrauen, werde ich mit Vergnügen auf ihn aufpassen". Möglicherweise dank Witja und weil sie Mitleid mit mir hatten, konnte ich die Bewohnerinnen der Zelle mir gegenüber günstig stimmen.

Da geschah in der Zelle etwas Schreckliches. Sie prügelten sich, entkleideten die neu Hinzugekommen und stießen Mutterflüche aus. Nur das Hemd ließen sie einem auf dem Leib. Vor meinen Augen geschah ein Mord. Sie nahmen den Schwachen die Pakete weg, welche diese erhalten hatten. Ununterbrochen dieser Gaunerjargon, diese schlimmen Ausdrücke. Die Wachen konnten mit ihnen nicht fertigwerden. Ich fühlte mich wie in der Hölle - und noch schlimmer. In dieser Zelle verbrachte ich zwei Monate. Ich begeisterte mich für Witjuschka, und das lenkte mich bis zu einem gewissen Grade von meinem eigenen Kummer ab.

Aber Mama, Galotschka und auch Papa vergaß ich nicht eine Minute. Oft weinte ich, besonders nachts.

Plötzlich wurde unere Zelle aufgelöst. Man nahm den Müttern ihre Kinder weg. Ich wurde aufgrund eines Irrtums in Zelle 4 geschickt. In der Zelle traf ich Mama wieder. Sie war abgemagert und hatte vom vielen Weinen ganz verquollene Augen. Unsere Wiedersehensfreude kannte keine Grenzen. Die ganze Zeit blieb ich mit Mama zusammen, ständig in der Angst, daß ich sie erneut verlieren könnte. Nachts fuhr ich verschlafen auf, suchte Mamas Hände und schmiegte mich in ihre Handflächen. Wir sprachen über alles und weinten viel wegen Galotschka. Mama versuchte ihre Ration an mich zu verfüttern, und sie selbst aß kaum etwas.

Der 14. Tag war ganz schrecklich und sehr schwer für uns. Wir wurden getrennt. Mama wurde zum Verhör gebracht, und danach sah ich sie erst wieder im Jahre 1947. Zehn Jahre lang nichts über die Eltern erfahren. Wieviel mußte man durchmachen - es fällt schwer, sich ohne Tränen daran zu erinnern; man mußte es ertragen.

Zelle 4

Die Zelle 4 hatte eine quadratische Form, von der Tür geradeaus weiter befanden sich zwei große, vergitterte Fenster, die auf den Zaun hinauszeigten, der das Gefängnisgebäude eingrenzte. Beim Eingang, links, ein Tischchen für den Empfang der Brotration, rechts neben dem Tisch der Latrinenkübel. Wir schliefen so, daß jeweils eine mit den Füßen am Kopf der anderen lag, unter den Pritschen, auf den Pritschen, auf dem Tisch, unter dem Tisch, auf dem Fußboden. Und dann der Gestank! In der Zelle befanden sich mehr als 60 Menschen, alle waren schon erwachsen, nur ich war erst 16 Jahre alt. Und dann war da noch Tamara Dumtschenko, die etwas älter war als ich. Sie war die Tochter eines Parteimitarbeiters der Krasnojarsker Region, meiner Meinung nach muß sie zu jener Zeit etwa 18 Jahre alt gewesen sein. Sie war ebenso wie ich des Vaterlandsverrats beschuldigt worden.

Die Verhöre setzten sich während der Nacht ununterbrochen fort. Die Nächte waren für uns die wahre Hölle, und es gab sogar Todesfälle und Fälle von Geisteskrankheit. Die Frauen kamen schrecklich zerschunden von den Verhören zurück, mit blutunterlaufenen Stellen unter den Augen. 2-3 mal wurde nachts zum Verhör gerufen, und viele Frauen kamen von dort zurückgekrochen, bis zur Unkenntlichkeit durch Schläge entstellt, mit Blutergüssen unter den Augen, im Gesicht und am ganzen Körper. Menschen mit schwachen Nerven verloren den Verstand.

Vera Wassiljewna Maljawkina, die Ehefrau des ehemaligen Leiters der Krasnojarsker Flußschiffahrtsgesellschaft, wurde ganz offensichtlich verrückt (schleichender Wahnsinn), aber die Gefängnisärzte leugneten das ganz bewußt und erklärten sie zur Simulantin. Später, als sie in der Stadt Turuchansk in der Verbannung lebte, gelang es ihr trotz unserer Obhut in die Tundra hineinzugehen, wo man sie irgendwann fand - zerfressen von irgendeinem wilden Tier. Lediglich ein Teil ihres Ledermantels und der Kopf mit den Zöpfen waren übriggeblieben.

Auch erinnere ich aus der Zelle noch Jewgenija Kamarowskaja, die Tag und Nacht nach ihrer Tochter und dem Sohn Genotschka rief. Sie flößte uns eine derartige Angst ein, daß die Erinnerung daran furchtbar ist.

Einige der verhafteten Frauen erfuhren aufgrund von Gerüchten, daß ihre Ehemänner erschossen worden waren. Jeder, der vom Verhör zurückkam, brachte irgendeine neue Information mit, an die man entweder glauben konnte oder nicht. Ich hatte nach wie vor noch nichts wieder über meinen Papa erfahren, und über Mama und meine Schwester auch nicht.

Fünf Monate lang rief man mich zu keinerlei Verhören mehr; angsterfüllt wartete ich jeden Tag darauf. Und dann kam der mir unvergeßliche Tag. Die Verhandlung führte der Ermittlungsrichter Sinjuschin. Niemals werde ich seinen Familiennamen vergessen.

Frage des Untersuchungsrichters: "Wer waren die Freunde deines Vaters?"

Antwort: "Ich glaube Vater hatte keine Freunde. Er war ein sehr höflicher Mensch, trank nicht, rauchte nicht und war zu jedermann zuvorkommend. Er hat seine Kinder und Mama geliebt".

Frage: Was hat der Vater gegen die Sowjet-Macht gesagt?"

Antwort: Mein Papa ist seit 1924 Kommunist, ein Zögling des Staates. Er hat uns gelehrt wahre Komsomolzen zu sein und unser Vaterland zu lieben. Er hat uns auch diese Lieder beigebracht: "Unsere Dampflokomotive", "Mutig, Genossen, im Gleichschritt voran", "Meiner Heimat weites Land".

Das Verhör wurde abgebrochen; irgendwer rief den Ermittlungsrichter aus seinem Kabinett heraus. Mich führten sie in die Zelle zurück. In meinen Ohren dröhnte noch immer die strenge Stimme des Untersuchungsführers, und deutlich sehe ich auch jetzt noch seine Augen vor mir.

Das zweite Verhör verlief anders; man stellte mir beinahe dieselben Fragen, aber diesmal unter körperlicher Gewaltanwendung. Sie benutzen dazu einen Bleistift, den mir der Ermittlungsführer zwischen die Finger steckte und mir dann die Hände zusammendrückte. Es war ein furchtbarer Schmerz, schreien durfte ich nicht, sonst hätten sie die Qualen nur noch verstärkt. Es fällt sehr schwer ein solches Verhör mit Worten zu beschreiben. Sie brachten mich wieder in die Zelle zurück, erschöpft, verweint, die Finger geschwollen. Die anderen Frauen in der Zelle hatten Mitleid und weinten mit mir, wobei sie versuchten, mich mit dem zu füttern, was sie gerade bei sich hatten.

Das dritte Verhör. Nicht weniger schrecklich, aber es dauerte nicht lange. Da waren zwei Männer als Untersuchungsrichter. Einer von ihnen sagte wörtlich: "Wenn du schon nichts weißt und nichts sagst, dann unterschreib hier". Und er gab mir ein fast leeres Blatt Papier. Unter Drohungen unterschrieb ich zwei Blätter ganz unten. Dabei versprach mir der Ermittlungsrichter mich zu entlassen, und dann wurde ich in die Zelle gebracht.

Aber nichts dergleichen geschah, ich blieb nach wie vor im Gefängnis. Tage vergingen, Monate; niemand rief mich mehr heraus, niemand entließ mich aus dem Gefängnis. Die Stimmung in der Zelle blieb die gleiche. Die Frauen kamen von den Verhören übel zugerichtet und erschöpft wieder. Nachts schrien sie, sprangen im Schlaf auf, rannten herum.

Aufgrund der Schreie war es nachts faktisch nicht möglich zu schlafen - und das ging jede Nacht so. Tagsüber versuchte ich sie ein wenig zu beruhigen. Ich sang ihnen etwas vor und verfaßte sogar Gedichte. Hier ein paar einzelne Gedichtstrophen:

Oh, diese schwarzen Tage
Das Ende wird bald kommen
Wir werden erneut zu
Freien Menschen werden.
Wir werden uns im Kampfe zeigen,
Beharrlich bei der Arbeit.
Gebt uns die Freiheit
Wir sind keine Feinde!
Heldinnen werden wir sein
Des Lenin-Landes!

Manch einer lächelte, wenn ich meine Gedichte vortrug, andere sagten: "Schreib, schreib, Mädchen". Wir werden zur Wahrheit gelangen, wir haben doch nichts verbrochen".

Die Verpflegung im Gefängnis war erträglich, dreimal am Tag bekamen wir Essen. Einmal im Monat gaben sie uns 1 kg Zucker, 150 g Butter und 1 kg Fische. Beim Gefängnis gab es einen Verkaufsstand; wer Geld besaß, konnte dort mit Hilfe der Wachsoldaten irgendwelche Lebensmittel hinzukaufen. Ich hatte kein Geld.

So gingen die Tage quälend dahin. Die Menschen lebten mit der Hoffnung auf Freilassung, daß sie schon sehr bald wieder in Freiheit, zu Hause, bei ihren Kindern sein würden. Aber nichts dergleichen geschah.

Am 25. November 1938 wurde ein Teil der Frauen aus der Zelle hinaus in den Korridor geführt, wo man ihnen mitteilte, zu welchem Strafmaß sie auf Beschluß der Moskauer Sonder-Beratung verurteilt worden waren. Ich bekam eine Verbannungsstrafe von 5 Jahren, die ich im Äußersten Norden verbüßen sollte. Die Verbannten wurden in verschiedene Richtungen in den Norden, zu ihren Verbannungsorten, abtransportiert.

Am 28. November 1938 wurde eine große Anzahl inhaftierter Männer in den Laderaum, zahlreiche Frauen in den Bug des 4-Klassen-Dampfers "Maria Uljanowa" verfrachtet und auf dem Jenissej in Lager und in die Verbannung gebracht. Die Fahrt erwies sich als ziemlich lang. Wir hatten Hunger, es gab nur Trockenrationen. Eine Erinnerung ließ mir keine Ruhe: daß mein Papa einst auf diesem Dampfer als Steuermann gearbeitet und ich auch hier meine Kindheit verbracht hatte. Nicht ohne Tränen konnte ich die Lage, in die ich hier geraten war, begreifen. War das nicht vielleicht doch nur ein böser Traum? Aber es war kein Traum.

Unterwegs wurden ständig Gefangene unter Konvoi-Bewachung an Land abgesetzt, z. B. an den Stationen Wororgowo, Jartsewo, Tschulkowo, Jermakowa, Igarka und anderen. Die anderen, vor allem Frauen, blieben auf dem Schiff zurück.

Die letzte Anlegestelle war Turuchansk, wo man uns unter der Begleitung von Wachmannschaften zur NKWD-Abteilung der Stadt Turuchansk brachte, zum weiteren Verbleib in der Verbannung.

In der Verbannung

In Turuchansk kamen wir abends an. Beim NKWD war die Ausfertigung von Dokumenten im Gange. Bescheinigungen über die schriftliche Verpflichtung, den Wohnort ohne amtliche Genehmigung nicht zu verlassen, die Verpflichtung zur Registrierung beim NKWD, die tägliche Meldung bei der Kommandantur.

Nun also werden wir unsere Verbannungsstrafe verbüßen, abgestempelt als "Volksfeinde".

Man stellte uns unsere Behausung zu Verfügung: ein leeres Gebäude, bestehend aus einem einzigen Raum für alle angekommenen Männer, Frauen und Minderjährigen, den 18-jährigen Wolodja, der noch ganz ein Junge war. Leider konnten wir nicht alle in dem Gebäude unterkommen.

Ich bin in Freiheit. Was für ein Glück nach dem Gefängnisaufenthalt. Ich konnte frei herumlaufen, gehen, wohin ich wollte. Aber um mich herum war nur Tundra, in der man sich auch nicht frei bewegen konnte. Und so ging ich am Ufer entlang, etwa einen halben Kilometer, bis zu dem alten, zerstörten Kloster. Ich ging, sah die Sonne, atmete die Luft und weidete mich am Anblick der Natur. Ich war bereit, jeden beliebigen Grashalm zu küssen und brach selber in Tränen aus. Ich weinte so, wie nur ein Mensch vor lauter Glück weinen konnte, vergaß meinen ganzen Kummer und dachte nicht an die Zukunft.

Am Ufer des Jenissej bemerkte ich ein Boot. Ich trat näher heran; der Boden des Bootes war noch ganz; ich drehte es um. So, das wird mein Haus sein. Ich kroch unter das Boot - so war es gut. Ich rupfte ein wenig Gras aus und legte es zum Trocknen ans Ufer. Ich richtete mich zur Nacht ein und schlief dort. Am Morgen wachte ich auf; ich mußte mich registrieren lassen.

Um die Mitte des folgenden Tages kehrte ich zum Haus zurück. Die Frauen waren alle in heller Aufregung (sie hatten mich vermißt), die ganze Nacht hatten sie mich gesucht. Und dann bekam ich dermaßen den Kopf gewaschen, daß ich mich noch bis heute daran erinnern kann. Sie teilten mir mit, daß sie morgens beim NKWD gewesen waren, um die Arbeitsfrage zu klären, aber für unser Kontingent gab es keine Arbeit. Turuchansk war zu jener Zeit eine kleine Ortschaft. Produktionsbetriebe gab es nicht, die Ortsbewohner befaßten sich in der Hauptsache mit Jagd und Fischfang. Ein kleines Krankenhaus, ein Kantine, ein Klub, eine Nähwerkstatt und eine Schule. Unter unseren verbannten Frauen gab es einige sehr gute Schneiderinnen; sie hatten Glück - sie fanden eine Anstellung für eine gewisse Probezeit. Die anderen blieben lange Zeit ohne Arbeit.

Ein geringer Teil der Verbannten besaß einen kleinen Geldvorrat, den sie bei der Verhaftung und im Gefängnis hatten verstecken können. Sie kauften sich für eine bescheidene Summe Lebensmittel. Vor dem Krieg, das heißt vor 1940, war die Auswahl an Lebensmitteln nicht schlecht gewesen. Aber da hatte es kein Geld gegeben.

Kein Geld, keine Arbeit, aber die Verbannten halfen mir am Leben zu bleiben. Es war mir peinlich, auf anderer Leute Kosten zu leben, so daß ich  von neuem begann, unter dem Boot zu hausen. Ich sagte ihnen bescheid, daß ich zu Leuten gegangen war, die mich in ihre Wohnung aufgenommen hatten. Ich ernährte mich von Feldzwiebeln, manchmal sammelte ich einen Fisch auf, den die Fischer weggeworfen hatten und trank das schmackhafte Wasser des Jenissej. Aber das ging nicht lange so, es wurde Winter, ich kehrte in die Siedlung zurück.

Ich begann mich um die Kranken zu kümmern, den Boden zu wischen, Wäsche zu waschen, usw. Ich hatte ständig Hunger, schlief dort, wo ich gerade arbeitete, bei verschiedenen Leuten. Und da, als ich schon wieder ruhig an Mama, Papa, Galotschka und die Brüder denken konnte, da wurde mir das Herz vor Gram und vor der Ungerechtigkeit, die sich zugetragen hatte, zusammengepreßt. Ich hätte nur noch schreien mögen.

Es begann das Jahr 1939. Ich war nach wie vor ohne Unterkunft, ohne Arbeit und, was das Schlimmste war, ohne Kleidung. Frost! Minus 40 bis minus 50 Grad. Ich lief praktisch in Lumpen herum. Bis zum Ende der Strafzeit war es noch lange hin, die Aussichten auf eine erbärmliche Existenz quälten mich und verursachten einen tiefen Schmerz in mir. Moralisch niedergeschlagen, allein, ohne Verwandte; manchmal verlor ich die Hoffnung, meine Verwandten jemals wiederzusehen. Mitunter fragte ich mich: "Wofür haben sie mich so bestraft?" Es gab nur eine Antwort - die Ungerechtigkeit der Behörden.

Galina Janowna Pawljak

Meine Schwester Walja - Wanda Janowna, starb 1996; sie konnte ihre handschriftlichen Aufzeichnungen nicht mehr zuende führen. Daher nahm ich mir die Freiheit und beschloß, das weitere Schicksal meiner Familie zu beschreiben. Also fahre ich fort mit der Geschichte unseres "Lebens".

Schwester Walja lebte in Turuchansk in der Verbannung. Allein, ohne Unterkunft, ohne Arbeit, mit der Verpflichtung, sich täglich in der Kommandantur, beim NKWD der Stadt Turuchansk, zwecks Registrierung zu melden. Genauer gesagt, sie konnte kaum von den von ihr verdienten Kopeken existieren. Sie kümmerte sich um Kranke und verrichtete jegliche Arbeit, die anfiel; Fußböden wischen, Wäsche waschen, Brennholz hacken, usw. Der Norden machte sich bemerkbar - mit minus 40, miuns 50 Grad Frost, Schneestürmen. Warme Kleidung gab es nicht, keine Mittel, um welche zu kaufen. Wenn man das so nennen darf, dann war es ein unmenschliches Leben, und viele der Verbannten schafften es nicht, unter diesen Bedingungen zu überleben; sie starben an Hunger und Kälte.

Was geschah in dieser Zeit mit unserer Mutter? Sie wurde von einer Trojka des NKWD am Krasnojarsker Gefängnis zu einer Verbannungsstrafe von 10 Jahren verurteilt, ohne das Recht, Briefe an ihre Verwandten zu schreiben oder von ihnen zu empfangen, und gelangte mit einer Etappe in die Stadt Karaganda. Zur Strafverbüßung nach Mittel-Asien! Das ist jener Ort, den man mit Kolyma, Solowki, Norilsk, Dudinka und ähnlichen vergleichen kann, was die Zusammensetzung der Verurteilten, die politischen Motive betrifft.

Die angekommenen Häftlinge wurden auf die Baracken des Lagers verteilt. Die Arbeit war für alle Gefangenen sehr schwer, die Verpflegung so, wie sie sie schon aus dem Gefängnis gewohnt waren, genauer gesagt: Lager-Verpflegung. Die letzten fünf Jahre stand Mama nicht mehr unter Konvoi-Bewachung, besaß jedoch kein Recht auf die Zuteilung eines eigenen Wohnraums. Ebenso wie die anderen Frauen war sie gezwungen, sich selber eine Behausung zu besorgen, in einer Erdhöhle unterzukommen.

Mama baute sich selber so eine Erdhütte, mit einem kleinen Fenster und einer nicht standard- gemäßen Tür, ohne einen richtigen Fußboden. Aus altem Gerümpel verschaffte sie sich Bettzeug, eine hölzerne Bettstelle, einen Tisch. Sie beheizte die Unterkunft mit einem selbstgebauten Ofen aus Pflastersteinen. Ja, aus solch unmenschlichen Gegebenheiten bestand der Alltag der Verbannten. Wie mag sich ein Mensch unter derartigen Bedingungen gefühlt haben, wenn er kränkelte, Hunger hatte, ohne ein normales Zuhause. Es fällt schwer sich vorzustellen, wie die Verbannten, wie unsere Mama, all das durchstanden.

Ich verlor meinen Mann - er wurde erschossen, die Kinder sind verschollen. Wo sind sie? Leben sie, sind sie tot? Und das im Laufe von 10 Jahren. In all diesen Jahren  gingen die Leiden, die Tränen, die Demütigungen und Kränkungen der Persönlichkeit weiter. Weshalb?

Jemand hatte das zu Stalins Zeiten wohl nötig. Alles, was das Volk, was meine Mama und viele, viele andere Menschen in unserem Lande in jener schweren Zeit der Repressionen von 1937/1938 durchgemacht haben, all das wurde vom Militär-Kollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR beschlossen. Grundlos, unter dem Druck von Angst und Drohungen, konnte man das alles - ohne Zeugen. Sie verurteilten zu langen Haftstrafen, beschuldigten völlig unschuldige Menschen des Verrats und der Spionage. Sie erklärten sie für Volksfeinde und steckten Minderjährige in die Gefängnisse.

Wie verlief mein Schicksal? Ich war damals 12 Jahre alt - an jenem 10. Oktober 1937, als sich gegen 7, 8 Uhr abends ein Wagen vom Typ "Schwarze Rabe" unserem Hause näherte. Zwei Männer und eine Frau in den Uniformen der NKWD-Mitarbeiter stiegen aus. Sie betraten unsere Wohnung. Zuerst eine Durchsuchung, alles wühlten sie durcheinander, aber wie mir bekannt ist, fanden sie nichts. Die Frau in der Militäruniform führte mich aus dem Haus. Man drückte mir irgendein Bündel in die Hände (wahrscheinlich mit Sachen). Was sich konkret in dem Bündel befand, weiß ich nicht. Ich erinnere mich, daß ich heftig weinte, nach meiner Mama rief, die bereits fortgebracht worden waren. Wie ich mich jetzt erinnere, erlitt ich einen Schock von all den Geschehnissen. Nach einiger Zeit hörte ich auf zu weinen, ohne zu begreifen, was da vor sich ging. Wohin hatten sie Mama gebracht, wo war meine Schwester Walja? Warum ließen sich mich allein in ein dunkles Auto mit kleinen vergitterten Fenstern einsteigen? Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Diesen Fahrzeugtyp nannten sie damals "Schwarzer Rabe". Ich weiß noch, daß ich im Wageninnern hin und her geworfen wurde,  ich mich nicht auf den Beinen halten konnte, hinfiel und wieder aufstand. Das Auto fuhr die Sowjetskaja-Hauptstraße entlang, die heute Prospekt Mira heißt. Die Fahrbahn war mit riesigen Steinen gepflastert, daher fühlte ich jeden Stoß ganz genau. Wieviel Zeit verging, weiß ich nicht. Während der Fahrt hielt das Auto zweimal an. Die Türen öffneten sich, und noch mehr Kinder mußten einsteigen. Mut Weinen und dem Rufen nach ihrer "Mama"; in der Dunkelheit war es schwer zu erkennen, ob es sich um Jungen oder Mädchen handelte. Ich erinnere mich, daß auch sie Bündel bei sich hatten.

Wir fuhren weiter. Nach einiger Zeit hielt das Fahrzeug. Die Tür wurde aufgemacht, es war schon dunkel. Sie gaben uns das Kommando: "Rausklettern". Denen, die noch klein waren, half die Frau in Uniform beim Aussteigen. Sofort stießen sie uns vom Auto weg und sammelten uns zu einem Haufen. Vor uns tauchte ein sehr hohes Tor auf, das Haus sah aus wie eine Art Durchgangshof. Einzeln ließen sie uns durch den schmalen Korridor gehen.

Im Durchgang saßen 2-3 Frauen in Uniform. Sie befahlen allen, ihre Bündel in eine Ecke zu werfen, was wir auch taten. Dort lagen schon ganz Bündel in allen Größen und auch ein paar durcheinander geworfene Sachen. Wir bekamen sie auch nicht wieder zurück. Wie wir später erfuhren, handelte es sich bei unserem Aufenthaltsort um das Haus Leninstraße 106.

Wir gingen in den Hof, vor uns (wir waren 10 Kinder) tauchte ein zweigeschossiges Holzhaus auf. Man brachte uns in die Unterkunft. Wir vernahmen die wilden Schreie und das Weinen von Kindern und Erwachsenen. Es war ein unheimliches Bild. Diese Kinder waren alle schon ein paar Tage und Nächte früher als wir von zuhause weggeholt worden. Man verteilte uns in kleine Zimmer mit je 10-15 Kindern. Dort standen hölzerne Liegestellen, es gab Decken und Kopfkissen. Die Nacht war schon hereingebrochen. Endlich hatten sich alle beruhigt und schliefen ein. Als wir am Morgen erwachten, begannen die Größeren unter uns sich zu orientieren, wo wir uns eigentlich befanden. Das Haus war mit einem sehr hohen Zaun eingegrenzt, über dessen gesamte Länge sich an der Oberseite Stacheldraht entlangzog, und beim Tor stand genau dieses Durchgangshäuschen, durch das man uns hineingeführt hatte. In den Unterkünften befanden sich hauptsächlich Frauen, die Wachen trugen die Uniform von Angehörigen der Miliz. Wieviele Kinder dort waren, vermag ich nicht genau zu sagen, aber nicht weniger als 30, 40.

Die Stimmung war gespannt, die Kinder weinten weiter. Die Wachen waren streng, ein Blick von ihnen verhieß nichts Gutes. Die Kinder hatten etwa ein Alter von 5-13 Jahren. Sie waren verängstigt, wie wilde Tiere, die in einen Käfig getrieben worden waren. All das mußte man mit ansehen. Die Kinder stammten in erster Linie aus den Familien von Flußschiffern und Eisenbahnern sowie leitenden Angestellten der Stadtverwaltung, aber auch anderen Eltern (Familien). Was sie uns zu essen gaben kann ich im einzelnen nicht mehr sagen, offenbar dachten wir bei all dem Streß auch gar nicht so sehr ans Essen; es war für uns nicht die Hauptsache. Es gab eine Haftordnung. Ein Spaziergang von 15-20 Minuten in kleinen Gruppen, zur Toilette einzeln. Der Abort für mehrere befand sich seitlich neben dem Zaun. Unter war der Zaun mit großen Steinen abgedichtet Offensichtlich fürchteten die Behörden, daß man versuchen würde zu fliehen, indem man sich unten durch den Zaun grub.

Die Kinder begannen sich langsam an die Situation zu gewöhnen. Aber sie waren aggressiv und nervös. Ich hingegen war schon ein etwas entwickelteres Mädchen und an ein selbständiges Leben angepaßt war; viele Male hatte ich mit Papa geschwommen, wenn er uns auf dem Dampfer mitgenommen hatte; man hatte uns erlaubt, unsere Freizeit zu verbringen, wie wir wollten. Entweder im Jenissej baden oder irgendeinen Ausflug in die Stadt unternehmen. Daher kannte ich mich in der Stadt sehr gut aus. Vom alten Marktplatz bis nach Nikolajewka, usw. Und mich konnte nichts davon abbringen eine Heldentat (Flucht) zu begehen, was ich auch gemacht habe.  Und wie das war, das beschreibe ich jetzt etwas genauer.

Vor allem reifte in mir das Ziel, mich aus diesem Käfig zu befreien, zu Hause zu sein, um zu sehen, was dort vor sich ging. Und außerdem mußte ich unbedingt Papas und Mamas Fotografien mitnehmen. Ein anderes Ziel, obwohl das merkwürdig klingt, hatte ich nicht. Ich dachte auch nicht über die Folgen meiner geplanten Flucht nach. Ich war der Meinung, daß dies alles (meine Anwesenheit in diesem Haus) nur ein dummer Zufall war. Ich sollte nicht hierbleiben, mein Platz war zuhause. Also Flucht, wenn man das so nennen kann.

Es ereignete sich folgender Zufall. Und vielleicht hat sogar Gott dazu verholfen. Aus Versehen ließ man uns nicht einzeln zur Toilette, sondern zu zweit, weil man vergessen hatte, daß vorher schon jemand hineingegangen war. Wie ich bereits sagte, gab es einen etwa 2,5 bis 3 Meter hohen Stacheldrahtzaun. Aber das schreckte mich nicht ab; die Hauptsache war, daß sich jenseits davon die Freiheit und mein Elternhaus befanden. Neben der Toilette auf dem Boden lag ein Brett, so lang wie der gesamte Abortbereich; es war schmutzig und naß. Ich bat das Mädchen, mit dem ich zufällig hier hineingeraten war, mir dabei behilflich zu sein, das Brett hochzuheben und an der Ecke des Zaunes hochkant aufzustellen. Auf diesem Brett kletterte ich schnell nach oben, kroch unter dem Stacheldraht hindurch und sprang hinunter auf den Boden.

Es stellte sich heraus, daß ich in den Innenhof eines Privathauses gelangt war. Ich konnte nicht sofort aufstehen, denn ich spürte einen heftigen Schmerz im Bein; ich hatte mir den Fuß verletzt. Der Schmerz konnte mich jedoch nicht aufhalten. Denn es war bereits Abend und schon dunkel geworden. Der Hof war schlecht einzusehen, ich bemerkte kaum die kleine Pforte. Aber am schlimmsten war, daß ein Hund anfing zu bellen. Zu meinem Glück war er angekettet. Und dann kam auch noch eine Frau aus dem Haus gelaufen und schrie: "Wieder ist einer von diesen Obdachlosen geflohen!" Offensichtlich war ich nicht die erste, die eine solche "Heldentat" vollbracht hatte. Aber inzwischen war es mir bereits gelungen, durch die Pforte auf die Leninstraße (in Höhe der Hausnummer 106) hinauszurennen. Zu dieser Zeit spielte im Gorkij-Park (so hieß er damals) ein Blasorchester. Ich kannte mich in der Stadt sehr gut aus, kannte die Straßen, und orientierte mich leicht, wohin ich laufen mußte. Ich rannte zur Sowjetskaja-Straße, und von dort lief ich nach Hause, vorbei an dem alten Marktplatz, bis zum Haus Sowjetskaja-Straße Nr. 1.

Meine Kräfte schwanden vor lauter Angst und Müdigkeit, denn die Entfernung bis nach Hause war ziemlich groß gewesen. Ich lief bis zu dem großen Tor unseres Hauses, fiel zu Boden und verlor augenblicklich das Bewußtsein. Es war etwa gegen 10 Uhr abends. Unser Hauswart, Onkel Wanja Letwinenko, trat zu diesem Zeitpunkt aus dem Tor und sah, wie ich dort auf dem Boden lag. Er hob mich auf und nahm mich auf den Arm. Er half mir, wieder zur Besinnung zu kommen, trug mich in den Hof und dann in die Wohnung der Drobotenkos - unseren Hausnachbarn. Die verängstigten Nachbarn wußten nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Man würde sie beschuldigen, Verbindung mit Kindern von "Volksfeinden" zu haben; jeglicher Umgang mit uns war äußerst gefährlich. Ferner teilten mir die Nachbarn mit, daß eine der Frauen aus der Nachbarschaft (aus der Karatanow-Straße) kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden war. Dort war sie meiner Mutter begegnet. Die Tränen überwältigten mich, sowohl wegen dieser Information, als auch vor Freude, daß meine Mama am Leben war. Ich war nicht umsonst fortgelaufen, ich hatte etwas über Mama erfahren.

Die Unterhaltung brach schnell ab. Wir hörten, daß sich ein Auto vom Typ "Schwarzer Rabe" dem Tor näherte. zu der Zeit befand ich mich in der Wohnung der Samachins. Zwei NKWD-Mitarbeiter traten ein, packten mich und brachten mich hinaus auf die Straßen. Sie öffneten die Fahrzeugtür und stießen mich in das dunkle Wageninnere. Das Auto setzte sich in Bewegung und fuhr wieder dorthin zurück, von wo ich hierher gelaufen war, zur Leninstraße 106. Dieser Ort wurde "Annahme- und Verteilungsstelle" genannt. Wir wurden hier nur kurz festgehalten, bis zur endgültigen Verteilung, vielleicht 15-20 Tage, genau weiß ich das nicht mehr.

Später, in der Nacht, es mag kurz nach 12 Uhr gewesen sein, hob man uns schlafenden Kinder eilig hoch und gab uns die Möglichkeit uns etwas anzuziehen. Wir wurden in den Hof geführt und von dort, unter verschärfter Wachbegleitung und mit Hunden, zufuß zum Krasnojarsker Bahnhof. Irgendwer unter den Verwandten der Kinder mußte von unserer Verschickung gewußt haben. Sie rannten auf die vorbeimarschierenden Kinder zu, mit Broten und anderen Lebensmitteln, um ihnen irgendewtas Eßbares mitzugeben. Aber die Wachmannschaft erlaubte es nicht. Wir gingen schweigend weiter. Man lud uns in Waggons, aber wohin sie uns abtransportierten, das wußte niemand.

Wir waren zur Verfügung für eine "NKWD-Sonder-Arbeitskolonie" bestimmt worden. Unterwegs mußten einige Kinder aussteigen; wir wurden immer weniger. Später erfolgte der Weitertransport auf dem Fluß Kama, nahe dem Ural. Endlich die Stadt Tscherdyn, ebene jene OTK (Sonder-Arbeitskolonie - Anm. d. Übers.).

Die Stadt der Verwaisten, Obdachlosen und letztendlich Kinder von "Volksfeinden". Aus Krasnojarsk befanden sich insgesamt 6 Kinder unter uns: Lena (12 Jahre), Nina (10 Jahre) und Wolodja (6 Jahre) Demidow, Galja Ignatowitsch (12 Jahre) und noch ein weiteres Mädchen, deren Familiennamen ich nicht erinnere. Ein Leben, genauer gesagt, ein Dasein an dem neuen Aufenthaltsort, wo man mit obdachlosen Kindern aller Altersgruppen, bis zu 18 Jahren, Umgang hatte. Wir wurden umgezogen und erhielten graue, nicht unserer Größe entsprechende Mäntel, Knaben-Schnürschuhe, und Mützen von einer merkwürdigen Form, in der Art eines Kübels.

Verpflegung erhielten wir dreimal, aber es reichte nicht zum Sattessen. Während der Mahlzeiten versuchten wir sparsam zu sein, wenn es auch nur ein kleines Stückchen war, das übriggelassen wurde; bei der Rückkehr aus der Kantine versteckte dann jeder ein wenig Brot vor den anderen unter seiner Matratze. 1938 wurden wir für den Schulbesuch bestimmt, wo wir gemeinsam mit Freien lernten. Das Leben lief seinen Gang, wir waren vollständig von allem isoliert.

Einmal passierte mir folgendes: die Lehrerin betrat unsere Klasse zusammen mit einer Frau. Wie sich herausstellte, handelte es sich um die Leiterin des Kindergartens. Dort wurde ein Schüler benötigt, der gut zeichnen konnte. Ich malte recht gut, und die Wahl fiel auf mich. Nach dem Unterricht mußte ich 3-4 Stunden täglich abarbeiten und erhielt als Gegenleistung  eine Tasse Suppe (die übrigens sehr schmackhaft war):. Meine Aufgabe war es, den Saal, den Eingangsflur, die Schlafräune, usw. künstlerisch auszustatten. Für diese Arbeit zahlten sie mir zudem noch 5 Rubel. Das war mein erster Arbeitslohn. Ich verwendete ihn für Papier und Briefumschläge.

Ich fing an, Briefe in alle Himmelsrichtungen zu schreiben: nach Krasnojarsk, Leningrad, der Ehefrau meines Brudes - Anna. Der Inhalt der Briefe war immer derselbe: "Wißt ihr nicht, wo Papa, Mama, Walja, Kescha, Sascha und Mischa, die beiden jüngsten Brüder, geblieben sind?" Auf dem Rückumschlag stand dann: der Adressat hat die Annahme verweigert oder der Adressat ist verzogen oder ähnliches. Ich verlor die Hoffnung nicht, fand neue Wege auf der Suche nach meinen Verwandten, aber alles blieb erfolglos.

In der Stadt Tscherdyn gab es ein Gefängnis; ich näherte mich seinen Fenstern und versuchte irgendwie die Aufmerksamkeit der Häftlinge auf mich zu lenken, wobei ich dabei gleichzeitig den Familiennamen der Eltern ausrief. Hinter den vergitterten Fenstern zeigten sich Menschen; sie antworteten: "Die sind nicht hier im Gefängnis" (sie hatten in einen Brotklumpen einen Notizzettel eingerollt). Meine Hoffnungen stürzten in sich zusammen; nun blieb nur noch, eine Wahrsagerin aufzusuchen - vielleicht wußte die etwas. Von dem Geld, das ich im Kindergarten verdient hatte, besaß ich noch 2 Rubel und ein paar Kopeken. Ich fand ein in Freiheit lebendes Mütterchen und bezahlte sie. Sie sagte mir anhand von Bohnen wahr. Sie beruhigte mich und sagte, daß ich im Laufe der Zeit meinen Verwandten wiederbegegnen würde, aber nicht allen.

Es kam das Jahr 1939. Irgendwann im Juni wurden die Kinder aus Krasnojarsk zum Direktor der Kinderheim-Kolonie gerufen. Man erklärte uns, daß wir uns unverzüglich bereit machen sollten - man würde uns verschicken. Wohin? Das war nicht bekannt. Wir fuhren zuerst mit einem Schiff und dann mit der Eisenbahn. Wir hielten in der Stadt Krasnojarsk, später am Flußbahnhof. Begleitet wurden wir von Mitarbeitern des NKWD - zwei Frauen in Uniform, ganz wie es die Anstaltsordnung für Kolonie-Insassen verlangt. Wir wurden auf den Dampfer "Maria Uljanowa" verladen und neben dem Maschinenraum untergebracht. Wir schliefen angekleidet auf den eisernen Bodenplatten; es gab nichts, womit man ein Bett hätte herrichten können. Offensichtlich fürchteten die uns begleitenden Wachen nicht, daß wir fliehen könnten. Daher konnten wir manchmal ohne Wachen umhergehen, sogar zur Toilette.

Der schwerste Moment war für mich, als ich mich den Türen von Papas Kajüte näherte. Ich fing an zu weinen und entfernte mich wieder. Ja, hatte ich etwa damals daran gedacht, daß ich auf diesem Dampfer einmal als Verbannte fahren und die Tochter eines "Volksfeindes" werden würde? Es gab da ein Gesetz: die Kinder von Repressierten, sofern sie das 14. Lebensjahr erreicht haben, fallen mit unter die Akte ihrer Eltern und müssen mit ihnen gemeinsam die Verbannungsstrafe bis zu deren Ablauf verbüßen.

Einige Passagiere schenkten uns ihre Aufmerksamkeit, boten uns etwas zu essen an, gaben uns Brot und andere Lebensmittel. Die Wachen gaben zweimal täglich Essen an uns aus: eine Trockenration. Und wir wollten so gern Suppe essen, aber ... es gab niemanden, bei dem man sich beklagen konnte. Unsere Bewacher fuhren in der 3. Klasse. Sie bewachten uns abwechselnd, aber auch nicht immer. Nachts schliefen wir ohne Bewachung.

Ich wurde krank, hatte mich stark erkältet. Dort, wo wir uns aufhielten, herrschte heftiger Durchzug. Auch meine Zähne erkrankten, ich bekam ein Zahngeschwür. Das Auge und die Wange waren links bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen. Vor lauter Schmerzen weinte ich Tag und nacht. Es gab niemanden, an den man sich um Hilfe wenden konnte, und ich hatte auch Angst vor den Wachen, die mir jedoch keinerlei Beachtung schenkten.

Unser Leidensweg ging weiter. Wohin fahren wir? Zu wem? Sie verrieten uns die Route nicht - alles war streng geheim. Sie transportierten eben Verbrecher. Und dann kamen wir schließlich nach Turuchansk. Da Papa mich und meine Schwester in den vergangenen Jahren während der eisfreien Zeit immer auf seine Fahrten mitgenommen hatte, bereitete es mir keine Mühe, die Anlegestelle wiederzuerkennen.

Wir blickten auf das Ufer, die Menschen, die uns zur Begrüßung entgegenkamen. Es waren in der Hauptsache Erwachsene, Männer und Frauen. Wie wir später erfuhren, waren sie Verbannte. Unsere Begleitwachen begannen uns einzeln vom Schiff herunterzuführen. Auf der Gangway waren wir insgesamt sechs Kinder, die im Gänsemarsch hintereinander gingen. Ich sah krank aus, das Gesicht auf einer Seite verbunden. Aber ein Auge war zu sehen. Vom Ufer her erscholl ein Ruf: "Galotschka!" Alle stürzten sich auf uns, unter den Leuten war auch meine Schwester Walja. Sie hatte mich an den Augen erkannt. Außerdem teilte uns irgendwer mit, daß nach Turuchansk die Kinder von repressierten Eltern, nunmehr Verbannten, gebracht würden. Meine Schwester stürzte sich tränenüberströmt auf mich, ihre Freude verwandelte sich in einen wilden Schrei. Sie fiel hysterisch zu Boden - vor lauter Glück, daß wir uns wiedergetroffen hatten. Die Verbannten standen daneben und halfen Walja beim Aufstehen. Die Wachen kamen auf uns zu und sagten: "Lassen Sie Ihre Schwester gehen; wir müssen sie an die NKWD-Dienststelle, an die Kommandantur, übergeben".

Fast alle gingen auseinander, nur die Eltern der angekommenen Kinder sowie einige Verbannte, die uns zur Kommandantur begleiten wollten, blieben zurück. Endlich wurden wir unseren Verwandten übergeben. Walja und ich umarmten uns erneut und verharrten lange und laut schluchzend in dieser Pose. Dann befragten wir uns gegenseitig über Mama und Papa. Aber wir wußten beide nichts über sie, nicht, wo sie waren. Es stellte sich heraus, daß Walja mich nirgends hinbringen konnte, weil wir keine Behausung besaßen. Schließlich führte sie mich zu einem Wohnhaus. Am Stadtrand lebte eine alleinstehende, sehr alte Frau. Sie Alte war schon zu der Zeit verbannt worden, als Stalin hier in Turuchansk in der Verbannung lebte. Das Haus war baufällig, mit niedrigen Fenstern, die bis zur Erde reichten, die Eingangstür ging geradewegs zur Straßenseite auf, es gab kein Vordach und keinen Vorbau, so daß die ganze Kälte von draußen in die Kate drang. Es ist schrecklich sich vorzustellen, wie kalt es drinnen bei einer Temperatur von minus 40, minus 50 Grad gewesen sein muß.

Das Häuschen war bis zum Dach im Schnee verschüttet.

Unter Tränen und mit Bitten überredete Walja die Hauswirtin, daß sie eine Weile bei ihr wohnen durfte. Sie willigte ein. Es begann der schrecklichste Moment in unserem Dasein. Kein Geld, nichts zu essen, und auch keine Arbeit. Bis zu meiner Ankunft hatte Walja nur einen sehr erbärmlichen Lohn erhalten. Hier und da wusch sie Wäsche, wischte den Fußboden auf, hackte Holz und verrichtete andere Arbeiten. Aber es gab ja nicht jeden Tag solche Arbeit. Wir fingen an wirklich zu hungern. Einige Verbannte halfen uns ein wenig, aber wir lehnten häufig ab. Und auch die besten Menschen litten doch nicht weniger als wir durch den Mangel an normaler Nahrung.

In der Stadt gab es keinerlei Industriebetriebe, lediglich ein kleines Fischerei-Kollektiv. Aber das, ebenso wie die Flugplatz, waren für uns nicht zugängig. Selbst wenn freie Arbeitsplätze in der Kantine, im Klub, in der Schule vorhanden gewesen wären, hätte man Verbannte mit dem Stempel "Volksfeind" nicht eingestellt. Auch auf eine Arbeit im Freien konnten wir nicht hoffen. Wir hatten keine warme, eigentlich überhaupt keine, Kleidung, keine Schuhe. Wir liefen in alten Mänteln herum.

Bei der Alten, bei der wir vorübergehend untergekommen waren, begann das Leben unerträglich zu werden. Wir froren dort, es war entsetzlich kalt, auf dem Fußboden zu schlafen, und wir wurden krank. Erneut tauchte das Problem einer Unterkunft auf. Wir ließen uns in einer Hundehütte nieder (ja, ich habe mich nicht versprochen). Der Hauswirt dieser Holzbude hielt im Winter Hunde. Sie waren im hohen Norden sehr geschätzt. Dieses Häuschen besaß dünne Wände und  ein winzigens Fenster mit Blick auf den Jenissej. Das ganze Häuschen bot etwa 2 bis 2,5 Quadratmeter Wohnraum. Ein hölzernes Liegebett stand dort, ein selbstgemachter Hocker und ein kleiner Kanonenofen. Probleme bereitete uns noch das Brennholz.

Auch die anderen Verbannten lebten unter nicht viel besseren Bedingungen. Bemerkenswerte Leute befanden sich in der Verbannung. Und sie kamen fast aus allen Ecken unseres grenzenlos weiten Landes. Da war der Volkskünstler unserer Zeit Schtschenow, die Künstlerin Jana Chudnitzkaja, eine Balerina aus Leningrad. Und noch viele andere bemerkenswerte, gebildete und intelligente Menschen, deren Leben mit einem schwarzen Strich markiert worden war. Gedemütigt und gekränkt von unerträglicher Mühe und Grausamkeit.

Die Jahre vergingen. Es gab keinerlei Veränderungen außer einer Verschlechterung in allen Bereichen des Alltags. Und es bestand weiterhin die Frage nach einer Unterkunft. Gemeinsam mit der Familie Demidow beschlossen wir, ein Häuschen zusammenzunageln. Baumaterial gab es faktisch nicht. In der Tundra wuchsen Zwergbirken. Wir suchten uns die etwas größeren aus. Wir holzten sie selber ab, die Kinder halfen, indem sie das Holz bis zur Baustelle durch die Tundra schleppten und schleiften. Wir schafften alles Nötige heran, ließen Moos trocknen. Irgendwie gelang es uns, ein kleines Häuschen zusammenzufügen. Mit viel Mühe schlossen wir die Decke, das Dach. Und der Fußboden blieb so. wie er war - aus Erde. Wir fingen an, Moos darauf zu werfen, denn Bretter hatten wir nicht. Wir hatten das Haus im Sommer gebaut, aber als wir mit 7 Mann einzogen, war schon der Winter hereingebrochen: zwei Erwachsene und fünf Kinder; dort zu wohnen war praktisch unmöglich. Das Holz war feucht, warme Sachen, Kleidung gab es nicht, und der eiserne Ofen wurde nicht warm. Die einzige Rettung vor dem Frost war die Schule. Dort war es etwas wärmer.

In der Schule

Der Hunger und die unzureichende Ernährung machten sich bemerkbar. Nicht alle Kinder hielten bis zum Ende des Unterrichts durch. Sie schliefen auf den Schulbänken ein, wurden von Läusen geplagt. Sie wuschen sich praktisch nicht - es gab kein Bad, man konnte überhaupt keine Seife kaufen. Sie nagten am Hungertuch.

An der Schule gab es einige bemerkenswerte Lehrer. Sie hatten Mitleid mit den Verbannten-Kindern und entließen sie mitunter aus dem Unterricht. Ein bemerkenswerter Mensch war auch der Direktor der Schule, der 1939 am Finnischen Krieg teilgenommen hatte. Er verhielt sich äußerst gutmütig uns gegenüber. Und der Historiker Wsewolod Wladimirowitsch fütterte uns sogar zusätzlich und bewirtete uns mit allem, was er uns zu geben vermochte.

Das Leben in der Verbannung lehrte uns, wie man überlebt, wie man gegen Hunger und Demütigungen ankämpft, aber in der Hauptsache lehrte sie uns Geduld. Und wir waren  sehr geduldig.

Unsere Verbannungszeit näherte sich dem Ende zu. Meine Schwester und ich beschlossen, Papa, Mama und unsere Brüder ausfindig zu machen. Im Hinblick auf Papa schickten wir einen Brief nach Moskau. Es kam Antwort. Das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR antwortete mit Datum vom 5. April 1958, daß Jan Blaschejewitsch Pawljak posthum am 15.04.1958 (Nr. 4n-0139/58) rehabilitiert worden sei.

Auch bezüglich Mama bekamen wir eine Antwort: Stadt Moskau. Militärtribunal des Sibirischen Wehrkreises vom 27. April 1958, Nr. 571-58, Stadt Nowosibirsk. Man schrieb: Der Beschluß vom 28. Dezember 1937 in Sachen Maria Georgiewna Pawljak wurde aufgehoben, derFall wurde aus Mangel an Tatbestand eingestellt. Maria Georgiewna wurde tatsächlich vollständig rehabilitiert.

Kriegstribunal des Sibirischen Wehrkreises vom 28. August 1958, Nr. N-57, 2-58. Der Beschluß vom 09. Januar 1938 in Sachen Walentina Janowna Pawljak wurde aufgehoben, der Fall wurde aus Mangel an Tatbestand eingestellt. Walentina Janowna Pawljak wurde tatsächlich vollständig rehabilitiert.

Kirowsker Bezirksgericht der Stadt Krasnojarsk vom 18. Januar 1993, Richter J.M. Baturow.

Beschluß: Galina Janowna Tjutkowa-Pawljak wird als Opfer politischer Repressionen anerkannt und erhält die Rehabilitation. Der Entscheid wurde mit Wirkung vom 26.01.1993 rechtskräftig, § 191-197 des bürgerlichen Gesetzbuches der RSFSR.

Die Sterbeurkunde von Jan Blaschejewitsch Pawljak. Er starb am 18. April 1947 im Alter von 44 Jahren. Todesursache - Erschießung. Sterbeort: Stadt Krasnojarsk. Bezirk Oktjabrskij. Abteilung für Personenstandsurkunden des Exekutiv-Komitees des Bezirkes Oktjabrskij der Stadt Krasnojarsk vom 23. Januar 1990, II-BA Nr. 475065.

Schwester Walentina Janowna Pawljak starb 1996.

Die Brüder: Kescha - Frontsoldat, kam 1943 in Preußen ums Leben; Sascha - Frontsoldat, kämpfte an der Leningrader Front, starb nach dem Krieg; Mischa - Frontsoldat, kämpfte an der Front bei Woronesch, starb nach dem Krieg.

Mama trafen wir 1947 nach der Freilassung in der Stadt Krasnojarsk wieder, sie starb 1967.

Das ist die Geschichte unserer Familie.

Nach der Verbannung mußten wir an unsere Zukunft denken: wo und wie sollten wir leben. Vor allem mußten wir eine Arbeit finden, wir mußten ja von irgendetwas leben. In dieser Hinsicht hatte ich Glück - meine berufliche Tätigkeit war vom Glück begünstigt. Vielleicht  bin ich in dieser Hinsicht unbescheiden, Gott möge mir verzeihen, aber ich arbeitete in guten Kollektiven und mit guten Menschen zusammen. Im Jahre 1947 wurde mir der Titel "Produktionsbestarbeiterin" verliehen. Später in den 1960-er Jahren "Stachanow-Arbeiterin". Von 1970-1981 "Bestarbeiterin der komunistischen Arbeit". Bestarbeiterin des Ministeriums für das Post- und Fernmeldewesen. Mein Arbeitsbuch ist voll von Dankbarkeitsbekundungen und finanziellen Belohnungen. Ich besitze Regierungsauszeichnungen, Medaillen, usw.

1980 ging ich in Rente, als "Arbeitsveteranin". So wurde mein bescheidenes Arbeitsleben belohnt.

Ich bin 78 Jahre alt. Immer war ich meinem Vaterland zugetan. Ich liebe meine Stadt Krasnojarsk und ihre Menschen sehr. Denen, die aus uns Volksfeinde machen wollten, ist das nicht gelungen. Wie gern würde ich dem in die Augen sehen, der die Beschlüsse über unsere Verhaftung, über die Verhaftung der Eltern, die Verbannung der Kinder unterzeichnet hat - dem Militärangehörigen des NKWD, Hauptmann für Staatssicherheit Gritschuchin.

Hier ein Beispiel aus einem der Verhaftungsdokumente, ein Dokument, dessen Kopie am 23.12.1991 durch den Ober-Justiziar der KGB-Verwaltung der Stadt Krasnojarsk beglaubigt wurde.

Es wird folgende Anordnung getroffen:

1. Maria Georgiewna Pawljak zu verhaften und nach §§ (nicht angegeben) unter Anklage zu stellen,

2. Walentina Janowna Pawljak als sozial gefährliches Element und wegen ihrer Fähigkeit zu     antisowjetischen Tätigkeiten zu verhaften,

3. Galina Janowna Pawljak zu entfernen und zur Aufnahme- und Verteilungsstelle der Sonder-Arbeitskolonie des NKWD zu bringen.

      Leiter der 1. Abt. der UGB beim NKWD
      Leutnant für Sicherhheit                             Tjepljakow

      Einverständnis erteilt:
      Leiter der XI. Abt. der UGB beim NKWD
      Leutnant für Sicherheit                        Anastasenko

 

      Abschrift beglaubigt:
      Ober-Justiziar der KGB-Verwaltung
 

     Stadt Krasnojarsk
      vom 23.12.1991                                 Unterschrift


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