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Robert Riedel. Einschränkungen

2. In Sibirien

Schon bald näherten sich unserem einsamen, ein wenig abseits des kleinen Bahnhofs abgestellten Waggon Fuhrwerke; wir stiegen auf, und die Kutscherinnen lenkten unseren Treck auf die Straße.
 
Nach der langen Zugfahrt in den „Kälber“-Waggons kam uns diese Reise fast wie ein Festtag vor. Es war ein heller Septembertag, die Sonne schien, der Weg führte uns mitten durch Wiesen und abgeerntete Felder, häufig stießen wir auf kleinere Waldstücke mit ihrem wunderschönem Herbstlaub. All das erinnerte eher an das europäische Russland, als jenes raue Sibirien, über das man so viel sprach und vor dem sich alle fürchteten. Die Stimmung hob sich bei allen, die Menschen unterhielten sich lebhaft und lachten sogar laut. Das Leben kann also auch hier irgendwie zurechtkommen!
 
Gegen Ende des Tages waren wir bis in das Dorf Askarowka gekommen, hinter dem die wirkliche Taiga begann. Es war ein großes sibirisches Dorf, wie es für hiesige Gegenden üblich war; seine hohen Holzhäuschen erstreckten sich frei entlang des Fahrtraktes.
 
Im Dorf hatte man bereits davon gehört, dass man ein paar „Deutsche“ bringen würde, aber uns wurde kein spezielles Interesse entgegengebracht. Die Wirtsleute der Kate, in der man uns unterbrachte, halfen uns beim Einrichten und stellten keinerlei Fragen. Man merkte sehr wohl, dass neue Leute hier keine Seltenheit waren. Später begegneten wir hier ganz unterschiedlichen Siedlern – Weißrussen in weißer Leinenkleidung, die bereits zur Zeit der Entkulakisierung hierher vertrieben worden waren, aber auch unlängst an diesen Ort gebrachte Litauer, die durch die Überreste ihrer auffallend karierten Kleidung hervorstachen. Es ist nicht bekannt, warum es in dieser entlegenen Gegend auch einige alte Juden in weiten, schwarzen Gewändern gab.
 
Wir kamen also in einer geräumigen Fünfwand-Kate unter, die von einer Frau und ihrem 16-jährigem Sohn bewohnt war. Ihr Ehemann befand sich, wie es bei vielen hier der Fall war, an der Front.
 
Durch den düsteren Vorbau wurden wir in das Holzhaus geleitet. In dem geräumigen Zimmer befand sich ein breiter russischer Ofen, in der rechten hinteren Ecke stand ein großer, nicht gestrichener Tisch, auf dem sich dunkel ein paar Ikonen abhoben. An allen Wänden standen ebenfalls ungestrichene Sitzbänke; sie waren so breit, dass man darauf auch schlafen konnte.
 
Die Hausherrin brachte uns in einen etwas kleineren Raum, in das sogenannte „rote“ Zimmer, in dem ein hölzernes Bett samt Federbett und einem Haufen Kissen stand. Außerdem gab es dort noch einen Tisch mit einer weißen, gehäkelten Tischdecke sowie einige Wiener Stühle. Dann trugen sie unsere Truhe in das Zimmer, die zu meiner Schlafstatt wurde.
 
Die neu eingetroffenen Deutschen begannen in der örtlichen Kolchose zu arbeiten. Vater, der sich seit frühester Kindheit mit Pferden auskannte und sie über alles liebte, war im Pferdestall tätig, während Mama auf der Farm arbeitete.
 
Und ich besuchte die zweite Klasse der örtlichen Grundschule. Zu meiner größten Zufriedenheit achteten sie hier nicht besonders auf schönes Schreiben. Schulhefte besaßen wir nicht; wir schrieben auf allen möglichen Papierstückchen.
 
Ich hatte weniger Mühe mit dem Lernen, als die anderen Jungs aus dem Dorf. Dafür wussten sie eine Menge von Dingen, die mir gänzlich unbekannt waren. Voller Stolz erzählten sie, wie sie Hasen mit Drahtschlingen fingen Füchse mit Flinten jagten. Einmal kam bei einer solchen Jagd einer unsere Klassenkameraden ums Leben (in einer veralteten Flinte explodierte plötzlich die Patrone). Der Tod meines Altersgenossen erschütterte mich zutiefst.
 
Ich wurde sogleich ins dortige Leben mit einbezogen – ich spielte mit den Dorfjungen, nahm an den Winter-Feiertagen teil, bei denen wir uns mit umgedrehten Pelzmänteln verkleideten  und vom hochgelegenen Flussufer mit Schlitten hinabjagten, uns abends inmitten der schon etwas größeren Jugendlichen herumtrieben, die immer im Wechsel mal in dieser, mal in jener Kate zusammenkamen.
 
Gegen Jahresende wurden wir von bisher nie dagewesenen 45 Grad Frost heimgesucht. Über dem schneebedeckten Dorf stiegen weiße Wolken auf. Es schien, als ob die ganze Siedlung im Frost erstarrt war – es war keinerlei Leben wahrnehmbar, man konnte nicht einmal Hundegebell vernehmen. Nur gelegentlich hörte man das donnernde Knacken von im Frost geborstenen Wandbalken, was vor allem in der Nacht äußerst laut war. Aber natürlich stand das Dorfleben nicht wirklich still, nicht einmal der Schulunterricht wurde eingestellt. Und im Getreide-Vorratslager, im Pferdestall und auf der Farm wurde ebenfalls weitergearbeitet.
 
Unsere Familie fand sich nur an den Abenden, nach der Arbeit, zusammen. Ab und zu nahm Vater dann die Gitarre und sang, gemeinsam mit Mama, bis in die späte Nacht.
 
Über einen dieser „musikalischen“ Abende will ich berichten.
 
Draußen herrschte knackiger Frost, die Fenster waren von dickem Raureif bedeckt. In dem tüchtig geheizten Zimmer sitzen wir am Tisch, auf dem eine „Petroleumfunzel“ trübes Licht verbreitet. Ich lese wie immer ein Büchlein, die Eltern unterhalten sich über irgendetwas. Der Vater steht auf, nimmt den schwarzen Kasten von der Wand und entnimmt daraus vorsichtig die schwarze, perlmuttverzierte Gitarre. Nachdem er sie gestimmt hat, greift er einen Akkord und beginnt mit leiser, hoher Stimme ein altes deutsches Lied zu singen, eines von denen, die sie daheim an der Wolga immer zu singen pflegten. Mama singt die zweite Stimme, und so singen sie gemeinsam dieses traurige Lied. Schön singen sie, zweistimmig, zum weichen Klang der Gitarre.
 
Als das Lied zu Ende ist, beginnen sie ein neues, ebenso trauriges. Als sie diesen für sie ungewöhnlichen Gesang hören, versammeln sich im Nebenzimmer die Frauen aus den umliegenden Hütten. In nachbarschaftlicher Weise lassen sie sich auf den Bänken nieder, manche stellen sich in die Nähe unserer offenstehenden Zimmertür. Einige vergießen Tränen, andere seufzen:
 
- Sie singen wie in der Kirche!
 
In den vergangenen Jahren habe ich es geschafft, diese Lieder zu vergessen. Aber an eines kann ich mich noch erinnern, jedenfalls an das Motiv und den Refrain:
 
So lebe wohl, leb wohl, du, mein Tirol, Tirol!
 
Sie sangen auch russische Lieder, genauso traurige, wie zum Beispiel dieses hier:
 
Ich sitze hinter Gittern, in einem feuchten Keller.
Ein junger Adler, in Unfreiheit aufgezogen,
Ist mein trauriger Kamerad, der mit den Flügeln schlägt,
Und seine blutige Nahrung am Fenster mit dem Schnabel greift.
 
Erst später erfuhr ich, dass es sich dabei um eine Romanze nach Versen von Puschkin handelte.
 
Gleich nach Neujahr wurden sämtliche deutschen Männer in die Trudarmee mobilisiert. Der Vater erzählte, dass man sie zur Holzverarbeitung ins Kirowsker Gebiet schickte.
 
Man verhielt sich ihnen gegenüber so, als wären sie Häftlinge, und gehalten wurden sie in Lagern mit Stacheldrahtzaun, bewaffneten Wachen, scharfen Hunden usw. Des Weiteren berichtete er, dass viele Arbeitsarmisten aufgrund der alle Kräfte übersteigenden Arbeit und der  schlechten Verpflegung umkamen, dass die Toten im Freien aufgestapelt wurden. In erster Linie starben Lehrer, Ärzte und Schauspieler, die für körperliche Schwerstarbeit nicht geeignet waren. Im allerersten Monat starb unser guter Bekannter, der Apotheker Onkel Karl. Er war zusammen mit seiner Frau zu uns zu Besuch gekommen und hatte immer einen frisch zurechtgemachten Schnurrbart getragen.
 
Mama und ich blieben allein zurück. In der Kolchose, in der Mama arbeitete, gab es keinen Lohn, es wurden lediglich die erfüllten Tagesarbeitseinheiten (sogenannte „Stöckchen“) gezählt.

Die Bewohner des Dorfes kamen irgendwie zurecht – sie besaßen noch Vorräte vom vergangenen Jahr, und manches entwendeten sie aus der Kolchose. Aber wir hatten keine Vorräte und mussten uns von dem ernähren, was wir gegen die Kleidungsstücke eintauschten, die wir von Zuhause mit hierher gebracht hatten. Manchmal aßen wir das, was Mama vom Schweinefutter hatte abzweigen können.

Das gegen Sachen eingetauschte Getreide mahlten wir in einer Mühle, die sich im Nachbardorf befand. Einmal, nachdem wir wieder Körner gemahlen hatten, kehrten Mama und ich am späten Abend nach Hause zurück. Es war eine Menge Schnee gefallen, und wir zogen unseren mit Mehl beladenen Schlitten mit großer Mühe vorwärts.  Der verschneite Weg war in der Dunkelheit des Waldes kaum zu erkennen. An jenem Abend hatte ich schreckliche Angst – es kam mir so vor, als wenn wir uns verirrt hätten. Zudem fürchtete ich mich vor Wölfen, über die man sich hier wahre Gräuelmärchen erzählte. Müde (und völlig verwirrt und erschrocken) kehrten wir schließlich in tiefster Nacht heim.

Um den Papa in der Arbeitsarmee ein wenig zu unterstützen,  schickte Mama ihm Pakete mit Tabak aus dem Dorf. Zweige des auf Dachböden getrockneten Tabaks hatte sie bei den Nachbarn gegen irgendetwas  eingetauscht. Und ich stellte aus den Blättern den Tabak her. Die trockenen Tabakstängel zerschnitt und zerkrümelte ich mit einem Handschneidemesser und vermischte diese mit zu Pulver zerriebenen Blättern.

Ständig waren wir damit beschäftigt, irgendwelche noch vorhandene Sachen gegen Lebensmittel einzutauschen. Nur um Papas Gitarre tat es mir leid – Mama gab sie für 3 Pfund Fett weg. Mehr gaben sie uns nicht, denn niemand verstand es darauf zu spielen.

Von Zeit zu Zeit besuchten wir das Badehaus.

Es war aus Holzbalken errichtet und stand drei Häuser weiter in einem Gemüsegarten. Wir schlichen uns immer am späten Abend dorthin, wenn die Hauswirte den Badebereich bereits saubergewaschen hatten. Die rußgeschwärzten Decken und Wände waren noch warm, der Feuerraum im Ofen noch ganz heiß. Mit einem kleinen Blechkübel verspritzte Mama Wasser auf die glühenden Steine, und ich stürzte mich auf den kühlen Fußboden, um mich vor dem heißen Dampf zu retten. Vor dem Eingang kleideten wir uns bei eisigem Frost aus und an, und unsere Kleidung legten wir auf den dort stehenden alten Schlitten. Es ist erstaunlich, daß keiner von uns eine Erkältung bekam.

Allmählich gewöhnten wir uns an das ländliche Leben. Bis zum Mittagessen blieb ich in der Schule, denn die Hauswirtin und ihr Sohn Pjetka arbeiteten den ganzen Tag in der Kolchose und Mama auf der Farm. Wenn ich aus der Schule nach Hause kam, holte ich Wasser aus dem Brunnen, erledigte meine Hausaufgaben und ging dann nach draußen, um ein wenig herumzubummeln. Manchmal blieb Pjetka zuhause, und dann sägten und hackten wir gemeinsam Brennholz für unseren Ofen. Das Sägen des Holzes war besonders kräfteraubend – die Säge war einfach zu schwer.

Abends versammelten sich alle in dem großen Zimmer am warmen Kanonenofen, den man unlängst zur Einsparung von Brennholz aufgestellt hatte.

Die Nachbarn gingen stets dorthin, wo Licht brannte. Das Holz glühte warm, und Pjetka und ich brieten auf dem fast rotglühenden Ofenblech Kartoffeln. Die Frauen zogen über andere her, erörterten die neuesten Dorfereignisse. Und oft erinnerten sie sich an das Leben vor dem Kriege, das ihnen schon so fern vorkam und doch so glücklich gewesen war.
Der grimmige Winter ging vorüber, dann setzte ein kurzer Frühling ein.

Es kam der Sommer 1942. 


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