Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Ðóññêèé

Robert Riedel. Einschränkungen

7. Die Kindersammelstelle

Bis nach Serow war ich mehrere Stunden unterwegs. Der Waggon war überfüllt, ich musste stehen, und neben mir stand ein Junge, der irgendwie in Richtung Nischnij Tagil unterwegs war. Wir kamen ins Gespräch, aber dann begann die Überprüfung der Papiere, und der Junge wurde festgenommen – er hatte eine Bescheinigung vorgezeigt, die an den Ecken schon ganz abgewetzt aussah, aber ein frisches Datum trug.

- Das Datum ist gefälscht, - meinte der Soldat und übergab den Jungen an einen anderen bewaffneten Soldaten.

Dann schaute er sich meine Papiere an und sagte plötzlich:

- Du kommst aus Tjuchtet? Ich auch. Wo hast du dort gewohnt? Das ist gar nicht weit von unserer Familie entfernt, du kennst bestimmt meinen Wowka?!

Ich konnte mich an seinen Sohn nicht erinnern, mochte das aber nicht eingestehen, und so antwortete ich auf seine Fragen so gut es ging, erzählte ein wenig von Tjuchtet, wo er offenbar lange Zeit nicht gewesen war. Zufrieden damit, dass ich ihn wieder an seine heimatliche Gegend erinnerte, klopfte er mir auf die Schulter und setzte seinen Gang durch den Waggon fort.

Endlich traf unser Zug in Serow ein. Ich hatte fünfzehn Rubel bei mir, die Tante Schura mir gegeben hatte. Neben dem Bahnhof befand sich ein Kinotheater, und ich beschloss, zuerst ins Kino zu gehen. Dort sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen amerikanischen Film – einen Actionfilm in Farbe, der an einem blauen Ozean mit grünen Palmen spielte und in dem es um einen schweren Taifun ging (ich glaube der Film hieß „Hurricane“). Auf dem Markt am Bahnhofsvorplatz kaufte ich eine Schanga (Gebäck; kleine Küchlein mit Kartoffeln; Anm. d. Übers.) und ein kleines Glas Milch. Die Küchlein aß ich sofort am Ladentisch und spülte sie mit der Milch hinunter, und nachdem ich das leere Glas zurückgegeben hatte, machte ich mich auf den Weg, um die Kindersammelstelle zu suchen.

Sie war schnell gefunden, denn sie lag ziemlich in der Nähe des Bahnhofs.

Als ich näher herankam, sah ich einen hohen Zaun aus Ziegelsteinen, oben mit Stacheldraht versehen, undurchsichtige Tore und einen Durchgang, in dem ein Wachmann saß.

Nachdem er meinen Einweisungsschein gelesen hatte, ließ der Wachhabende mich eintreten. Ich fand mich in einem kleinen Innenhof wieder, in dem sich ein graues Gebäude befand. An seinem Eingang stand eine Gruppe kahlgeschorener Jungen in grauen Kitteln. Als sie sahen, daß ich ohne Milizionär hereingekommen war, sagte einer von ihnen:

- Idiot, der ist freiwillig hier reingekommen!

Diese Einrichtung nannte sich offiziell „Kinder-Sammel- und Verteilungsstelle bei der Eisenbahn- Abteilung der Miliz an der Bahnstation Nadeschdinsk“ (so lautete der frühere Name von Serow). Hier wurden Straßenkinder aufgenommen, welche die Miliz aus den Zügen geholt oder an den Bahnhöfen aufgegriffen hatte. Viele von ihnen waren routinierte Streuner, die es verstanden, sowohl aufdringlich zu betteln, als auch zu stehlen. Keiner von ihnen besaß Papiere, aber jeder von ihnen erzählte eine frei erfundene Familiengeschichte, viele trugen ebenso ausgedachte Nachnamen. Diejenigen, die schon älter waren, versuchten stets ihre Alter zu senken, denn hier wurden nur Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren aufgenommen. Die noch älteren wurden in eine Fabrik- und Betriebsfachschule gebracht oder irgendeiner Produktionsstätte zugewiesen. Hier war man gezwungen, die Legenden, die sich die Straßenkinder ausgedacht hatten, für bare Münze zu nehmen; lediglich ihr Alter wurde zusätzlich noch von einer medizinischen Sonderkommission bestimmt.

Ich war größer als meine Altersgenossen, und trotz der Tatsache, dass bei mir alle Papiere vorlagen und ich erst 12 Jahre alt war, versuchten sie mich als Lehrling in die Schuhfabrik zu schicken. Aber ich sagte ihnen, dass ich dort schon selber gewesen wäre, dass ich in einer Schule lernen wollte und dass ich fortlaufen würde, wenn sie mich nicht ins Kinderheim aufnähmen. Danach ließen sie mich in Ruhe.

Die Straßenjungen gehörten allen möglichen Nationalitäten an; unter ihnen waren wohl auch Deutsche. Aber wer war schon bereit, sich dazu zu bekennen? Nur von mir wusste man, dass ich Deutscher war. Und eine der Aufseherinnen konnte mich nicht ausstehen – eine große Frau, die entsetzlich schielte. Wenn sie beim Abendappell jemandem eine Strafpredigt hielt und dabei unverwandt mit einem Auge auf den Schuldigen blickte, dann kauerten sich jedes Mal am anderen Ende der Aufstellung zwei Jungen zusammen, die von ihrem anderen Auge ins Visier genommen wurden. Ständig stellte sie mir nach und versuchte mich zu kränken. So sagte sie zum Beispiel:

- Ha, du Fritz, komm mal her!

Oder:

He, du deutscher Knirps, stell dich anständig in die Reihe!

So lange ich mich in dieser Aufnahmestelle für Kinder aufhielt, verfolgte und peinigte sie mich auch weiterhin. Und soweit ich aus ihren Anspielungen verstehen konnte, war der Versuch, mich in die Schuhfabrik zu schicken, ihre Idee gewesen.

Die anderen Aufseherinnen waren gewöhnliche Frauen, und nachdem sie begriffen hatten, daß ich weder Landstreicher noch Krimineller war, verhielten sie sich mir gegenüber gut – sie befragten mich, woher ich kam, wo meine Eltern wären. Sie erlaubten mir aus dem Tor zu treten und mir Bücher aus der Stadtbibliothek zu leihen, die auch die Kinderaufnahmestelle bediente. Und danach verbrachte ich viele Stunden mit Bücherlesen.

Außer Lesen gab es hier nichts, womit man sich beschäftigen konnte, und so lungerten die Kinder den ganzen Tag untätig herum – Schulunterricht gab es nicht, und wegen der Enge konnte man nirgends spielen. Die Erzieherinnen beschäftigten sich mit uns nicht – ihre Aufgabe war lediglich für Ordnung zu sorgen. Nur gelegentlich übten sie mit uns Kriegslieder und Märsche ein, die in den letzten Tagen des Krieges so oft aus den großen Lautsprechern erschollen.

Alle zehn Tage wurden wir ins städtische Bad geführt, und das war für uns immer ein großes Ereignis. Vor dem Besuch im Bad zogen wir unsere grauen Kittel aus und bekleideten uns mit den so genannten „amerikanischen Geschenken“. Diese ausländische Kinderkleidung leuchtete in bunten Farben, war sonderbar geschnitten und verfügte über verschiedene Verschlüsse und glänzende Knöpfe. Vielen passten die Sachen nicht – manch einer konnte sich nur mit Müh in seinen roten Samtanzug hineinzwängen, während einer der Kleineren sich in seine orangefarbene Strickjacke wickelte und sich dazu eine Schnur als Gürtel umband, wiederum andere krempelten sich die grobkarierten Hosenbeine hoch. Und die Mädchen versuchten etwas zu ergattern, das besonders „schmuck“ aussah.

Und dann schritt die Menge der graugesichtigen, kahlgeschorenen Jungen und Mädchen in der bunten ausländischen Kleidung ungeordnet die Straße entlang, wobei sie Kriegslieder schmetterten. Unsere Kolonne zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Lachend und laut rufend, kamen die Stadtjungen hinter uns hergerannt. Passanten blieben lächelnd stehen. Zufrieden mit dem erzeugten Effekt waren unsere Aufseherinnen – die „ausländische“ Kleidung sollte offen demonstrieren, wie gut es uns ging, und der laute Gesang – das hohe Niveau ihrer „Erziehungs“arbeit.

Der April ging zu Ende, es kam der Mai. Am Tag des Sieges, dem 9. Mai, freuten wir uns alle über das Ende des Krieges. Jetzt würde sich alles zum Besseren wenden, und ich träumte davon, bald meine Eltern wiederzusehen und mit ihnen zusammen zu bleiben…

Die Zeit verrann, aber niemand schickte mich irgendwohin.

Schließlich, irgendwann nach dem 20. Mai, brachte eine der Aufseherinnen mich und noch einen weiteren Jungen ins Klenowskojer Kinderheim, das sich am anderen Ende der Region Swerdlowsk befand.


Zum Seitenanfang