Nachrichten
Unsere Seite
FAQ
Opferliste
Verbannung
Dokumente
Unsere Arbeit
Suche
English  Ðóññêèé

Robert Riedel. Nachdenken über die Vergangenheit

Ich, ein im Wolgagebiet geborener Russland-Deutscher, wurde als Kind nach Sibirien deportiert und irrte sechs Jahre lang durch Kinderheime Sibiriens und des Urals und befand mich unter der Aufsicht einer Sonderkommandantur. Solche wie ich nennt man „Kinder der Deportation“.

Seitdem sind viele Jahre vergangen, aber die Schrammen der schwierigen Kindheit machen sich immer noch bemerkbar und lassen mir keine Ruhe. Ich möchte gern verstehen, womit die Verfolgung der Russland-Deutschen zusammenhängt, warum sie geschehen sind.

***

Nach meinen zahlreichen „Wanderschaften“ fand ich mich als sechzehnjähriger Junge 1948 in der Stadt Temirtau, in der Nähe von Karaganda, wieder. In dieser Stadt lebte ich einige Jahre, hier beendete ich die Schule. Erst später erfuhr ich, dass Temirtau 1945 zur Stadt wurde; zuvor war dies die Siedlung Samarkandskij gewesen, die einst von deutschen Kolonisten gegründet wurde. Über diese Stadt schrieb ich in meinem Erinnerungsroman „Einschränkungen“.

Nachdem er meinen auf Erinnerungen basierenden Kurzroman in einer der Moskauer Zeitschriften gelesen hatte, wandte sich ein Journalist aus Odessa mir Fragen über Temirtau an mich, wo er auch einige Zeit gelebt hatte. Auf der Suche nach Antworten zu seinen Fragen geriet ich zufällig auch auf die Seite des Omsker Museums, in dem ich viele Materialien über Russland-Deutsche entdeckte. Unter anderem stieß ich dort auf eine Auskunft „Statistische Angaben über deutsche Kolonisten, die sich zwischen 1882 und 1909 im Akmolinsker Gebiet angesiedelt haben (nach Landkreisen)“; in der Rubrik „Akmolinsker Landkreis“ war notiert: Bezeichnung der Siedlung – Samarskandskoje, Jahr der Besiedlung – durchgestrichen, Anzahl der Familien – 111, Anzahl der Seelen – 667. Der Name des Dorfes war tatsächlich so vermerkt – Samarskandskoje, vom Wort „Samarsker“, denn die Deutschen, welche die Siedlung gegründet hatten, stammten aus Samara.

Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mich nur wenig für die Geschichte der Russland-Deutschen interessiert. Ein paar allgemeine Informationen waren mir bekannt, und das, was sich in den vergangenen siebzig Jahren ereignete, das habe ich, wie man so sagt, am eigenen Leib erfahren. Aber die Materialien, auf die ich beim Besuch der Seite des Omsker Museums stieß, zeigten, dass das alles wohl nicht so einfach ist – wie sich herausstellte, waren die Russland-Deutschen sogar hier in Sibirien verfolgt wurden, und das auch schon lange Zeit bevor die Sowjets an die Macht gelangten. Gegen die Deutschen wurden Zeitungskampanien geführt, die Behörden erließen Verbotsanweisungen, die Deutschen siedelten sich in oft außerhalb gelegenen, minderwertigen Grund und Boden nieder. Hier der erste Satz einer rechtfertigenden Notiz zu einem der Schmähartikel in den Zeitungen aus dem Jahre 1910:

„Aufgrund des Fehlens eines Verbots sind die Deutschen in das Akmolinsker Gebiet umzusiedeln, welche das gleiche Recht auf Ansiedlung wie alle anderen Umsiedler haben“.

Die Staatsangehörigen des Russischen Imperiums, deutsche Bauern, die auch weiterhin unrechtmäßig Kolonisten genannt wurden (dieser Status war ihnen bereits im Jahre 1871 entzogen worden), nahmen die stolypinsche Reform an und machten durch ehrbare Arbeit den schwierigen neuen Boden urbar. Sie taten das erfolgreich, ihre Wirtschaften gesundeten, die deutschen Siedlungen unterschieden sich oft in vorteilhafter Weise von den benachbarten Ortschaften, was allgemeinen Verdruss hervorrief …

Eine negative Haltung gegenüber den Russland-Deutschen nahm auch Stolypin selber ein, den man zu Sowjetzeiten für einen Reaktionär und Unterdrücker der Revolution gehalten hatte, der militärische Feldgerichte verwendete, und nun als Reformator, welcher die Festigung des Staatsgefüges unterstützte. Hier der Auszug aus einem Entwurf seines Briefes anlässlich des Artikels „Invasion der Ausländer nach West-Sibirien“ („Neue Zeitung“, 1911): „ …Obwohl es im Gesetz keinen Hinweis auf Verbote gibt…, halte ich es … für unbedingt erforderlich … Maßnahmen gegen die Besiedlung die Steppengebiete durch deutsche Kolonisten zu ergreifen…“

Und noch ein paar Fakten – im Februar 1915 verabschiedete die Zarenregierung einige Gesetze zur Liquidierung deutschen Landbesitzes entlang der Grenzen („Liquidationsgesetze“), von denen eines die Bezeichnung trug: „Über den Landbesitz und die Landnutzung einiger, zu den russischen Staatsbürgern zählenden, Kategorien österreichischer, ungarischer oder deutscher Zugewanderter“. Im Februar 1917 wurde der Geltungsbereich der Liquidationsgesetze auf die „Haupt-Regionen des Landes“ ausgeweitet , zu denen nicht nur praktisch alle europäischen Teile Russlands, sondern auch West-Sibirien, gehörten. Allein die Revolution konnte die Verwirklichung dieser Gesetze verhindern.

Die von den Zarenmächten durchgeführte Diskriminierung der Deutschen wurde von den Bolschewiken in der für sie gewohnten radikalen Art und Weise „aufgegriffen“ – mit dem Beginn des Krieges gegen Deutschland wurden alle Deutschen (etwa 1,5 Millionen Personen) in den Osten des Landes deportiert.

Die Deportation der Deutschen während des Großen Vaterländischen Krieges besaß möglicherweise ihre Logik (eine militärische - wie es hieß). Ich habe mich nicht daran gemacht, mich mit militärisch begründeter Logik auseinanderzusetzen – es herrschte ein schrecklicher Krieg, und damit ist auch schon alles gesagt (es gab so eine Redewendung: „Der Krieg macht alles zunichte“). Aber gleichzeitig (möglicherweise sogar in der Hauptsache) beschlossen man eine althergebrachte Aufgabe (noch aus dem zaristischen Russland) fortzuführen – die Deutschen als einzelne (das versteht nicht jeder Leser! Besser Volksgruppe zu liquidieren (und zwar durch ihre Zerstreuung und Zersplitterung in Dörfer und Siedlungen der Randgebiete Sibiriens, in Kischlaks (ländliche Siedlung halbnomadischer Turkvölker; Anm. d. Übers.) und Auls (Bezeichnung für „Dorf“ bei den Turkvölkern; Anm. d. Übers.) in den hintersten Winkeln Mittelasiens, um sie dort so lange wie möglich, wenn nicht sogar für immer, festzuhalten).

In den Kriegsjahren waren die Deutschen formell noch keine „Verbrecher“, an den Siedlungsorten waren es die Kriegskommissariate, die sich mit ihnen befassten. Aber aufgrund einer geheimen Anordnung des Rates der Volkskommissare der UdSSR (vom 8. Januar 1945) wurden die Deutschen der Kontrolle durch NKWD-Sonderkommandanturen unterstellt, und am 26. November 1948 (nach dem Krieg waren bereits drei Jahre vergangen) kam der Ukas heraus, in dem den Deutschen mitgeteilt wurde, dass sie für immer ausgesiedelt worden seien und dass sie bei eigenmächtigem Verlassen ihres Siedlungsortes mit 20 Jahren Zuchthaus (!?) bestraft würden.

Ein solches Regime erinnerte an die während der Zarenzeit herrschenden „Ansiedlungsrayons für Juden“ (eine Art von Siedlungsgrenzen), allerdings mit dem Unterschied, dass Juden dort schon immer gelebt hatten. Aber innerhalb der zaristischen „Ansiedlungsrayons“ (Begriff der Geschichte) existierten nationale Schulen, man konnte sich dort in den dazugehörigen Gouvernements frei bewegen, und einige Kategorien von Leuten (wie beispielsweise Kaufleute und Handwerker) besaßen sogar das Recht, sie ganz zu verlassen. Aber wir, die wir in Temirtau lebten durften ohne Erlaubnis der Sonderkommandantur noch nicht einmal die Grenzen unserer Stadt überschreiten. Und als ich in Karaganda studierte (am Bergbau-Technikum), war es uns nicht nur verboten, die Stadt zu verlassen, sondern wir durften uns auch nicht über den Stadtbezirk hinaus frei bewegen. Die Kommandanten waren uns, den jungen Burschen, auf den Fersen, versuchten uns beim Besuch des Flohmarktes, der sich im benachbarten Bezirk befand (darüber wird auch in meinem Roman „Einschränkungen“ berichtet) zu „überführen“. Jahrelang stellte ich mir immer wieder die Frage – wodurch eine derartige Grausamkeit (oder Dummheit) hervorgerufen wurde. Und erst unlängst, nachdem ich die oben erwähnte Anordnung vom 8. Januar 1945 durchgelesen hatte, begriff ich. Darin befand sich, unter anderem, folgende Notiz:

„3. Sonderumsiedler besitzen nicht das Recht, sich ohne Erlaubnis des Kommandanten der NKWD-Sonderkommandantur über die Grenzen der Siedlung, für die die betreffende Sonderkommandantur zuständig ist, hinaus zu bewegen“.

Die Sonderkommandanturen in Karaganda (Bezirkskommandanten) erlaubten uns auch nicht, ihren „Zuständigkeitsbezirk“ zu verlassen. Wie kann man denn da von „zaristischen Siedlungsgrenzen“ reden!

Die Sonderkommandanturen wurden 1956 abgeschafft, als seit dem Krieg bereits zehn Jahre vergangen waren, aber das Verbot der Rückkehr an den vorherigen Wohnort wurde erst 1972 zurückgenommen. Und das 27 Jahre nach Kriegsende! Wie kann man da von militärischer Zweckmäßigkeit sprechen!

Einen buchstäblichen „ Ansiedlungsrayon für Deutsche“ gab es in Wirklichkeit überhaupt nicht. Ich habe diesen Terminus benutzt, weil seine Elemente bei der zwangsweisen „Anbindung“ eines ganzen Volkes an ein fest definiertes Territorium stets anwesend sind, und die „Schuldhaftigkeit“ der Menschen besteht lediglich darin, dass sie eben diesem Volk angehören. Gerade das „Festbinden“ eines ganzen Volkes und nicht einzelner Bevölkerungsgruppen, die nicht nur aufgrund ihrer Nationalität ( Fremdnationalitäten aus den grenznahen Gebieten), sondern auch nach dem Grad ihrer Feindschaft gegenüber der Staatsmacht (Konterrevolutionäre, Nationalisten), aus politisch-wirtschaftlichen Motiven (Kulaken aller Nationalitätenzugehörigkeiten), aus ideologischen Beweggründen („bestrafte Konfessionen“) u.a. deportiert wurden.

Und wenn sich auch das Regime der weiteren Haltung bei der Deportation von Völkern sehr streng (Sonderkommandanturen) gestaltete, so war es bei deportierten Bevölkerungs-gruppen ganz unterschiedlich (es gab sowohl diese Sonderkommandanturen, als auch die Ansiedlung mit sich nach und nach lockernden Bedingungen, aber auch die einfache Aussiedlung auf administrativem Wege – praktisch ohne weitere Diskriminierungen in der Folgezeit).

Die Deportation und Zersplitterung der Deutschen auf dem großen Territorium führte zu ihrer intensiven (und faktisch gewaltsamen) Assimilation. Laut Angaben Viktor Diesendorfs, der die Demografie der Russland-Deutschen ausführlich erforscht hat, war Deutsch als Muttersprache noch von 88,4% der Deutschen anerkannt, während 2002 weniger als ein Drittel (31,6%) diese Sprache beherrschten. Und heute kann man diesen Index wohl noch niedriger ansetzen…

Ich habe dies alles erzählt, um an die Tragödie der Russland-Deutschen zu erinnern. Aber eine Frage bleibt – worin ist sie begründet? Die Erklärungen dafür sind unterschiedlich – sowohl die geistige Trägheit der Zarenmacht, die Bestialitäten des stalinistischen Regimes und die Schwierigkeiten zu Kriegszeiten, aber auch ganz persönliche Feindseligkeiten (dabei wird die Gemahlin Alexanders III genannt, die ehemalige Prinzessin Dagmar aus Dänemark, wo unlängst der Krieg verloren worden war und man alles Deutsche hasste).

Die Deutschen waren seit jeher nach Russland eingeladen worden (Kaufleute, Handwerker, Ärzte), am intensivsten jedoch ab Mitte des 18. Jahrhunderts. Deutschland war zu der damaligen Zeit feudal zersplittert und stellte sich als Konglomerat großer und kleiner Fürstentümer, Herzogtümer und unabhängiger Städte dar. Aber im Jahre 1871 wurde das Deutsche Reich geschaffen, und es kam zu einer jähen Veränderung – Russland bekam einen ernst zu nehmenden Nachbarn, mit dem es, wie die nachfolgende Geschichte zeigen sollte, zu komplizierten Problemen kommen sollte. Mit dieser Zeit begann die negative Einstellung gegenüber den Deutschen, die sich bereits dadurch zeigte, dass man den deutschen Kolonisten die von Katharina II gewährten Privilegien entzog und 1874 die allgemeine Wehrpflicht auf sie ausdehnte. Nun galten die Deutschen, Staatsangehörige des Russischen Imperiums, als nicht mehr hinreichend zuverlässig, es kam zu Veröffentlichungen gegen sie, und es formierte sich eine negative Einstellung ihnen gegenüber.

Dies wurde auch dadurch gefördert, dass sich in Russland eigene Kader herausbildeten und die seinerzeit den Deutschen gestellten Aufgaben im Wesentlichen erfüllt waren – das „Fenster zu Europa“, mit dem Peter I. begonnen hatte, war bereits geöffnet, die Randgebiete, wegen denen Katharina II sie zum Kommen aufgerufen hatte, waren erschlossen, jetzt konnten diese Ländereien für sie selber von Nutzen sein. Und so begann man die Deutschen, darunter auch jene, die im Rahmen der Angliederung von Territorien (Baltikum) im 18. Jahrhundert nach Russland geraten waren, zu verdrängen – zuerst aus den oberen (behördlichen, wissenschaftlichen usw.) Schichten, und anschließend zog sich das, wie man sagt, immer weiter nach unten durch, bis hin zu den gewöhnlichen Bauern-Kolonisten. Aber bis zur Oktober-Revolution spielten die Deutschen noch eine bedeutende Rolle im russischen Staat. 1914 stammten beispielsweise bis zu 20% der russischen Generäle aus den Reihen der Deutschen.

Während der Revolution verließ ein Teil der Russland-Deutschen (Adelige, Bourgeoisie) das Land oder wurde liquidiert. Es kamen neue Leute, und das Kaderproblem verlor seine Schärfe. Aber auch die Sowjetmacht fuhr fort, die Deutschen nicht so sehr als Staatsbürger ihres Landes, sondern vielmehr als „Emigranten“ aus den Metropolen außerhalb der UdSSR anzusehen. Und wenn diese Metropole sich in Konfrontation mit ihrem Staat befand, wenn aufgrund des mit ihr bestehenden Konflikts Landsleute ums Leben kamen, dann nahm das Misstrauen gegenüber diesen „Emigranten“ in besonderem Maße zu. Das Misstrauen gegenüber den Deutschen verstärkte sich zudem dadurch, dass viele von ihnen (aus unterschiedlichen Gründen) sich schlecht assimilierten, vor allem dort, wo sie konzentriert angesiedelt waren, sich an ihre Religion, ihre Sitten und Gebräuche hielten, ihre Sprache bewahrten und häufig nur schlecht oder überhaupt nicht Russisch sprachen.

Die Deutschen waren nicht nur nach Russland ausgereist; ihr Hauptstrom, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts einsetzte, führte über den Ozean, nach Nord- und Südamerika. Allein in den Vereinigten Staaten sind ungefähr 50 Millionen Menschen deutscher Herkunft. Aber die USA – das Land der Emigranten, befindet sich auf der anderen Seite des Ozeans, und deswegen führte die Verbindung der aus den europäischen Metropolen Eingetroffenen dort praktisch ins Nichts. Alle Emigranten „verschmolzen“ in einer einzigen Nation („Amerikaner“), wobei sie ihre ursprünglichen nationalen Besonderheiten beibehielten, sofern sie es wollten. Und das hinderte sie nicht daran, unabhängig davon, welches ihr Herkunftsland war, vollwertige Bürger zu sein und eine beliebige Stellung im Staat einzunehmen. Davon konnte ich mich überzeugen, als ich in Kasachstan ein Gespräch mit einem Amerikaner aus Washington über Themen führen musste, die mit meinem Kohlebergbau-Zweig im Zusammenhang standen. Ich spreche kein Englisch, er konnte kein Russisch. Und als er zu verstehen gab, dass er deutsche Wurzeln hätte, fingen wir an, uns auf Deutsch zu unterhalten (für die Themen, die ihn interessierten, erwies sich mein Deutsch als ausreichend). Damals wunderte ich mich – ein amerikanischer Deutscher war Vertreter der Weltbank, und damit unser Deutscher in einer so ernsthaft-bedeutsamen und zudem noch internationalen Organisation arbeitete …. Erst später erfuhr ich, dass in den letzten zehn Jahren der Sowjetmacht einzelne Deutsche im Osten des Landes es zu hinreichend hohen Posten gebracht hatten, aber dafür hatten sie in die kommunistische Partei eintreten müssen, der „Urheberin“ unseres ganzen Elends …

***

Die ganze Geschichte der europäischen Staaten hängt mit dem Kampf um eine Umgestaltung der Grenzen, der Ausdehnung des eigenen Territoriums auf Kosten der Nachbarn zusammen. Deswegen löste allein die beabsichtigte Verbindung ihrer Bewohner zu dem Staat, aus dem sie selbst (oder ihre Vorfahren) einst gekommen waren, Verdruss und Diskriminierung aus (bis hin zu ethnischen Säuberungen, Internierungen, Deportationen).

Die Vorfahren der Russland-Deutschen waren Zugereiste aus Deutschland. Aber die Wechselbeziehungen zwischen Russland und Deutschland, zweier europäischer Staaten, kann man niemals als einfach bezeichnen – sie veränderten sich von friedlicher Konfrontation bis hin zu schweren Krisen, zwei großen Kriegen. Daraus erklärt sich das Misstrauen gegenüber den Russland-Deutschen, die Repressionen, die in Krisenzeiten besonders rauen Beziehungen zwischen ihren Staaten.

Die Russland-Deutschen waren Geiseln der zwischenstaatlichen Beziehungen Russlands (der UdSSR) und Deutschlands, und das kann man als Hauptgrund für ihre Diskriminierung, sowohl im Zarenreich, als auch zu Sowjetzeiten werten. Und die Glut der Diskriminierungen stand in direkter Abhängigkeit vom Grad dieser Beziehungen. Und die Grausamkeit der Diskriminierungen war stets ein Instrument des Sowjetsystems, das auch mit seinen anderen Völkern keine großen Umstände machte – Millionen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten wurden verfolgt, enteignet, durchliefen Gefängnisse und Lager, und mehrere Völker wurden deportiert.

Anstelle einer Schlussbemerkung

Über die Rolle der Deutschen bei der Entwicklung Russlands, vor allem zu Zarenzeiten, über ihren Beitrag zur Geschichte der russischen Wissenschaft, Kultur, des Militärwesens, der Industrie, der Landwirtschaft ist viel geschrieben worden. Auch zu Sowjetzeiten arbeiteten die Deutschen, ohne größere Posten eingenommen zu haben, in vielen Bereichen mit Erfolg. Aber die ausnahmlose Deportation und die nachfolgenden Repressionsmaßnahmen unterbrachen das Wirken der Russland-Deutschen; für ganze zwei Jahrzehnte (1940er und 1950er Jahre) bescherte ihnen das Schicksal hauptsächlich körperliche Arbeit. Ein Teil der Verbote wurde während der Tauwetterperiode unter Chruschtschow abgeschafft, aber vollständig geschah dies erst in den Jahren der Perestroika, nach der Liquidierung der UdSSR. Doch in Erinnerung an den vergangenen Genozid und in dem Bemühen, ihre Identität zu wahren, reisten mehr als zwei Millionen Deutsche nach Deutschland aus, in ihre historische Heimat.

Dezember 2011


Zum Seitenanfang