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Brief von M.W. Salomatow

An den Redakteur des
„Krasnojarsker Komsomol“ 

Guten Tag, sehr geehrte Genossen!

Ich will ihnen mitteilen, was meine Generation durchmachen mußte, eine Generation von Menschen, deren nächste Angehörige als „Volksfeinde“ verhaftet wurden.

Ich wurde in unserem heimatlichen Krasnojarsker Gebiet geboren und wuchs hier auch auf. Meine Kindheit verbrachte ich in dem Dorf Sosnowka, Korostelewsker Dorfsowjet, Kreis Irbej, Region Krasnojarsk. Ich lernte an der Irbejsker Mittelschule. Ich erinnere mich noch daran, wie 1937 ein Mitarbeiter des NKWD die Klasse betrat und unsere über alles geliebte Direktorin verhaftete – Maria Grigorjewna Schirjajewa. Später schlossen sie ihren Sohn Oleg Schirjajew vom Unterricht aus. Ebenfalls wurde die Deutschlehrerin Maria Nikolajewna Reni verhaftet. Und danach kam zu uns von der Haupt-Abteilung für Propaganda des Partei-Kreiskomitees ein gewisser Andrijanow und erklärte, daß sie allerschlimmste Feinde wären und daß sie ihresgleichen alle vernichten würden. Und daß alles mußte ich, wie man so sagt, am eigenen Leib erfahren.

In meinem kleinen Dorf, in dem insgesamt etwa 100 Menschen wohnten, wurden 17 Mann verhaftet, von denen nicht ein einziger zurückkehrte – unter ihnen auch mein Vater und mein Bruder.

In dem Dorf gab es „Aktivisten“ von der Art eines Andrej Kobotka, seinem Sohn, der ebenfalls Andrej hieß, und Iwan Tscherwjakow, die ständig ihren Spott mit uns – den Familienmitgliedern der Verhafteten – trieben.

Unmittelbar in dem Dorf Sosnowska, dort, wo meist mehr Leute zusammentrafen – entweder beim Kolchos-Kontor oder dort, wo Jugendabende stattfanden, wandten sie uns gegenüber beispiellose moralische und häufig auch körperliche Foltern an. Es gab da einen Vorsitzenden des Dorfsowjets namens Bojko. Wenn man zum Laden in Korostelewo gehen mußte, dann war man immer gezwungen, den Fluß Kan zu überqueren, und so fing der Vorsitzende die Menschen auf die Fähre ein, brachte sie zum Dorfsowjet und hielt sie tage- und nächtelang, hungernd, hinter Schloß und Riegel fest, wo sie verprügelt und beleidigt wurden, so wie es ihm allein beliebte.

Im Winter ging ich zur Schule, aber im Sommer mußte ich in der Kolchose die schwersten Arbeiten verrichten: das Heu in die Schober bringen, natürlich per Hand – mit Heugabeln, mit der Sense mähen, Getreidesäcke vom Mähdrescher abtransportieren – und all das wurde auf Anweisung des Vorsitzenden des Dorfsowjets Bojko gemacht, unter der unmittelbaren „Leitung“ von Kobotko und Tscherwjakow, und für die ganze Arbeit wurden uns nur hundert

Kolchos-Arbeitseinheiten angerechnet, aber jene, die mit uns arbeiteten, aber älter waren als wir, die erhielten zehnmal mehr; sie leisteten offenen Widerstand gegen die Leitung, erfuhren jedoch, daß – falls sich etwas Derartiges wiederholen würde – sie ebenfalls hinter Schloß und Riegel kämen, als Verwandtschaft dieser „Schädlinge“.

Ich bitte darum, mein wirres Geschreibsel zu entschuldigen. Aber alles, was ich geschrieben habe, entspricht der Wahrheit, und so lange ich am Leben bin, möchte ich, daß die Leute, vor allem die Jugend, niemals im Leben derart unverdiente Beleidigungen und Demütigungen erfahren müssen, wie ich selbst und meine Altersgenossen sie durchmachen mußten. Ich habe Kinder und Enkel, und ich will, daß sie die ganze Wahrheit über diese erniedrigende Zeit erfahren. Vor 10-15 Jahren konnte ich ihnen das alles noch nicht erzählen.

Sie jagten ganze Etappen von Häftlingen durch unser Dorf, irgendwohin in die Taiga, hinter die Flüsse Kungus und Agul, und viele Gefangenen-Transporte verliefen auch durch Irbej, ebenfalls in die Taiga, dort war irgendwo „Kocha“ – ein Lager. Einmal verschleppten sie eine neue Etappe. Es war im Sommer, und die „Voksfeinde“ konnten nicht mehr weitergehen. Ich kann mich besonders gut an einen erinnern, dessen Wachsoldat oder „Schütze“ - wie man sie treffender nannte, ihn mit Fußtritten und Schlägen mit dem Gewehrkolben maltraitierte. Dieser Mann konnte schon nicht mehr weiter, und der Hauptleiter befahl seinem Untergebenen, einem Schützen namens Rakscha, die Waffen zu benutzen. Und er erschoß den Mann vor unser aller Augen - die Entfernung von uns bis zur Gefangenen-Etappe betrug gerade 100-150 Meter. Die übrigen Häftlinge wurden weitergejagt. Am Abend wurde die Leiche auf Befehl des Vorsitzenden des Dorfsowjets Bojko aufgehoben und irgendwohin gebracht, aber auf dem Dorffriedhof fand keine Beerdigung statt. Das wußten wir, die Kinderschar, ganz genau.

Nicht nur das ist interessant; man muß auch unbedingt erfahren, wo die zehntausend Häftlinge, die durch Irbej, Korostelewo und Sosnowka in die Irbejsker Taiga gejagt wurden, abgeblieben sind. Zurückgehetzt wurden sie jedenfalls nicht. Es gibt eine Vermutung, daß sie das Schicksal der Tomsker „Voksfeinde“ ereilte. Wenn sich unser Komsomol der Klärung dieser Frage annehmen würde, dann hoffe ich, daß nicht nur wir, die Veteranen, alle Rentner, sondern auch unsere jungen Leute ihm großen Dank erweisen würden.

Ich schicke ihnen die Nachnamen meiner Landsleute und Mit-Dorfbewohner, die unter dem Personenkult Stalins und der ihm Nahestehenden zu leiden hatten, und bitte Sie, alles zu tun, daß ihr Ruf, ihre Ehre und das Gewissen des sibirischen Mannes, seine Treue wiederhergestellt werden. Und daß die Erinnerung an sie wiederaufleben möge in Dokumenten, die von einer Initiativgruppe der Stadt Krasnojarsk gesammelt, und die in das Buch der Erinnerung mit roten Buchstaben eingeschrieben werden sollen. Leider kann ich ihnen keinerlei derartige Beweisstücke zuschicken. Aber zum großen Glück hat meine Mutter Fotografien meines Vaters und Bruders aufbewahrt, die den NKWD-Mitarbeitern nicht in die Hände geraten waren.

Alles, was ich ihnen schreibe, liebe Genossen, ist die reine Wahrheit. Ich bitte nur zu verstehen: mein Brief wurde von einem Menschen geschrieben, der all dies selbst durchgemacht hat und es daher nicht ohne Aufregung, ohne Grammatikfehler darlegen konnte.

Ich habe mich an Euch gewandt, Jungs, weil ich meine und hoffe, daß man all das wissen muß und die Jugend, unseren Komsomol, daran erinnern muß. Ihr seid es doch, die Jungen, die die neue Gesellschaft aufbauen und nicht vom leninischen Weg abweichen.

W.I. Lenin und seine Mitkämpfer haben den richtigen, einzig wahren Weg für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft auf der Erde gewählt. Ich habe mein Leben lang an Lenin, an unser Volk geglaubt, und meine, daß wir unser Leben nicht umsonst gelebt haben.

Wenn es geht, dann veröffentlichen Sie bitte meine Gedanken in Ihrer Zeitung. Diese Zeilen schrieb Ihnen ein Kriegs- und Arbeitsveteran, Parteimitglied seit 1949.

8. Juni 1989 Krasnojarsk,
M.W. Salomatow


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