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Joanna Ulinauskaite-Mureikiene: „Wir überlebten, weil wir glaubten: wir werden eines Tages zurückkehren! Wir glaubten an Gott und fühlten die ganze Zeit den Blick unseres Freundes auf uns gerichtet ….

Óëèíàóñêàéòå-Ìóðåéêèåíå Èîàííà ïî âîçâðàùåíèè èç ëàãåðÿ. Ëèòâà, 1955 ã.Im Januar-Februar 1949 wurden die politischen Gefangenen in den Lagern Inta, Petschora und Workuta von den Kriminellen getrennt und in Regimelager geschickt. Nach dreiwöchiger Fahrt in Viehwaggons wurden wir, die Verrußten, Schmutzigen und halb Erfrorenen im Durchgangslager der Ortschaft Taischet abgesetzt. Unter uns befanden sich ungefähr 20 Litauerinnen. Wir machten uns miteinander bekannt. Neben uns, den jungen, aus dem Lager Abes Eingetroffenen, war S. Ladischene untergebracht – in Litauen hatte sie ihre sechs Kinder zurücklassen müssen, und ihr Ehemann, ein ehemaliger General der Litauischen Armee, war im Gefängnis erschossen worden.

Aus verschiedenen Lagern, sogar aus Litauen, Lettland, Estland und der Ukraine brachten sie immer neue Häftlingsetappen zum Durchgangspunkt. Wir erfuhren, dass sich unter ihnen zwei Frauen aus Litauen befanden. Sie waren äußerst erschöpft von den im Rahmen des Ermittlungsverfahrens durchgeführten Durchsuchungen und weil Kriminelle sie beraubt hatten. Aber eine von ihnen hatte in einem kleinen Tuch an der Brust eine Handvoll litauischer Erde verbergen können, und wir warteten alle auf die Stunde, in der wir diese heimatliche Erde alle einmal vorsichtig berühren durften.

Einmal forderte S. Ladischene alle Litauerinnen auf, zu unseren Pritschen zu kommen. Die Russinnen, Lettinnen, Esten begriffen, dass wir beten wollten und überließen uns auch ihre Bettstellen. Sogar die Berufsverbrecher schwiegen. S. Ladischene legte das kleine Häufchen Erde in dem weißen Tuch ans Ende einer Pritsche. Unsere mit Tränen gefüllten Augen schauten gebannt auf die heilige Erde. Wir fielen auf die Knie nieder, sangen Gebete und auch ganz leise die litauische Nationalhymne. Jede von uns küsste kniend jenes kleine, graue Häufchen Erde und ging dann still auf ihren Platz zurück. Von welchen Gefühlen wir in dem Augenblick ergriffen waren, kann man nicht erzählen, man muss es selber erleben …

Den ganzen Tag saßen wir ruhig und in unsere Gedanken vertieft da: wir wollten weder schlafen noch essen oder uns unterhalten. Wir hatten einfach nur den Wunsch, mit den Gefühlen vereint zu sein, die von uns Besitz ergriffen hatten. All die Jahre unserer Gefangenschaft hatten wir davon geträumt, wie es wäre, wenn wir eines Tages nach Hause zurückkämen, dann würden wir unsere heimatliche litauische Erde küssen. Und genau deswegen haben wir auch überlebt: dieser unser Traum gab uns Kraft.

Nach zweiwöchiger Quarantäne wurden wir auf die Lager von Taischet verteilt. Ich kam zusammen mit S. Ladischene in ein- und dasselbe Lager. Eine Kommission teilte uns nach bestimmten Arbeitskategorien ein: Kategorie I – Schwerstarbeit, Kategorie II – leichte Arbeit und Kategorie III – sehr leichte Arbeit. Vor dem Arzt, dem Lagerleiter und anderen Angehörigen der Lagerobrigkeit mussten wir uns splitternackt ausziehen. Wir wurden einzeln aufgerufen, von allen Seiten begutachtet, sogar abgetastet und dann der jeweiligen Arbeitskategorie zugewiesen. Ich werde diese Kommissionen niemals vergessen, diese Erniedrigung, die Blicke der Sklavenhändler. Ich kam in die Baracke zurück, warf mich auf meine Pritsche und fing an zu schluchzen. S. Ladischene beruhigte mich und meinte: „Du bist noch jung und schön; ihnen zum Trotz solltest du nicht mit gesenktem Kopf gehen …“. Ich war neunzehn, und ich konnte noch alles ertragen: Hunger, Kälte, schwere Arbeit, aber diese Kommissionen haben mich immer sehr gekränkt, obwohl ich irgendwann lernte, vor ihnen mit erhobenem Haupt zu erscheinen. Und genau das war auch der Grund, weshalb ich immer bei schweren Arbeiten eingesetzt wurde.

Das Lager, in dem wir untergebracht wurden, war zum Leben völlig ungeeignet: es gab dort keine Fenster, keine Türen, keine Küche. Wir bekamen Trockenrationen. Zum Frühstück wurden 400-600 Gramm Brot ausgegeben. Das war unsere Hauptnahrung. An den Geschmack des feuchten, nicht richtig durchgebackenen, schweren Brotes kann ich mich bis heute gut erinnern. Damals kam es mir so vor, als hätte ich nie etwas Schmackhafteres gegessen. Das Brot duftete so stark, dass man es nehmen und alles gleich auf einmal essen wollte. Wir, die jungen Frauen, taten das auch und mussten dann den ganzen restlichen Tag mit hungrigen Mägen arbeiten. S. Ladischene lehrte uns die Kraft des Willens zu gebrauchen: wir teilten unser Brot in drei Teile und lebten mit dem Gedanken, dass irgendwann die Mittagszeit kommen und es auch Abend werden würde, und dann würden wir jeweils eines der kostbaren Brotstücke aufessen. So lernten wir den Hunger zu überwinden …

Den ganzen Winter hindurch arbeiteten wir im Wald und zersägten dicke Bäume. Wir erhielten keinerlei Vitamine; wir aßen Kiefernnadel, wurden aber trotzdem von Skorbut befallen. Unsere Beine schwollen an, wir bekamen offene Wunden. Trotzdem wurden wir von der Arbeit nicht freigestellt. Tagsüber legten wir Stofffetzen auf die Wunden; abends waren sie festgeklebt und ich musste sie herunterreißen. So konnten die Stellen einfach nicht verheilen. Erst im Sommer, als im Wald die Preiselbeeren heranreiften, rieb ich die Wunden mit dem Saft der Beeren ein. Ich wand mich vor Schmerzen, übte mich aber in Geduld, und schließlich verheilten die Wunden.

Im Sommer fiel das Arbeiten leichter. Wir legten unsere wattierten Hosen ab. Im Lagerbereich zogen wir unsere eigenen Sachen an. Wir machten uns ein wenig schöner … Abends sangen wir unsere Lieder, die Ukrainerinnen – ihre … Wir beteten. In dem Lager lernte ich viele gute, freundliche Menschen kennen: ehemalige Lehrerinnen, Studentinnen, Dozentinnen – und ich lernte eine Menge von ihnen.

Einmal jedoch reifen sie mich mit meinen Sachen zum Gefangenen-Transport, und ich musste mich von meinen Freundinnen verabschieden. Es herrschte ein heißer Junitag im Jahre 1950. Nachdem wir im Krasnojarsker Durchgangslager einen Monat in Quarantäne gesessen hatten, ließen sie uns erneut in einer langen Reihe, jeweils zu fünft, Aufstellung nehmen; und dann wurden wir von Soldaten mit Hunden in Richtung Jenisei getrieben. Wieder marschierten wir mit unseren Bündeln auf den Schultern, ließen uns auf dem staubigen Weg nieder, bis wir schließlich über die Stegleiter auf Lastkähne verladen wurden. Sie teilten uns nicht mit, wohin sie uns bringen würden, aber wir errieten schon, dass uns der Weg gen Norden führen würde.

Auf den Schiffen wurden Bretter, Kisten und Zement transportiert, und uns trieb man unten in die Frachträume. Dort war es dunkel, und auf dem Boden stand Wasser. Wir richteten uns, total übermüdet, staubig und verschwitzt, auf Pritschen ein. Wir erstickten fast wegen des Mangels an frischer Luft, der Hitze, der Feuchtigkeit und dem Gestank, die von dem dreckigen Wasser herrührten; deswegen baten wir die Soldaten darum, die Luke zu öffnen, wenigstens einen kleinen Spalt weit, aber sie beschimpften uns nur in gemeinster Weise. Wir hatten solchen Durst, aber sie gaben uns kein Wasser.

Wir legten erst am folgenden Tag ab. Wir schwammen Richtung Norden, immer weiter von der Heimat, von unseren Lieben fort. Es hieß, dass sie uns in die Norilsker Lager brächten, über die es Gerüchte gab, dass dort eine besonders schreckliche Haftordnung herrschte. Vor uns lag eine bedrohliche Ungewissheit!

Morgens bekamen wir Brot, einen Becher Wasser und einen sehr salzigen kleinen Fisch – Anchovis. Nach so einer Mahlzeiten wollten wir natürlich trinken. Der Durst quälte uns so sehr, dass er schier unerträglich wurde; wir waren sicher – noch eine Stunde, und dann würden wir alle verdurstet sein! Manche hielten es nicht länger aus und tranken von dem schwarzen Wasser, das auf dem Boden stand. Sie bekamen Durchfall. An einem Ende der Barke befand sich eine Öffnung – unsere Toilette, daneben hielt sich die ganze Zeit eine lange Schlange auf.

Anfangs aß ich den Anchovis, aber später, nachdem ich meine ganze Willenskraft mobilisiert hatte, ließ ich es sein, während die anderen ihren aßen; zumindest danach quälte mich der Durst nicht mehr so heftig.

Bei meiner Pritschennachbarin Lewute setzten aufgrund der Feuchtigkeit und der stickigen Hitze Asthmaanfälle ein. Plötzlich begann sie zu keuchen, zu husten – und wälzte sich auch schon am Boden. Ich wusste nichts über eine solche Krankheit und dachte, dass sie stirbt. Ich stürzte auf die Luke zu, bat die Wärter einen Arzt zu rufen, aber sie lachten nur laut los und schimpften: „So gehört es sich auch für euch, ihr Faschisten- ……! Krepiert doch! …“

Óëèíàóñêàéòå-Ìóðåéêèåíå Èîàííà, 6-å ëàãîòäåëåíèå. 1954 ã.Ich streichelte Lewutes Schultern, beruhigte sie ein wenig und sagte: „ Wir müssen am Leben bleiben!“ Dabei war ich selber schrecklich verzweifelt, lief zwischen ihr und der Luke hin und her und konnte ihr doch nicht helfen. Damals schwor ich mir: wenn ich irgendwann einmal aus dieser Hölle herauskäme, dann werde ich auf jeden Fall Arzt, damit ich kranken Menschen helfen kann. Lewute bat darum, nicht von ihr fort zu gehen und, sofern wenigstens ich nach Hause zurückkehren würde, ihren Sohn großzuziehen, der in Litauen geblieben war.

Wie viele Tage wir auf dem Wasser waren, weiß ich nicht. Man hätte weinen, schreien mögen, aber wir alle wussten, dass wir uns zusammenreißen, dass wir am Leben bleiben mussten. Wenn unsere Nerven nicht durchhalten – dann sind wir verloren.

Auf dem Frachtkahn wurde es immer kälter. Wir begriffen, dass wir uns dem Norden näherten. Wir drängten uns ganz dicht zusammen, um uns zu wärmen, wir beteten, damit diese schreckliche Reise so bald wie möglich zu Ende ging.

Einmal stoppte der Kahn – wir waren in Igarka angekommen. Anschließend schwammen wir noch weitere drei Tage auf dem Fluss und machten dann endgültig Halt. Wir hörten Hundegebell, das Geschrei von Soldaten, das Getrampel von Stiefeln auf den Stegen und schließlich den Befehl: „Einzeln herauskommen!“ – Schnell krochen wir aus dieser stinkenden Hölle hervor, und als wir einander dabei anschauten, erkannten wir uns gegenseitig kaum wieder: alle waren schmutzig, abgemagert und hatten tiefliegende Augen. Wir atmeten die frische Luft ein – und uns wurde davon ganz schwindelig.

An Land mussten wir uns alle niedersetzen; wir schauten uns um… Schwere, bleigraue Wolken hingen über uns. Der Jenisei ist so breit, dass man das andere Ufer nicht sehen kann, böse rollen die Wellen ans Ufer, und das Wasser sieht ganz schwarz aus. Wir sahen zahlreiche Schiffe, Lastkähne und Hebekräne. Am Ufer – Bretter, Ziegelsteine, Baumstämme, Kisten …. Das war der Ort Dudinka.

Der Wind durchdrang unsere spärliche Kleidung, aber wir, so schien es jedenfalls, sogen die Luft förmlich in uns ein. Die Gefangenen waren mit insgesamt fünf Lastkähnen gebracht worden: auf einer – nur Frauen, auf den anderen vier – Männer. Am Abend trafen wir mit der Schmalspurbahn in Norilsk ein.

Es herrschte ein typischer Polartage – die Sonne ging Tag und Nacht nicht unter. Man sah die Berge, Schachtanlagen und Fabriken. Aus den Fabrikschornsteinen stieg Rauch in den unterschiedlichsten Farben auf. Die ganze Stadt befand sich hinter einem qualmenden Vorhang. In den Bergen und auch weiter unten, in der Stadt, standen, soweit das Auge reichte, wie lauter kleine Streichholzschachteln, gleichmäßige Reihen von Baracken – das waren die Lager. Es gab auch viele Wohnhäuser.

Wir wurden durch die gesamte Stadt in ein großes Lager geführt – die 5. Lageraußenstelle. Jeder bekam eine Tasse Wasser und Brei. Ich blickte auf die erschöpften Frauen und bemühte mich nicht zu weinen, aber die Tränen rannen in Bächen über mein Gesicht. Weswegen? Warum? Diese Frage taucht immer und immer wieder vor mir auf …

In der 5. Lagerzone lebten wir einen Monat. Wir arbeiteten in der Tundra in Lehmgruben. Das war eine schwere Arbeit; wir rissen die Grassoden aus dem Boden, meißelten anschließend aus dem gefrorenen Boden Klumpen heraus, die wir mit eigener Kraft in Loren fortschoben. In der Brigade befanden sich 20 Literauerinnen. Während der Pausen setzten wir uns mit dem Gesicht in die Richtung, in der sich unsere Heimat befand, und dann sangen wir: „Lasst uns in die Heimat, lasst uns zu den Unseren….!“

Nach der Quarantänezeit wurden wir in die 6., die Frauen-Lagerzone verlegt. Dort lebten etwa 4000 Frauen, ungefähr 100 davon waren Litauerinnen. Wir blieben beisammen. Es wurden riesige, ausgemusterte, geflickte Soldaten-Filzstiefel ausgegeben – außerdem wattierte Hosen, Helme. Auf die Kleidung war eine Nummer aufgenäht. Meine Nummer lautete R-376. Wir wurden nach unseren Nummern aufgerufen, denn Sklaven haben schließlich keinen Namen.

Unser erster Winter war schrecklich kalt. Jeder von uns bekam eine Decke aus rauem Wollstoff, in der Mitte der Baracke stand ein Ofen, der leider schnell erkaltete. Die Wände bedeckten sich mit Tau. Wir wärmten uns gegenseitig mit unseren Körpern. Nach der Arbeit zogen wir unsere gesamte Kleidung, auch wenn sie nass war, übereinander an. Nachts wurden die Baracken mit einem Schlüssel zugesperrt.

Wir arbeiteten in Baugruben, die Frauen arbeiteten zumeist in der Nacht und immer 12 Stunden lang. Die ganze Nacht waren sie dabei, den gefrorenen Boden aufzuhacken. Die herausgeschlagenen Brocken warfen sie nach oben und fuhren sie mit Schubkarren zu den Halden. Soldaten und Vorgesetzte trieben uns an, beschimpften uns … Aber dafür riefen wir uns im Lagerbereich untereinander immer nur mit schönen Namen, versuchten uns gegenseitig zu helfen und gemeinsam zu beten.

Wir sangen Lieder, träumten von der Heimat, von der Freiheit. Wir, die Gedemütigten und Getretenen, die „Leibeigenen Stalins“, wollten doch so gern ein wenig Zärtlichkeit, Schönheit und Liebe!

Briefe und Pakete bekamen wir im Winter nicht, es wurde nur wenig Brot ausgeteilt, und so wurden wir von ständigem Hunger gequält. Das Brot war feucht und säuerlich, aber es kam uns äußerst schmackhaft vor – jedenfalls duftete es so! Die Bäckerei befand sich unweit der Baugrube. Etwa um vier Uhr nachts wurde das Brot aus den Öfen gezogen. Wir bestimmten die Richtung, aus der der Wind kam und freuten uns jedes Mal, wenn der Duft aus der Bäckerei zu uns herüberwehte. Wir standen im Wind und atmeten das Aroma des frischen Brotes ein. Das Wasser lief uns im Munde zusammen, der Magen wand sich schmerzhaft vor lauter Hunger, aber wir waren schon über dieses kleine Vergnügen froh …

Im Winter schickten sie unsere Brigade zur Ziegelfabrik. Falls es eine Hölle gibt, so sind wir darin gewesen und haben dort wahrscheinlich für all unsere Sünden gebüßt. Wir förderten Lehm. Wir rollten ihn in Loren heran und warfen ihn in den Ofen, und wenn er aufgetaut war, warfen sie ihn nach unten. Die Hitze war unerträglich und der Lehm entsetzlich schwer; er klebte an der Schaufel, die wir kaum hochheben konnten; und es kamen immer mehr Loren angerollt. Nach einer 12-Stunden-Schicht schafften wir es kaum noch, uns in die Lagerzone zu schleppen. Tagsüber schliefen wir schlecht – die Hände schmerzten so sehr, dass wir nicht wussten, wohin wir sie legen sollten … Und es kam einem so vor, als ob der Weckruf schon wieder erscholl, obwohl man gerade eben erst eingeschlafen war.

Irgendwie bemerkten wir neben der Bahnlinie einen Haufen mit gefrorenen Kartoffeln. Jeder von uns, der daran vorbeiging, nahm ein bis zwei Kartoffeln auf und verbarg sie unter den Armen. Sie wurden bei er Durchsuchung am Tor nicht entdeckt. Wie freuten wir uns, als wir sie kochten, obwohl sie so weich wie Fladen waren. So aßen Wir eine Woche lang Kartoffeln; danach wurden sie irgendwo anders hin transportiert. Und uns bewahrte schließlich der Bauchtyphus vor der schweren Arbeit. Als erste erkrankte unsere Brigade, und man brachte uns ins Krankenhaus. Und als die Epidemie richtig ausbrach, wurden die Häftlinge in den Baracken eingeschlossen, und man brachte ihn das Essen, indem man die Tür en lediglich einen Spalt breit öffnete. Arzneimittel gab es nicht. Wir fieberten, wir schwitzten, hatten Durchfall, phantasierten, verloren das Bewusstsein; wir konnten nicht zur Arbeit gehen. Die Toten wurden hinausgetragen. Wir wurden langsam wieder gesund, aber wir wünschten uns eine Verlängerung der Epidemie, damit wir zum Arbeiten nicht wieder in die Ziegelei gehen mussten. Und das brauchten wir auch nicht: uns wurde ein neues Arbeitsobjekt zugewiesen – eine Baustelle, und wieder Nachtarbeit.

Zuerst räumten wir das ganze Territorium vom Schnee frei, zäunten dann die Lagerzone ein und errichteten dann eine Holzhütte, damit wir einen Raum hatten, in dem wir uns aufwärmen konnten. Jedes Norilsker Haus steht auf Pfählen, denn darunter befindet sich ewiger Frostboden, und es ist äußerst schwierig, diese Pfähle in die Erde hinein zu schlagen. In den vereisten Boden müssen neun Meter große Gruben gemeißelt werden. Wir, die Frauen, waren es, die diese Arbeit verrichteten. Jede von uns bekam ihre eigenen Pfähle abgemessen. So lange du mit deiner Spitzhacke noch oben beschäftigt bist, siehst du deine Freundinnen noch, aber wenn du erst weiter unten gräbst, dann bist du plötzlich ganz allein. Der Frost knistert und knackt – hinsetzen darfst du dich nicht, dann wirst du grausam erfrieren. In den 11 Stunden, die du dich in dieser Grube aufhältst, denkst du über alles nach, betest eine Zeit lang, singst, und die Tränen rollen über die Wangen, tropfen auf den Boden und gefrieren im Nu zu Eis. Die Arbeitsnormen waren sehr hoch angesetzt – wenn du sie nicht erfüllst, bekommst du weniger Brot. Wie müde wir waren; und dann stand uns auch noch der lange Weg bis zur Baracke bevor.

In der Lagerzone werden erneut Schaufeln ausgeteilt – wir entfernen den Schnee aus dem Lagerbereich oder werfen ihn von einer Stelle auf eine andere. Als wir fragten, was das sollte, meinten die Lagerleiter nur: „Eure Arbeit brauchen wir nicht, wir wollen sehen, wie ihr euch quält“. Es gab niemanden, bei dem man sich hätte beschweren oder ausweinen können, wir wussten, dass wir das alles aushalten mussten und keine Schwäche zeigen durften.

Ich freundete mich mit Antute Kunetite an. Und sei erzählte folgendes von sich. Nachdem man sie mit einem Gefangenentransport nach Dudinka brachte, war sie von der Fahrt sehr geschwächt. Zusammen mit anderen jungen Frauen wurde sie ausgewählt, Zementsäcke vom Lastkahn abzuladen. Die Säcke sollten sie auf ihren Schultern über einen Holzsteg vom Schiff ans Ufer tragen. Selbst für die Frauen, die an schwere Arbeit gewöhnt waren, war diese Last zu schwer. Ihre Haare und Augen waren voller Zement. Aus Augen und Nase trat Blut aus, sie begannen Blut zu husten. Nachdem die Frauen einige Tage so gearbeitet hatten, konnten si nicht mehr; sie fielen einfach um und wurden von den Säcken begraben. Nun, warum sollte man das alles ertragen? Für noch mehr Qualen? Denn je weiter es ging, desto schlimmer würde es werden. Vielleicht wäre es besser, sich einfach in die schwarzen Fluten des Jenisei zu stürzen? Vielleicht würde es sich lohnen, seinem Leben ein Ende zu bereiten? Antute dachte, dass sie mit dem nächsten Sack Zement zusammenbrechen und ins Wasser fallen würde. Plötzlich ergriff am Ufer eine ihr unbekannte Litauerin ihre Hand: „Denk nur nicht an so etwas, wir müssen leben, wir müssen in die Heimat zurückkehren. Man muss glauben! Es ist eine große Sünde so zu denken, wie du es tust. „Warum sie meine Gedanken erraten konnte – ich weiß es nicht, - sagte Antute. – Ich fing an zu weinen. Ich schämte mich so. Und danach ging die Unbekannte stets hinter mir, wenn ich einem neuen Zementsack über den Holzsteg schleppte. Mit der einen Hand hielt sie ihren eigenen Zementsack fest, und mit der anderen stützte sie meinen ein wenig ab, damit ich es ein wenig leichter hatte“.

Viele stellen einem jetzt die Frage: „Wie habt ihr nur überleben können – wo ihr doch so viele Jahre Hunger, Kälte, schwere Arbeit und Erniedrigungen ertragen musstet?“ Wir überlebten, weil wir glaubten, dass wir eines Tages zurückkehren würden, wir glaubten an Gott, fühlten den ganzen Tag den Blick unseres Freundes auf uns gerichtet, der darauf Acht gab, dass man nicht ausrutschte und nicht vom Steg in den Abgrund fiel. Wir glaubten. Briefe von zuhause gaben uns Kraft, aber auch Briefe von unseren Männern, die in anderen Lagern einsaßen. Der Postdienst durch den Stacheldrahtzaun war die ganze Zeit in Betrieb.

Im Frühling kam ich in eine Brigade, die in der Nähe von Walok einen Kuhstall errichten sollte. Wir hoben eine Grube für die Stützpfeiler aus. Einstweilen war der Boden noch gefroren, - macht nichts: wir hacken und meißeln ihn auf. Im Spätfrühjahr und Sommer gestaltet sich die Arbeit viel schlimmer – der Boden taut 20-30 cm auf, und dann dringt das Tauwasser in die Grube ein und weicht sie auf – es entsteht ein Gemisch aus Eiswasser und Erde. Wie sehr haben wir uns mit diesem Matsch herumgequält! Du nimmst eine Schaufel voll angetauter Erde, wirfst sie nach oben, und an der Stelle läuft dann doppelt so viel wieder in die Grube zurück. Von Kopf bis Fuß war alles nass und schmutzig. Du ziehst einen Stiefel aus dem Matsch – und der andere bleibt im Boden stecken. Und dann musst du auf deinen Schultern auch noch einen Baumstamm schleppen und in die Grube hinab lassen.

Einmal ging ich mit einer Freundin ein wenig abseits Steine sammeln. Als ich den Kopf hob und mir anschauen wollte, wie unsere Lagerzone von diesem Standort ausschaute, erstarrte ich. Am Himmel treibt der Wind schwere, bleigraue Wolken vor sich her. In großen Flocken fällt mit Regen vermischter Schnee herab. Die Gefangenen, in ihrer schwarzen Kleidung, mit Nummern auf dem Rücken, tragen Holzpfähle durch die matschige Erd- und Eisschicht. Keiner von ihnen hebt den Kopf, keiner lacht, keiner spricht … Es scheint, als ob das alles nie zu Ende geht, als ob es keine Hoffnung gibt. Aber trotzdem fingen wir an Widerstand zu leisten. Als die Soldaten uns auf dem Weg in die Lagerzone anhalten und uns im Winter im Schnee und im Sommer in sumpfigem Gelände niedersetzen ließen und uns schließlich den Befehl gaben weiterzugehen, da rührten wir uns nicht von der Stelle. Sie knackten mit ihren Automatik-Gewehren, hetzten die Hunde auf uns, aber wir blieben dort so lange sitzen oder stehen, bis der Lagerleiter kam. Aus dem Männerlager erhielten wir kleine Zettelchen; darauf hatten sie geschrieben, dass etwas geschehen, dass man etwas tun müsse. Sie baten darum sie zu unterstützen, falls sich etwas zusammenbrauen würde.

Anfang März 1953 erfuhren wir, dass Stalin gestorben war. Wir glaubten, dass unser Leben nun leichter würde. Aber die Soldasten schlugen uns häufiger, schossen auf uns und ließen uns im eisigen Frost stehen. Am 25. Mai, in der Nacht, arbeitete unsere Brigade in der Stadt am Stromwender – wir hoben einen Graben aus. Um vier Uhr morgens hörten wir Sirenen. Aus der Männerzone wurde uns übermittelt: „Legt die Arbeit nieder, wir streiken“. Womit hatte alles angefangen? In der 5. Lagerzone hatten die Männer nach der Arbeit neben der Baracke gestanden und Lieder gesungen. Ein Sergeant von den Wachmannschaften war vorübergegangen und hatte ihnen befohlen mit dem Singen aufzuhören, aber die Häftlinge hatten der Aufforderung nicht Folge geleistet. Da begann die Wache zu schießen. Ein paar Männer kamen ums Leben, zehn wurden verwundet. Wir unterbrachen unsere Arbeiten und setzten uns im Graben nieder.

Am Morgen führten sie uns zurück in die Zone, und am Tor warteten schon die Kolonnen, die zur Arbeit ausmarschieren sollten. Unsere Nächtlichen betraten den Lagerbereich und schlossen sofort das Tor hinter sich – sie ließen die Abendschicht nicht zur Arbeit gehen und erzählten ihnen, was inzwischen geschehen war. Und sofort wurde der Hungerstreik verkündet – einen solchen Rat hatten uns die Männer aus der 5. Lagerabteilung gegeben. Wir schütteten unsere Wassersuppe auf den Boden und zerschlugen die Küche mit Hilfe von Brettern. Wenn sie Essen zum Wachhäuschen brachten, sorgten wir dafür, dass es zurückging. Die Lagerleiter brüllten in die Megaphone: „Verlasst den Lagerbereich und geht zur Arbeit!“ Sie drohten uns damit, dass wir eine zweite Haftstrafe aufgebrummt bekämen. Sie baten, sie drohten, versuchten uns zu überreden. Aber nur etwas 50 Frauen verließen daraufhin die Lagerzone. Von uns wurden sie „Sommerfrischlerinnen“ genannt. In der Stadt, auf den Baustellen, auf den Kränen hatten d8ie Männer schwarze Flaggen gehisst. Auch wir nähten schwarze Fahnen mit einem roten Streifen quer hindurch. Wir wählten unser eigenes Aktiv, das von folgenden Frauen gelenkt wurde: den Ukrainerinnen Lesja Selenskaja, Anna Masepa, Julia Wowk, den Lettinnen Dauge, Irena Martinkute, der Estin Asta Tofri und anderen. Wir teilten uns in einzelne Trupps auf und hielten abwechselnd neben der Wache, auf den Dächern in der Nähe der Fahnen und in der Kantine unseren Dienst ab. Lagerleiter und Aufseher zeigten uns Pakete von Zuhause, ließen sie neben dem Wachhäuschen liegen, aber wir wiesen sie zurück und setzten unseren Hungerstreik fort. Wir forderten eine Kommission aus Moskau.

Einmal traf auch eine Kommission ein, und die Lagerleiter sagten uns, dass sie aus Moskau gekommen sei. Es war sogar ein General dabei, aber eine der Ukrainerinnen rief: „Den hab‘ ich hier schon mal gesehen!“ Wir umstellten die Kommission und sorgten dafür, dass sie die Lagerzone wieder verließ.

Im Lager herrschte Ordnung, es gab keinerlei Provokationen, alle verhielten sich einmütig. Anfangs wollten sie immer noch essen, aber dann gewöhnten sie sich an den Zustand.

Am 6. Juni kam eine Kommission aus Moskau geflogen, an deren Spitze Oberst Kusnezow stand. (Es war der zehnte Tag des Hungerstreiks). Tische wurden in die Lagerzone gebracht, an denen die Generäle und Vertreter der Obrigkeit aus Norilsk Platz nahmen. Von uns gewählte Delegierte verlasen unsere Forderungen: der Sonntag wird zum Ruhetag; der Arbeitstag verkürzt sich auf acht Stunden; die Häftlingsnummern von der Kleidung sowie die Gitter in den Baracken sind zu entfernen; Briefe dürfen nicht nur zweimal im Jahr, sondern so oft wie nötig geschrieben werden; die Verpflegung muss verbessert werden; niemand soll uns schlagen und auf uns schießen; nach unserem Streik dürfen keine Repressalien auf uns ausgeübt werden. Die Kommission versprach sich die Forderungen genau anzusehen und reiste ab. Am nächsten Tag marschierten wir zur Arbeit aus und beendeten den Hungerstreik. Am gleichen Tag rissen wir die Nummern von unserer Kleidung, liefen im Lagerbereich in unseren eigenen Sachen herum, schrieben Briefe und arbeiteten acht Stunden.

Eines Nachts näherte sich dem Lager ganz leise ein Fahrzeug. Soldaten kamen in die Baracken und schleiften an den Füßen die Frauen heraus, die mit am Verhandlungstisch gestanden hatten. Sie wurden fortgebracht, und sogleich erhoben sich die Frauen erneut. Die Nacht war noch nicht vergangen, aber das ganze Lager war bereits auf den Beinen. Das große Tor zur Zone wurde geschlossen. Unseren Hungerstreikt erklärten wir diesmal nicht mehr – wir nahmen die Gefängnisnorm für die tägliche Brotration an (400 g). Erneut hängten wir die Fahnen hinaus. Tag und Nacht leisteten wir unsren Dienst an den beiden Wachhäuschen ab, saßen auf den Barackendächern, wo die Flaggen gehisst waren, damit nur keiner auf die Idee kam sie herunter zu nehmen. Wir organisierten Versammlungen, sprachen uns darüber aus, dass wir durchhalten mussten, nicht auf Provokationen eingingen wollten. Und dann stellten wir bereits die politische Forderung auf „Freiheit oder Tod!“ Die Lagerleiter brüllten die ganze Zeit in die außerhalb der Zone angebrachten Lautsprecher, dass wir den Aufstand beenden sollten; sie boten uns ein gutes Leben an, aber sobald sie wieder mit ihrem Gerede anfingen, traten wir alle aus den Baracken und brüllten einstimmig los – ihre Stimmen waren nicht mehr zu hören.

Am 3. Juli, mitten in der Nacht, vernahmen wir Lärm aus dem Lager N° 5, hinter der Ziegelfabrik: Hundegebell, Schreie, Schüsse. Wir begriffen, dass sie das Lager im Sturm angriffen; wir verließen die Zone und schrien aus Leibeskräften. Wir sehen, wie sie Gruppen von Männern in die Tundra hinausführen, immer jeweils zwanzig Mann. Weit fort brachten sie sie. Wir wussten nicht, wohin sie mit ihnen wollten, aber wir verstanden sehr gut, dass sie wohl erschossen werden sollten. Wir standen alle auf dem Lager-Territorium und weinten. Und die Lagerleiter brüllten uns über die Lautsprecher an: „Ihr seht, dass sie die Männer verprügeln und erschießen. Lasst es gut sein, und wenn nicht, dann werden wir euch auch allesamt erschießen!“ Aber keine einzige von uns wich von der Stelle.

Der 6. Juli war ein schöner, sonniger Tag. Wir sangen Lieder, beteten, wuschen uns und kleideten uns an, als ob wir uns voneinander verabschieden sollten. Gegen Abend trafen zahlreiche Soldaten mit Fahrzeugen ein und umstellten unsere Lagerzone. Wir begriffen: sie bereiteten einen Sturmangriff vor. Wir brachten alle Alten und Kranken in zwei Baracken unter und stellten uns dann, einander bei den Händen fassend, in Form dreier Kreise um sie herum auf. Am Abend zog Regen auf; die Schauer dauerten die ganze Nacht an. Weitere Soldaten mit Fahrzeugen trafen ein; sie stellten Geschütze auf. Dann kamen Feuerwehrautos, von überall erscholl Hundegebell. In der Nacht (im Norden wird es im Sommer nicht dunkel), etwa gegen 4 Uhr, wurden an etlichen Stellen der Stacheldrahtzaun durchtrennt. Aus den Lautsprechern ertönte es: „Kommt heraus, der Stacheldrahtzaun ist offen; andernfalls werden wir das Feuer eröffnen! Die Männer sind bereits alle erschossen!“ Wir brüllten zurück – denn schließlich zählten wir 4000 Frauen: „Freiheit oder Tod!“ Und so schrien wir die ganze Nacht hindurch. Wir hatten sehr wohl verstanden, was mit uns geschehen würde, aber weder Alt noch Jung, weder die kranken noch einstweilen die gesunden Frauen aller Nationalitäten – keine von ihnen verließ die Lagerzone, selbst diejenigen nicht, die nur noch ein paar Monate oder ein halbes Jahr im Lager abzusitzen hatten. Einige von ihnen bekamen Herzanfälle, wir trugen sie in die Baracken, bespritzten sie mit Wasser, und schon bald nahmen sie wieder mit uns Aufstellung.

Die Soldaten näherten sich nur langsam, sie traten den Stacheldrahtzaun vollständig nieder; die Feuerwehr-Fahrzeuge fuhren näher an uns heran und fingen an uns mit Wasser nass zu spritzen. Der heftige Wasserstrahl riss uns den Boden unter den Füßen weg, und die Soldaten schlugen mit Feuerwehrspaten und Stöcken auf unsere Köpfe, Hände … ein. Auf diese Weise durchbrachen sie unsere Kette. Mir wurde ein Hieb auf Kopf und Hand zuteil, ich stürzte und verlor das Bewusstsein. Ich erwachte, als ein Soldat mich aus der Zone fortzog. Wir wurden, genau wie die Männer, in Gruppen zu zwanzig Frauen aufgeteilt und in die Tundra geführt – die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Alle waren von Soldaten mit Hunden umstellt. Nass wie wir waren, mussten wir uns niedersetzen, mit blutenden Wunden, die Mücken und Kriebelmücken fielen zu tausenden über uns her, aber keine von uns durfte sich rühren.

Mitten in der Tundra wurden Tische aufgestellt; Lagerleiter, Aufseher und „Sommerfrischlerinnen“ setzten sich – und dann begann die Sortierung der Menschen. Die Anführerinnen des Streiks wurden für die Baracke mit verschärftem Regime in der 6. Lagerzone, vorgesehen. Nach rechts kamen diejenigen, die in die Lagerzone zurück sollten, und wir (etwa 200 Frauen) wurden von allen anderen abgesondert und noch weiter in die Tundra hineingeführt. Wir dachten, dass sie uns nun erschießen würden. Dabei wollten wir doch so gern am Leben bleiben! Ich kann mich noch erinnern, was für ein wunderschöner Morgen das war; die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Aber keine von uns fing an zu weinen oder kam auf die Idee, sich auf die Soldaten zu stürzen. Wir gingen schweigend vorwärts, die Verwundeten unter den Armen stützend. Man brachte uns weit fort, in eine sumpfige Gegend. In meinen Gedanken zog mein ganzes bisheriges, kurzes Leben vorüber, die Heimat, Mamas Gesicht, und ich dachte bei mir: soll das etwa schon alles gewesen sein, ist das Leben jetzt zu Ende? Aber sie führten uns über die sumpfige Hügel und – brachten uns schließlich in die Stadt zurück! Wir wurden alle in einem einzigen großen Raum untergebracht und eingeschlossen Unsere Wunden bluteten, die gebrochenen Hände aschwollen an, Kleidung und Haare waren voller Blut. Es war, als ob sie uns nun vergessen würden. Es gab keinen Verbandmull, keine Medizin, keinen Arzt. Wir zerrissen unsere Kleidung und verbanden die Wunden damit. Die Schwellung meiner Hand sah furchtbar aus, nur gut, dass es die linke war – mit der anderen konnte ich wenigstens arbeiten. Wir hatten Durst, klopften an die verschlossenen Türen – aber niemand reagierte.

Am 9. Juli riefen die Soldaten uns erstaunliche Dinge zu: „Ihr unterstützt Berija, aber er wird euch nicht retten können, man wird euch trotz allem erschießen“. Wir konnten nicht begreifen, was los war. Eine Woche später brachten sie uns in irgendein kleineres, auf einer Anhöhe gelegenes Lager, dort hatte es früher einen Strafisolator gegeben. Zur Arbeit führten sie uns nicht, wir besaßen keinerlei persönliche Sachen. Nach und nach begannen unsere Wunden zu verheilen, unsere gebrochenen Hände schienten wir mit Stöckchen.

Die ganze Stadt lag klar vor einem. Über dem 3. (Zwangsarbeiter-) Lager hing immer noch die schwarze Flagge des Aufstands. Sie besaßen ihre eigene Presse; sie stellten Luftschlangen her und ließen sie über Norilsk fliegen. Wenn diese mit dem Wind zerrissen, flogen in der Gegend zahlreiche Flugblätter herum.

Wir wurden zu Augenzeuginnen, wie sie auch dieses Lager eroberten. Wir sahen, wie dort gepanzerte Fahrzeuge und Lastkraftwagen mit Soldaten eindrangen. Das Feuer wurde eröffnet. Die Fahrzeuge fuhren mitten durch die Reihen der Gefangenen. Hastig liefen wir in unserer eigenen Lagerzone hin und her, knieten nieder, baten Gott um ein Wunder. Aber ihre schwarze Fahne fiel … Diese Nacht war schrecklicher als jene, in welcher der Sturmangriff auf uns erfolgte. Viele Häftlinge kamen ums Leben. Diesen Menschen war die Freiheit lieber gewesen als das Leben selbst.

Den ganzen Winter verbrachten wir im Straflager, aber mit Einsetzen des Frühjahrs brachten sie uns in die 6. Lagerzone zurück. Und im Jahre 1954 kam ein Ukas über die Amnestie all derjenigen heraus, die als Minderjährige verhaftet worden waren. Auch ich wurde aus diesem Anlass im Oktober 1954 entlassen.

Als ich mit meinen hölzernen Köfferchen durch das Wachhäuschen ging, dachte ich bestürzt: wohin soll ich in dieser Stadt gehen? Wie werde ich leben? Aber neben dem Tor begegnete ich D. Urbetene, die mit ihrer Familie unweit unseres Lagers wohnte. Ihr Ehemann, ein Flieger-Offizier, war 1941 nach Norilsk gebracht worden. Inzwischen war er in Freiheit, und seine Frau war zu ihm gefahren. Sie führte mich in ihre Ein-Zimmer-Wohnung, wo Urbetene mit ihren beiden Töchtern lebte. Sie versorgte mich mit Tee, gab mir Unterkunft, half mir in die Heimat zurückzukehren. In ihrer Wohnung übernachteten viele Litauerinnen, die aus dem Lager gekommen waren. Urbetis selbst half den in Norilsk Zurückgebliebenen bei der Arbeitssuche und beim Auffinden einer Gemeinschaftswohnung. Ich kehrte nach Kaunas zurück, wo meine Mutter lebte. Niemand wollte mich einstellen. Später befahlen sie mir, innerhalb von 48 Stunden die Stadt zu verlassen. Ich zog in ein Bezirksstädtchen. Ich wollte so gern studieren. Gute Menschen waren mir behilflich, und so konnte ich mich am medizinischen Institut in Kaunas einschreiben, aber zu den Lektionen musste ich immer aus der Bezirksstadt dorthin fahren. So verwirklichte ich meinen Traum – ich wurde Ärztin und behandelte viele Jahre lang Menschen.

Meine Jugend verlief im Lager. Ich hielt Hunger und Kälte stand, Demütigungen, Hohn und Spott … Aber dort, in den Lagern, lernte ich viele gute Menschen kennen, empfand die großartige Kraft der Freundschaft, des Mitleids, der Menschlichkeit … Deswegen überlebten wir nicht nur, sondern zerbrachen auch nicht an Geist und Seele und bewahrten uns unsere Menschenwürde.


Die Teilnehmerinnen des Aufstands in der 6. Lageraußenstelle des
Gornij- (Berg) Lagers treffen sich heute noch:
Von links nach rechts: Mariona Starolite, Filomena Karaljute- Mikelenene,
Joanna Ulinauskaite-Mureikiene, Irena Martinkute-Smetonene.
Sie alle erhielten den Orden „Helden-Kreuz“ für ihren Kampf um die
Freiheit Litauens und ihre Teilnahme am Norilsker Aufstand.


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