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Dmitrij Wladimirowitsch Selenkow. Briefe aus dem Lager

12. Juni 1950

Liebe Nina, ich habe schon lange kein Lebenszeichen mehr von mir gegeben, und wahrscheinlich habe ich dich gerade deswegen gezwungen, dir über mich Sorgen zu machen. Ich bekenne mich schuldig, und darum schreibe ich dir diesmal einen besonders langen Brief (um nach Kräften meine Schuld wieder gut zu machen).

Beim letzten Mal schrieb ich dir noch aus dem polaren Uralgebiet (aus Abes). Seitdem ist eine Menge Zeit vergangen: bereits mehr als ein Jahr! Und in meinem Leben haben sich zahlreiche Veränderungen und Wechsel zugetragen. Sie sind alle nicht von der fröhlichen Sorte. Aber nun der Reihe nach.

Im Mai letzten Jahres ist unser gesamtes Theater mit allen Leuten, allen Habseligkeiten und Requisiten nach Igarka umgezogen. Die Reise selbst war, im Vergleich mit all meinen anderen Reisen, nicht sehr beschwerlich, obwohl wir insgesamt auf dem Land- und Wasserweg ungefähr 6000 km zurücklegen mußten.

Ende Juli eröffneten wir unsere Saison am Theater von Igarka. Die Aufführungen waren äußerst erfolgreich; wir (meine Helfer und ich) fühlten vor lauter Ermüdung unsere Beine nicht mehr – die ganze Dekoration mußte auf der neuen Bühne ja wieder angebracht und arrangiert werden.

Ich wurde mit großer Wärme aufgenommen, und es wurde noch vor meiner Ankunft in den Kreisen der an der Theaterkunst Interessierten bekannt, dass hier keiner „aus den Reihen der Zweitklassigen“ eintreffen würde, sondern der allerbeste Dekorateur, den man sich denken konnte. All meine Aufführungen wurden vom Publikum mit Wohlwollen bedacht, und es gab auch so manches begeisterte Echo in der lokalen Presse.

Das alles war sehr angenehm, besaß jedoch für mich keinen spürbaren Nutzen. Kolossale Verehrung und Autorität, aber keinerlei Einkommen. Doch – Entschuldigung! Man hat die monatlichen Prämien zunächst auf 200, später auf 300 Rubel erhöht.

Anfang August erhielt die Operetten-Abteilung unseres Theaters eine Einladung, die Stadt Norilsk zu besuchen – das liegt noch weiter nördlich. Man schickte uns einen komfortablen Dampfer, der Chefdirigent des Theaters und ich nahmen eine Kajüte erster Klasse ein und schwammen auf den Wellen des Jenisej weiter gen Norden.

Die Reise war sehr erfolgreich – wir konnten zumindest ein wenig die dazugehörende Freiheit schnuppern. Ich denke gern an diese Fahrt zurück. Eineinhalb Monate mit Gastrollen und hervorragendem Essen, einer sehr gemütlichen Unterkunft, Erfolg beim Publikum, den schüchternen Blicken einiger Damen, die offensichtlich durch den Anblick meines lockigen, schwarzen Backenbarts beunruhigt waren, der mir aus irgendwelchen Gründen ab und an wuchs, - all das zusammengenommen ergibt genügend Material für schöne Erinnerungen.

Als wir nach Igarka zurückkehrten, fanden wir unser dramaturgische Hälfte schon nicht mehr vor. Sie war nach Jermakowo umgezogen, wo, nach der Einrichtung des Theaters, die Saison eröffnet worden war. Durch den Willen des Schicksals war ich zum wichtigsten Künstler am Operettentheater geworden. Und nun sollten wir auch Dramen aufführen.

Hier mit mir blieb unser allgemein bekannter leningrader Regisseur W. Jogelson (falls du Schora sehen solltest, erzähl’ ihm das). Wir wurden enge Freunde, erinnerten uns oft an Wolodja Chark, den armen Schlucker, Schora und viele unserer wohlbekannten Leningrader. Er ist ein sehr interessanter und talentierter Mann, ein hervorragender Erzähler mit der äußerst seltenen Gabe, im Tragischen das Komische zu sehen. Ich habe mich immer gern mit ihm unterhalten. Der arme Teufel wurde zu 20 Jahren verurteilt und findet trotz allem die Kraft zu scherzen, zu lachen und in seiner Arbeit als Regisseur die besten Ergebnisse zu erzielen.

Lange haben er und ich uns den Kopf darüber zerbrochen, welches Stück wir auf unserer Igarsker Bühne inszenieren sollten. Wir haben bei uns nur sehr wenige professionelle Schauspieler, die finanziellen Mittel sind miserabel, aber mit irgendetwas muß man das Publikum doch mitreißen. Wir inszenierten „Die 12 Stühle“ vonMarschak. Das kostete eine Menge Nerven, Blut und Schweiß, schlaflose Nächte, und dann schließlich fand zu Neujahr 1950 die Premiere statt.

Alle waren außerordentlich zufrieden. Wolodja meinte, dass dies meine beste Arbeit an diesem Theater gewesen sei.

Neben unseren inneren Erfolgen war aber auch irgendetwas zu spüren, das nichts Gutes verhieß. Unter den Leuten machte sich eine gewisse Besorgnis breit.Seit dem Augenblick meiner Ankunft in Norilsk war ich noch nicht in der eigentlichen Lagerzone gewesen, sondern hatte direkt im Theater gewohnt, in meiner Theaterwerkstatt. So war es für mich angenehmer und günstiger. Die Lagerzone kann ich schon nicht mehr ausstehen!

Das Unheil brach tatsächlich über uns herein, und Anfang Februar gab es den ersten Donenrschlag, der unser dramaturgisches Theater in Jermakowo vollkommen zerschlug. Alle, die zu den „Zweitklassigen“ gehörten, wurden zu Hilfsarbeiten entsendet. Zwei Tage später geschah dasselbe auch mit uns. Die gestrigen Solisten, Koriphäen, Primadonnen, Liebeshelden und dummen Auguste wurden zu „Schwerstarbeitern“ der „Brigade N° sowieso“. Da sind sie – „der Glanz und das Elend der Kurtisanen“! Wir ließen alle die Köpfe hängen. Für mich wurde klar, dass dies nur der Anfang allen Übels war ...

Nach einiger Zeit wurden der Chefdirigent und ich nach Jermakowo gerufen (dem Zentrum unserer Einrichtung). Einige Tage des Wartens auf günstige Bedingungen für die Fahrt dorthin über die Wintertrasse, und dann fuhren wir mit einem Sonderbus über das Eis des Jenisej nach Jermakowo.

Eine neue Ära beginnt...

Nun bin ich der einzige der Laienspielleiter (unter freiem Publikum) im Klubhaus des Baukomitees. Die Sachen laufen nicht sonderlich gut. Momentan klammere ich mich an die früher gewonnene Autorität. Unsere gesamte Organisation hat meiner Meinung nach ausgedient. Mit selbstgebastelten Gegenständen statte ich meine Aufführungen aus, habe Sehnsucht, träume von der Freiheit, wasche immer ordentlich meine Wäsche, habe Magenschmerzen und lese Tjutschew. Die Tage streichen dahin...

Das anspornende „Anrechnungs-„System hat sich für mich als wenig nützlich erwiesen. Das Maximum, mit dem ich rechnen darf, ist die Kürzung des Strafmaßes auf die Hälfe. Aber ich hatte mir mehr erhofft...

Nun geht bereits das neunte Jahr meiner Unfreiheit dem Ende zu! Kommt es dir nicht so vor, als wenn das eine lange Zeit war? A? Mit jedem Jahr meines Aufenthalts in diesen Gegenden wird mir das Herz schwerer. Ich fühle, wie meine Kräfte sich ihrem Ende zuneigen, wie die Hoffnung erlischt. Das Schlimmste ist, dass ich überhaupt keine Möglichkeit habe, mich an all die mich umgebenden Abscheulichkeiten zu gewöhnen. Ich raffe meine allerletzten Kräfte zusammen, zwinge mich dazu mich zu rasieren, achte darauf, dass meine Wäsche sauber ist, zwinge mich mit einer schrecklichen Pedanterie dazu, alle Regeln der äußeren Kultur einzuhalten, obwohl dies unter den hier vorhandenen Gegebenheiten große Mühe verursacht – denn es ist die einzige Methode sich „auf einem gewissen menschlichen Niveau zu halten“, während die Seele sich in allergrößter Zwietracht befindet. Die alten Leute unter uns sagen, dass viele sich darüber hinwegsetzen, schnell in den Zustand der Bestialität abrutschen und – sterben. Aber so möchte ich nicht aus dem Leben scheiden.

Immer häufiger suchen mich Gedanken übermeine Ausweglosigkeit heim. Ich versuche mit aller Macht sie zu verscheuchen. Ich zwinge mich dazu an mich zu glauben, zu hoffen, dass ich noch ein klein wenig geduldig sein und warten muß. Aber vielleicht ist das auch nur mein Lebensinstinkt, der immer häufiger die Oberhand über den gesunden Menschenverstand gewinnt.

Mit jedem Tag wird es schwieriger. Aus dem Bestand des Theaterpersonals sind mit fast keine Freunde geblieben. Sie wurden alle auseinadergerissen. Wolodja Jogelson ist abgereist. Er hat versprochen zu schreiben. Die Lage im Klub ist ziemlich schwankend. Jeden Tag kann die Auflösung erfolgen. Geld zahlt uns im Augenblick niemand. Im allgemeinen herrschen hier sehr traurige Umstände.

Meine liebe Nina, ich er warte auf einen detaillierten Brief von dir, in dem du alle Seiten und Ereignisse deines Lebens und des Lebens deiner Familie beschreibst. Falls du O.G.I. sehen solltest, dann grüße sie recht herzlich von mir und bitte sie, mir doch ein paar Zeilen zu schreiben. Ich schreibe ihr aus Gründen, die du kennst, nicht. Mir kann sie aber schreiben, indem sie einfach die Absenderangabe wegläßt.

Grüße auch an ihre Nichte Ira. Es wäre auch nicht schlecht, von Jura einen Brief zu bekommen, in dem er eine Darstellung der heranwachsenden jungen Generation gibt.

Falls du noch ein paar Fotos von Katjuscha hast, dann schicke sie mit bitte. Sende mir auch Schuras Adresse, ich würde ihm gern schreiben. Kansk ist nicht so weit weg von hier.

Wie es scheint, habe ich dir nun alles geschrieben, bleibt nur die Erwähnung des letzten Unheils,das mich erfaßt hat. Ich habe mich verliebt! Ich werde dir nicht alle Einzelheiten dieser unglücklichen Leidenschaft schreiben, ich sage nur, dass ich mich in Fragen der Ehre, der Moral und des gesunden Menschenverstandes völlig verstrickt und verfangen habe. Meine und ihre sozialen und familiären Verhältnisse liegen so weit auseinander, sind so unterschiedlich und unvereinbar, dass sie mich in totale Verzweiflung stürzen.

Ich verliere den Kopf, mache alle möglichen Dummheiten, die zu nichts Gutem führen. Ich habe keine Kraft mehr. Um mich herum dreht sich alles und durch mein Gehirn ziehen Nebelschwaden. Gütiger Gott! Wie sehr brauche ich jetzt die Freiheit! Dann könnte ich ein Stückchen meines Glücks erhaschen.

Ich umarme un küsse dich.

Dein Dima.

Grüße bitte Mitja, Katjuscha und alle, die sich an mich erinnern.
Meine Anschrift: Region Krasnojarsk, Stadt Igarka, Siedlung Jermakowo, Postfach LK 6/10-A (Haus der Kultur).

10. Mai 1951

Lieber Schura

Ich habe deinen Brief erhalten, über den ich mich sehr gefreut habe.

Während ich die Fotos deiner Familie betrachtet, empfand ich ein Gefühl, das dem des Neids sehr ähnlich ist. Wie schön, dass du eine Familie hast!

Ich habe mich mein Leben lang gefürchtet eine Familie zu gründen, und ich fürchte mich auch jetzt noch. Und gleichzeitig beneide ich alle Männer, und besonders Väter, ganz schrecklich...

Meine Angelegenheiten laufen weder gut noch schlecht. Sie halten sich auf dem gemeinen Niveau der Mittelmäßigkeit, die in der Lage ist, dem Menschen den Verstand zu rauben. Das Leben gleicht dem Bad in einer dicken, stinkenden Brühe, in der du bisweilen mit dem Kopf versinkst. Ihretwegen kannst du nicht sehen, nicht fühlen, nicht hören. Alles ist mit diesem tödlichen gestank verpestet. Es gibt keine Möglichkeit diesem Sumpf zu entrinnen, man kann nur hoffen, dass er irgendwann einmal unter den Strahlen unserer Sonne austrocknet und der Dreck, der den ganzen Körper bedeckt hat, als vertrocknete Rinde herunterfällt. Helfen können nur kosmische Erscheinungen.

Bei mir setzt der Zeitpunkt ein, an dem ich langsam über das Leben in einer größeren Zone nachdenken muß. Ich meine damit das sich nähernde Ende meiner Haftzeit. Ich hoffe, dass ich im Mai, Juni des kommenden Jahres hier entlassen werde.Wohin ich dann gehen und was ich dann arbeiten werde, kann ich überhaupt noch nicht sagen. Um das entscheiden zu können, muß man von allen Enden unseres Landes erst einmal Informationen sammeln. Ich will gleich mit die anfangen: schreibe mir bitte, wie sie sich in eurer Gegend gegenüber dem Paßvermerk „§ 39“ verhalten. Wie sieht es bei euch mit der Möglichkeit aus, Arbeit und eine Behausung zu finden? Wie hoch liegt das Existenzminimum? Ich werde in alle Gegenden Briefe versenden und dann anhand der gesammelten Materialien entscheiden, was ich nach meiner Entlassung tun werde. Oft denke ich an das Altai-Gebiet; hast du dort nicht zufällig ein paar Bekannte?

Besondere Unruhe verursacht mir mein Beruf. Thetaer, an denen man mit Vergnügen und Nutzen für sich selbst arbeiten kann, befinden sich höchstens in den Großstädten, und die werden mich kaum durch ihre Tore treten lassen.

In meinem ersten Brief an dich habe ich absichtlich Nika nicht erwähnt, denn ich kenne deine Familienverhältnisse nicht. Jetzt, da ich überzeugt bin, daß alles gut geht, möchte ich ihr schnellstens meine tiefe Ehrerbietung erweisen und dich bitten, ihr meine Grüße zu übermitteln.

Unlängst ist es mir gelungen, ein paar künstlerische Materialien zu beschaffen, so dass es nun nicht mehr notwendig ist, mir das Paket zu schicken, um das ich gebeten hatte. Das Einzige, was ich sehr dringend benötige ist – weiße Schminke.

Lieber Schura, ich hoffe sehr, dass du mir ab und zu schreiben wirst. Damit würdest du mir eine sehr große Freude bereiten. Meine Adresse ist immer noch die alte.

Ganz liebe Grüße an die ganze Familie.

Euer Bruder, Onkel und Schwager.

16.05.51

Lieber Schura!

Ich schreibe dir auf gut Glück, denn ich habe deine Kansker Adresse verloren. Seit der Zeit, als ich dich das letzte Mal in Sagorsk sah, ist ziemlich viel Zeit verstrichen, und in menem Leben haben sichalle möglichen Ereignisse und Veränderungen zugetragen. Und sie haben alle keinen Anlaß zur Freude gegeben. Ich will in Kürze davon berichten: ich habe auf eine romantische Geschichte in Sagorsk gebrannt; stattdessen hat manmich in den hohen Norden verfrachtet. Im Frühjahr 1948 befand ich mich im Polargebiet des Ural (Siedlung Abes), wo ich ziemlich schnell ans Theater kam. Im Verlauf eines Jahres hatte ich mir an diesem Theater eine dauerhafte Position erarbeitet. Ich möchte sehr viel arbeiten. Innerhalb eines Jahres inszenierte ich mehr als 10 Aufführungen. Meine Arbeiten fanden großen Anklang, und ich genoß sämtliche Vorzüge, bekam alle Möglichkeiten innerhalb der hier herrschenden Gegebenheiten. Im Mai vergangenen Jahres zog unser komplettes Theater, samt Leuten, Requisiten und Habseligkeiten nach Igarka um, das sich in der Polarregion des Jenisej befindet.

(der weitereText fehlt)

 


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