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Die Geschichte der Ortschaft Poilowo

Wettbewerb
Der Mensch in der Geschichte. Russland. 20. Jahrhundert. Der Mensch und die kleine Heimat.

Autoren:
Iwan Aleksandrowitsch Bjelow, 8. Klasse
Anatolij Aleksejewitsch Solodownikow, 7. Klasse

Region Krasnojarsk, Ortschaft Poilowo

Leitung:
Walentina Fjodorowna Semotschkina, Leiterin des Heimatkunde-Sektors,
Heimatkunde-Vereinigung „Meine kleine Heimat“
Zentraler Dorf-Kulturpalast Schalobolino

Die vorliegende Arbeit wurde von zwei Autoren erstellt: Iwan Bjelow und Anatolij Solodownikow. Beide sind bereits erfahrene Heimatkundler. Iwan beschäftigte sich bereits mit der Frage „Weshalb gibt es in meiner Familie so viele Pädagogen“, Anatolij widmete seine Forschungsarbeit dem Direktor der Schule, Jan Samuilowitch Sakow, einem in der Ortschaft Poilowo sehr geachteten Mann. „Die Geschichte der Ortschaft Pojlowo“ ist ihre erste gemeinsame Arbeit. Jeder von ihnen bewies, dass er über große Sachkenntnis verfügt. Anatolij ist ein äußerst geselliger Mensch, deswegen war er es auch, der die Interviews machte und Dokumente sammelte. Iwan arbeitete mit viel Geduld am Text, an der Präsentation. Er besitzt einen Computer. Anatolij ist der Verfechter der Arbeit, während Iwan ihre Präsentation in Angriff nimmt. Nachdem der Text für die Arbeit steht, antworten beide auf die Fragen gemeinsam. Beide begeistern sich sehr für Heimatkunde.

Um diese Arbeit bewerkstelligen zu können, mussten sie wissenschaftliche Werke, Materialien aus Museen, Lokal-Zeitungen, Erinnerungen und Interviews mit Ortsansässigen studieren und zur Verwendung bringen. Mit dieser Arbeit nahmen die jungen Leute an der wissenschaftlich-praktischen Konferenz des Bezirks teil und machten damit den 2. Platz. Die Hilfestellung der Projektleiterin bestand in der Wahl des Themas, der Erstellung eines Arbeitsplans, der Verteilung der Aufgaben und Beratungsgespräche. Die jungen Leute zeigten in vielerlei Hinsicht große Selbständigkeit, sie bewiesen große Sachkenntnis und die nötigen Fertigkeiten.

Die Leiterin der Heimatkunde-Vereinigung
W.F. Semotschkina

Die Geschichte der Ortschaft Poilowo

1. Aus der Geschichte der Erschließung der Tuba-Region

Die Bewohner nannten Ost-Sibirien das Jenisejsker Gouvernement. Viele Kosaken des Jenisejsker Bezirks, die für die Dauer eines Jahres ihren Dienst in den südlichen Gebieten ableisteten, lernten die natürlichen geographischen Bedingungen der südlichen Gefilde kennen. fanden an den Ufern der Flüsse geeignete Plätze für Viehzucht, Aussaat und Ackerbau. In erster Linie versorgten sie sich und ihre Wirtschaft mit Getreide. Viele fingen jedoch auch an, sich mit Warenhandelsaktivitäten zu befassen, gründeten Siedlungen auf bisher unbewohnten Landstücken. Später kennzeichneten die gewerblich genutzten Katen und Siedlungen das zukünftige Netz russischer Ansiedlungen“.7 Die Hauptbeschäftigung der russischen Bevölkerung der Tuba-Region waren Ackerbau und Viehzucht: man pflügte Neuland, baute neue Behausungen mit den erforderlichen Hof- und Wirtschaftsgebäuden. Es entwickelte4n sich verschiedene Arten von Heimarbeiten sowie andere Gewerbezweige. Außerdem wurde Handel getrieben. Im 18. Jahrhundert wurde Getreide in die nördlichen Landkreise geliefert, wo der Getreideanbau nur unzureichend entwickelt war. Doch große Entfernungen, schlechte Straßen und das Fehlen großer Handelszentren bremsten den Verkauf überschüssigen Getreides.3 Mit dem Erscheinen des Irbinsker Bergwerks, der Eisenverarbeitungsfabrik und der Goldgruben im Süden des Gouvernements stieg auch die Nachfrage nach Getreide und allen anderen Produkten. Die Bauern fingen an, ihre Produkte hierhin zu verkaufen, diese Orte waren nicht so weit entfernt – und auch die Wege waren besser.9

Das Auftauchen der Bauernschaft hatte im 18. Jahrhundert die Entstehung einer Bauern-Gemeinde zur Folge.7. Die Bedingungen für diese Dorfgemeinschaft waren kompliziert und neu; deswegen ergab sich die Notwendigkeit viele Probleme durch kollektiven Beschluss zu entscheiden. Alle Fragen wurden auf Zusammenkünften erörtert und geklärt: die Bewilligung des Rechts auf Ansiedlung, die Zuteilung eines Grundstücks zur Bebauung, zum Pflügen und für die Heumahd. All diese Landstücke wurden nur anhand der vorhandenen „Männerköpfe“ berechnet. Dazu wurden auf einer allgemeinen Versammlung Staroste gewählt – hunderter oder zehner. Die Gemeinde entschied selbständig die Frage der Steuer-Umlagen und der Verteilung der Pflichten unter den Gemeinde-Mitgliedern: „Sie teilen sie selbständig, anhand der Anzahl der Bäuche, untereinander auf“. Die Leute, die Gemeindedienste versahen, wurden Küsser genannt, denn sie küssten immer das Kreuz, wobei sie sich verpflichteten, ehrlich und aufrichtig ihre Aufgaben zu erfüllen. Viele Dinge, unter anderem auch das Einsammeln der Steuern, gehörten in den Zuständigkeitsbereich der Bauerngemeinde und wurden deshalb auch als Gemeindeaufgaben bezeichnet.7

Nach und nach wurden die südlichen Landstriche erschlossen. Im Süden des Krasnojarsker Landkreises tauchten zwischen 1722 und 1735 insgesamt 12 neue Dorfansiedlungen auf, in in den nachfolgenden 12 Jahren entstanden weitere 29, unter denen sich auch 2 Fabriksiedlungen befanden. Es wurden geeignete Bedingungen geschaffen, von denen sich die Bauern angezogen fühlten. Zu den neu geschaffenen Dörfern zählten auch das Kuraginsker, Poilowsker, Minusinsker, Kojker, Wjerchnetubinsker …. gehörten.7

2. Die Entstehung des Dorfes Poilowo

Poilowo ist eine uralte sibirische Ortschaft. Seit 1729 it sie unter diesem Namen eingetragen. Sie findet Erwähnung in wissenschaftlichen Arbeiten des Akademikers Johann Georg Gmelin sowie Peter Simon Pallas, als sie von 1739 bis 1771 Sibirien erforschten. Sie beschreiben das Dorf als bewohnte Siedlung mit 40 Höfen und 250 Einwohnern. Die vorteilhafte geographische Lage der Ortschaft, das segensreiche Klima, die fruchtbaren Böden förderten die Entwicklung der Ortschaft. Es ist eine Steppenregion mit spärlichen Birkenwäldchen. Ganz in der Nähe fließt der große Fluss Tuba vorüber, ein rechter Nebenfluss des Jenisej. Die Örtlichkeit machte einen gesunden, schönen Eindruck. 5 Die Ortschaft Poilowskoje entstand aus einer Bauern- und Kosaken-Ansiedlung, schreibt der ortsansässige Heimatkundler Scharowatow. Zahlreiche Generationen lösten einander auf diesem Flecken Erde ab, die diese ursprünglich unbewohnten Gegenden urbar machten. Innerhalb der Ortsbevölkerung verfügen viele Menschen über Kosaken-Wurzeln: die Schabalins, Artjomows, Sanins u.a. Von ihnen gab es im Dorf eine ganze Menge.

Die ersten Umsiedler waren Mitglieder die Familie von Wasilij Grigorjewitsch Artjomow. Ihre Hütte bauten die ersten Siedler auf der kleinen Insel Starina. Das Dorf hieß – Artjomowska. Die Artjomows waren fleißige, wohlhabende Leute.9 Im Jahre 1863 trafen in Artjomowska neue Siedler ein: die Sanins und die Poilows. Der alte Wasilij Stepanowitsch Poilow und sein Verwandter Iwan Fjodorowitsch Sanin schlugen vor, die Siedlung nach „Samost“ („hinter der Brücke“; Anm. d. Übers.) zu verlegen, denn „Starina“ wurde häufig von Wasser überflutet; zudem hatte die Zahl der Einwohner zugenommen – es war eng geworden. Schritt für Schritt wurde das gesamte Dorf an den neuen Ort verlegt und erhielt dort den Namen Poilowo. Gemäß einer anderen Version errichtete der Bauer Wasilij Stepanowizsch Poilow, der damals schon wohlhabend war, seine eigene Mühle, und die Bewohner aus der gesamten Region strömten dorthin, wobei sie untereinander sprachen: „Wir sind zur Poilowsker Mühle gefahren“. So „klebte“ dann seit der Zeit auch der Name Poilowo an der Ortschaft. Es ist eines der Handelsdörfer der Region, am Fluss Tuba gelegen. Nach den Erzählungen der Ortsansässigen wuschen die Bewohner auf der Insel „Starina“ Gold.9 Im Frühjahr waren unzählige Barken auf dem Fluss unterwegs, die mit Getreide beladen waren. Später wurden mit dem Frühlingshochwasser landwirtschaftliche Produkte und handwerkliche Erzeugnisse nach Jenisejsk, Krasnojarsk und Minusinsk transportiert, man trieb regen Handel auf den Märkten von Ukraine, Imissa, Schalobolino, Poschino und Panatschewo.

Zum Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung zu Gunsten sich dort niederlassender Bauern an, welche die Gutsbesitzer nach Sibirien geschickt hatten, wofür sie eine Rekrutierungsbescheinigung erhielten, doch der Bevölkerungsanstieg in dem Dorf war nur unwesentlich. Doch mit dem Beginn der Urbarmachung des Südens der Region begann die Bevölkerungszahl in der Ortschaft Poilowo zuzunehmen.

1883 wurde am Ortsrand von Poilowo (am ehemaligen Haus von Jelisar Sanin) ein Pfosten aufgestellt, auf dem vermerkt wurde, wie viele Männer und Frauen zu der Zeit in der Ortschaft lebten. Der Pfahl blieb bis 1965 erhalten, obwohl es zu der Zeit schon sehr schwierig war, die Inschrift zu entziffern. 1891 wurden im Dorf 99 Höfe gezählt. Die eintreffenden Leute ließen sich im „Vorwerk“ nieder (Komsomolskaja-Straße), später dann in der „Absteige“ (Pionierskaja-Straße).

Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Ortschaft schnell größer. In der Mitte des Ortes stand die Kirche des Heiligen Nikolaj, errichtet 1899. Das Poilowsker Kirchspiel wurde eröffnet und am 13. Dezember 1914 vom Schalobolinsker Kirchspiel abgesondert. Drei Werst vom Dorf entfernt, auf dem Hügel an der Tuba gab es eine steinerne Kapelle, die von dem Bauern Wladimir Mjelnikow errichtet wurden war. Zu dieser Kapelle verlief jedes Jahr am 15. Juli der Kreuzzug, die Kirchenprozession, wo auch das Gebet für den Heiligen Wladimir gesprochen wurde.5

Es gab in Poilowo eine wirtschaftlichen Vorratsladen, aus dem man den Bauern Getreidekörner für die Aussaat zuteilte, allerdings war dies mit einer Pflichtrückgabe verbunden. Aus diesem Geschäft bekamen die Einwohner bei unvorhergesehenen Unglücksfällen Unterstützung, und von hier aus wurde auch den Geistlichen das Gehalt gezahlt. Die Ausgabe erfolgte nach gemeinschaftlichem Urteil gegen Bürgschaft, betrug aber nicht mehr als 2/3 der Vorräte. Das Getreide wurde nach dem Einbringen der Ernte zurückgegeben, so dass die Getreidevorräte wieder aufgestockt wurden.5 Es gab zu der Zeit noch drei weitere Läden sowie eine Bezirksheilanstalt.

Im Dorfzentrum befanden sich das Postamt und der staatliche Wein-Ausschank, die Verwaltung des Amtsbezirks, der MIR-Richter und der Dorf-Büttel im Groß-Dorf des Amtsbezirks. Im Jahre 1900 wurde in Poilowo eine einklassige Kirchengemeindeschule geschaffen, in welcher der Mönch Berestow und der Starost Ikonnikow die Kinder unterrichteten. Die Namen der beiden ersten Schüler sind erhalten geblieben: Pawel Artemewitsch Skurichin und Artjomow. Später gab es in der Schule drei Klassen; sie existierte bis 1918, und als Lehrer arbeiteten dort Iwan Markewitsch Galuschkin und Korolew.

Zum Mahlen des Korns und zur Herstellung von Graupen wurden in Poilowo Wassermühlen eingesetzt. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte nahm die Ortschaft eine rasante Entwicklung, die Bevölkerung stieg an und es kamen immer mehr Saatflächen hinzu. Nach der Welt-Wirtschaftskrise der 70er und 90er Jahre und Missernten in den Jahren 1872, 1880 und 1891 waren die Getreidepreise hoch, die Getreideproduktion stieg. In zunehmendem Maße kamen landwirtschaftliche Maschinen zur Anwendung. Natürlich hatte das Groß-Dorf die gleichen Probleme, wie alle anderen Ortschaften in Sibirien auch – sie waren hervorgerufen durch die große Entfernung vom Zentrum des russischen Imperiums und den unzureichenden finanziellen Mitteln, mit denen man der Bauernschaft Hilfestellung hätte geben können. Jahr für Jahr wüteten irgendwelche Epidemien wie Typhus, Cholera, Milzbrand, Masern und andere. Man verzeichnet eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Ortsansässigen.5 Häufig brachen Feuer aus, in deren Verlauf etliche Bauernhöfe vernichtet wurden.

Der Lehrer der Kuraginsker Gemeindeschule I.J. Pawin gelangt in seinem Vortrag, den er vor dem Minusinsker Landkreis-Komitee Ende des 19. Jahrhunderts hielt, zu der Überzeugung, dass es „unerlässlich ist, sich um Maßnahmen für Verbesserungen im Dorf zu bemühen. Die wichtigste Maßnahme – die Eröffnung einfacher Dorfschulen, in denen die Bauern Kenntnisse nicht nur für eine bessere Boden-Bewirtschaftung erwerben können, sondern auch für den Anbau von Gemüse, Gartenbau, Imkerei sowie das Führen einer Milchwirtschaft. An diesen Schulen muss es auch Kurse in handwerklichen Bereichen geben, die für den bäuerlichen Alltag unabdingbar sind: schmieden, tischlern, drechseln und Schlosserarbeiten. Zum Betreiben von Imkereien in der Region sollen den Bauern 5 Desjatinen geeigneten Landes aus freien Ländereien zugewiesen werden“. Außerdem, so meint der Vortragende, müssen die Imker kostenlos honigtragende Pflanzen wachsen lassen dürfen; des Weiteren sollte das Rahmensystems in den Bienenstöcken eingeführt werden. Er merkt auch die großen Verwüstungen an, welche in den Dörfern durch Brände entstehen, sowie die Machtlosigkeit, mit denen man sie versucht zu bekämpfen. Der Referent spricht sich für die Schaffung von ländlichen Feuerwehren und ihre Ausrüstung mit allen notwendigen Werkzeugen und Hilfsmitteln aus.6

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es laut Angaben der Grund- und Boden-Ordnung in Poilowo insgesamt 7302 Landstücke: davon waren 6253 7ungeeignet, 1049 geeignet. Zugeteilte Waldstücke: geeignet 648, insgesamt 659.6

Aufgrund des vorgebrachten Materials lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen: fruchtbare Böden, ein gesundes Klima, das Vorhandensein eines Wasserwegs, beharrlich-fleißiges Arbeiten der Dorfbewohner trugen dazu bei, dass sich das Dorf Poilowo zu einem Groß-Dorf mit wachsender Bevölkerung entwickelte.

II. Das Dorf Poilowo im 20. und 21. Jahrhundert

1. Der russisch-japanische und der 1. Weltkrieg

Das 20 Jahrhundert war für Russland ein äußerst schwieriges. Krieg und Revolution nahmen notgedrungen auf die ökonomische Entwicklung des Landes und auch auf das Dorf Poilowo Einfluss. Das Dorf blieb durch den russisch-japanischen Krieg, den Ersten Weltkrieg nicht verschont. Laut Angaben der Kuraginsker Heimatkundlerin A. Scharowatowa wurden aus dem Bezirk Kuragino 3500 Mann im Einberufungsalter in den russisch-japanischen Krieg mobilisiert.9 Kusma Iwanowitsch Ikonnikow, Einwohner des Dorfes Poilowo, nahm an der Mukdensker Schlacht teil, wurde verwundet und verlor ein Bein. Auch am Ersten Weltkrieg nahmen Bewohner der Ortschaft Poilowo teil. So wurden die Brüder Georgij Petrowitsch, Matwej Petrowitsch und Iwan Petrowitsch Simonow mit verschiedenen Titeln belohnt und geehrt. (In dem Buch der Kuraginsker Heimatkunde-Forscherin A. Scharowatowa lesen wir: „Die Lage der Bauern verschlechterte sich in den Jahren des Krieges. Bis zu 25% der Bauernwirtschaften blieben in der Zeit ohne Arbeitskräfte. Von jedem 4. – 5. Hof wurden die Männer in den Krieg geholt. Die Saatflächen reduzierten sich um 10-15%, und aufgrund der schlechten Bearbeitung des Bodens sanken die Ernteerträge; manche Felder wurden derart vernachlässigt, dass sie verwilderten. Es fehlte an Eisen, Kohle, Kerosin, Streichhölzern, Salz und anderen Gegenständen vorrangiger Notwendigkeit. Besonders schwer hatten es die Kinder. Viele Kinder aus armen Familien gingen überhaupt nicht in die Schule, andere hörten auf den Unterricht zu besuchen, sobald der Frost einsetzte“.9

Die Kriege zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschütterten die Ortschaft: viele Männer kamen ums Leben, manche wurden zu Invaliden. Ohne ihre Männer, mit kleinen Kindern an den Rockzipfeln fanden die Frauen nicht genügend Kraft, um ihre Hofwirtschaft zu halten, zumal ein Teil der Mittel auch noch als Steuern abgeführt werden musste.

2. Revolution und Bürgerkrieg

Auch die Revolutionsereignisse gingen nicht an Poilowo vorüber. Nachdem die Bolschewisten im Oktober 1917 an die Macht gekommen waren, veränderte sich die im Dorf bestehende Ordnung vollständig. In den Dörfern des Kuraginsker Amtsbezirks wurden von Dezember 1917 bis Juni 1918 Räte (Sowjets) geschaffen. Ein solcher Rat wurde auch in Poilowo etabliert. Zum Personalbestand des ersten Poilowsker Rats gehörten: J.I. Makarow, S.N. Krasilnikow, M.P. Simonow, P.R. Ikonnikow, D.J. Artjomow, A.K. Ikonnikow und andere. Ende 1918 fanden in den Dörfern die Wahlen der Volksvertreter für die Amtsbezirkssitzungen statt, und auf denen wurden dann die Deputierten für die Landkreise gewählt. Aus der Ortschaft Poilowo wurde G.I. Mjelnikow gewählt. Des Weiteren wurde in Poilowo ein Armenkomitee zur Unterstützung der Räte geschaffen. Man beginnt mit der Konfiszierung des Besitzes und Getreides bei den wohlhabenden Bauern. Der erste Sowjet stellte die Frage über die Neuverteilung des Ackerbodens und der Heu-Nutzflächen: man beschloss, sie im Frühjahr nach der Anzahl der Esser aufzuteilen. Kosakenschaft, Kulaken (Großbauern; Anm. d. Übers.) und ein Teil der Bauern waren mit der neuen Macht unzufrieden. Die Dorfbewohner spalteten sich in zwei Lager. Zu Beginn des Bürgerkriegs spitzte sich die Lage zu. 1918 erschienen in Poilowo Weiß-Kasaken und der Führung von Ataman Sotnikow. Folgendes erzählt darüber das Mitglied des Poilowsker Rates – Alekej Kusmitsch Ikonnikow: „Als Gerüchte laut wurden, dass Kosaken sich unserem Dorf näherten, brachen die Menschen in Panik aus, weil sie nicht wussten, was sie tun sollten und was nun werden würde. Viele verließen den Ort zu Pferde und trieben das Vieh hinter sich her, nahmen ihre Familienmitglieder und ihr häusliches Hab und Gut mit. Nur die Kosaken, Großbauern und reichen Leute warteten auf ihre Befreier, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Am nächsten Tag traf die Kosaken-Division in dem fast vollständig verlassenen Dorf ein. Es kam zu Hausdurchsuchungen, Hetzjagden, Verhaftungen, Verhören, die Ladestöcke pfiffen. Die Kosaken ließen sich auf den Höfen nieder und fingen an darin zu wirtschaften. Sie brachen die Schlösser der Scheunen, Lagerhäuser und unterirdischen Vorratskeller auf, nahmen das Viehfutter weg und Schlachten Vieh und Geflügel. In den Häusern der Reichen Leute und ihrer Anhänger wurden Festgelage abgehalten, man hörte Harmonikas spielen, es wurden Lieder gesungen“.9

Im Herbst 1919 marschierte eine Truppe Weißer unter dem Kommando von Oberst Sanin in Poilowo ein. Aufgrund einer Denunzierung des Bewohners Demin wurden 12 Einwohner verhaftet: 5 von ihnen wurden erschossen (Fjodor Chmelew, Roman Ikonnikow, die verdächtigt wurden, Verbindungen zu den Partisanen gehabt zu haben; Lawrentij Sergejew (den Starost des Dorfes; die Brüder Andrej (17 Jahre) und Pawel Leontjew wurden erschossen, weil sie mit einer roten Fahne durchs Dorf gegangen waren). Man beerdigte die Toten, nachdem die Weißen das Dorf wieder verlassen hatten. Ein Denkmal zu Ehren der Erschossenen wurde 1956 neben dem Gebäude der alten Schule errichtet.11

Ein Teil der Bevölkerung half den Trupps der Roten, die durch Poilowo kamen, mit Lebensmitteln und durch die Bereitstellung von Transportmöglichkeiten. 1919 traten 15 Poilowsker freiwillig derTruppe Schtschetinkin-Krawtschenkos bei. (K.W. Artjomow, I.W. Artjomow, D.J. Artjomow u.a.). In den Jahren des Bürgerkriegs agierte in Poilowo eine Gruppe im Untergrund; hier die Namen einiger ihrer Mitglieder: Jefim Ignatewitsch Makarow, Sergek Nikolajewitsch Krasilnikow, Andrej Chudonosow, Aleksej Kusmitsch Ikonnikow. Zahlreiche Poilowkser starben im Bürgerkrieg: die Einen standen auf der Seite der Weißen und kämpften in Sanins Truppe, die Anderen auf der Seite der Roten – sie kämpften im Trupp von Schtschetinkin-Krawtschenko.

Der Krieg kam das Land sehr teuer zu stehen. Der Schaden, welcher der Volkswirtschaft zugefügt wurde, überstieg 50 Milliarden Rubel. Die Industrie-Produktion brach im Jahre 1920 im Vergleich zu 1913 um das Siebenfache ein, die Landwirtschaftsproduktion sank um 40%. Während des Bürgerkrieges kamen mehr als 8 Millionen Menschen ums Leben – Weiße ebenso wie Rote. Die Schicksale vieler Menschen wurden zerbrochen. Verbitterung und Misstrauen lebten noch lange Zeit im Bewusstsein der Menschen weiter. Auch das Dorf Poilowo wurde von diesem Unheil nicht verschont.

2. Entwicklung des Dorfes nach dem Krieg11

Nach dem Ende des Bürgerkriegs kehrte wieder friedliches Leben ins Dorf ein. Im November 1920 entstand in der Ortschaft Poilowo eine aus 32 Personen bestehende Parteizelle. Auch eine Komsomolzen-Zelle wurde gegründet. Man weiß noch die Familiennamen der allerersten Komsomolzen:Konstantin Djatschenko, Lopatin, I. Kraitorow, Jewdokoa Simonowa,J. Artjomowa. Der Anführer war Konstantin Djatschenko. Die Komsomolzen halfen dabei, von den wohlhabenden Bauern Getreide zu konfiszieren, sie veranstalteten Konzerte, auf denen die Großbauern ausgelacht und verspottet wurden, was bei vielen Bauern großen Unmut hervorrief, so dass auf Konstantin Djatschenko mehrmals Attentate verübt wurden.

Während der Hungersnot 1921teilten die Bauern der Ortschaft Poilowo im Kuraginsker Amtsbezirk den Hungernden an der Wolga 29 Pud und 32 Pfund Weizen sowie 9 Pud und 8 Pfund Getreidekörner aus ihren Vorräten aus und sammelten außerdem noch 25925 Rubel, wenngleich sich das Dorf nach dem Bürgerkrieg selber noch nicht wieder richtig erholt hatte.11

Nach den Statistiken der Jahre 1926-1928 existierten im Poilowsker Dorfrat 351 Höfe mit 1443 Bewohnern. Im Dorf waren mehrere Mühlen in Betrieb: die von Chaluimow, Afonin, Chmelew, Kolotow – und dann noch das außerhalb des Gemeindelandes liegend Landstück der Artjomows.

Zwischen 1927 und 1929 beginnt, wie überall im ganzen Land, die Vergesellschaftung der Bauernwirtschaften. Im Dorf werden zwei Wirtschaften geschaffen: eine Genossenschaft kooperativen Typs namens „Arbeiter der Wahrheit“ mit Jakow Akimowitsch Jekimow als Vorsitzendem, und 1929 wurden dann noch die Kommune „Sowjet“ gegründet, deren Vorsitzender Grigorij Stepanowitsch Makejew war. Ihr traten vorwiegend arme, einstweilen landlose Bauern bei. Das Land wurde ihnen aus teilweise konfiszierten Wirtschaften zugeteilt.

Doch diese Wirtschaften erwiesen sich keineswegs als überlebensfähig. 1931 wurden beide Organisationen, Genossenschaft und Kommune, zur Kolchose „Rat der Arbeit“ vereint. Zu der Zeit nahm man den Großbauern und wohlhabenderen Bauern das gesamte Land und Inventar fort, was eine Verschärfung der Lage im Dorf hervorrief. Damals wurde im Dorf auch das Gotteshaus entweiht.


1931 wird die Kolchose „Rat der Arbeit“ gegründet

Die Poilowsker zeichneten sich immer durch Fleiß aus, deswegen beginnt die Kolchose sich mit aller Kraft zu entwickeln. Zwischen 1932 und 1934 tauchen in der Kolchose die ersten Lastkrafwagen auf. Dier ersten Fahrer waren Prokopij Rogowitsch, Wasilij Jarmin, Markel Kaljagin. 1937 bekamen sie den ersten Traktor. Die ersten Traktorführer waren Pawel Andrejewitsch Ikonnikow und Sergej Iwanowitsch Tatarkin. 1944 wurde ein Pferdezuchtbetrieb eingerichtet. Der erste Leiter dort war Dmitrij Iwanowitsch Faibuschewitsch. Nach dem Krieg die Dorfsiedlung Tschima an Poilowo angegliedert, die Einwohnerzahl stieg ebenso, wie die Saatflächen (5137 ha). In der Kolchose wurden 6 Brigaden mit insgesamt 614 Mitgliedern zusammengestellt. Lange Zeit arbeiteten A. Bessmertnyj (Brigade N° 1) und M. Tarasenko (Brigade N° 2) als Brigadeführer.


Mitglieder der Kolchose „Rat der Arbeit“ 1938

Das Dorf wurde auch von den Verfolgungen des Jahres 1937 gestreift. Vor allem das ruhmreiche Geschlecht war betroffen – 34 Mann wurden verfolgt. Fast vollständig mit der Wurzel ausgerottet wurden die Familien Faibuschewitsch und Aisimanow.


Aussaat in der Kolchose

Ab 1959 war G.F. Kalinin Vorsitzender der Kolchose. Zu seiner Zeit wurde, im Jahre 1966, eine Farm für Milchprodukte gebaut. In der Wirtschaft gab es 1188 Stück Hornvieh, 3111 Schafe, 197 Pferde, 360 Schweine, 13000 Stück Geflügel. Im Dorf wurden 23 Wohnhäuser sowie ein Gebäude, welches das Kolchos-Kontor beherbergen sollte, errichtet. Per 1. April 1964 zählt das Dorf 1170 Einwohner. Die Saatfläche der Ortschaft wird auf 6356 Hektar erweitert. Der materielle Wohlstand der Poilower verbessert sich.

1982 wurde die Kolchose von Nikolaj Aleksejewitsch Kowaljow geleitet, einem jungen, studierten Agronom mit guten Perspektiven. Zu Beginn der 1990er Jahre erreichte der Kolchos in seiner Entwicklung ein derartiges Niveau, dass man nicht nur im Bezirk über ihn redete, sondern in der gesamten Region. Die Zahl der Rinder war gestiegen. Man hatte hochproduktives, reinrassiges Vieh in die Kolchose gebracht, die Milcherträge stiegen, bei der Schafschur stieg die Kilo-Zahl an qualitativ hochwertiger Wolle. In diesen Jahren wurden zeitgemäße Viehställe errichtet, die mit Melkapparaturen ausgestattet wurden, es entstanden Weideplätze, Ställe für die Schafe, eine Garage, ein Wasserturm, eine Tischler-Werkstatt, in der mehr als 3000 Kubikmeter Holz erarbeitet wurden. In den 1980er Jahren verbesserten sich die Alltagsbedingungen der Kolchosarbeiter, die Straße der Jugend sowie die Neue Straße wurden gebaut, zahlreiche Privathäuser tauchten im Dorf auf. Der Arbeitslohn stieg. Die Kolchose war das wichtigste Unternehmen im Dorf, in dem ein Großteil der Bevölkerung tätig war. Zu Beginn der 1990er Jahre erzielte das Dorf hervorragende Ergebnisse.

3. Der Große Vaterländische Krieg

Der Große Vaterländische Krieg brachte großes Leid und zahlreiche Entbehrungen für die Bewohner des Dorfes Polowo mit sich. 541 Personen wurden zur Front einberufen – das waren beinahe alle verfügbaren Männer, 152 von ihnen kamen ums Leben.9 Hauptsächlich kämpften sie in der Umgebung von Stalingrad und Leningrad.Von denen, die zurückkehrten, waren viele zu Invaliden geworden (A.J. Steptschenko, A.J. Romanenko, W.D. Schmakow, J.F. Jefimenko). Bei Leningrad fielen Wasilij Jeschow, Innokentik Pawin; Dmitrij Faibuschewitsch kämpfte im Leningrader Gebiet ab 1941 bis zur Aufhebung der Blockade.12 Auch der Heimatkundler Aleksander Georgiewitsch Scharopatow war an der Leningrader Front im Einsatz und kam im Verlauf der Kämpfe durch ganz Europa.4 Die Bewohner von Poilowo arbeiteten im Hinterland selbstaufopfernd für den Sieg. Als Geschenk schickte man dem Dorf Poilowo zum 26. Oktober-Jahrestag jeweils 60 kg Honig, Butter und Trockenbrot, sowie 300 kg Mohrrüben, dabei waren viele unterernährt.1 In der Mitte des Dorfes befindet sich ein Denkmal zu Ehren derer, die im Großen Vaterländischen Krieg ihr Leben ließen.

4. Die Dorf-Verwaltung11

Vieles im Dorf hängt davon ab, wie die Administration arbeitet, wie sie die Probleme im Dorf löst. In den 1960er Jahren beginnt unter dem Dorfratsvorsitzenden I.M. Schmelew die gute Wohnkultur im Dorf. Auf Initiative des Dorfrats werden die Vorgärten eingezäunt, Blumen gesät und Bäume gepflanzt, damit das Dorf schöner wird. Von 1981 bis 1985 und 1991 bis 1995 arbeitet Raisa Dmitrijewna Markewitsch als Dorfratsvorsitzende. „Damals war der Kolchos-Vorsitzende sehr eng mit dem Leben im Dorf verbunden. Kowaljow war mir in allem behilflich und in allen Problemen, die das Dorf betrafen, auf dem Laufenden. Der Kolchos war reich. Er unterstützte die Arbeit des Kulturpalastes, half bei der Aufstellung eines Chors. Die Menschen brachten sich mit ein, begeisterten sich, es gab weniger Fälle von Trunksucht“, - erzählt Raisa Dmitrijewna.


Raisa Dmitrijewna Markewitsch

Ab 1995 steht Wasilij Grigoriewitsch Piroschkow an der Spitze der Verwaltung. Er kümmert sich um Sauberkeit und Ordnung in unserem Dorf. Die Starßen sind beleuchtet. Unter ihm wurde ein Kinder-Städtchen gebaut. Die Administration spricht sich mit dem Zentrum für Beschäftigung ab, damit für die Verschönerung der Straßen Arbeitslose eingesetzt werden können. Hilfe beim Aufbau der Wohnkultur leistet der Gouverneurskindertrupp. 2011 wurde ein Denkmal zu Ehren der verfolgten Einwohner von Poilowo errichtet. Nach den Wortend es stellvertretenden Oberhauptes der Verwaltung G.G. Plochich leben 2011 in Poilowo 823 Personen. Drei Stipendien hat die Poilowsker Verwaltung bislang gewonnen: „Den Einwohnern für Sauberkeit und Wohnkultur“ – 2008, „Kinder-Spielplatz“ – 2010 und „Straßen-Beleuchtung“. Man kann Wasilij Grigoriewitsch nur schwer an seinem Arbeitsplatz antreffen, er ist ständig unterwegs, um irgendwelche Probleme des Dorfes zu lösen. Zu einer Zeit, in der zahlreiche Ortschaften langsam verfallen, wird hier im Dorf eine Menge getan, damit es weiterlebt.


Wasilij Grigoriewitsch Piroschkow


Poilowsker Dorfrat

5. Andere Einrichtungen des Dorfes Poilowo

Auf dem Territorium des Dorfes sind auch noch andere Einrichtungen in Betrieb. Am 7. Dezember 1966 wird in den Räumlichkeiten der ehemaligen Schule der Kindergarten „Kleine Sonn“ eröffnet. Es war eine gemischte Gruppe von 25 Kindern. Die Leiterin hieß N.N. Schalomowa, die Erzieherin W.D. Tarasenko. 1976 wird ein neuer Kindergarten errichtet. Er ist einer der besten Kindergärten des Bezirks; 75 Kinder besuchen ihn.

1956 wurde im Dorf die 7-Klassen-Schule eröffnet; ihr erster Direktor war Jewgenij Trofimowitsch Prokudin, der zweite Walentin Aleksandrowitsch Borodin. 1961 wurde die Schule eine Acht-Klassen-Schule. Im Schuljahr 1962-1963 schlossen acht Schüler die 8. Klasse ab. 1965 wurde in Poilowo eine neue Oberschule gebaut. Erster Direktor der Schule war Jan Samuilowitsch Sakow. Er arbeitete dreißig Jahre als Schuldirektor. Er war ein bemerkenswerter Pädagoge, ein geachteter Mann im Dorf. An der Schule lernten damals 243 Schüler. Bis heute erinnert man sich im Dorf an Jan Samuilowitsch Sakow. Zwischen 1966 und 2009 gab die Schule 834 Reifezeugnisse aus. Derzeit gehen dort 102 Schüler zum Unterricht, als Direktorin ist dort Ljudmila Pawlowna Koweschnikow tätig.


Erster Direktor der Schule
J.S. Sakow

Im Zentrum des Dorfes befindet sich der Kultur-Palast. Nach einem Feuer im Jahre 1965 wurde er innerhalb von drei Monaten mit Hilfe der Arbeitskraft der Kolchosarbeiter wieder aufgebaut – und darauf waren sie sehr stolz. Damals spielte der Kultur-Palast eine wesentliche Rolle im Leben des Dorfes. Es gab keine Fernsehgeräte, deswegen verbrachten die Einwohner hier ihre Freizeit: sie sahen sich Kinofilme an, nahmen an Laienspiel-Kreisen teil. Der Saal war stets mit Menschen gefüllt. Heute arbeitet L.W. Wasiljewa dort als Direktorin. Es ist schwierig sich mit dem Fernsehen zu messen, aber sie versucht, hier wenigstens Festtage und Begegnungen stattfinden zu lassen.


Mitte der 1960er Jahre wird der Kultur-Palast errichtet

Die Dorf-Bibliothek eröffnete im Jahre 1920. Erster Leiter der Bibliothek war A.S. Konow. In den Jahren ihrer Existenz haben die Bibliothekare dort mehrfach gewechselt, und jeder von ihnen hat ein Stückchen seiner Seele in diese Tätigkeit gelegt. Es handelt sich um A. Artjomow, W.I. Mjelnikow, W. Osipkina, J.S. Lisanowa, T.I. Pirogowa, A.S. Pirogowa, N.W. Seljonowa, J.N. Botschkarjowa. Gegenwärtig befindet sich die Bibliothek im Gebäude des Kultur-Palasts, als Bibliothekarin ist dort Walentina Jegorowna Lisanowa tätig. 2011 zählt der Bücher-Fond mehr als 5000 Stück. 2009 feierte die Poilowsker Bibliothek den 45. Jahrestag. All diese Einrichtungen haben ihren Beitrag zur Geschichte des Dorfes Poilowo geleistet.


Die Poilowsker Bibliothek

6. Menschen, auf die das Dorf stolz sein kann

Beim Studium der Geschichte des Dorfes Poilowo lenkten wir unsere Aufmerksamkeit darauf, wie viele bekannte Leute dort gewohnt haben. Viele berühmte Leute gingen aus dem Geschlecht der Artjomows hervor – gemeint ist der Goldindustrielle I.I. Artjomow, „der sich viel Mühe damit gemacht hat, die Heilige-Dreifaltigkeitskirche im Dorf Schalobolino zu verschönern“. Mit seinen Mitteln wurden auch das Schulgebäude und das Haus der Geistlichen errichtet.2 Aus dem Geschlecht der Artjomows ging auch unser Heimatkundler G.K. Artjomow hervor, der das Buch „375 Jahre Kuragino“ schrieb. Viele Jahre stand er an der Spitze der Kreisabteilung für Volksbildung, arbeitete später als Geschichtslehrer in der Schule N° 1 der Siedlung Kuragino. Der Mechanisator der Kolchose „Rat der Arbeit“ hieß J.N. Artjomow – Held der Sozialistischen Arbeit. Er war der Sohn des berühmten Malers Semjon Aisiman, der 1904 die Kirche in der Ortschaft Schalobolino restaurierte und in Poilowo lebte. Der Heimatkundler A.G. Scharowatow wurde in Poilowo geboren, wo er auch lebte.4 Allein nach dem Krieg wurden 14 Personen mit Orden und Medaillen geehrt, und unter ihnen befand sich auch J.S. Sakow, der Schuldirektor, der das „Ehren-Abzeichen“ verliehen bekam.12 Die Poilowsker haben etwas, worauf sie stolz sein können. Sie haben mit ihrer Arbeit einen großen Beitrag zur Entwicklung ihres Dorfes und Landes beigetragen.

III. Poilowo Ende des 20. / Anfang des 21. Jahrhunderts

Ab Mitte der 1990er Jahre beginnt der Verfall des Dorfes: das Krankenhaus wird geschlossen, nach und nach bricht die Kolchose zusammen, schon bald darauf gibt es sie nicht mehr. Die Dorfbewohner wurden arbeitslos. Heute existieren in der Ortschaft 5 Farmbetriebe, doch das Problem der Arbeitslosigkeit können sie nicht lösen.

In vielen Dörfern des Bezirks wurden die Kindergärten geschlossen. Aber Dank der Bemühungen des Dorfratsvorsitzenden R.D. Markewitsch und des Schuldirektors J.S. Sakow gelang es zu erwirken, dass man eine Kindergarten-Gruppe noch behalten hat. „Wieviele Nerven, wie viel Gesundheit das kostet hat. Sie haben sogar mit Entlassung gedroht, aber der Kindergarten ist geblieben. Wenigstens für eine Gruppe, aber in anderen Dörfern sind sie ganz geschlossen worden“, - erzählt Raisa Dmitriewna.12 Im Januar 2011 kam eine zweite Gruppe hinzu. 36 Kinder besuchen den Kindergarten. Geleitet wird er von Jelena Wiktorowna Antonowa: „Ich liebe Kinder sehr. Es ist schlimm, dass nur so wenig Geld für den Unterhalt der Kinder freigegeben wird. Vieles geht zu Lasten der Eltern“.12 Tatjana Wladimirowna Solodownikowa, Erzieherin der kleinen Gruppe, berichtet: „Ich gehe mit Freude zur Arbeit. Wenn man die strahlenden Kinderaugen sieht, wenn man sieht, wie die Kinder ihre Arme nach einem ausstrecken – dann empfindet man Glück“.12 Aber es gibt in Poilowo noch 70 weitere Kinder, die ebenfalls eine Vorschul-Erziehung brauchen.

In unserem Dorf ist eine Arzthelferinnen- und Hebammen-Stelle in Betrieb, die keine Lizenz besitzt und der Bevölkerung nur wenige medizinische Dienste erweisen kann; daher müssen die Leute ins Bezirkskrankenhaus fahren und dort lange Zeit in einer endlosen Warteschlange ausharren. Es gibt für die medizinische Hilfsstelle noch nicht einmal separate Räumlichkeiten.

Drei Tage in der Woche ist das Postamt in Betrieb. „Früher abonnierten die Leute viele Zeitungen, Zeitschriften; da musste ich zweimal zur Post zurückkehren, um rechtzeitig alles zuzustellen“, - berichtet der Dorf-Briefträger. Heute werden bei der Post Lebens- und Waschmittel verkauft.

Das Dorf Poilowo macht schwere Zeiten durch. Die Leute sind weiter arbeitslos. Die Jugend verlässt den Ort, die Bevölkerungszahl nimmt ab. Auch junge Familienwandern in Städte oder Ortschaften ab, in denen sie Arbeit finden können. Und an ihre Stelle treten Leute aus der Stadt, häufig nicht sehr bodenständige Menschen, denen es materiell nicht gut geht, die nicht arbeiten und von Sozialhilfe leben. Sie haben im Dorf nichts gebaut, nichts geschaffen – und sie besitzen hier auch keine Wurzeln. Alkoholismus ist in der Ortschaft verbreitet, manche verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Schnaps. Unter den Jugendlichen gibt es Drogensüchtige. Die Hälfte des Bodens ist nicht bearbeitet. „Die Arbeit gestaltet sich jetzt schwieriger. Es gibt zu viele arbeitslose, verarmte Familien. Daher die ganze Verbitterung, Gehässigkeiten und Neid, - sagt Raisa Dmitriewna, Vorsitzende des Veteranenrats. Sie leistet im Dorf große Arbeit in Sachen patriotischer Erziehung, organisiert gemeinsam mit der Schule Begegnungen mit Kriegsveteranen, bekannten Menschen. „Die Menschen sind nicht mehr so, wie sie einmal waren. Sie werfen ihren Müll in die Straßen, in den Wald“, berichtet der Dorfratssekretär G.G. Plochich.12 „Viele wollen gar nicht arbeiten; sie haben begriffen, dass man auf Kosten der Sozial- und Arbeitslosenhilfe leben kann“, - fährt Wasilij Grigoriewitsch fort. Viele Einwohner sind im Hinblick auf dieses Problem beunruhigt, denn unter solchen Bedingungen könnte das Dorf Poilowo aufhören zu existieren, vielleicht schwindet die Erinnerung an seine Bewohner, die viel Kraft und Mühe aufgewendet haben, um es aufblühen zu lassen; die Geschichte des Dorfes wird verschwinden, wie es bereits mit vielen Dörfern im Bezirk Kuragino geschehen ist.

Hier eine Befragung der Dorfbewohner verschiedener Altersgruppen (jeweils 10 Personen pro Gruppe).

¹ Fragen  Älter als 50 Jahre 30 bis 50  14 bis 30
    Ja Nein  Ja Nein Ja nein
1.  Fühlen Sie sich mit dem Dorf Poilowo verbunden? 10 0 7 3 4 6
2  Würden Sie das Dorf irgendwann verlassen? 0  10 5  5 9  1
3  Sollte man die Geschichte des Dorfes Poilowo bewahren? 10 0 8 2 8 2

Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass die älteste Gruppe der Befragten sich zu 100% mit dem Dorf verbunden fühlt (die kleine Heimat, hier bin ich aufgewachsen, hier ist einem alles lieb und teuer), niemand möchte es verlassen (wo könnte es schöner sein, das Herz hängt doch hier am Dorf, jeden einzelnen Stein hat man lieb gewonnen), zu 100% wertschätzen sie die Geschichte des Dorfes (dass wir nicht umsonst gelebt haben und nicht alles verschwindet).

In der mittleren Gruppe fühlten sich 70% mit dem Dorf verbunden, 50% würden es jedoch gern verlassen (hier gibt es keine Arbeit; das Leben ist schwierig; die Kinder können es zu nichts bringen), d.h. sie nennen Gründe von wirtschaftlichem Charakter. Allerdings möchten 80% die Erinnerung an das Dorf, seine Geschichte, bewahren (schließlich haben hier unsere Eltern gelebt, und wir hängen auch selber an dem Dorf).

Die jüngste Gruppe fühlt sich zu 60% nicht mit dem Dorf verbunden (woran soll man hier hängen; hier gibt es ja nicht einmal eine Beschäftigung; keinerlei Perspektiven; Armut und Elend). 90% der Befragten aus dieser Gruppe möchten das Dorf verlassen (es ist vom Schicksal gezeichnet; niemand braucht das Dorf; die Leute arbeiten hier wie Knechte im Schmutz). Aber 80% hängen dennoch an der Geschichte des Dorfes (die Leute leben nicht umsonst hier; das geht doch nicht, man muss die Geschichte des Dorfes bewahren).

Schlussfolgerung: die bedeutende Mehrheit der Poilower schätzt die Geschichte ihres Dorfes. Die Erinnerung an das Dorf – das sind unsere Wurzeln. Wer sind wir? Woher kommen wir? Während wir an dem Thema arbeiteten, nahmen wir auch Kontakt mit anderen Dorfbewohnern auf und stellten fest, dass sie im Wesentlichen ihre Geschichte gut kennen; sie teilten mit uns ihre Erinnerungen, gaben uns Einblick in ihre Familienarchive, wollten wissen, wie wir mit unserer Arbeit vorankämen. Für solche Menschen ist die Erinnerung an ihr Dorf, an seine Bewohner notwendig.

Schlussbemerkung

Poilowo ist ein altehrwürdiges Dorf. Es ist fast dreihundert Jahre alt. Es besitzt eine reiche Geschichte. Wir verfolgten einige Etappen in der Entwicklung des Dorfes: Poilowo im 18. und 19. Jahrhundert – der Zeitraum der Gründung und Entwicklung des Dorfes bis zur Revolution. Poilowo im 20. Jahrhundert – Kriege, Revolution. Kollektivierung, die 1990er Jahre und unsere Tage. In unserer Arbeit studierten wir seine Blüte und seinen Verfall. All diese Ereignisse hängen mit der Geschichte des Landes zusammen. Viele Generationen haben sich für das Gedeihen des Dorfes abgemüht. Sie mussten neue Ländereien erschließen und urbar machen, sich an neue Lebensbedingungen anpassen. Sie bauten ein blühendes Dorf auf. Die Einwohner von Poilowo sind fleißige und einfühlsame Leute, die ihre Region lieb gewonnen haben.

Jetzt erlebt das Dorf eine schreckliche Zeit: Arbeitslosigkeit, ungewisse Zukunft, Armut. Was für eine Zukunft erwartet es?


Bald wird das Dorf 300 Jahre alt.
Werden unser Dorf und die Erinnerung daran erhalten bleiben?

Literatur-Angaben

1. G. Artjeomow. 375 Jahre Kuragino. – Abakan, 2001. S. 107.
2. A. Aisiman. Was hat die Geschichte meiner Familie mir eröffnet? – Schalobolino, Wissenschaftliche Schul-Gesellschaft Studierender „Akademik“, städtische budgetierte Bildungseinrichtung Oberschule N° 18.
3. Die Geschichte Sibiriens. Verlag „Wissenschaft“, Leningrad, - 1968. Bd. 5. S. 210-215.
4. A.J. Kaljuga. Kuraginsker Naturtalent. //: Martjanowsker Heimatkunde-Lesungen. (2008=2009). Ausgabe VI. – Minusinsk, 2010. – S. 335-337.
5. Kurzbeschreibung der Gemeinden des Jenisejsker Bistums. Nachdruck, 1916.
6. J. Pawin. Vortrag beim Minusinsker Landkreis-Komitee .- Martjanowsker Museum. – 1890, S. 271-272, S. 338-339.
7. A. Stateinow. Die ersten Jahrzehnte in der Jenisej-Region. Verlag „Buchstabe C“, Krasnopjarsk, 2010, S. 217-218.
8. J.W. Samrina. Faktoren der Anpassung russischer Alteingesessener auf dem Territorium des Chakasso-Minusinsker Talkessels in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zum ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. – Jenisejsker Provinz. Almanach N° 5: Krasnojarsk, 2010, S. 75-80.
9. A.G. Scharopatow. „Die Geschichte des Kuraginsker Bezirks“, Kuragino, 2007.
10. Krasnojarsker Umland: fünf Jahrhunderte Geschichte. Lehrmittel zur Heimatkunde. Krasnojarsk. Firma „Platina“, 2005, S. 144-148.
11. Archive der Poilowsker Schule. Fotografien, Materialien.
12. Interviews mit R.D. Markewitsch, W.G. Piroschkow, G.G. Plochich, A.W. Antonowa, G.K. Artjomow, T.W. Solodownikowa.
13. Die Frühlingszeiten sterben nicht. Nach Materialien der Bezirkszeitung „Tubinsker Nachrichten“, Abakan, 2005, S. 35.


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