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Es ist nicht eure Schuld! Aber es ist euer Elend!

Bildungsbehörde der Bezirksverwaltung Karatus
Allgemeinbildende Einrichtung „Oberschule Katschul

Forschungsarbeit

Autor:
Artjom Maslov – 9. Klasse

Leitung:
W.P. Polewa – Lehrerin

„Wer die Vergangenheit nicht ehrt, der verliert die Zukunft!“

Ja, man kann in drückender Hitze, bei Gewitter und bei Frost leben.
Ja, man kann hungern und frieren,
In den Tod gehen … Aber diese drei Birken …
Darf man zu Lebzeiten niemals an jemanden abgeben.
(K. Simonow)

Der Mensch wurde zu dem Zweck geschaffen, dass er seine primäre Aufgabe erfüllt, günstige Bedingungen für seine eigene Existenz zu erarbeiten: lange und komfortabel zu leben, seine Nachkommenschaft hervorzubringen und großzuziehen, seinen Status und seine Sicherheit zu erhalten, seine kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen. Allerdings wird das durch Kriege gestört, die ohne sein Wissen und ohne sein Einverständnis angefangen werden. Sie bringen den Menschen Trennung, Leiden, Qualen, den Tod. So war es auch für Millionen von Sowjetdeutschen, als der Große Vaterländische Krieg ausbrach.

Niemand möchte den Krieg. Aber im Verlauf tausender Jahre haben Menschen gelitten, sind umgekommen, haben andere zugrunde gerichtet, gebrandschatzt und zerstört. Kämpfen, in Besitz nehmen, vernichten, etwas an sich reißen – das alles ist in gierigen Köpfen entstanden, und das nicht nur in längst vergangenen Jahrhunderten, sondern bis hin in unsere heutige Zeit. Eine Kraft stieß auf die andere. Die einen griffen an und plünderten, die anderen verteidigten sich und versuchten das Ihre zu schützen und zu verteidigen. Und während dieses Widerstandes musste jeder zeigen, wozu er fähig war.

Eine der tragischen Seiten dieses Krieges wurde die Gefangenschaft. Gefangenschaft – das sind nicht nur extreme Bedingungen, in die die Kämpfer gerieten, es ist vielmehr eine menschliche Tragödie. Indem jemand in Gefangenschaft gerät, verliert er das Wertvollste in seinem Leben – die Freiheit. Sein Leben und die ganze Zukunft hängen nun ausschließlich von denen ab, die ihn gefangen genommen haben. Nur wenigen in Gefangenschaft befindlichen Menschen war das Schicksal günstig gewogen. Viele, die das Glück hatten, aus der Gefangenschaft zurückkehren zu können, erinnern sich mit schmerzender Seele an das Leben im Kriegsgefangenenlager. Der sehnlichste Wunsch eines jeden Kriegsgefangenen – so schnell wie möglich wieder in die Freiheit zu gelangen.

Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen – ist eine der dunkelsten und grausamsten Seiten des Zweiten Weltkrieges.

Beginn

Ich erzähle von den Schicksalserprobungen, die auf das Los meines Urgroßvaters Nikolaj Dmitrijewitsch Tarakanow entfielen.

Die Vorfahren des Urgroßvaters mütterlicherseits, die Udalows, trafen aus dem Gouvernement Tambow in Katschulka, Bezirk Karatus, ein.

Per Erlass des General-Gouverneurs in Sibirien, M.M. Speranskij, aus dem Jahre 1822 wurde es den Bauern aller anderen Gouvernements gestattet, in sibirische Gebiete umzusiedeln.

Die Umsiedler waren bemüht, sich ihre Äcker auf Waldwiesen mit spärlichem Lärchenwaldbewuchs zuzulegen, in sogenannten taiganahen Gegenden.

Eine Besonderheit bildete der Minusinsker Talkessel, in dem bedeutende Steppenflächen von Bergwäldern umgeben waren.

Die Zeitung „Ost-Übersicht“ berichtete davon, dass Bauern aus dem Tambowsker Gouvernement, die im Umkreis von Minusinsk nach geeigneten Ackerböden suchen wollten, am 2. Juli 1885 in den Straßen von Minusinsk „ihre Hüte abnahmen, sich verbeugten und jeden Entgegenkommenden mit der Bitte ansprachen, ihnen doch zu zeigen, wohin sie gehen sollten, um freie Staatsböden ausfindig zu machen“. Schließlich, nach langer Such und endlosem Herumfragen, trennten die Umsiedler sich und gingen in einzelnen Familien fort – in die alteingesessenen Dörfer der Jermakowsker, Schuschensker und Sagajsker Amtsbezirke.

Laut den Ergebnissen der Allgemeinen Volkszählung innerhalb der Bevölkerung des russischen Imperiums aus dem Jahre 1987 lebten im Jenisejsker Gouvernement 570161 Menschen, darunter 153970, die ursprünglich aus anderen Gegenden stammten – das waren 26,95% der Gesamtbevölkerung.

Unter den sibirischen Umsiedlern befanden sich hauptsächlich Zugereiste aus den am meisten von der Agrarkrise heimgesuchten Gouvernements – 32,2 Tsd. Personen aus dem Zentralen Schwarzerde-Gebiet (Tambow – 6,4%, Pensa – 3,4%, Kursk – 2,8%, Orlow – 2,6%, Rjasan – 1,9%)…

Zwischen 1906 und 1916 hatten sich in der Region 131185 Personen niedergelassen, wobei die Höchstzahl der Zugewanderten im Jahre 1910 erreicht wurde (21203 Personen).

Auf diese Weise kam es Ende des 19. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem intensiven Anstieg der Bevölkerung in den südlichen und zentralen Gebieten des Jenisejsker Gouvernements, wozu in einem nicht geringen Maße die Umsiedlungspolitik der russischen Regierung in den Jahren 1880-1910 beitrug (N.A. Baranzewa. Die Umsiedlung in das Jenisejsker Gouvernement in der zweiten Hälfte des 19. – Beginn des 20. Jahrhunderts: ethnosoziale und demographische Aspekte).

Lukeria Petrowna Udalowa heiratete einen gewissen Dmitrij Tarakanow. Der Urgroßvater weiß nicht, woher die Tarakanows nach Katschulka kamen, aber er sagt, dass sie hiesige Tataren gewesen seien. Auch an seinen Großvater kann er sich nur wenig erinnern, denn Dmitrij Tarakanow starb, als Nikolaj 12 Jahre alt war. Dmitrij arbeitete als Umherreisender für die Bewachung der Aussaat vor Diebstahl und Veruntreuung. Einmal, im Herbst, fuhr Dmitrij, nachdem er sich gewaschen hatte, zur Arbeit. In der Nacht schlief er auf dem Feld ein und zog sich eine Erkältung zu. Als er nach Hause kam, bat er seine Frau, das Bad für ihn einzuheizen, um sich wieder aufzuwärmen. Das Bad wurde sehr heiß, und sie gaben auch noch Rettich mithinein – zum Einreiben. Sie behandelten sich so, wie sie es selber konnten, einen Arzt gab es nicht. Eine Zeitlang schlug er sich im Dampfbad mit Birkenbesen, ging dann nach Hause, schlief ein und wachte am nächsten Morgen gelähmt auf; er konnte auch nicht mehr sprechen. Kurz darauf starb er. Das war 1933. Er hinterließ Mutter Lukeria Petrowna mit 7 Kindern (3 Jungen und 4 Mädchen). Vier der Kinder waren gemeinsame – Alisia (geb. 1919), Nikolaj (geb. 1921), Anna (geb. 1924) und Michail (geb. 1924. Die anderen drei waren Stiefkinder aus den ersten Ehen. Der Urgroßvater hat die Familie in sehr guter Erinnerung.

Da er der Älteste war, musste Nikolaj das Lernen in der Schule aufgeben und in der Kolchose arbeiten. Die Arbeit für 12-jährige fand hauptsächlich im Sommer statt: sie pflügten und eggten mit Pferden und transportierten während der Heumahd die Hocken. Sie arbeiteten von Sonnenaufgang bis zum späten Abend. Untergebracht waren sie in Feldlagern.

Nikolaj fiel als fleißiger Arbeiter auf, und so schickte man ihn zur Feuerwehr. Die Tätigkeit dort war kompliziert, aber interessant. Zum Löschen von Bränden gab es eine Auswahl an Ausrüstungsgegenständen sowie Pferde. Die Pferde mussten eine lange Ausbildung durchmachen, bevor sie zu den Löscharbeiten mit herangezogen werden konnten. Das Pferd musste auf Kommando eines Feuerwehrmannes unverzüglich zum Fuhrwerk oder Schlitten laufen, auf dem man ein großes Fass mit Wasser unterbrachte. Dann wurde das Tier in aller Eile eingespannt und man fuhr los, um das Feuer zu löschen. Bevor er zur Armee kam, arbeitete Nikolaj Dmitrijewitsch als Feuerwehrmann.

Die Armeezeit

Am 19. April 1941 brachten sie den Einberufungsbescheid für den Dienst in der Berufsarmee.

Berufsarmee – ständige reguläre Armee, welche von den Staaten zu Friedenszeiten mit gekürztem Personalbestand unterhalten wird.
(Großes enzyklopädisches Wörterbuch)

Er machte sich bereit und fuhr in das Dorf Karatuskoje im Bezirk Karatus (30 km). Von Karatuskoje wurden die Einberufenen mit Pferden in die Stadt Abakan, Republik Chakassien (120 km) gebracht. Sie mussten nicht lange auf den Zug warten, und dann ging es weiter in die West-Ukraine. Sie waren etwa 5-6 Tage unterwegs, bis sie schließlich nach Schitomir gelangten.

Damit begann der Wehrdienst.

Und hier, in der Ukraine, weit entfernt von der Heimat, erinnerte er sich plötzlich an sein Dörfchen, das ganz im Grün versunken und wo ein Teil seines Herzens geblieben war.

Es waren bereits zwei Monate vergangen, seit er sich in Schitomir befand, als plötzlich der Befehl über den Einsatz im Artillerie-Regiment verlesen wurde, das sich in einem Kiefernwäldchen, in sechs Kilometer Entfernung von der Stadt Luzk befand.

Am 18. Juni wurde eine Gruppe aus etwas kräftigeren Soldaten zusammengestellt und nach Luzk geschickt. Am 21. Juni trafen sie an Ort und Stelle ein. (Die Stadt befand sich an der westukrainischen Grenze. Möglicherweise sollten auf sowjetischer Seite die Grenzbefestigungen verstärkt werden). Auf der kleinen Bahnstation der Stadt Luzk wurden die sieben Soldaten von einem Hauptfeldwebel in Empfang genommen, der sie zum Waffendepot führte, wo der Truppenteil stationiert war. AN ihrem Bestimmungsort trafen sie um fünf Uhr abends ein. Es war Samstag. Ermüdet von der langen Reise ruhten sich die Soldaten ein wenig aus. Die älteren Dienstränge begaben sich ins Kino. Die Rekruten saßen beieinander und unterhielten sich leise, dachten an ihre Lieben und die ihnen Nahestehenden, planten ihre Briefe, die sie bald nach Hause schreiben wollten. Nikolaj wollte gleich am nächsten Morgen schreiben. Er genoss den Anblick der Natur, lauschte dem Gesang der Vögel, alles um ihn herum erinnerte ihn an das vertraute Sibirien, so dass es ihm ein wenig leichter und fröhlicher ums Herz war.

Um 23 Uhr erging der Befehl „Zapfenstreich“. Als sie sich alle in ihren Zelten niedergelassen und fest eingeschlafen waren, konnte noch niemand ahnen, dass dies ihre letzten friedlichen Stunden vor dem Ausbruch des Krieges sein sollten.

Der Krieg

Im Morgengrauen des 22. Juni, einem der längsten Tage des Jahres, begann Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion. Um 3.30h wurden Teile der Roten Armee von deutschen Truppen entlang der gesamten Grenze angegriffen. In der frühen Morgendämmerung des 22. Juni 1941 bemerkten nächtliche Patrouillen und Spähtrupps der Grenzsoldaten, welche die westliche Staatsgrenze des sowjetischen Landes kontrollierten, eine merkwürdige Himmelserscheinung. (Gemäß dem Plan für die Verteidigung der Staatsgrenze der UdSSR, der im Februar 1941 erarbeitet und von der Regierung verabschiedet worden war, wurde in den Monaten Mai-Juni mit Mobilisationsmaßnahmen begonnen, allerdings war der strategische Aufmarsch der Truppen zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls noch nicht abgeschlossen. Auf den mehrfachen unterbreiteten Vorschlag G.K. Schukows, die Grenztruppen in ständige Kampfbereitschaft zu versetzen, hatte Stalin mit einer beharrlichen Weigerung reagiert. Erst am Abend des 21. Juni, nachdem er die Information eines Überläufers darüber erhalten hatte, dass die deutschen Truppen im Morgengrauen damit beginnen würden die UdSSR zu überfallen, sandte das Oberste Kommando die Direktive N° 1 in die grenznahem Gebiete – mit der Anweisung, die Einheiten in sofortige Kampfbereitschaft zu versetzen. Wie eine Analyse dieser Direktive bestätigt, enthielt sie keine konkreten Anweisungen an die Truppen und ließ sogar unterschiedliche Interpretationen einzelner Punkte zu, was unter Kriegsbedingungen absolut unzulässig ist. Außerdem wurde die Direktive den Truppen erst mit erheblicher Verspätung zugestellt: einige grenznahe Regionen, die die ersten militärischen Schläge des Feindes abbekommen hatten, erhielten sie gar nicht erst. Dort, weit voraus, hinter der Grenzlinie, über dem von Hitlers Soldaten eroberten polnischen Boden, weit hinten im Westen, wo sich gerade der Himmel im Morgengrauen erhellte und die Sterne anfingen, in der kürzesten Nacht des Jahres langsam zu verblassen, tauchten urplötzlich neue, völlig unerwartete Sterne auf… Die deutsche Luftwaffe und ihre Artillerie übten auf die Sowjetunion gleichzeitig, im gesamten Verlauf der Staatsgrenze der UdSSR – von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer - einen Massenangriff aus (Webseite otvoyna.ru/voina.htm).

Urplötzlich, um vier Uhr morgens erwachten alle durch heftige Explosionen und Lärm. In der Ferne sah man einen Schein am Himmel. Luzk und der Flugplatz wurden bombardiert. Alle rannten los, denn sie wussten wohin. Nur die Rekruten standen verwirrt da. Alles geriet durcheinander.

- Wir sprangen auf und wussten nicht wohin. Alle schreien: „Krieg! Krieg!“

Der Kommandeur kommt angelaufen und fragt:

- Aus welcher Kompanie?

- Aus der vierten!

- Batterie?

- Siebzehnte!

- Folgt mir!

Und die frisch einberufenen Rekruten laufen hinter dem Kommandeur her.

Sie marschierten etwa eineinhalb Kilometer. In dem Kiefernwäldchen standen Lagerhäuser, Kanonen. Sie erhielten militärische Ausrüstung und dann ging es auf in den Kampf. Sie nahmen ihre Position 35 km von der Stadt entfernt ein, wo sie dem Sturmangriff des Feindes drei Tage lang standhielten. Am vierten Tag, als sie bereits umzingelt waren, bezog die Flak-Artillerie ihre Kampfstellung, und sie konnten sich einen weiteren Tag und eine weitere Nacht der stetig zunehmenden Zahl der Gegner erwehren. Die Streitkräfte waren ungleich, und so wurde schließlich der Befehl erteilt, nach Luzk zurückzugehen (das Wort zurückweichen wurde nicht ausgesprochen, denn das wäre eine Schande gewesen). Um der Umzingelung zu entkommen gab es nur einen Weg – die Pinskische Sümpfe.

Pinskische Sümpfe (Pripjet-Sümpfe, Polesische Sümpfe) – Sumpfgebiete in der Flußau und der ersten überfluteten Auenterrasse des Pripjet, die im Norden des Territoriums der heutigen Ukraine entlang des Pripjetflusses und seiner Zuflüsse gelegen sind, sowie auf dem Gebiet Weißrusslands von Brest bis Luninza. Die Sumpffläche beträgt ungefähr 98419,5 Quadrat-kilometer. (Wikipedia).

28 Tage lang durchstreiften sie die Pinskischen Sümpfe. Endlich kamen sie aus der Umzingel heraus, vereinten sich mit ihren Truppenteilen und traten sogleich ins Kampfgetümmel ein. Nachdem sie die Desna überquert hatten, erhielt ihre Flak-Artillerie die Aufgabe, die Eisenbahnbrücke über den Pripjet zu bewachen, über die unsere Truppen zurückgewichen waren. Nikolaj war dort Richtschütze. Die Deutschen hatten ihre eigene Taktik. Jeden Tag, ab sechs Uhr morgens, begannen sie mit ihren Fliegerangriffen. Die Bombardierungen hörten um 10 Uhr abends auf. Für einen Angriff flogen 26 Bomber in Begleitung von 4-6 Flugzeugen vom Typ Messerschmidt. Die sowjetischen Truppen erwehrten sich der Angriffe von allen Seiten. Beim nächsten Angriff der deutschen Bomber wurden zwei von ihnen abgeschossen. In der Luft flogen zu dem Zeitpunkt ausschließlich Projektile herum. Innerhalb eines Tages flogen die Faschisten 8 Fliegerangriffe, und so ging es jeden Tag. Aber die Flak-Artilleristen kämpften bei der Verteidigung ihrer Position auf Leben und Tod.

Das letzte Gefecht war besonders schwer. Es gab hohe Verluste. Kommandeur sagte: „Entweder gehen wir aus diesem Kampf als Helden hervor oder sie werden uns bis auf den letzten Mann schlagen!“ Den Pionieren wurde befohlen die Brücke zu verminen. Nach dem Rückzug wurde die Brücke gesprengt. Der Kommandeur versprach, alle an dieser Schlacht Beteiligten für eine Auszeichnung vorzuschlagen.

Aber was die Soldaten, während sie zurückwichen, sahen, war einfach schrecklich. Menschen, Fahrzeuge, Pferde, Fuhrwerke – alles war dem Erdboden gleichgemacht.

Nahe Tschernigow gerieten sie in eine Umzingelung (In der Nacht auf den 9. September 1941 eroberten Hitlers Soldaten nach tagelangen Kämpfen die Stadt Tschernigow. Es begann eine zweijährige Okkupation durch die faschistischen Truppen, die von Massen-Erschießungen, Raubüberfällen und der Verschickung friedlicher Staatsbürger zur Zwangsarbeit in Deutschland begleitet war… Während der Besatzung vernichteten Hitlers Soldaten in der Stadt sowie in den Vororten 52500 friedfertige Einwohner und gefangen genommene Rotarmisten.) (Wikipedia).

Aber die Hoffnung darauf, sich zu den eigenen Soldaten durchschlagen zu können, wurde niemals aufgegeben. Dann kam der Durchbruch. Sie durchbrachen die Umzingelung und vereinten sich mit ihren Truppenteilen. 280 Deutsche wurden gefangen genommen. In einem der Kämpfe, am 16. September 1941, wurde beinahe die gesamte Truppe der Flak-Artilleristen vernichtet. In diesem Gefecht erlitt Nikolaj Dmitrijewitsch Tarakanow schwere Verwundungen an Bein, Arm und Kopf. Als er die Besinnung wiedererlangt, sieht er neben sich seinen Freund Michail, der ihn stützt. Furchtbare Kopfschmerzen, Lärm- Dröhnen in den Ohren, die Nase zerfetzt, im Mund der Geschmack von frischem Blut. Sie fuhren bis ins nächste Dorf, wo sie einen Sanitätslastwagen anhielten und Nikolaj einluden. Dort wurde er verbunden, während neben ihm andere Verwundete stöhnten; einer von ihnen hatte Durst und bat um Wasser. Trotz der heftigen Schmerzen, war Nikolaj im innersten seiner Seele froh, dass er am Leben geblieben war…

So gelangte er ins Pirjatinscker Hospital. Nachdem der Doktor ihm die Nase wieder zurechtgeflickt hatte, beruhigte er ihn mit den Worten: - Alles wird wieder gut, eines Tages werden dir die Mädels noch hinterherlaufen!

Draußen herrschte trübes Herbstwetter, die Zeit im Krankenbett verrann nur langsam. Der Arzt. Indessen setzte der Feind seine Angriffe fort, die Verwundeten wurden auf ihre Evakuierung vorbereitet, aber es war schon zu spät …

(Ungeachtet des beharrlichen Widerstandes der sowjetischen Truppen und der erbitterten Kämpfe im Zentrum und in einzelnen Bezirken, wurde die Stadt Charkow am 24.-25. Oktober von den deutschen Truppen erobert (und von der Roten Arbeiter- und Bauernarmee endgültig am 25. Oktober um 22.30h aufgegeben). Das 55. Armeekorps unter dem Kommando von General Erwin Vierow, das sich an der Flanke der deutschen 6. Armee befand, umzingelte Charkow von beiden Seiten und zwang d8ie sowjetischen Truppen die Stadt zu verlassen).

Gefangenschaft

Die Deutschen besetzten die Stadt (Charkower Umzingelung). So geriet der Urgroßvater in Gefangenschaft. Die Verwundeten und das medizinische Personal wurden von den Deutschen nicht angetastet; sie gaben ihnen vielmehr die Möglichkeit sich auszukurieren. Die Ärzte waren bemüht, die genesenen, wiederhergestellten Soldaten so lange es ging im Hospital zu behalten, aber eines Tages, im Janua4r 1942, wurden dann doch alle, die laufen konnten, gen Westen getrieben. Bekleidet mit Militärhemden, Uniformmänteln, Stiefeln aus grobem Schweineleder, die ihrer Größe nicht entsprachen, liefen die noch vollkommen geschwächten Soldaten täglich zwischen 30 und 40 Kilometer. Begleitet und bewacht wurden sie von Deutschen zu Pferde und mit Hunden. Übernachten mussten sie in irgendwelchen Scheunen, und am Morgen bekamen sie 70 Gramm Brot und heißes Wasser. Wenn einer nicht mehr weiterkonnte, wurde er niedergeschossen, 4-5 Mann pro Tag. Der Urgroßvater litt nach seiner Verwundung an einem heftig schmerzenden Bein. Es kam vor, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, um noch einen Schritt weiter zu gehen, aber er musste durchhalten, überleben, und um durch eine verirrte Kugel zu sterben war es niemals zu spät. Sie waren nicht nur eine Woche unterwegs.

Einmal beschlossen sieben Gefangene ihre Flucht zu organisieren. Es war ein trüber Tag, es regnete, die Menschen bewegten sich nur mit Mühe vorwärts, ihre Füße versanken im aufgeweichten Boden. Die hungrigen, müden, frierenden Gefangenen schafften es kaum bis zu ihrem Nachtlager. – Ich werde trotzdem fliehen, ich kann nicht mehr, - entschied Nikolaj. Es gab noch vier weitere Gefangene, die mitmachen wollten. Nachdem die Deutschen alle zum Übernachten in die Scheune getrieben hatten, gingen auch sie schlafen; ihre Hunde nahmen sie mit. Als alles ruhig geworden war, drückten die Gefangenen in aller Eile die Wandbretter der Scheune auseinander und rannten zunächst im Laufschritt fort, später bewegten sie sich kriechend vorwärts. Nachdem sie sicher sein konnten, dass ihnen niemand auf den Fersen war, liefen sie in den Wald und bahnten sich dort ihren Weg durch das Dickicht. Am Morgen gelangten sie in ein nahegelegenes Dorf. Dort sahen sie einen Jungen, den sie in allen Einzelheiten ausfragten; Deutsche befanden sich hier zum Glück nicht. Sie besorgten sich bei den Dorfbewohnern ein paar Lebensmittel und setzten dann ihren Weg in Richtung Eisenbahn-Ausweichgleis fort, wo gerade Güterwaggons mit Rüben beladen wurden. Dort stand ein kleines Haus, in dem eine gutmütige, ältere Frau lebte, die unsere Kämpfer dann auch bereitwillig bei sich unterbrachte. Der Urgroßvater und die anderen Geflohenen luden die Rüben mit auf, halfen in der Hofwirtschaft, und es hatte den Anschein, als ob sie niemandem sonderlich auffielen… Zwei Wochen später waren Angehörige der Polizeitruppen hinter ihnen her (jemand hatte sie verraten) und trieb sie unter den Hieben von Gewehrkolben zur Kommandantur, wo sich bereits etwa 40 Personen befanden. Fünf von ihnen wurden bei dem Versuch zu fliehen erschossen. Zwei, unter ihnen auch mein Urgroßvater, wurden weggebracht und in einem Kellerraum eingesperrt. In dieser Nacht flüchtete der Urgroßvater zusammen mit zwei Kameraden ein weiteres Mal; aber sie wurden erneut aufgegriffen, diesmal von anderen Polizisten. Es gelang ihnen, die erste Flucht geheim zu halten, sonst wären sie alle erschossen worden. Am nächsten Morgen mussten alle in ein Auto einsteigen, das sie mehrere Kilometer weit fortbrachte; anschließend brachte man sie zu Fuß bis zur Stadt Chorol.

1942 wurden sie nach Polen, in ein Örtchen namens Siedlec getrieben.
Sedlez, poln. Siedlec, Schedlitz) – Stadt im Osten Polens (Wojewodschaft Masowjetzki), Entfernung zu Warschau – ungefähr 90 Kilometer. Siedlec ist Verwaltungszentrum des Powiat (Landkreis) Siedlec, ist jedoch nicht Bestandteil des Landkreises; die Stadt besitzt ihren eigenen Stadtstatus.
Die Stadtfläche umfasst 32 km2. Bevölkerungszahl: über 77000 (2006). (Wikipedia)

Es gab etwa 15000 Kriegsgefangene. Im Konzentrationslager für Kriegsgefangene hängten sie dem Urgroßvater, ebenso wie den anderen, eine Erkennungsmarke um den Hals – 6824 – so lautete sein Nachname, Vorname, Vatersname bis zum Ende des Krieges. Das Konzentrationslager war von drei Reihen Stacheldraht umgeben und wurde an jeder Ecke von MP- und MG-Schützen bewacht. Wenn die Kriegsgefangenen sich auf 25 m der Einzäunung näherten, wurden sie erschossen. Einmal stieß ein Deutscher einem Matrosen mit dem Bajonett vor die Brust, worauf dieser mit einem Faustschlag reagierte, aber kurz danach wurde er von einigen Wachleuten schwer zusammengeschlagen. Sieben Gefangenen gelang es, durch ein Abflussrohr aus dem Lager zu fliehen, aber sie wurden sogleich aufgegriffen, ins Lager zurückgebracht und vor aller Augen erschossen. Die gedemütigten und schwer gekränkten Ukrainer, Weißrussen und Russen konnten ihren Kameraden nicht helfen; sie standen aufgereiht dabei, schweigend und die Zähne zusammenpressend.

Auszug aus der Anordnung des obersten Befehlshabers der Wehrmacht über den Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen – mit beigefügtem „Merkblatt zur Bewachung sowjetischer Kriegsgefangener“:

„… Der Bolschewismus – ist der tödliche Feind des nationalsozialistischen Deutschlands. Zum ersten Mal steht der Gegner vor den deutschen Soldaten, der nicht nur als Soldat, sondern auch in politischer Hinsicht im Sinne des Bolschewismus ausgebildet ist. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er führt ihn, wobei er sich beliebiger Mittel bedient: Sabotage, subversive Propaganda, Brandstiftung, Mord. Daher hat der bolschewistische Soldat das Recht auf eine Behandlung als aufrechter Soldat gemäß der Genfer Konvention verloren.

… Den Wachkommandos werden folgende grundlegende Anweisungen erteilt:

1) Erbarmungslose Bestrafung bei den geringsten Anzeichen von Protest und Ungehorsam. Zur Unterdrückung jeglichen Widerstands ist ohne Erbarmen von der Waffe Gebrauch zu machen. Auf Kriegsgefangene, die einen Fluchtversuch unternehmen, ist ohne Vorwarnung und in der festen Absicht, das Ziel zu treffen, zu schießen.

2) Jeglicher Umgang mit Kriegsgefangenen – egal ob während des Ausmarsches zu Arbeit oder von der Arbeitsstelle zurück ins Lager – ist, mit Ausnahme dienstlicher Kommandos, verboten … (Wikipedia)

Jeweils 30 Mann lebten in einer Erdhütte, schliefen auf Ofenbänken; ihre Kleidung war stark zerlumpt, und sie konnten sich nicht waschen. Und von den Läusen wurden sie buchstäblich bei lebendigem Leibe aufgefressen. Mitunter kratzten sie, nachdem sie ihre Unterhemden ausgezogen hatten, mit den Fingernägeln die Nissen und Läuse aus den Nähten. Noch lange erinnerte sich der Großvater daran, wie die Läuse sich in Scharen über den Boden bewegten. Zweimal am Tag bekamen sie zu essen: morgens 100 Gramm Brot und einen halben Liter heißes Wasser; abends gab man ihnen einen Liter suppe, mit Kartoffel- und Fischstückchen. Sie wollten immer nur essen. Viele verhungerten. Manche versuchten Gräser zu essen und erlitten dadurch heftige Magen- und Darmerkrankungen, woran sie schließlich auch starben.

Im Herzen eines Jeden, der damals am Leben blieb, leuchtete schwach die Hoffnung, dass alles nur vorübergehend war und unsere Truppen sie ganz sicher befreien würden. Zu den Vaterlandsverrätern zählten sie sich nicht, aber sie fühlten sich schuldig, weil sie in Gefangenschaft geraten waren.

Hier im Lager lernte Großvater den ehemaligen Offizier der sowjetischen Armee, Iwan Kapustin aus Woronesch, kennen. Mit ihm konnte er über jedes beliebige Thema reden, aber die beiden waren bemüht, sich nur ganz leise miteinander zu unterhalten, damit niemand erahnen konnte, worum es ging, denn schließlich konnte sich in ihrer Nähe ein Denunziant aufhalten.

So vergingen drei Monate – von April bis Juni.

Ende Juni fand unter den Kriegsgefangenen eine Auswahl statt. Ärzte kamen, untersuchten die Leute und wählten dann die 100 gesundesten und kräftigsten Gefangenen aus. Unter ihnen befanden sich auch der Urgroßvater und sein Freund Iwan. Sie wurden an einen anderen Ort gebracht. Zwei Wochen lang wuschen sie sich jeden Tag im Badehaus, und man gab ihnen saubere Kleidung, aber bessere Verpflegung erhielten sie nicht.

Im Oktober 1942 wurden etwa 6000 Mann auf 3 Lastkähne verladen und nach Norwegen geschickt. 18 Tage waren sie dorthin unterwegs. Es war verboten sich auf dem Oberdeck aufzuhalten. Die erschöpften, aber trotzdem noch kräftigen Jungs konnten das Schlingern der Kähne in den Meereswogen nur schlecht ertragen. Alle, die dabei das Bewusstsein verloren, wurden von den Deutschen einfach von Bord geworfen. Im weiteren Verlauf erfuhr der Großvater, dass von insgesamt 5800 Mann etwa 3000 auf dem Meeresgrund zurückgeblieben waren. Wer waren sie? Wie lauteten ihre Namen? Es waren Soldaten, die für immer als verschollen gelten.

Die Lastschiffe waren täglich Bombardierungen ausgesetzt. In der Nacht fuhren sie auf dem Wasser, tagsüber liefen sie in eine Bucht ein. Für den ganzen Tag bekam jeder zweieinhalb Zwieback und einen halben Liter kochendes Wasser. Nach 18 Tagen erreichten sie den norwegischen Hafen. Und wieder kamen sie in ein Lager – in der norwegischen Stadt Budo. Doch diesmal handelte es sich bereits um ein Arbeitslager. Es war eine völlig fremde Gegend mit kahlen, felsigen Ufern, um sie herum nichts als Wasser. Wohin sollten sie laufen? Nirgendwohin.

Tag für Tag fuhren sie in Begleitung von Waschmannschaften zur Arbeit, wobei auf jeweils 10 Kriegsgefangene 2 Wachsoldaten sowie ein Angehöriger der lokalen Polizeitruppen kamen. Gearbeitet wurde von 8 Uhr morgens bis 5 Uhr abends. Ohne Mittagspause. Zweimal am Tag bekamen sie zu essen. Am Morgen Tee mit Fruchtmus oder Marmelade sowie Brot, am Abend einen Liter Suppe. Sie hatten ständig Hunger. Die norwegischen Einwohner versuchten, den Kriegsgefangenen hier und da ein Stückchen Käse, Brot oder andere Nahrungsmittel zuzustecken. Wenn der diensthabende Wachmann zufällig Mitleid hatte, sagte er: für alle. Aber meistens nahm der Deutsche ihnen das Essen wieder fort, zertrat es unter seinen Füßen und machte dem Lager-Kommandanten Meldung über den Gefangenen, dessen Nummer er sich gemerkt hatte. Am Abend wurden die Nummern der Schuldigen dann verlesen und die entsprechende Strafe in Stockschlägen festgelegt: 5 – 10 – 15. Auf Befehl der Deutschen schlugen Angehörige der Polizeitruppen die Häftlinge mit Gummischläuchen.

Nach dem Frühstück kam die deutsche Wachmannschaft und brachte die Gefangenen zur Arbeit. Unter den Wachsoldaten befanden sich auch russische Polizeimitarbeiter. Sie bekamen die gleiche Essensration wie die deutschen Soldaten.

Es war sehr kalt. Die Stadt lag im Norden. Häufig sahen sie dort Nordlichter. Warme Kleidung wurde nicht an sie ausgegeben: sie trugen dunkelblaue Joppen und grüne Hosen (die Uniform der russischen Kriegsgefangenen), und an den Füssen hölzerne Schuhleisten an den bloßen Füßen, die mit Hilfe einer Binde gehalten wurden. Wenn die Häftling zur Arbeit geführt wurden, dann erhob sich ein derartiges Gepolter, als ob eine ganze Kavallerie unterwegs war. Und wenn es regnete, dann konnt3en sie überhaupt nicht vorwärtskommen – die Holzleisten blieben ständig im tiefen Schlamm stecken.

Sie bauten Flugplätze und Erdbunker. Per Hand meißelten sie die Steine heraus, rollten sie an die vorgesehene Stelle und begossen alles mit Beton. Des Weiteren festigten sie die Grenze zur Meerseite hin. Die Norweger arbeiteten mit technischen Hilfsmitteln, aber die Gefangenen hatten lediglich Spitzhacke und Schaufel zu ihrer Verfügung. Die russischen Häftlinge konnte man schon von weitem erkennen – auf ihre Rücken waren die drei Buchstaben
RKG (russischer Kriegsgefangener) aufgemalt.

Jeweils 20 Mann lebten in einem Zelt. Die Zelte waren rund, in der Mitte stand ein Eisenofen, der mit Koks beheizt wurde.

Einmal pro Woche geleitete man sie ins Klubhaus, wo Gespräche geführt wurden – und zwar mit dem Ziel, innerhalb der Wlassow-Armee Agitation zu betreiben. Es gab auch solche, die damit einverstanden waren, für die Deutschen zu arbeiten.

Einmal gelang zwei Häftlingen zunächst die Flucht, allerdings wurden sie an der Grenze zu Schweden aufgegriffen, ins Lager zurück gebracht und, nachdem sie vor aller Augen erschossen worden waren, neben den Toren zur Schau gelegt. Bei der Annäherung an diese Stelle sollte jeder den Kopf wenden und sich die Leichen anschauen. Wenn jemand dies nicht tat, dann schlugen sie ihm auf den Kopf und verprügelten ihn.

Einmal bekam der Urgroßvater Schüttelfrost und schreckliche Bauchschmerzen; nur unter größter Mühe schaffte er es zur Arbeit zu gehen, verlor dort aber das Bewusstsein. Ein Wachmann kam, versetzte ihm Fußtritte und hieb mit dem Gewehrkolben auf ihn ein. Der Großvater stand auf, fiel wieder hin und die Prügelei ging von vorne los. Und so ging es den ganzen Tag. Am späten Abend gab der Sanitäter ihm eine Medizin, und gegen Morgen ging es ihm etwas besser.

Der Großvater fühlte, dass er mit jedem Tag schwächer wurde, aber schon bald darauf schickte man ihn, zusammen mit einem andern Gefangen, zur Arbeit in die Schusterwerkstatt, in der es zwei Soldaten aus der deutschen Armee gab. Sie hatten Mitleid mit den russischen Kriegsgefangenen und brachten ihnen sogar Essen aus ihrer Kantine mit.

Zu dieser Zeit erfuhr der Großvater vom Vormarsch der sowjetischen Armee. Die Deutschen betrieben nun besonders aktiv ihre Agitationsarbeit. Sie warben Leute in die Russische Befreiungsarmee (ROA) und in die deutsche. Sie betrieben Agitation mit Russen in deutscher Militäruniform. Sie fragten: - wollen Sie Briefe nach Hause schreiben? Wir werden sie an der richtigen Adresse zustellen. Manche willigten ein, aber viele waren es nicht. Ab September 1944 gab es häufig Luftangriffe; zu dieser Zeit wurden die Gefangenen nicht zur Arbeit gebracht. Von den Norwegern erfuhren sie, dass die Luftangriffe von englischen Flugzeugen durchgeführt worden waren; im Meer wurden zwei Piloten aufgelesen.

In der Nacht auf den 7. Mai 1945 trafen, zusammen mit den Engländern, norwegische Truppen ein, die sich in Schweden befunden hatten. Der Lagerkommandant kam mit fünf MP-Schützen auf das Gelände gerannt und begann auf Deutsch herumzuschreien. Die Waffenmündungen waren auf die Kriegsgefangenen gerichtet, als wenn alle erschossen werden sollten. Aber in diesem Augenblick näherte sich ein Automobil mit norwegischen Soldaten, und der Lagerkommandant wurde schnell mitsamt seiner Schützen entwaffnet. Später erfuhren die Gefangenen, dass man an sie am Morgen vergiftetes Essen hätte ausgeben sollen. Und davor hatten sie einen ganzen Tag und eine ganze Nacht nichts zu essen bekommen. Nachdem Norwegen von den Deutschen befreit war, verbesserten sich auch die Bedingungen im Lager. Besonders große Hilfe kam durch das Internationale Rote Kreuz.

Als sie sich zur Abreise aus Norwegen vorbereiteten, wurde im Lager-Rundfunk ständig gesagt: „Fahrt nach Hause! Eure Eltern, Frauen und Kinder warten auf euch! Es ist nicht eure Schuld! Es ist eure Elend!“

Über die Abfahrt wurden sie rechtzeitig informiert. Aber nach Hause ließ man sie nicht. Alle erhielten Lebensmittel für drei Tage. Man brachte sie in die Stadt Narvik und hielt sie dort bis zum 10. Juli im Lager fest …

Dann wurden sie hinaus geführt. Dort standen drei große Autobusse. Daneben Diplomaten der UdSSR, Englands, Amerikas und Norwegens. Die Häftlinge wurden in drei Reihen zu je 30 Mann aufgestellt, und jeder bekam die Fragen gestellt: „Sind Sie Bürger der Sowjetunion? Möchten Sie in die Heimatfahren? Werden Sie sich dort den sowjetischen Gesetzen fügen?“ Alles ging äußerst feinfühlig und rücksichtsvoll vonstatten. Diejenigen, die nicht zurück nach Hause wollten, stiegen in einen Autobus und wurden fortgefahren.

Die übrigen wurden in die Schweiz gebracht, wo man sie sehr freundlich aufnahm. Sie erhielten dort einen Laib Brot und ein halbes Kilo Butter. Dann gingen sie an Bord eines Motorschiffs, und dann ging es nach Wyborg, von dort weiter mit dem Zug, in Viehwaggons, bis in die Republik Mari, wo man sie in einem Lager unterbrachte. In den Waggons befanden sich ein Belag aus Holzbrettern; als Toilette gab es eine Öffnung im Fußboden und oben eine kleine Vorrichtung, die Ähnlichkeit mit einer Toilettenkabine hatte. Unterwegs hielt der Zug an, und man ließ die Soldaten zum Essen aussteigen. Sie schrien ihnen hinterher: „Kriegsgefangene! Faschisten!“ Das war sehr kränkend.

Schließlich trafen sie im Lager ein. Hier fanden sie auch schon ihresgleichen vor, die durch ständige Verhöre vollkommen erschöpft waren – mit jedem einzelnen unterhielten sich insgesamt sieben Männer der Sonderabteilung. Jeder Bevollmächtigte stellte Fragen. Sie waren unterschiedlicher Art, aber natürlich ging es auch darum, wer die Aussagen des Kriegsgefangenen bestätigen konnte.

Zur Überprüfung der „ehemaligen Militärangehörigen der Roten Armee, die sich beim Gegner in Gefangenschaft oder in der Umzingelung befunden hatten, wurde auf Anordnung des Staatlichen Komitees für Verteidigung vom 27. Dezember 1941 ein Netzwerk von Kontroll- und Filtrationslagern geschaffen. Im Jahre 1941 wurden neben dem bereits vorher existenten Sonderlager Juscha noch 22 weitere Lager in den Gebieten Wologda, Tambow, Rjasan, Kursk, Woronesch und anderen in Betrieb genommen. In der Praxis stellten sich diese Sonderlager als Militärgefängnisse mit strengem Regime dar, zudem auch noch für Gefangene, die in der überwiegenden Mehrheit keinerlei Verbrechen begangen hatten.

Nachdem die Verhöre beendet waren, wurden die Gefangenen sortiert: diejenigen, die Angehörige der russischen Befreiungsarmee, der deutschen Armee gewesen waren, Offiziere und einfache Soldaten voneinander getrennt. Falls jemand bei den deutschen Polizeitruppen oder in der freiwilligen deutschen Armee gedient hatte, wurde er verurteilt. Und diejenigen, die, wie sie es nannten, sauber waren, wurden zum Arbeiten geschickt. So wurde der Urgroßvater von seinem Freund Iwan Kapustin getrennt. Und er hörte später auch nie wieder etwas von ihm; es hieß, dass die Offiziere zu unterschiedlichen Haftstrafen verurteilt worden wären.

Freiheit

Nachdem die ganzen Überprüfungen abgeschlossen waren, wurde an jeden eine Bescheinigung darüber ausgegeben, dass er Repatriierter, ehemaliger Kriegsgefangener und bürgerlicher Arbeitnehmer war, und am 20. Oktobger 1945 wurde aus ihnen ein Baubataillon formiert und sie unter dem Kommando der Offiziere des Feldheeres zum Arbeiten nach Dnjepropetrowsk geschickt, um dort ein Autoreparaturwerk zu errichten. Zwei Tage waren Soldaten bei uns. Dann fuhren sie ab, und die Soldaten blieben zum ersten Mal seit mehreren Jahren ohne Wachbegleitung zurück …

In Dnjepropetrowsk arbeitete er bis April 1947. Er schrieb keine Briefe nach Hause, denn er fürchtete um das Wohlergehen seiner Familie, aber später stellte sich heraus, dass ihnen bekannt gewesen war, wo er sich aufgehalten hatte. Woher? Freund Nikolaj und ein Gleichaltriger. Iwan Dorofejew leistete seinen Berufssoldatendienst in Dnjepropetrowsk und brachte sich aus der Gegend seine Ehefrau mit. Zuhause in Katschulka sprach sie mit ihrem Mann über Freunde, und als sie alte Fotografien betrachteten, kam es ihr so vor, als ob er dem Burschen irgendwo schon einmal begegnet war. Einmal, auf dem Weg in die Heimat, schaute sie kurz in der Schusterwerkstatt vorbei (Nikolaj war gelegentlich in der Werkstatt tätig), wo sie den jungen Mann aus Katschulka sah. Sie unterhielten sich eine Weile miteinander. Nachdem sie nach Katschulka zurückgekehrt war, erzählte sie ihren Verwandten davon, dass es sich tatsächlich um Nikolaj Tarakanow handelte.

Und Nikolaj stellte zur gleichen Zeit ein Gesuch am Ort seiner Einberufung in die Armee. 1946 schrieb er seiner Mutter zum ersten Male einen Brief, und als er eine Antwort, zusammen mit einer Kopie seiner Geburtsurkunde, erhielt, las er ihn mit Bitterkeit, aber gleichzeitig auch mit großer Freude mehrmals hintereinander. Es stellte sich heraus, dass s8ie zuhause schon längst einen dieser „schrecklichen“ Briefe bekommen hatten, in dem stand, dass Nikolaj Tarakanow verschollen wäre. Alle in der häuslichen Wohngemeinschaft baten Nikolaj so bald wie möglich zurückzukommen.

Im Frühjahr 1947 kehrte der Urgroßvater nach Katschulka zurück.

Laut Angaben des Historikers G.F. Kriwoschejew, gerieten insgesamt während des Großen Vaterländischen Krieges 3 396 400 Militärdienstleistende in Kriegsgefangenschaft und galten als verschollen. Davon kehrten 1 836 000 nach Hause zurück, 1 783 000 kamen nicht wieder (sie starben oder emigrierten). (Wikipedia)

Aber die ertragenen bestialischen Foltern und all die Entbehrungen schmerzten weniger stark, als das Misstrauen der eigenen Landsleute. Die anderen Dorfbewohner schielten von der Seite auf den ehemaligen Kriegsgefangenen, viele waren der Meinung, dass er überhaupt nicht gekämpft hatte; sie sagten: - unterm Busch hat er vor lauter Angst gesessen, und irgendein Hund hat ihm die Nase abgebissen. Es kam auch vor, dass man ihm direkt ins Gesicht sagte: -
Einen Dreck bist du wert, für die Deutschen hast du gearbeitet – da hast du ja gut gelebt. Es war schwer, diese ganzen Bemerkungen zu ertragen, aber widersprechen konnte er auch nicht, es gab ja nicht einmal einen Beweis dafür, dass er tatsächlich im Kampfgeschehen dabei war. Er gab zu: ja – ich war im Lager. Und das waren auch schon alle Angaben. Dreimal wurden über das Kriegskommissariat Anfragen gestellt, alles ohne Ergebnis. Nikolaj wurde immer verschlossener. Er versuchte niemals über den Krieg zu reden, und dass er in Gefangenschaft gewesen war – das wussten auch nicht alle. Der Soldat, der sich seit in den ersten Kriegstagen Tag und Nacht heroisch gegen die feindlichen Streitkräfte zur Wehr gesetzt hatte, galt bis 1988 nicht als Teilnehmer an diesem schrecklichen Krieg. Unruhe herrschte in der Seele des alten Soldaten, besonders wenn der Tag des Sieges gefeiert wurde. 1987 beschloss er, sich erneut an das Kriegskommissariat zu wenden, damit ein entsprechendes Gesuch gestellt wurde. 1988 kam eine positive Antwort. Das war der glücklichste Tag im Leben meines Urgroßvaters. Als ob er sich erst an diesem Tage den Strick mit der Nr. 6824 vom Hals gerissen hätte, der ihn jahrelang gewürgt hatte. Wie dankbar er den Mitarbeitern des Kriegskommissariats in Karatus ist, die für ihn alle Archive, alle Dokumente durchstöberten, welche seine Teilnahme an den Kämpfen bestätigen; er – mein Urgroßvater Nikolaj Dmitrijewitsch Tarakanow, erhielt die Bestätigung für seine Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg.

All die Schicksalserprobungen überstand mein Urgroßvater nur dank seiner sibirischen Gesundheit und seines Glaubens, eines Tages wieder heimatlichen Boden betreten zu können, von dem er des Nachts so häufig träumte und der ihm die Kraft gab, alle Qualen, Erniedrigungen und Leiden eines Kriegsgefangenen auszuhalten.

Er lebte einfach und arbeitete

Nach seiner Ankunft daheim begann er in Kuragino den Beruf des Chauffeurs zu erlernen. Er arbeitete in diesem Beruf an der Maschinen- und Trakoren-Station in Katschulka. Anschließend wurde die Station an die motorisierte Wanderbaustelle in der Siedlung Kuragino verlegt. Hier musste er auch auf einem Traktor des Tscheljabinsker Traktorenwerks arbeiten – in Kuschebar, Arsapka (Mittel-Kuschebar), Motorskoje (Bezirk Karatus, Region Krasnojarsk usw.) wurden Bäume gerodet. Nach der Liquidierung der Wanderbaustellen-Kolonne in Kuragino (Kuraginsker Bezirk, Region Krasnojarsk) arbeitete er ein Jahr lang, bis zur Rente, in Katschulka in der Kolchose „Jenseits des Flusses“ als Fahrer (Bezirk Karatus, Region Krasnojarsk). Bis dahin hatte er sich eine für die damalige Zeit höchstmögliche Rente erarbeitet – 130 Rubel. Und auch hier fanden sich Leute, die sich darüber „nicht gleichgültig“ zeigten. Sie reichten bei der erforderlichen Stelle Beschwerde ein. Es kam zu einer Überprüfung, um festzustellen, ob der errechnete Rentenbetrag seine Richtigkeit hatte Man fand keine Unstimmigkeiten, alles war korrekt. Obwohl er bereits in Rente war, arbeitete er noch 10 Jahre als Rettungswagenfahrer im Katschulsker Krankenhaus.

Inzwischen ist der Urgroßvater 90 Jahre alt. Er erledigt noch viele Arbeiten zuhause. Er hat drei Enkelkinder. zwei Urenkel und zwei Urenkelinnen.

Aber mit schmerzender Seele denkt er an jene zurück, die den heutigen Tag nicht mehr erleben konnten, die mit der schweren Last der Schuld auf den Schultern aus dem Leben geschieden sind – der Schuld in Kriegsgefangenschaft gewesen zu sein. Von manchen wurde nie das Grab gefunden, in dem sie ruhen. Sie alle wurden zu Opfern dieses schrecklichen Krieges. Trotz der vielen Jahre, die seitdem vergangen sind, ist es nicht möglich gewesen, diese Erinnerungen auszulöschen; sie werden wohl für immer im Herzen des alten Soldaten bleiben.

Ich denke, dass ich meine Arbeit fortsetzen werde, denn der Urgroßvater erinnert sich von Zeit zu Zeit an neue interessante Fakten aus seinem Leben in der Gefangenschaft.

Verwendete Materialien:

1. Erinnerungen von N.D. Tarakanow
2. Materialien der Internetseite „Wikipedia“
3. Webseite otvoyna.ru/voina.htm
4. N.A. Baranzewa. Die Umsiedlung ins Jenisejsker Gouvernement in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts: ethnosoziale und demografische Aspekte


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