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Die Opfer zweier Diktaturen

Ausarbeitung: Olesja Sokolowa, Klasse 11 b

Projektleiterinnen:

Oberschule Nr. 146 mit dem Studienschwerpunkt „Themen des künstlerisch-ästethischen Zyklus“

Krasnojarsk – 2005

Inhalt

1. Inhalt
2. Einleitung
3. Die Opfer zweier Diktaturen
4. Schlußbemerkung
5. Anhang
6. Literaturangaben

Einleitung

Es ist die Zeit des Großen Vaterländischen Krieges. Auf dem Territorium der UdSSR sind schwere, scheinbar unendlich lang andauernde Kämpfe im Gange. Und währenddessen nähert sich einem Bahnhof in Deutschland ein Güterzug mit einer turnusmäßigen Ladung sowjetischer Menschen: Männer, Frauen. Kinder ... Man führt sie auf den Bahnsteig hinaus, läßt sie in Reih und Glied Aufstellung nehmen, ruft sie namentlich auf und schickt sie dann auf LKWs irgendwohin. Wozu brauchten die Hitler-Leute die sowjetischen Bürger? Die Antwort ist einfach: als kostenlose Arbeiter in Betrieben, Fabriken, Industrie-Unternehmen.

Faktische Sklaven ohne juristische, ökonomische und politische Rechte. Einfach nur Sklaven-arbeiter. Man nennt sie Ostarbeiter (Arbeiter aus dem Osten).

Der offizielle deutsche Begriff „Ostarbeiter“ und das Erkennungsmerkmal „OST“ auf der Kleidung bezeichneten sowjetische Zivilpersonen, die unter Zwang nach Deutschland abtransportiert worden waren, um dort in Industrie-Unternehmen sowie in der Landwirtschaft zu arbeiten. Zudem wurden alle Männer im wehrdienstfähigen Alter überwiegend in Kriegsgefangenenlager geschickt. Nach den Berechnungen der Verfasser des Sammelbandes „Das nationalsozialistische Lagersystem“ (Frankfurt am Main, 1990) arbeiteten zum September 1944 in Deutschland etwa 6.000.000 „ausländische Arbeitskräfte“; 2.174.644 von ihnen waren aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion abtransportiert worden (1.062.507 Männer und 1.112.137 Frauen). Während der gesamten Kriegsdauer (1939-1945) wurden (nach den Nürnberger Dokumenten) insgesamt 12.000.000 Menschen nach Deutschland gebracht. Wieviele von ihnen sind umgekommen? Durch die Bemühungen von Geschichtsforschern aus einer ganzen Reihe von Ländern, besonders deutschen und russischen, gilt die Zwangsarbeit in Deutschland in den Jahren des Zweiten Weltkrieges und Großen Vaterländischen Krieges im wesentlichen als erforscht. Man kann sagen, daß die „äußere“ Geschichte der Ostarbeiter – ihre Deportation, ihre Verteilung auf die verschiedenen Branchen der deutschen Wirtschaft, die Anweisungen und Verordnungen der deutschen Behörden in puncto OST, die Geschichte der Lager und ihre Verbreitung auf deutschem Territorium, usw. – ziemlich detailliert bekannt ist, wobei reichhaltiges Dokumentenmaterial für das Studium herangezogen wurde. Die schrecklichen, unerträglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Sowjetbürger sind objektiv beschrieben. Zugleich sind die innere Welt der Ostarbeiter, ihr Alltag und ihre reale Mentalität bis heute unerforscht geblieben. Mehr noch – bis zum heutigen Tage standen den Historikern auch gar keine adäquaten Dokumente zur Verfügung, die es ihnen hätten gestatten können, diese Problematik tiefer zu ergründen.

In Rußland wurden einige Bücher mit Erinnerungen, Forschungsarbeiten und Artikeln veröffentlicht, in denen äußerst wertvolle Zeugnisse über die organisierten Formen der Widerstandsbewegungen in den besetzten Gebieten sowie in deutschen Lagern enthalten sind, in denen die Geschichte der Deportation der Bevölkerung behandelt wird und statistische Angaben über die vielen Millionen Opfer angeführt werden; aber es gibt vergleichsweise wenige Daten über die Hauptmasse der Ostarbeiter. Deren Erinnerungen sind in der Regel in ihrer ursprünglichen, natürlichen Form kaum erhalten geblieben und schon gar nicht veröffentlicht worden. Die Mehrheit jener Millionen Ostarbeiter ist schon längst nicht mehr am Leben, nur wenige von ihnen weilen noch unter uns. Erst in den letzten Jahren haben sie die Möglichkeit gefunden, von sich zu erzählen. Nicht nur Verbote oder eine besondere Vorsicht haben sie daran gehindert, ihre Erinnerungen an jene schrecklichen Zeiten mit anderen zu teilen.

In der Gesellschaft hat sich eine gewisse Verachtung breitgemacht, ein Schandfleck hat das Gedächtnis getrübt. Selbst heute noch erzählen die Überlebenden von sich bisweilen unter Tränen – Tränen der Angst vor Entlarvung und Bloßstellung, und häufig berichten sie dann auch nur unter der Bedingung, daß ihr Name geheim gehalten wird. Für diese Menschen fand sich kein Platz - weder in historischen Arbeiten, noch in Schul-Lehrbüchern oder lexikalischen Werken.

In meinem Referat möchte ich die Aufmerksamkeit ganz besonders auf persönliche Erlebnisse der Ostarbeiter lenken. Meine Aufgabe soll es sein, das Schicksal eben dieser „Arbeiter aus dem Osten“ aufzuzeigen. Anhand konkreter Schicksalsbeispiele, durch Kontaktaufnahme mit denen, die noch am Leben sind und mittels Literatur-Analysen möchte ich all die Schwierigkeiten im Leben der Ostarbeiter im faschistischen Deutschland aufzeigen. Außerdem habe ich mir das Ziel gesetzt, die Haltung der russischen und deutschen Regierungen gegenüber den Ostarbeitern klar zu machen. Wie ist das ungerechte Verhalten der russischen Menschen gegenüber ihren nach Deutschland vertriebenen Mitbürgern zu verstehen, die unentgeltlich als Knechte für den Feind gearbeitet haben? Warum hat man die Memoiren von Ostarbeitern nicht in der sowjetischen Presse abgedruckt? Auf diese und eine Reihe anderer Fragen habe ich Antworten gesucht und gefunden.

Die Opfer zweier Diktaturen

In der Anfangsphase des Zweiten Weltkrieges wurde in Deutschland 1940 im Reichsamt für Staatssicherheit, unter der Leitung Schillers, ein Generalplan „OST“ ausgearbeitet, der im wesentlichen das polnische Territorium betraf. Der Generalplan „OST“ – das ist der deutsch-faschistische Plan zur Kolonisierung und Germanisierung Ost-Europas.

Mit dem Einmarsch in die Sowjetunion wurden fundamentale, bedeutende Verordnungen und Prinzipien zur Kolonisationspolitik des faschistischen Deutschland auf dem besetzten Gebiet der UdSSR ausgearbeitet. Im Plan „OST“ setzte man sich die Vernichtung des Sowjetstaates zum Ziel, wobei den Völkern der UdSSR jedwede Möglichkeit einer staatlichen Organisation entzogen werden sollte. Der Plan „OST“ sah die Vernichtung, Aussiedlung und Germanisierung der sowjetischen Bevölkerung vor. Man beabsichtigte, im Verlauf von 30 Jahren, rund 31 Millionen Menschen aus polnischen Gebieten sowie den westlichen Bezirken der UdSSR (80-85% Polen, 65% der westurkrainischen Bevölkerung, 75% Weißrussen sowie einen bedeutenden Teil der lettischen, litauischen und estischen Bevölkerung) ins westliche Sibirien auszusiedeln und dafür in diesen Gebieten 10 Millionen Deutsche anzusiedeln. Die verbleibenden Bevölkerungsteile sollten eingedeutscht werden. Man hatte sich ferner vorgenommen, noch vor Beginn der Verschleppungen 5-6 Millionen Juden in den besetzten Gebieten zu vernichten. Und man hatte die Absicht 30 Millionen Russen auszurotten. Die Hitlermänner wollten die Russen als Nation eliminieren und die verbleibenden in gehorsame Sklaven verwandeln. Die Faschisten begannen mit der Durchführung des Planes „OST“ durch die Einrichtung eines strengen Besatzungsregimes in den okkupierten Territorien der UdSSR, das sich durch außergewöhnliche Grausamkeit und Bestialität gegenüber der Bevölkerung auszeichnete: Massenrepressionen, Vernichtungsmaßnahmen und schwerste Demütigungen der sowjetischen Bürger, die Zerstörung der Volkswirtschaft und das Rauben und Plündern wertvoller Kulturgegenstände. Es war den Einwohnern verboten, sich ohne spezielle Genehmigung der Behörden von ihren Wohnorten zu entfernen. Die sowjetischen Bürger hatten weder politischer, noch wirtschaftliche oder juristische Rechte. Es existierten keinerlei Gesetze, die sie vor den Besatzern und ihren Helfershelfern schützten. Der Reichsminister des Ministeriums Ost – Rosenberg – gab am 23. August 1941 ein Dekret zur Verhängung von Todesurteilen durch Sondergerichte heraus, das auf Personen angewendet werden sollte, die sich den Besatzungsmächten nicht unterwarfen und ihnen den Gehorsam verweigerten. („Verbrecherische Absichten – verbrecherische Mittel“, Dok. No.15, S. 63-65). Überall wurde für sowjetische Staatsbürger im Alter von 18 bis 45 Jahren eine Arbeitspflicht eingeführt (für Juden galt sie zwischen dem 14. und 60. Lebensjahr). Ein Arbeitstag dauerte, sogar in gefährlichen und gesundheitsschädigenden Produktionsbereichen, 14-16 Stunden. Personen, die versuchten, sich der Arbeit zu entziehen, kamen in Zuchthäuser oder Konzentrationslager; manche wurden einfach aufgehängt. Eine Versorgung mit Lebensmitteln gab es nicht. In den besetzten Gebieten wurden Geldstrafen, körperliche Züchtigungen, Natural- und Geldsteuern eingeführt, deren Umfang völlig willkürlich festgelegt wurde. Nichtzahlern begegnete man mit verschiedenen Repressionsmaßnahmen bis hin zur Erschießung. Die Besatzungsmächte führten eine systematische Mobilisierung hauptsächlich junger Menschen durch, die dann in Deutschland zur Zwangsarbeit eingesetzt werden sollten. Nach den ursprünglichen Plänen der faschistischen Regierung war die Verwendung von Arbeitskräften aus den okkupierten Territorien überhaupt nicht beabsichtigt. Nachdem man die Pläne für einen „Blitzkrieg“ gut durchdacht hatte, waren die Hitler-Leute der Meinung, daß ein solcher Krieg für sie keine größeren Verluste an Menschenleben bedeuten würde und man daher in Deutschland auch auf keine zusätzlichen Arbeitskräfte angewiesen wäre. Erst vor Ort zog man die Verwendung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten in Betracht, und zwar im Interesse der Armeeteile, die in Kampfeshandlungen verwickelt waren. Der Mißerfolg des „Blitzkrieges“ zwang die deutsche Regierung jedoch, tiefgreifende Änderungen und Korrekturen in Bezug auf die ursprünglichen geplanten Projekte zur Ausnutzung von Arbeitern aus den besetzten sowjetischen Territorien vorzunehmen. Bereits im November 1941 wurde der Befehl zur Verwendung „russischer Arbeitskräfte“ in Deutschland erteilt. Anfang 1942 erteilte man dann den Auftrag, 15 Millionen Personen aus den besetzten Regionen der UdSSR zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu überführen. Das Hintreiben zur Zwangsarbeit war ein Teil des deutschen, faschistischen Regimes. Mit Hilfe der Truppen und Polizeieinheiten veranstalteten die Besatzer wahre Hetzjagden und vertrieben hunderttausende sowjetischer Menschen nach Deutschland, wobei sie eine noch nie gesehene Grausamkeit und Willkür an den Tag legten. Nach deutschen Informationen vom Februar 1942 wurden einmal wöchentlich acht- bis zehntausend „russische Bürger“ nach Deutschland gebracht. Im März 1942 wurde eine Sonderbehörde für Arbeitseinsatz geschaffen. Insgesamt gelang es dem Hitler-Regime 5 Millionen Menschen aus den besetzten Zonen der UdSSR aufzugreifen und nach Deutschland abzutransportieren. Es versteht sich von selbst, daß die russischen Untergrundkämpfer und Partisanen die Bevölkerung dazu aufriefen, sich mit allen Mitteln der Vertreibung nach Deutschland zu entziehen. Patriotische Ärzte gaben fiktive Bescheinigungen über angebliche Erkrankungen an die Menschen aus und bewahrten sie dadurch vor der Mobilisierung. Eine große Rolle bei der Rettung der sowjetischen Menschen vor der Verschleppung spielten auch die Partisanen. Unter ihrem Schutz harrten hunderttausende Sowjetbürger in den Wäldern aus. In der Region Leningrad wurden mehr als 400.000 Personen gerettet, im Gebiet Monsk – etwa 70.000. Insgesamt retteten die Partisanen ungefähr 567.000 friedliche Einwohner, die ihren Wohnort verlassen hatten. Mit dem Schutz dieser Familien- (Wald-) Lager waren 70.000 Partisanen (in Weißrußland) beschäftigt.

Dies gestattete eine teilweise Vereitelung des abscheulichen Planes „OST“. Unter den Gegebenheiten des Krieges tat die Regierung der UdSSR alles erdenklich Mögliche für die Rückkehr der sowjetischen Bürger, die von den Hitler-Leuten gewaltsam verschleppt worden waren. Im Oktober 1944 wurde innerhalb der Regierung der UdSSR eine Zentralbehörde für Repatriierungsangelegenheiten, mit dem Bevollmächtigten F.I. Golikow an der Spitze, geschaffen, und es wurden an allen Kampffronten Ministerien beim Rat der Volkskommissare der RSFSR, der Ukraine, Weißrußlands, Moldawiens, Estlands, Lettlands und Litauens sowie bei den Exekutivkomitees der Ortsräte eingerichtet, deren Territorium sich unter feindlicher Besatzung befand. Es wurden auch Auslandsabteilungen und –gruppen für Repatriierung gebildet, die in Rußland über 249 Empfangs- und Verteilungsstellen verfügten. Im Januar 1945 legte die Sowjetregierung diesen Abteilungen und Gruppen die Verpflichtung auf, den Bürgern der verbündeten und neutralen Staaten bei der Rückkehr in die Heimat Hilfe und Unterstützung zu leisten, indem sie dafür zusätzliche, spezielle Sammelstellen und Durchgangslager organiserten. Als Ergebnis dieser Aktivitäten kehrten bis zum 1. Januar 1953 etwa 5,5 Millionen Personen in die UdSSR zurück. Dafür gab der sowjetische Staat mehr als 2 Milliarden Rubel aus.

Die Lebensbedingungen der Ostarbeiter sind aufgrund ihrer Inhumanität, Unmenschlichkeit und Grausamkeit zutiefst verletzend. Eine offizielle Anweisung der faschistischen Behörden sah vor, daß „alle Arbeiter dergestalt mit Verpflegung und Wohnraum versorgt und so behandelt werden sollen, daß eine höchstmögliche Ausschöpfung ihrer Arbeitskraft bei einem Minimum an Kostenaufwand gewährleistet ist“. Und genaue diese Anweisung erfüllten die Deutschen in vollem Umfang und nach allen Regeln der Kunst. Der Krankenstand unter den Ostarbeitern war sehr hoch; ebenso die Todesrate. Sobald jemand gegen irgendeine Regel verstieß, folgte unausweichlich eine grausame Bestrafung; wenn jemand einen Diebstahl beging, dann kam er dafür unverzüglich ins Konzentrationslager; wer Sabotage beging, der wurde selbstverständlich gleich erschossen, und wer sich „an einer deutschen Frau vergriff“, der wurde auf jeden Fall mit dem Tode bestraft. In der Nähe der Betriebe, Fabriken und Unternehmen, in denen Ostarbeiter arbeiteten, existierten Lager, in denen sie lebten. Von außen sahen sie so aus: ein paar von Stacheldraht umgebene Baracken, nackte, zweigeschossige Bettstellen, die aus einem einzigen, durchgehenden Brett bestanden.

In der Regel wurde hartes Stroh ausgegeben, das man in Säcke stopfte: auf dem einen schlief man, der andere, der etwas kleiner war, diente als Kopfkissen. Es wurden auch Decken verteilt – für jeden zwei: die eine war zum Drauflegen gedacht, mit der zweiten deckte man sich zu. Die Decken erinnerten einen eher an abgetragene Lumpen. Natürlich zeichneten sich die Baracken nicht gerade durch Sauberkeit aus. uf die schnelle ausgehobene Gruben dienten als Toiletten. Unausweichlich war die Durchführung einer Prozedur, die man „Entlausung“ nannte – auf Russisch „woschebojka“. Die Menschen wurden mit einer speziellen chemischen Flüssigkeit eingesprüht, die einen ganz besonderen Geruch aufwies; davon bekamen sie Juckreiz und Hautreizungen.

Wie die Ostarbeiter verpflegt wurden, kann man sich natürlich vorstellen: 250 gr Brot am Tag, und zum Mittagessen Wassersuppe. Auch um die Kleidung war es schlimm bestellt – sie trugen die Sachen, mit denen sie ins Lager gekommen waren. Um den eintönigen Alltag und die ganz persönlichen Erlebnisse der Ostarbeiter etwas besser verstehen zu können, muß man sich mit den Briefen vertraut machen, die sie aus der Unfreiheit schrieben, in denen manche von ihnen sogar Verse, Erzählungen oder Lieder zu Papier brachten, denn die einfache Analyse von Fakten kann schließlich nicht die innere Welt der Ostarbeiter wiedergeben.

In den vergangenen Jahren wurde durch die Bemühungen der russischen Gesellschaft „Memorial“ eine stattliche Anzahl von Briefen ehemaliger Lagerinsassen und Landarbeiter zusammengetragen, die während des Krieges in der deutschen Landwirtschaft arbeiteten.

Eine ganze Menge mehr wurde bereits viel früher von russischen, ukrainischen und weißrussischen Folkloristen getan. Noch während des Krieges und besonders nach dessen Beendigung wurde sehr intensiv volkstümliche Bräuche gesammelt, die in jenen Jahren entstanden und auch teil des täglichen Lebens waren, - auch von der Front, wo diese Bräuche durch den Krieg gestört wurden, sowie Sitten, die für die besetzten Gebiete charakteristisch waren und letztendlich dir Folklore der Ostarbeiter. In der slawischen Folklore tauchten neue Begriffe wie „die Folklore der Unfreien“, „Lieder der Unterdrückten“, „Lieder der Unterworfenen“ u.a. auf.

Im Jahre 1991, als das Gebäude des berühmten Folklore-Zentrums „Deutsches Archiv der Volkslieder“ (Freiburg) renoviert wurde, entdeckte man eine von allen vergessene Pappschachtel. Auf den ersten Blick erscheint dass unglaublich. Im Archiv, das für seine hervorragende Organisation berühmt ist, blieb eine aus mehr als 1300 Karteien bestehende Sammlung seit 1944 unregistriert und wurde in der Ecke irgendeiner Mansarde zusammen mit irgendwelchen nutzlosen Papieren und Buchduplikaten verwahrt. Die Sammlung enthält Auszüge aus Briefen von Ostarbeitern, die zwischen 1942 und 1944 von einem der Zensoren zusammengetragen wurden.

Das Briefeschreiben war den Ostarbeitern ab Juli 1942 erlaubt. Es sollte die wachsende Unzufriedenheit mit dem grausamen Regime und den Widerstand bei der Anwerbung und Einstellung neuer Partien von Arbeitsssklaven abschwächen. Es versteht sich von selbst, daß es dabei verboten war, über das Wichtigste zu schreiben: die unmenschliche Grausamkeit der Lagerwachen, Krankheiten, Hunger, die alltäglichen, unhygienischen Verhältnisse, die Bombardierungen, die Eindrücke, die man aus Nachrichten und Gerüchten von der Front bekam, das Verhalten der ortsansässigen Bevölkerung gegenüber den Gefangenen, usw. Das heißt über all das, was man am liebsten hätte schreiben wollen und was die wesentlichsten Neuigkeit in dem freudlosen Lagerleben ausmachte.

Eine solche Kollektion zusammenstellen, das konnte nur ein Mensch, der in der Masse der Ostarbeiter nicht eine Herde Sklaven, sondern eine menschliche Welt gesehen hatte, die für ein tiefgründiges Studium interessant war, die ihre Traditionen, ihre Poesie und ihre Kultur besaß, wenngleich, wie es scheint, jene Demütigungen und Erniedrigungen, denen sie in jeder Minute ausgesetzt waren, sie eigentlich vollständig ihrer Individualität hätten berauben müssen.

Die Registrierkarten für diese Sammlung waren nach einzelnen Rubriken geordnet: „Wortschätze“, „Redewendungen“, „Folklore“, „Träume“, „Prophezeiungen“, „Rundschreiben“, „Volksmedizin“.

Durch die schrecklich erniedrigenden Bedingungen der Gefangenschaft, die dem Wesen nach reine Zwangsarbeit war, machten die Menschen fremde Worte zu ihrer eigenen Sprache; in ihr stöhnt das ganze persönliche Unglück und authentische Schicksal auf. Durch dieses Bilderbuch, dieses Spiel bahnt sich plötzlich ein Klageschrei seinen Weg – vergiß nicht, ich habe existiert, ich bin noch da, es gibt mich noch, behalte mich und unsere Liebe in Erinnerung!

Ich schreibe Dir mit zitternder Hand,
damit nach vielen langweiligen Jahren
von dem kurzen und aufgewühlten Leben
wenigstens eine Spur nachbleibt.

Die Zitate verändern ihren Charakter, verzerren sich durch die Qual der Einsamkeit in der Fremde. Man möchte durch irgendjemanden die Verbindung zur Heimat, zur fortgenommenen Freiheit aufrechterhalten. Ein schwaches Licht der Hoffnung erzeugt ein Gefühl für die Vergänglichkeit des Lebens. Einförmig sind sie, diese Lieder, Überschriften und Verse, aber durch ihre Wiederholungen und ihre Masse verstärken sie den Eindruck.

Zwangsarbeit, Rechtlosigkeit, die Behandlung wie Vieh und der Hunger, die Demütigungen durch die Aufseher, Gefühle der totalen Hilflosigkeit – all diese Bedingungen im Dasein der Ostarbeiter hätte sie eigentlich in unmenschliche Sklaven verwandeln müssen. Aber trotzdem sind sie Menschen geblieben; möglicherweise haben ihre Qualen und Leiden ihre Gefühle, ihre Liebe, ihre Erinnerungen nur noch verstärkt. Die Menschlichkeit in ihnen ist nicht zugrunde gegangen. Das Streben nach Freiheit lebte in ihnen: die Muttersprache – russisch, ukrainisch, polnisch – gab ihrem Geist den nötigen Rückhalt. Nach all den Jahrzehnten sind diese ungeschickten Worte noch bis zu uns vorgedrungen:

Wenn wir schon nicht zusammen leben können,
Wenn das Schicksal schon so grausam ist,
Dann soll meine im Bild festgehaltene, unbewegliche Person
doch wenigstens in der Erinnerung bleiben.
(Beschriftung einer Fotografie)

Es ist erstaunlich, wie diese „unbewegliche Person“ sich bis zu uns durchschlug, wieviele gmeinsame Bemühungen deutscher und russischer Gelehrter nötig waren und wie sich die Hoffnungen miteinander vereinten – die einen, die sich erfüllten, und andere, die nicht in Erfüllung gingen. Eine merkwürdige, sehr ergreifende Erinnerung an einen unbekannten Autor und ein Denkmal an die Überlebensfähigkeit der Volkssprache.

Aber um genau diese Erlebnisse der Ostarbeiter zu verstehen, reicht es nicht aus, nur die mit ihnen in Zusammenhang stehende Literatur zu analysieren. Man braucht vielmehr den direkten Kontakt zu ihnen. Zu diesem Zweck traf ich, nachdem ich ihre Adressen bei der „Memorial“-Gesellschaft erfahren hatte, mit zwei ehemaligen „Ostarbeitern“ zsammen, und sie erzählten mir von ihrem Leben während des Krieges.

Eine von ihnen ist Jewdokia Terentewna Jelmakowa. Sie stammt aus der Region Brjansk, aus dem Dorf Matrenowka. Hier ihre Erzählung:

„Als die Deutschen einmarschierten und unser Dorf in Brand steckten, mußten wir einige Tage im Wald leben. Im Nachbardorf hatte der deutsche Stab seinen Sitz. Es war im Herbst, als bei uns immer noch Minen explodierten. Die Deutschen transportierten fünf Mann aus unserem Dorf ab. Warum und wozu – war unbegreiflich. Alle benachbarten Dörfer wurden niedergebrannt. Ich rannte fort, um mit den Partisanen im Wald zu bleiben.

Später organisierten die Deutschen eine Razzia und trieben uns fort – alle, die sie auftreiben konnten. Zwei Wochen waren wir unterwegs, gingen 20 km zufuß. Sie gaben uns nichts zu essen. Wir ernährten uns von dem, was uns in die Finger kam. Nachts schliefen wir in Pferdeställen. Wir gingen und gingen, und diejenigen, die zurückblieben, wurden erschossen. Sie brachten uns in eine Siedlung namens Schukowka. Dann befahlen sie uns, auf einen Güterzug zu steigen und transportierten uns ab. Sie ließen uns aus den Waggons nicht heraus. Sie brachten uns aus irgendeinem Grund nach Weißrußland. Ich war damals 12 Jahre alt. Sie brachten uns in Baracken unter. Dort gab es Flöhe, Läuse und Wanzen. Es war schrecklich! Die erste Nacht verbrachten wir zum Schlafen auf der Straße. In der Baracke war das unmöglich. Wir sammelten ein paar Stückchen Brot. Und dann brachten uns die Deutschen in verschiedenen Dörfern unter. Ich kam in das Dorf Pawedzewo, in ein Haus, das kein Dach hatte. Dort waren wir insgesamt mit vier Familien untergebracht. Später begann ich für den Hausherrn zu arbeiten. Seine Frau hieß Milka. Ich hütete die Schafe, hackte Brennholz, schleppte Wasser heran. Im allgemeinen machte ich alles, was sie mir sagten. Und der Hausherr liebte es sehr, wenn ich Lieder über Tschapajew sang. So lebte ich bis zum Herbst. Und irgendwie gab es da einen Feiertag - jetzt fällt es mir wieder ein. Man beging den Pokrov-Tag (Mariä Schutz und Fürbitte). Es wurden Gäste erwartet, und der Hausherr wollte unbedingt, daß ich ihnen von Tschapajew vorsang. Aber morgens sollte ich zunächst einmal die Schafe hüten. Ich passe also auf sie auf, und da sehe ich, daß da so ein Hund ganz unruhig hin- und herläuft. Ich sehe noch einmal genauer hin ... Ach, du liebe Güte – es ist ein Wolf! Und der verbiß sich in eines der Schafe. Mein Gott, was war ich erschrocken! Ich laufe und schreie. Und schließlich war da so ein Mann, der half mir, den Wolf zu verjagen; aber besonders weit entfernte er sich nicht. Das Schaf war schon vollständig zerrissen. Ich kam nach Hause und fing laut an zu brüllen. Ich dachte, sie würden mich schlagen. Die Frau war furchtbar böse. Und meine Stimme war hin. Ich konnte nicht singen. Aber der Hausherr gab mir heiße Milch zu trinken und sagte, ich solle mich schlafen legen. Sie schlugen mich nicht. Ich blieb bei ihnen bis zum Winter. Im Sommer arbeitete ich auch in dem Dorf. Ich schaffte mir einen Vorrat von 5 Pud Getreide an. Dann wurde ich in ein anderes Dorf abkommandiert. Aber ich wohnte dort nicht. Zum Schlafen stellten sie mir dort zwei Hocker hinter dem Ofen hin. Da ging ich in ein anderes, 20 km entferntes Dorf. Und als ich so ging, da kam mir jemand entgegen galoppiert. Irgend so ein Offizier. Er hatte mit mir irgendetwas Schlechtes vor. Ich hatte Angst und lief weg. Und er schrie mir hinterher: „Bleib stehen, sonst schieße ich!“ Aber das war mir ganz egal; ich lief weiter. Und er schoß nicht. Und am nächsten Tag war der 9. Mai 1945. Der Krieg war zuende!“

Während sie erzählte, konnte man sehen, daß es ihr sehr schwerfiel, sich an alles zu erinnern, was sie durchgemacht hatte.

Und Ljubow Sawelewna Ametowa erzählte mir folgendes:

„Ich lebte in der Ukraine, im Ochtyrsker Kreis, in dem Dorf Kornilowka. Als die Deutschen unseren Bezirk besetzten, da ließen sie sofort alle jungen Leute auf LKWs steigen und brachten sie fort ins Dorf Ochtyrka.

Dort wurden sie in Waggons verfrachtet und abtransportiert. 12 Tage und Nächte waren sie unterwegs. Wir versuchten wegzulaufen, aber sie jagten und ergriffen uns und brachten uns nach Wien (Österreich). Wir wurden ausgeladen, und dann mußten wir ins Badehaus marschieren. Dort im Lager blieben wir zwei Tage und Nächte. Wir schliefen einfach wie Häufchen auf dem Fußboden. Die Deutschen wußten nicht, wohin sie uns bringen sollten; es waren schrecklich viele Menschen. Und dann trieben sie uns im Marschschritt bis in die Stadt Linz, wo wir erneut in ein Lager kamen. Dort bekamen wir zu essen: Suppe mit Erbsen und ein kleines Stückchen Brot. Sie gaben uns Essen, damit wir nur nicht verreckten. Und dann fingen sie an, uns zur Arbeit zu treiben. Einige schickten sie in eine Rüstungsfabrik, andere kamen woanders hin. Aber ich, und noch ein paar Leute, mußten Gräben ausheben. Das machten wir vier Monate lang.

Dann kam eine Frau und sagte, daß sie ein Mädchen für die Hausarbeit brauchte. Sie wählten mich und noch drei weitere Mädchen aus und brachten uns in das Dorf Fralchon. Dort arbeitete ich etwa eineinhalb Jahre: ich hackte Holz, molk die Kühe. Alles habe ich gemacht. Ich pflanzte und grub. Die Frau besaß ein großes Grundstück. Aber ich durfte nirgends hingehen. Auf dem Ärmel trugen wir so ein abzeichen „OST“, und unsere Kleidung sah aus, wie die der Kriegsgefangenen. Unmittelbar vor dem Ende des Frühlings erkrankte ich schwer. Aber die Hausherrin war gut zu mir; sie schlug mich nicht und gab mit gut zu essen. Und später wollte sie mich sogar ganz dabehalten, denn sie hatte keine Kinder, sondern lebte dort ganz allein. Aber die Heimat war mir lieber. Am 9. Mai kam ein russischer Offizier und sagte: „Wir werden euch freilassen!“ – Was war das für eine Freude! Sie holten uns ab und brachten uns zunächst in ein Lager für Kriegsgefangene. Und dann transportierten sie uns zurück in die Heimat!“

Schlußbemerkung

Ja, je mehr du über den Krieg liest, um so besser verstehst du, daß es dabei nicht nur eine einzige Kehrseite gibt, sondern eine ganze Vielzahl. Und es ist ganz offensichtlich, daß auch die Ostarbeiter eine dieser Kehrseiten darstellen, die nicht nur unseren heutigen jungen Leuten und jenen, die ein oder zwei Jahrzehnte danach geboren wurden, kaum bekannt ist, sondern sogar der Mehrheit derer, die sie selbst durchgemacht haben. Und über diese 12 Millionen Menschen weiß kaum jemand etwas, denn nach ihrer Rückkehr gerrieten die meisten von ihnen in die schwarzen Listen und wurden nun auch noch als Verräter bezeichnet. Bis Mitte der 1950-er Jahre befanden sich viele Ostarbeiter unter der Überwachung der Staatssicherheitsorgane. Deswegen konnten manche von ihnen auch keine Ausbildung oder gute Arbeit erhalten und keine Karriere machen. Faktisch wurden die ehemaligen „Arbeiter aus dem Osten“ zu Opfern zweier totalitärer Regime – dem kommunistischen und dem nationalsozialistischen.

Literaturangaben

1. „Die Überwindung der Sklaverei, Volkstum und Sprache der Ostarbeiter“. Wissenschaftliches Zentrum für Information und Aufklärung der „Memorial“-Gesellschaft, Moskau, 1998.

2. „Die Fremden und ihresgleichen“, M. Tschernenko, Moskau, 2001

3. „Große sowjetische Enzyklopädie“, Verlag Wissenschaft, Moskau, 1982

4. „Enträtselungen des Dritten Reichs“, I. Bezymjanskij, Moskau, 1990

5. „Die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts“, Autoren: E.A. Poljakow, I.A. Salzman, Moskau, 1993
 

Anhang 1

Anhang 2

Anhang 3

Anhang 4


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