Auch wenn sie nicht auf uns geschossen haben...

DIE NATIONALE FRAGE

Liebe Redaktion! Ich las in den «Dorf-Nachrichten» den Artikel «Gott—unsere Einsicht», indem es um die deutsche Nation geht. Laut Ausweis bin ich ebenfalls Deutsche. Meine Großväter wurden aus dem Wolgagebiet ausgewiesen. Mein Vater war 1937 Repressalien ausgesetzt, ich selbst wurde 1942 im Alter von 16 Jahren zur Trudarmee in den Hohen Norden, nach Workuta, mobilisiert. Später wurde daraus eine Stadt, aber 1942 standen lediglich Zelte an der Stelle der zukünftigen Stadt. Sie transportierten uns in «Kälber-» Waggons dorthin. Vom 28. September bis 28.Oktober bewegten wir uns Richtung Norden. Im Waggon waren auch jüngere Kinder als ich, aber sie fuhren mit ihren Müttern, und es gab auch Frauen im fortgeschrittenen Alter. Die Burschen fuhren getrennt, in anderen Waggons. Einen ganzen Monat konnten wir uns nicht waschen: es gab kein Wasser. Wir bekamen jeder 300 g Hafergrütze am Tag und einen Kessel Wasser pro Waggon. Mit diesen Graupen haben sie uns fürs Überleben getestet. Wir fuhren in verschlossenen Waggons mit Wachbegleitung.

Manche hatten ein paar Vorräte von Zuhause mitgebracht. Für sie war die Situation leichter. Aber meine Mutter mit ihren fünf Kindern war nach der Verhaftung des Vaters mittellos, und so konnte ich nichts von Zuhause mitnehmen. Und unsere Häuser hatten wir auch schon länge verloren: gleich nach der Verhaftung des Vaters hatten sie uns aus der Wohnung ausgewiesen. Wir liefen andere Quartiere ab, auf der Suche nach einem Eckchen. In Workuta erwartete uns die Lagerzone: ein hoher Bretterzaun und drei Reihen Stacheldraht. Die Russen benahmen sich uns gegenüber sehr schlecht, als ob wir daran schuld wären, dass Hitler den Krieg entfacht hatte. Sie gaben uns so wenig zu essen, dass wir jeden Morgen Tragen holen und 6—7 Leichen aus der Baracke tagen mussten.

Die Baracken waren mit doppelstöckigen Pritschen und einem Ofen ausgestattet. In jeder lebten 50—60 Personen. Über Nacht wehte so viel Schnee herein, dass er wie eine weiße Mütze auf den Köpfen der Schlafenden lag. Wir arbeiteten 10 —12 Stunden im Schacht. Zu Fuß gingen begaben wir uns untertage und zu Fuß wieder zurück. Wir arbeiteten als Hauer im Lavagestein. Die Leitung bestand aus Russen, ständig standen Aufseher herum und trieben uns an: ab du kannst oder nicht — vorwärts! Der Schichtplan verlangte 75 Tonnen, und wir — eine Brigade aus sechs hungrigen und halb erfrorenen Mädchen, erfüllten diesen Plan. Warum ich «erfroren» sage? Weil wir den ganzen Tag im eisigen Wasser standen und es unter den Füßen ständig rauschte und gluckste. Die Füße wurden nicht mehr warm, umso mehr, dass wir schlechter eingekleidet wurden als Gefangene. Die kannten wenigstens ihre Haftdauer, während wir keinerlei Vorstellungen von unserer Zukunft hatten. Nachts wurden wir zum Verhör geholt, und wenn man nicht gestand, was sie verlangten, setzten sie ihre Stiefel und Fäuste ein. Nebenan, in der Nachbarzone, kamen zwei von Mamas Brüdern ums Leben. So sehr ich auch darum bat, mich vorzeitig zu entlassen, um sie zu sehen, sie ließen mich nicht gehen. Briefe durften wir nicht versenden, und wenn ein Brief für uns eintraf, dann war darin alles durchgestrichen, mit Ausnahme von «sei gegrüßt» und «auf Wiedersehen». Mit jedem Schritt wurden wir ermahnt, dass die Menschen an der Front erfrieren und auf sie geschossen wird. Mit uns gingen sie schlimmer um als wir heute mit unserem Vieh.

Wir waren alle aus dem Omsker Gebiet — aus den Maskalensker, Marjanowsker, Asowsker und Tjukalinsker Bezirken. In Omsk leben sehr viele Deutsche – ganze Siedlungen. Als der Krieg zu Ende ging, änderte sich bei uns nichts, nur dass sie die Wachsoldaten von den Wachtürmen entfernten. Wir lebten weiter in Baracken, in der Lagerzone, erfuhren Hunger und Kälte wie zuvor. Den einen oder anderen entließen sie während des Krieges nach Hause – als Todeskandidaten. Ein Großteil von ihnen starb. Übrigens wurden die Unseren ohne Särge, nackt, in großen Massengräbern bestattet. Die Gräber wurden nur im Sommer ausgehoben, weil in jenen Gegenden der Boden vollständig durchfriert, glasig und starr wird. Und während wir auf den Sommer warteten, lagerten wir die Leichen in der Lagerzone in hohen Stapeln. Man hängte Schildchen an die Füße, damit sie in der anderen Welt nicht sagen konnten, dass du kein Deutscher, kein Volksfeind wärst. So nannte man uns damals in den meisten Fällen.

Ja, auf uns haben sie nicht geschossen, wir waren nicht an der Front, aber wie schwer hatten wir es! Es wäre besser gewesen, wenn sie auf mich geschossen hätten, dafür hätte ich als Mann gezählt, meine Familie und die anderen Dorfbewohner hätten mich zu Hause erwartet, mich am Tag des Sieges mit Blumen begrüßt. Und ich hätte bis zum letzten Tropfen Blut für meine sowjetische Heimat gekämpft, umso mehr als ich weiß, und zutiefst davon überzeugt bin, dass — hier meine Heimat ist. Und welches Volk, welche Nationalität nebenan wohnt, ist ganz egal; das Wichtigste ist, dass es mein Volk ist. 1953, nach Stalins Tod, erlaubte man uns die Ausreise nach Deutschland. Mich bestellte man damals in die Kommandantur: ob ich nach Hause, nach Deutschland, zurückkehren wolle; und ich, die Beherrschung verlierend, antwortete grob: «Dorthin müssten Sie alle geschickt werden, diejenigen, die uns den ganzen Krieg über verhöhnt und verspottet, uns misshandelt, gekränkt uns geschlagen, uns Suppe ins Gesicht geschüttet haben, wenn wir es nicht geschafft hatten, sie innerhalb einer Minute zu trinken». Aus diesem Grund händigte mir der Kommandant meine Dokumente nicht aus, und meinte, dass er mich aufgrund dieser meiner Überzeugung nicht entlassen könnte. «Beruhige dich, — sagt er. — Du bleibst noch ein Weilchen hier und dann fährst du!» Und so blieb ich noch zwei Jahre dort, arbeitete im Schacht. 1955 bestellten mich die Behörden ein, gaben mir meine Dokumente und zwangen mich zu guter Letzt einen Schrieb zu unterzeichnen, dass ich die 25 Jahre lang über alles stillschweigen würde, was ich hier gesehen hatte. Ich kritzelte meinen Namen und sagte, dass ich einstweilen schweigen würde, aber alles vergessen könnte ich nicht! Ich reiste nach Omsk, wo mich niemand erwartete. Die Verwandten waren alle weg, hatten sich inzwischen in verschiedenen Eckchen Russlands niedergelassen, jedenfalls diejenigen, die es verstanden hatten zu überleben.

Auch ich wählte meinen Platz—es wird immer die Region Krasnojarsk in Sibirien bleiben. Hier haben sie meinen Vater verhaftet, hier wurde er erschossen. Ich wandte mich ans Oberste Gericht. Man antwortete mir, dass sein Begräbnisort unbekannt sei. Und doch ruht er in diesem Land. Hier habe ich sechs Kinder großgezogen, und ich habe bereits fünfundzwanzig Enkelkinder. Alle Kinder, mit Ausnahme einer Tochter, leben in der Region Krasnojarsk. Zur Familie gehören Afghanen und Kommunisten. Und ich habe das Recht, auf meine Familie stolz zu sein. In den Geburtsurkunden sind meine Kinder als Deutsche vermerkt, aber es gibt auch Russen (wie ich es bei der Registrierung der Neugeborenen angegeben habe, so wurde es auch eingetragen). Unsere Familie ist international: wir haben einen Usbeken, einen Mordwinen, Deutsche, einen Chakassen (das ist mein Ehemann) darunter, dessen Name sich auf Russisch buchstabieren lässt. Mein Schwiegersohn—Litauer. Wir gehen einträchtig miteinander um, teilen alles miteinander, helfen uns gegenseitig und machen keinen Radau. Alles entscheiden wir auf dem friedlichen Weg.

Jetzt leben unser Sohn, die Tochter mit ihren Familien sowie die Schwester ihres Ehemanns in Trjassutschaja. Die Familie der Tochter baut ein Haus. Einstweilen wohnen sie bei uns. Alle haben einen Platz und ein Stück Brot gefunden. Aber es ist manchmal auch in der heutigen Zeit nicht leicht; es gibt so viele gleichgültige Menschen, besonders innerhalb der örtlichen Leitung, denen wir auch schreiben und ihnen unsere Bedürfnisse mitteilen, aber es kommt keine Antwort, keine Reaktion – und wahrscheinlich, wird es die auch in Zukunft nicht geben.

Und trotzdem hält es uns hier, wir sind hier verwurzelt und wollen diesen Boden nicht verlassen. Besorgt sind wir über die Lage im Land. Die Perestroika hat den Lauf des Lebens verändert. Vielen hat es nicht gefallen, dass sie aus ihren warmen, sättigenden Orten entfernt wurden. Aber es gibt aktuell so viele Probleme, dass die Leute moralisch schon ganz müde davon sind. Ich nehme mir das Schicksal der Perestroika sehr zu Herzen; ich möchte, dass sie standhält und siegt. Ich bete für M.S. Gorbatschows Gesundheit, damit er das Angefangene auch zu Ende führen kann.

Jemand mag nun denken: wieso hat sie das unterschrieben und warum erzählt sie jetzt alles? Das habe ich getan, weil ich auch heute häufig wenig schmeichelhafte Worte über die Deutschen höre. In unserem multinationalen Gemisch wird in Nationalitäten gekramt.

Ich bin stolz darauf, im Lande der Sowjets zu leben! Auch wenn das Leben mich mit Steinen beworfen, mich wie ein Strohhalm im Wind herumgeschleudert hat, habe ich trotzdem den blutrünstigen stalinistischen Zeiten widerstanden, wenngleich viele aus meiner Familie umgekommen sind. Heute leben wir nicht schlechter als Menschen, wir lieben unser Dorf, versorgen uns selbst. Wir liegen niemandem auf der Tasche herum – im Gegenteil: wir sind bemüht, dem Staat noch etwas zu geben. Schade nur, dass es mit der Ernährung so schwierig ist.

Hoffen wir, dass man sich trotzdem irgendwann an das Dorf erinnert, denn schließlich kann es ja nicht endlos eine derartige Gleichgültigkeit geben. Das Dorf geduldet sich einstweilen, wartet auf Hilfe seitens der Volksdeputierten.

I.KOSAK
Dorf Trjassutschaja

„Dorf-Nachrichten“ (Balachta), 12. August 1989
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt


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