Wie soll man das Vertrauen in die Gerechtigkeit zurückgeben

DIE NATIONALE FRAGE

Bei uns hält man es für vollkommen selbstverständlich, dass alle Nationen und Volksgruppen der UdSSR sich als Sowjetmenschen bezeichnen. Auch die Deutschen in der UdSSR, die seit mehr als zweihundert Jahren in diesem Land leben, die hier einen selbständigen historischen Weg der Entwicklung von einer Volksgruppe zu einer Nation gegangen sind, haben sich gern diese zweite Bezeichnung zugelegt.

Auf diese Weise versuchen wir wohl, bei der Erwähnung des Wortes „Deutscher“ wenigstens einen Teil der schablonenhaften Stereotype aus den Köpfen der sowjetischen Menschen zu entfernen. Wohlgemerkt – die Stereotype der Kriegs- und Nachkriegszeiten, die Überlegungen über die DDR oder die BRD im Bewusstsein nicht wiederaufleben.

Die nationale Tragödie der Sowjetdeutschen besteht in ihrer pauschalen Anklage wegen Massenbegünstigung des Faschismus, der auf dieser Grundlage erfolgten Liquidierung der ASSR der Wolgadeutschen, der nationalen Bezirke, der Konfiszierung von Gemeinschafts- und Privatbesitz, von Kulturstiftungen, in der gewaltsamen Umsiedlung aller Sowjetdeutschen nach Sibirien und Kasachstan, in der vorsätzlichen, weit voneinander entfernten Ansiedlung der Menschen dieses Volkes, mit der Berechnung, dass es nie wieder zu einer ethnischen Mehrheit kommen sollte. Die Bedingungen, unter denen die Sowjetdeutschen in den sogenannten Arbeitsarmeen gehalten wurden, unterschieden sich nur wenig von denen in den faschistischen Konzentrationslagern.

Die Todesrate unter der erwachsenen Bevölkerung in den Trudarmeen, der Kinder und alten Menschen an den Deportationsorten war außergewöhnlich hoch. Es liegen insbesondere Zeugnisse darüber vor, dass von einem aus 2000 Mann bestehenden Kommando der Arbeitsarmee, das beim Holzeinschlag tätig war, letztendlich nur ein einziger am Leben blieb.

Sind also die zahlreichen Aussagen von Gegnern der Wiederherstellung des Staatswesens der Sowjetdeutschen angemessen, dass sie angeblich im Hinterland herumsaßen, als Russen und andere Völker ihr Blut an der Front vergossen?

Die Autoren der Hasskampagne bezüglich der Deportation der Sowjetdeutschen und einer Reihe anderer Völker der UdSSR strebten offensichtlich danach, sie den Bedingungen einer grausamen Zwangsassimilation auszusetzen. Homogenes, de-nationalisiertes menschliches Hackfleisch mit Sklaven-Psychologie—das also ist das Ideal des sowjetischen «Volkes», nach dem der «Führer aller Zeiten und Völker» strebte.

Der Krieg zwischen dem faschistischen Deutschland und der Sowjetunion hinderte in der Folgezeit unser Land nicht daran, geschäftliche wie freundschaftliche Beziehungen nicht nur mit der DDR, sondern auch mit der BRD, aufzunehmen. Für die Sowjetdeutschen, die zuvor innerhalb der RSFSR ihre autonome Republik besessen hatten, wurde dieser Krieg zum Verhängnis.

Wir mussten mit Bitterkeit und Schmerz feststellen, dass die Perestroika in einem kritischen Augenblick ins Leben der Deutschen kam. Es ist ihre letzte Chance, ihre konstitutionellen Rechte wiederherzustellen, ihre Staatlichkeit, sich als Volksgruppe im Rahmen des allgemeinen Evolutionsprozesses zu bewahren. Das Problem der Sowjetdeutschen hat seit langem die Rahmen nationaler Interessen eines Volkes überschritten. Es ist ein staatliches Problem. Heute ist das zudem auch ein eigentümlicher Indikator für die Perestroika. Wozu, wann und wie das nationale Problem der Sowjetdeutschen gelöst wird, steht jetzt eingehend seitens aller demokratischen Kräften des Landes unter Beobachtung.

Welches sind trotz allem die Gegenargumente der Gegner der Wiederherstellung der deutschen Autonomie an der Wolga?

Ich nenne die wichtigsten Losungen, die schablonenhaft auf den zahlreichen Versammlungen wiederholt werden, die im letzten halben Jahr an der Wolga zugenommen haben: «Keine deutsche Autonomie!», «Kein drittes Deutschland!», «Zerreißt euch nicht das Maul über den Saratower Gemüsegarten!», «Deutsche—ja, Autonomie — nein!», «Genug mit dem Zurechtschneiden Russlands».

Es geht, wie Sie sehen, bis hin zum Absurden, demonstrativ ausgedrückt mit Transparenten, deren bloße Erwähnung schon das Bewusstsein kränkt und beleidigt. Einer dieser Losungen möchte ich kommentarlos anführen: «Wir haben die Wolga 1941 verteidigt,—wir werden das auch 1990 tun». Ich will versuchen einige der Losungen zu kommentieren.

Die politisch fehlerhafte Losung —«Kein drittes Deutschland!»—passt fest in die antideutsche Kampagne in der Wolga-Region. Nach meiner Ansicht zeugt sie davon, dass der lokale Apparat des Gebietes Saratow (parteilich, wie auch sowjetisch) sich beliebige Mittel zunutze macht, nur um sich die Unterstützung der Massen zu sichern und seine privilegierte Lage für einen weiteren Zeitraum zu bestärken.

Die noch egoistischere, spießbürgerliche Losung «Zerreißt euch nicht das Maul über den Saratower Gemüsegarten!» kann man sich nur schwer vorstellen. Erstens, es wäre nicht überflüssig, sich daran zu erinnern, dass dieser gut bearbeitete und erntereiche Gemüsegarten den Sowjetdeutschen gewaltsam genommen wurde. Die andere Sache ist die, ob er dann mehr Erträge einbrachte. Zweitens, die beleidigende Bemerkung, dass die Sowjetdeutschen sich den Wanst mit Produkten der lokalen Bevölkerung gefüllt hätten, ist einfach absurd. Ich glaube, dass unsere eifrigsten Gegner keine einzige Region, kein einziges Dorf finden werden, in der oder in dem die Deutschen auf Kosten der anderen gelebt und sich bei ihnen sattgegessen hätten.

Die Losung «Deutsche—ja, Autonomie— nein!» bedeutet bei tiefgründigem Studium nichts anderes als eine weitere Behandlung des deutschen Volkes als Sklavenarbeiter. Eine solche Herangehensweise an die Lösung des Problems der Sowjetdeutschen würde nicht nur nicht zur Wiederherstellung ihrer Kultur und Sprache führen, sondern, im Gegenteil, den Prozess der gewaltsamen Assimilation nur verstärken, mit dem man auch so schon viel zu weit gegangen ist.
Auf jedem Treffen des Widerstands kann man die erstaunte Frage hören: «An was fehlt es diesen Deutschen denn?» Angeführt werden zahlreiche Beispiele, dass man doch diesem oder jenem Traktoristen oder dieser oder jenen Melkerin aus den Reihen der Sowjetdeutschen volles Vertrauen im Kollektiv entgegenbringt, dass sie gut arbeiten und ebenso gut verdienen. Und dass bis vor kurzem, bis zum Auftauchen der Gesellschaft «Wiedergeburt», sich kein Mensch überhaupt dafür interessiert hätten, welcher Nationalität sie angehörten.

Als ich zusammen mit dem Akademiker B.W. Rauschenbach im Rahmen einer Arbeitsgruppe der Kommission des Obersten Sowjets zu Problemen der Sowjetdeutschen ins Wolgagebiet reisen musste, um dort mit der Leitung und dem Aktiv des Gebietes Saratow zusammenzutreffen, waren diese aufrichtig verwundert über meine Erklärung bezüglich der Einschränkungen selbst der Ehefreiheit der Sowjetdeutschen. Ich musste erklären, dass der Familienbund jedes einzelnen Sowjetdeutschen, der auf der freien Wahl des Lebenspartners oder der Lebensgefährtin basiert, noch lange nicht die Freiheit des Volkes in dieser Angelegenheit bedeutet. 70 Prozent der Mischehen unter den Sowjetdeutschen —sind der deutlichste Beweis für die Tiefe der Assimilationsprozesse keineswegs evolutionärer Natur.

Geht man strenger an das Problem der Sowjetdeutschen heran, so darf man nicht von den statistisch erfassten zwei Millionen Sowjetbürgern deutscher Nationalität sprechen, sondern muss vielmehr von einer Zahl von 3,5—4 Millionen Personen ausgehen. Berücksichtigt man die verwandtschaftlichen Beziehungen mit Vertretern anderer Völker, die Mischehen mit den Sowjetdeutschen eingegangen sind, so ist von mehr als zehn Millionen Sowjetmenschen die Rede.

Bis vor kurzem war eine der verbreitetsten Losungen bei den antideutschen Versammlungen im Wolgagebiet die Forderung eines Referendums unter der örtlichen Bevölkerung. Ein Referendum mit zuvor definiertem Ergebnis im Verhältnis 93 zu 7 (Anteile der Sowjetdeutschen auf dem Territorium der ehemaligen ASSR der Wolgadeutschen). Dabei haben die Anhänger einer derartigen Vorgehensweise nicht einmal in ihren Gedanken eine Ausweitung des Referendums über die Grenzen einer interessierten Partei hinaus zugelassen. Als ob sie nicht verstünden, dass das Problem der Sowjetdeutschen sich nicht auf sieben Prozent ihrer Vertreter beschränken lässt, die im Laufe der Jahrzehnte durch ein Staket von Hindernissen in ihrer kleinen Heimat gesiebt wurden.

Autonomie durch Gewalt, mit Hilfe von Panzern und Schlagstöcken brauchen die Sowjetdeutschen freilich nicht. Genauso wie Nachbarn mit chauvinistischen Stereotypen im Kopf.

Die letzte ideologische «Erfindungå» des Apparats im Gebiet Saratow, schablonenhaft wiederholt auch von den Vertretern des unter dem Ansturm der Demokratie zusammengebrochenen Wolgograder Apparats, läuft auf einen Evolutionsprozess der Wiederherstellung der Staatlichkeit der Sowjetdeutschen an der Wolga hinaus. Das erklärten auf der ersten Sitzung der Staatlichen Kommission zu den Problemen der Sowjetdeutschen, die am 2. Februar im Kreml stattfand, der Vorsitzende des Saratower Gebietsexekutivkomitees - N.P. Grischin - sowie des Wolgograder Gebietskomitees – A.N. Orlow. Im gleichen Sinne äußerten sich auch die Volksdeputierten der UdSSR aus dem Gebiet Saratow – G.N. Klimowa und N.M. Koltschukowa.

Wenn man nun sagt, dass solche angesehenen Leute wissenschaftliche Begriffe einfach durcheinanderbringen, dann ist es dasselbe, als ob sie überhaupt nichts sagen.

Bei der Analyse der Gegenargumentation der arbeitenden Menschen, welche die Idee der Wiederherstellung der Staatlichkeit der Sowjetdeutschen nicht begrüßen, möchte ich noch bei einigen irdischeren, alltäglicheren und mehr lebensbezogenen Fragen verweilen. Viele befürchten, dass eine Klärung der Probleme der Sowjetdeutschen die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung in der Region beinträchtigen könnte. Die Leute sind der Ansicht, dass sie dann Deutsch lernen müssen, dass die Deutschen ihre erhalten geblieben Häuser zurückfordern, dass sich die ohnehin schon zugespitzte Lage der Wohnungsnot noch weiter verschlechtert, dass sogar eine gewaltsame Aussiedlung der russischsprachigen Bevölkerung möglich wäre. All diese Befürchtungen wurden durch die Ereignisse im "Baltikum, im Kaukasus, in Mittel-Asien...“ wachgerufen. 

Aber, erstens, werden die meisten dieser Befürchtungen durch die Programm-Dokumente der Allunions-Gesellschaft der Sowjetdeutschen «Wiedergeburt» beseitigt, welche absichtlich in den Upgrades der Instanzen der Gebiete Saratow und Wolgograd «eingefroren» werden.

Zweitens existierten die Befürchtungen allgemeinen Charakters schon immer und in allem. Im konkreten Fall können und sollen sie durch ein komplexes Rahmen-Programm der sozialpolitischen und ökonomischen Entwicklung beseitigt werden. Die Beteiligung der Bevölkerung, die heute auf dem Territorium der Autonomie lebt, eine breite Diskussion über die Planung für dieses Programm wird der Garant für die Widerspiegelung und den Schutz ihrer Interessen in dem neuen Staatsgebilde sein.

Nachdem ich mir einen Überblick über die Situation im Wolgagebiet um die Probleme der Wiederherstellung der deutschen Autonomie gemacht habe, möchte ich dennoch bemerken, dass bei weitem nicht die ganze auf dem einstigen Territorium der ASSR der Wolgadeutschen lebende Bevölkerung gegen diese Idee eingenommen ist.

Es ist erfreulich, dass gerade im Epizentrum der Entstehung und Verbreitung der Antiautonomie-Bewegung in der «Radon»-Werken in Marxstadt eine neue gesellschaftspolitische Bewegung der russischsprachigen Bevölkerung namens «Gerechtigkeit» entstanden ist, die für die Unterstützung der Autonomie eintritt. Geleitet wurde sie vom Sekretär des Parteikomitees der Fabrik W.I. Proskurjakow. Heute dehnt die Bewegung sich aus, es wurde bereits eine entsprechende Gebietsorganisation gegründet.

Im Dezember 1989 sandte das Organisationskomitee der Gruppe «Gerechtigkeit» einen besonderen Appell an den zweiten Kongress der Volksdeputierten der UdSSR, in dem es insbesondere heißt: «Einige Führungskräfte benutzen die Verwirrung der unwissenden, durch ökologischen Verfall und bedrohliche Nachrichten aus Karabach und Fergan erschöpften Menschen für ihre lokalen Interessen. Im Apparat des Stadtkomitees hat man sich praktisch mit dem Komitee zusammengeschlossen, das sich den Widerstand gegen die Wiederherstellung der Republik zum Ziel gesetzt hat. Die Apparatschiks wirken mit ihm zusammen auf die Arbeitskollektive ein, in dem sie eine Massenmeinung formieren», und weiter: «Auf dem Treffen der Vertreter des Gebietskomitees mit dem ideologischen Aktiv der Stadt ertönte als Antwort auf die Frage, ob die ASSR der Wolgadeutschen wiederhergestellt werden solle, der Satz- «Wollen Sie etwa, dass bei uns die Deutschen überall leitende Positionen einnehmen?» Das alles führte zu einer Zunahme der Spannungen in der Stadt und im Bezirk. Aufrufe zu Versammlungen, Streiks, Misstrauen gegenüber dem Obersten Sowjet der UdSSR wechseln sich ab mit unmittelbaren chauvinistischen Angriffen. Die internationale Situation in der Stadt gerät außer Kontrolle».

Dies haben russische Menschen geschrieben, aufrichtige Patrioten und Internationalisten.

Am 28. November 1989, dem letzten Arbeitstag der zweiten Sitzung des Obersten Sowjets der UdSSR, ertönte auf einer geschlossenen Sitzung die Rede von G.S. Tarasewitsch über «Auswege und Vorschläge der Kommission des Nationalitäten-Rats zu Problemen der Sowjetdeutschen und der Krimtataren». Man diskutierte nicht, aber die Beschlüsse in dieser Angelegenheit wurden praktisch einstimmig gefasst. Dies bestätigt, dass bei allen, die kurz zuvor für die Deklaration «Über die Anerkennung der Repressionen gegen Völker, die der Zwangsumsiedlung unterworfen waren und keine Rechtssicherheit mehr besaßen, als illegale und verbrecherische Aktionen» gestimmt hatten, die innere Bereitschaft vorlag, diese Entscheidungen nun als „reif“ anzusehen.

Zahlreiche Volksdeputierte der UdSSR beglückwünschten sich gegenseitig, und auch die innig daran interessierten Krimtataren und Sowjetdeutschen betrachteten die verabschiedete Anordnung des Parlaments als reife politische Lösung beider Probleme.

Alle deportierten Völker, die ganze fortschrittliche Öffentlichkeit des Landes hat die kurze Mitteilung über den Beschluss des Parlaments mit Genugtuung aufgenommen. In derselben Mitteilung, die am 29. November 1989 in den zentralen Zeitungen veröffentlicht wurde, heißt es, dass die eigentliche Anordnung des Obersten Sowjets der UdSSR zu einem späteren Zeitpunkt veröffåntlicht werde. Allerdings sind seitdem bereits vier Monate vergangen, ohne dass die Verfügung in der zentralen Presse aufgetaucht ist. Veröffentlicht wurde sie lediglich in den Nachrichtenblättern des Obersten Sowjets der UdSSR, ebenso wie alle anderen vorangegangen Dekrete über die Sowjetdeutschen - also für einen engen Kreis von Leuten bestimmt und nicht für das gesamte Volk, welches mit Ungeduld darauf wartet.

Alle Versuche der Leitung der Allunionsgesellschaft der Sowjetdeutschen «Wiedergeburt» klarzustellen, aus welchen Gründen die erwähnte Verordnung nicht veröffentlicht worden ist, führten ins Nichts. Die Volksdeputierten, an die wir uns wandten, zuckten lediglich mit den Schultern. Selbst der Vorsitzende der Deputierten-Kommission zu Problemen der Sowjetdeutschen G.N. Kisseljew fand keine Argumente, die das Verschweigen dieser aktuellen Information rechtfertigen könnten.

Zur selben Zeit wurde die «halbgeheime» Verordnung des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. November 1989 bald nach ihrer Verabschiedung in der Saratower und Wolgograder Presse publik gemacht. Wie lässt sich das erklären?

Und was ist das für eine Verordnung «Über Auswege und Vorschläge...»?

Und wo sind die Auswege und Vorschläge selbst? Was beinhalten sie? Wer braucht den überhaupt eine Verordnung über einen nicht abgeschlossenen Prozess? Und falls die Arbeit der Kommission zu Problemen der Sowjetdeutschen und der Krimtataren beendet ist (und faktisch ist sie das), warum klingt die Verordnung «Über Auswege und Vorschläge...» dann so merkwürdig, und dreht sich nicht um die Schlussfolgerungen, d.h. die Wiederherstellung der Staatlichkeit dieser Völker? Wenn der Prozess der Bearbeitung der politischen Entscheidung noch nicht abgeschlossen ist, warum ruht dann die Arbeit der Kommission von G.N. Kisseljew und G.I. Janajew seit nunmehr drei Monaten?

Und überhaupt, gibt es nicht immer noch viel zu viele Fragen dort, wo alles klar und eindeutig sein müsste?

Die auf Grundlage der Parlamentsverordnung gegründete Kommission zu Problemen der Sowjetdeutschen ist in eine Zwangslage geraten. Wie soll sie die Anordnung des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. November 1989 berücksichtigen? Wenn es sich um eine politische Entscheidung handelt, warum wurde sie dann nicht eindeutig formuliert? Wenn diese Entscheidung nicht als politischer Beschluss angesehen werden kann, wer wird sie dann weiter ausarbeiten? Und was macht in einem solchen Fall die Kommission des Ministerrats als ausführendes Organ?

Es entsteht der besorgniserregende Eindruck, dass auch die neue Zusammensetzung des Obersten Sowjets versucht, bestimmte Kräfte zu manipulieren, aber wer sind sie? Wollen sie das neue revolutionäre Parlament zu einem Spielzeug in den Händen der stillstehenden Beamten verwandeln?

Die Emigration der Sowjetdeutschen hat ein ungeheures Ausmaß erreicht. Mehr als 100000 von ihnen haben das Land verlassen allein 1989. Im Jahr 1990 wurden bereits etwa 350000 Ausreiseanträge gestellt.

Dass das Land dutzende Milliarden Rubel durch die Ausreise der Sowjetdeutschen verliert, das ist nur die eine Seite. Aber wieviel verlieren wir durch die faktische Vernichtung dieser einzigartigen Volksgruppe, durch die politische Selbstdiskriminierung der UdSSR in den Augen der Weltöffentlichkeit, ihrer eigenen Völker? Wer kann das ermessen?

Ich meine, dass es der Perestroika ohne eine Lösung der nationalen Probleme des sowjetdeutschen Volkes, der Krimtataren, der Mescheten und zahlreicher anderer Völker nicht gelingen wird, aus der Krise im Bereich der internationalen Beziehungen herauszukommen.

Nur ein gesetzgebender Entscheid des Parlaments über die Wiederherstellung der Deutschen ASSR kann den Sowjetdeutschen den Glauben an die Gerechtigkeit, den Glauben an ihre nationale Zukunft in der UdSSR zurückgeben. Das wäre gleichzeitig eine riesige Errungenschaft der Perestroika in der Normalisierung der internationalen Beziehungen.

Heinrich GROHT,
Vorsitzender der Allunionsgesellschaft
der Sowjetdeutschen «Wiedergeburt».
(Abgedruckt aus der Zeitung «Neues Leben» auf Bitten der Aktivisten der örtlichen Gesellschaft «Wiedergeburt»),

 

„Dorf-Nachrichten“ (Balachta), 17. Mai 1990
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt.


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