Singen wir die Ballade des Lebens bis zum Ende!

RÜCKKEHR DER KULTUR

Ein erstaunliches Gefühl erfuhr ich, als ich am Dienstag im Saal des Bezirkskulturhauses saß. Auf der Bühne gab es ein Konzert, organisiert vom Balachtinsker Rat der Gesellschaft «Wiedergeburt». Es erklangen fesche deutsche Scherzlieder, geschmeidig bewegten sich in Trachten gekleidete Paare beim Tanz, man hörte das Lachen der Zuschauer.

Zum ersten Mal inszenierte der Rat der Gesellschaft «Wiedergeburt» im vergangenen Jahr ein Konzert. Damals bekam das Auftauchen kulturellen Lebens in Balachta keine breite Resonanz. Und nun, am Vorabend des neuen Jahres 1992, wenige Tage nach dem lutherischen Weihnachtsfest, fand das zweite große Konzert statt. Eingeladen waren nicht nur Deutsche aus der Bezirkshauptstadt, sondern auch aus einigen Ortschaften und Dörfern des Bezirks. Leider konnte die Redaktion damals keinen Bericht über das Konzert veröffentlichen. Das bietet heute die Gelegenheit, ein Gespräch von Anfang an zu führen.

Als der Vorhang sich hob, betrat der Vorsitzende des Bezirksrats der Gesellschaft «Wiedergeburt», Wladimir Michailowitsch Fritzler, die Bühne. Er begrüßte die Zuschauer in seiner Muttersprache und verkündete den Beginn des Abends.

Das Konzert begann, natürlich, mit einer tragischen Nuance. Auf Grundlage von Motiven aus urakten und zeitgenössischen russischen und deutschen Liedern hatte man einen Text in russischer und deutscher Sprache geschrieben. Einfache, verständliche Worte über die Vergangenheit, darüber, wie die Deutschen hunderte von Jahren im Wolgagebiet gelebt, Kinder großgezogen hatten. Und sie waren in diesem Leben glücklich gewesen, trotz aller Herausforderungen, die über Russland und die Republiken nach der Großen Oktoberrevolution hereingebrochen waren.

Doch dann begann der zweite Weltkrieg. Die Einstellung gegenüber den Russland-Deutschen (damals nannte man sie Sowjet-Deutsche) seitens der Behörden änderte sich jäh. Stalin und die obere Etage der Partei wollten das deutsche Volk isolieren, demütigen, seine Sprache und Kultur vernichten.

In völliger Stille ertönen die Worte des Dekrets des Obersten Sowjets der UdSSR, unterzeichnet vom «Allunions-ältesten», dem guten Großvater Kalinin. Dieses Dekret — ist Ausdruck des schrecklichen Fieberwahn Stalins und seiner Gefährten darüber, dass innerhalb der deutschen Bevölkerung Spionage- und Terrorakte vorbereitet werden, dass man unter zu Kriegszeiten geltenden Gesetzen zur Abwendung unerwünschter Erscheinungen die Deutschen von der Wolga in andere Bezirke umsiedeln muss — die Gebiete Nowosibirsk und Omsk, die Altai- und die Krasnojarsker Region sowie Nord-Kasachstan.

Auf dem Papier sah alles ordentlich aus. Tatsächlich wurde die Neuansiedlung jedoch nach dem in den Jahren der Kollektivierung erprobte Schema durchgeführt. Allerdings kämpfte man damals gegen die «Kulaken»; so nannte man die wohlhabenden, fleißigen, ihre Arbeit liebenden Bauern, die von idiotischen Entscheidungen der Sowjetmacht begleitet waren. Und nun begann man innerhalb weniger Stunden mit der Aussiedlung ganzer deutscher Dörfer und Städte.

Mit dem Motiv des Liedes «Am Außenposten der Fabrik» singt eine Gesansgruppe unter Begleitung des Akkordeons von Fjodor Ebel:

Auf Befehl des Volkskommissars
Verwandelten sie das gesamte deutsche Volk
Für ein halbes Jahrhundert
Im Voraus in Faschisten...

Die Menschen wurden in Güterwaggons getrieben, verloren den von Vätern und Großvätern angestammten Besitz, und man erlaubte ihnen noch nicht einmal Essen für die Reise mitzunehmen. Frauen, alte Leute kamen um, die Menschen starben an Hunger, Kinder an schweren Erkrankungen. Zuerst die Kinder – in der Welt des «Staates der Gerechtigkeit»! Die NKWD-Mitarbeiter legten sich ins Zeug, um die «Anweisungen der Partei und der Regierung» umzusetzen. Auch heute noch erinnert sich das ungebrochene deutsche Volk mit Stolz daran, wie es an den neuen Siedlungsorten gedemütigt wurde, wie die Familien voneinander entfremdet wurden, wie man sie in die Trudarmee trieb, wo die Deutschen mit ihren fleißigen Händen für den Sieg nicht weniger leistetån, als jede beliebige andere Nation unseres riesigen Landes.

Und vollkommen gerecht erklangen in der Komposition die Worte darüber, dass im Sowjetlande nicht nur die Deutschen zu leiden hatten. Die einen wurden wegen ihrer Liebe zur Arbeit vernichtet, andere wegen ihres Glaubens oder ihrer Überzeugung. Und die Sowjetdeutschen — aufgrund ihrer Nationalität. Das war Rassismus, und diejenigen, die den Erniedrigungen ausgesetzt waren, hatten noch weniger Rechte als Sklaven. Unsere Kinder lernten in den Unterrichtsstunden die Geschichte von verfolgten Indianern und Farbigen in Amerika, und gleich nebenan, im Nachbarhaus, wohnte vielleicht eine deutsche Familie, die aus der Heimat ihrer Väter und Großväter verstoßen worden war.

Lasst uns unserer Schicksalsforderungen gedenken.
Singen wir die Ballade des Lebens bis zum Ende!

Die Teilnehmer des Konzerts fuhren mit ihrer traurigen Erzählung fort. Sie sangen und sprachen:

Wie lange haben wir geträumt:
Die leuchtende Zeit wird kommen,
Und unser gequältes Volk
Wird die Wolga wiedersehen.

Aber die Herausforderungen des Schicksals nahmen kein Ende. Die Arbeit in der Trudarmee ging weiter. Die Deutschen schufteten, ebenso wie die politischen Häftlinge, in den schwierigsten Revieren. Sie fällten Bäume, fingen in den Flüssen und Meeren des hohen Nordens Fisch, bauten Bahnlinien, Straßen und Fabriken. Und abends trieb man die Trudarmisten, wie sie fälschlicherweise genannt wurden, weil sie praktisch in Gefangenschaft gehalten wurden, zum Abendappell und anschließend — in stinkende Baracken. Wir werden es nicht vergessen, — sagten die Deutschen, —

Wie sie uns zählten, während wir knien mussten.
Und auf den Hinterkopf schlugen sie mit Gewehrkolben.

Und dennoch brachte der traurige Bericht über die Geschichte des Erscheinens der Deutschen in Sibirien auch optimistische Worte und Noten hervor. Heute bereiten sich viele Deutsche darauf vor, die Wolga gegen den Rhein zu tauschen, aber die Mehrheit ist gerechterweise der Ansicht, dass ihre Heimat — Russland ist. Und obwohl drei Generationen Deutscher bereits ein halbes Jahrhundert in Sibirien leben, erinnern sich Väter und Großväter immer noch an die Wolga.

Stalin und Lenins Zentralkomitee der Partei verrechneten sich. Es gelang ihnen nicht, die Verbindungen zwischen den Menschen vollständig zu zerstören, und es gelang ihnen auch nicht, die Sprache und Kultur der Völker Russlands zu vernichten, egal ob es sich um Deutsche, Krim-Tataren, Kosaken oder Mescheten handelte.

Aber lassen Sie uns in den Saal zurückkehren, in dem die Künstlergruppe Ihre Komposition beendet hat. Übrigens, es ist an der Zeit, die Teilnehmer des Konzerts zu benennen. Es sind — Klara Glisdinowa (Sterzer), Emma und Natalia Fritzler, Irma Schefer, Nina Schnaider, Lydia Chomizewitsch, Nina Kindsvater, Nina Moor, Wladimir Fritzler, Viktor Folst, Robert und Leonid Greb, Wladimir Moor, Alexander Ebel, Alexander Jung.

Im Saal ertönten dutzende Namen einstiger Trudarmisten. Vielen von ihnen, die auf dem Weihnachtskonzert waren, händigte der Vorsitzende des Exekutivkomitees des Bezirksrats A. J. Mikitetschko Medaillen aus. Diejenigen, die bei dieser Gelegenheit keine Medaille verliehen bekommen haben, — werden diese an ihrem Wohnorterhalten.

Nein, auch wenn die Teilnehmer des Konzerts davon sprachen, dass die Deutschen ihre Sprache, ihren Glauben, ihre Sitten und Gebräuche verloren haben, ist ihnen damit doch bei weitem nicht alles verloren gegangen. Und nicht umsonst nennt sich die Gesellschaft der Deutschen deswegen «Wiedergeburt». Die Arbeit der Gesellschaft — liegt vor allem im wieder aufleben lassen der Kultur — das Fundament einer jeden Nation. Es war auffällig, dass nicht alle der im Saal Sitzenden, besonders junge Leute und Kinder, die fließend gesprochene Sprache verstehen, und der deutschen Literatur- und Hochsprache sind überhaupt nur ganz wenig mächtig. Doch alles, was sich auf der Bühne abspielte, war den Zuschauern im Saal verständlich und nah.

Als die Komposition beendet war, sang die Vokalgruppe ein Lied über die Heimat. Anschließend las W. Fritzler das bekannte Gedicht „Die Loreley“ von J.W. Goethe — über ein Mädchen mit goldenen Haaren, ein Gedicht, das für jeden zivilisierten Menschen der deutschen Kultur ein Muss ist. Still lauschte der Saal dem vertrauten, kehligen Klang der Muttersprache, versuchte darin bekannte Laute zu erhaschen...

Danach sang Alexander Ebel zwei Lieder, auf dem Akkordeon begleitet von Bruder Fjodor. Man konnte fühlen, dass Alexander ein geborener Künstler ist, der Saal erfreute sich an jedem seiner Worte, der Modulation seiner Stimme, seiner entspannten Haltung. Und so viel Humor, so viel Verschmitztes lag in jeder seiner Gesten, als er das uralte folkloristische Lied darüber sang, wie ein Mädchen den Reiter, der sich in sie verliebt hatte, nicht in ihr Haus lassen wollte «Geh, finde dort einen Baum mit zwei Ästen, binde dein Pferd daran, setz dich daneben und schlaf. Aber ich kann dir die Tür nicht öffnen. Ich bin froh, wenn ich dich nicht in meiner Nähe habe, dann kann ich gut schlafen», — antwortete das Mädchen auf das Bitten des unglücklichen Soldaten.

Eine Männergruppe sang zum Thema «Leiden» ein scherzhaftes Lied mit vollkommen ernsthaften Andeutungen darauf, dass man sich der Sprache erinnern muss, seiner Kinder Deutsch lehren und diese Sprache auch selbst sprechen muss.

Dann begann der Saal wieder zu lachen. Klara Glisdinowa erzählte die Geschichte von zwei betagten Frauen im Zug, die sie für eine Zigeunerin gehalten hatten. Die beiden Alten versuchten, auf jede nur erdenkliche Weise ihre Koffer zu hüten, ohne zu begreifen, dass das ihnen gegenübersitzende Mädchen — ihre Landsmännin war, die ihren Unfug mit ihnen trieb und sich deswegen nicht preisgeben wollte. Als sie dann schließlich doch erfuhren, dass diese «Zigeunerin» — eine Deutsche war, zeigten sie sich bestürzt.

Die Tanzgruppe (Paare: Fjodor und Vera Balzer. A. Ebel — I. Jung. L. Chomizewitsch — L. Greb, W. Folst — N. Kindsvater) erfreuten die Zuschauer mit feschen, alten Polkas. Leonard Gleb spielte auf der Harmonika ein paar sentimentale Melodien. Begeistert nahm der Saal die Humoresken von W. Folst und W. Schnaider auf. Es gab weitere Lieder und Scherzlieder. Besonders emotionale und fröhliche Lieder sangen Irma Jegorowa und Valentina Ebel aus Tschistye Prudy.

Ununterbrochen lachte das Publikum, als eine Gruppe Männer, die als Hausfrauen verkleidet waren, ein Scherzlied darüber sangen, wie sie mit ihren Ehemännern leben. W. Moor drehte das Spinnrad, die anderen strickten, häkelten, wickelten die Wolle auf... Und als A. Ebel «kokett» die Strümpfe ausbesserte, verfiel der Saal in hemmungsloses Gelächter!

Anschließend erschienen auf der Bühne das Schneemädchen und Väterchen Frost — Vater und Tochter Schnaider. Sie wünschten den Versammelten Glück, einen Arm voll Freude und Lachen. Am Rande der Vokalgruppe stehend, sangen Väterchen Frost und das Schneemädchen gemeinsam mit allen das Abschiedslied «Susanna».

Es soll noch ein wenig über die professionelle Vorbereitung des Konzerts gesagt werden. Das ist so üblich, wenn man eine Bewertung schreibt. Also, alle Künstler traten ohne Mikrofon auf, es gab auf der Bühne keinerlei technische Hilfsmittel. Und trotzdem waren alle Stimmen hervorragend zu hören, ohne durch unsere monströse Technik verzerrt zu werden. Alles war gekonnt in Szene gesetzt, die Künstler waren hervorragend, bewegten sich lautlos durch den Saal. Überhaupt fühlte man in allem Liebe und Gewissenhaftigkeit gegenüber der Sache. Wie ich erst später erfuhr, konnten viele Konzertteilnehmer nicht kommen, das Programm musste während des Verlaufs geändert werden, die einzelnen Vorführungen konnten nicht so miteinander verknüpft werden, wie es während der Weihnachtsbegegnung der Fall gewesen war. Aber im Saal war mir das als Zuschauer überhaupt nicht aufgefallen — so professionell, so klar verlief das Konzert.

Der einzige Makel an dieser Aufführung war die unverständliche Handhabung des Lichts, das im Saal gelöscht wurde und während einiger Nummern auf der Bühne seine Intensität veränderte. Allerdings fand ich später heraus, dass es sich dabei nur um die bloße «Laienhaftigkeit» des Beleuchters gehandelt hatte. Und obwohl man ihm gesagt hatte, dass die Lichtveränderungen die Künstler stören und das Publikum verwirren, wirkte das auf ihn scheinbar nicht. Man kann wohl nur hoffen, dass es das beim nächsten Mal nicht geben wird.

Im Großen und Ganzen müsste es noch viel häufiger derartige Konzerte geben! Und außerdem — mehr Zuschauer im Saal. Aus welchem Grund sollten wir, die «russischen» Einwohner von Balachta, denn nicht Konzerte und Auftritte der Künstler der Gesellschaft «Wiedergeburt» besuchen? Alles, was sich auf der Bühn abspielte, war vollkommen verständlich, man brauchte dazu die Sprache nicht können. Wir hören doch im Radio und Fernsehen auch Auftritte ausländischer Künstler hören und sehen, die in kultureller Hinsicht viel weiter von uns entfernt sind, als die Russland-Deutschen, unsere Landsleute, Freunde und Nachbarn. Umso mehr, als Balachta nicht so reich an kulturellen Ereignissen ist, als dass man so eine Freizeit vernachlässigen sollte.

Ich hoffe, dass beim nächsten Mal die Organisatoren des Konzerts geeignete Werbung für ihre Veranstaltung machen - dann werden auch hunderte Balachtinsker an der Arbeit der Künstler aufrichtiges Vergnügen haben. In der Zwischenzeit sollen mit diesem Konzert aber noch andere Ortschaften und Dörfer besucht werden.

Nun gut, glückliches Zusammentreffen, liebe Landsleute! Und riesengroßen Dank für diesen schönen Abend!

A. NEMIROWITSCH-DANTSCHENKO

„Dorf-Nachrichten“ (Balachta), Januar 1992
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt.


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