Wie haben wir das überlebt?!

Liebe Redaktion! Ihnen schreibt I.K. Ganz-Simkind aus Koschany. Die Erinnerungen an das schwere Leben der Familie, in der ich geboren und aufgewachsen bin, lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Jetzt bin ich 63 Jahre alt, habe alle Verwandten und mir nahestehenden Menschen beerdigt. Ich verdamme den Krieg, der unsere Schicksale in grausamer Weise kommandiert hat. Dabei haben wir doch an eine helle Zukunft geglaubt, sie aber nie zu sehen bekommen.

Sechs Jahre war ich damals alt, als unsere Familie aus der deutschen Siedlung Wisemiller (Wiesenmüller; Anm. d. Übers.), im Gebiet Saratow nach Sibirien abtransportiert wurde. Ich erinnere mich, wie im August 1941 so ein Onkel zu unserem Haus gefahren kam und uns befahl, unsere Sachen zu packen. Wohin und weshalb wusste niemand. Die Eltern waren ratlos und verwirrt, und überall im Dorf hörte man Weinen und Geschrei.

In der Kleidung, die wir am Leib trugen, wurden wir auf Pferdefuhrwerke verladen. Wir, die Kinder, rannten hinterher, nachdem wir uns zuvor mit Äpfeln und Wassermelonen gestärkt hatten (es gab herrliche, große Gärten). Und dann lieferten sie uns an der Bahnstation ab, verluden uns auf Viehwaggons und brachten uns mit unbekannter Richtung fort. Papa und Mama drückten ihre vier Kinder fest an sich (mit dem fünften war Mama schwanger) und weinten. Das älteste war neun Jahre alt, ich sechs, die Schwester vier und der jüngste Bruder zwei.

Der September war bereits kalt. Sie transportierten uns, die wir Hunger litten und froren, wie es scheint, eine ganze Ewigkeit. Aber das Schlimmste war, dass niemand von uns Russisch sprechen konnte.

Wir gerieten in die Region Krasnojarsk, den Balachtinsker Bezirk, in eine Kolchose, die sich heute auf dem Territorium von Grusenka befindet. Bis heute habe ich immer noch Angst: wie haben wir das überlebt, was hat Mama alles ertragen müssen?! Denn im Dezember 1941 holten sie den Vater in die Trudarmee. An Mamas Händen blieben alle Kinder und die Großmama zurück. Und 1942 wurde in Grusenka noch ein Mädchen geboren. Sie brachten uns in einem kalten Häuschen unter... Mama gab mir und er Schwester eine kleine Leinentasche, mit der wir loszogen und um Almosen bettelten. Die guten Menschen gaben uns Brot und Kartoffeln, andere verjagten uns und beschimpften uns als Faschisten.

Später starb der inzwischen dreijährige Bruder und das einjährige Schwesterchen. Sie verhungerten. Ohne Särge wurden sie auf dem Grusensker Friedhof begraben...

Nach Mamas Erzählungen lebten wir vier Jahre in Grusenka. Dann zogen wir in das Dorf Kainka, das jetzt schon nicht mehr existiert. Mama ging als nächtliche Vieh-Hüterin arbeiten, tagsüber verrichtete sie unterschiedliche Arbeiten. Ich und meine Schwester scheuerten den Boden, der Bruder war ungelernter Arbeiter. Nachts begab Mama sich auf den Anger und brachte Fleisch von krepierten Kühen und Pferden mit. Das gab sie uns zu essen, damit wir nur nicht verhungerten.

Eine schreckliche Sache hat sich tief in unsere kindliche Erinnerung eingegraben. Bis heute denke ich daran und muss weinen. Mama wurde schwerkrank, sie hatte hohes Fieber. Der Amtsverwalter, Dmitrij Andrejewitsch Ustinow, bestellte Mama zu sich ins Kontor. Sie erklärte ihm, dass sie heute nicht arbeiten könne. Und der schlug sie mit einer Peitsche. Voller Wunden brachten sie Mama nach Hause; einen Monat lang lag sie im Bett. Wir saßen daneben und weinten.

Wem sagst du etwas? Schweig still und weine.

1947, am 7. Mai, kehrte der kranke und aufgetriebene Papa aus der Trudarmee zurück. Zwanzig Tage war er zu Hause bettlägerig, dann starb er. Ein Glück, dass er hier beerdigt werden konnte und nicht in der Swerdlowsker Taiga, wo er Tag und Nacht Holz gesägt hatte. Der Vater wurde nur 38 Jahre alt... Mama starb mit 57 an einem Myokard-Infarkt.

Auch die Schwester und den Bruder habe ich zu Grabe getragen. Sie wurden keine sechzehn Jahre alt. Den Bruder haben wohl viele gekannt: Als Bestarbeiter des Balachtinsker Bezirks auf dem Mähdrescher wurde er mit dem Orden des Roten Arbeitsbanners ausgezeichnet, sie nannten ihn würdevoll Alexander Karlowitsch Ganz.

Ich blieb allein zurück. Ich habe 47 Arbeitsjahre hinter mir. Was ich in meinem Leben nicht alles gemacht habe! Jetzt bin ich Invalidin der ersten Gruppe. Kinder habe ich keine, meinen Mann habe ich begraben. Aber ich habe bemerkenswerte Neffen, die sich bemühen, mich in schweren Stunden zu unterstützen. Ich bin ihnen allen sehr dankbar.

Das Gedächtnis blättert immer noch seine Seiten durch, angefüllt mit Kränkung, Trauer, Mühe und Sorgen... Mit Tränen in den Augen.

 

Dorf-Nachrichten (Balachta), 03. November 1993
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt.


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