Gott bewahre uns vor dem Kolchosen-Paradies!

EIN WUNDER PUNKT

Ich las in ihrer Zeitung die Notiz von S. Masunnaja Erfinden Sie keine Mythen über das glückliche Leben im Dorf Lopatka, das sich im Uschursker Bezirk befindet, und einen vor Neid fast umbringt: auf welchem Planeten steht dieses Dorf, in dem zur Kolchosen-Zeit eine derartige Idylle herrschte?! Na, ein echtes Paradies, ein Kurort und was nicht noch alles!

Ich bin 10 Jahre älter als die Autorin dieser Zeitungsnotiz und habe am eigenen Leib jeglichen Liebreiz des Kolchos-Kurortes erfahren; mit sieben Jahren arbeitete ich zusammen mit meiner Mutter. Ich lebte in einer Ortschaft an der Schnittstelle der beiden Gebiete Wolgograd und Saratow. Die Mutter weckt das älteste der Kinder in der Morgendämmerung, befiehlt mir, die Kuh zur Herde zu bringen; sie schaut nach den kleinen, macht den Haushalt sauber und dann hinaus aufs Feld. Das bedeutet also Glück! Tag für Tag sehen die Kinder sie immer nur zwischendurch: sie geht fort sie schläft, sie kommt am Abend heim immer dasselbe Bild.

Manchmal allerdings sahen die Kinder ihre Mutter den ganzen Tag, aber nur durch einen Tränenschleier. Das war, wenn die ganze Familie Rüben oder Sonnenblumen jäten musste. Sie zwangen jede Frau auf einer Fläche von 80 Ar Rüben zu jäten und ebenso viele Sonnenblumen. Und so musste die arme Mutter die ganze Familie mitnehmen, alle ab dem Alter von 6 Jahren. Und versuche mal dich zu weigern (und das nicht nur einmal) dann bringen sie dich vor Gericht. Das wahre Paradies!

Oder vielleicht kann man das Schicksal meiner Patentante Glück nennen, die eine Halbliter-Flasche mit Getreide für ihre vier hungrigen Kinder streute und dafür zwei Jahre ins Gefängnis kam?

Und die Prozedur mit der Zeichnung von Anleihen?

Die Frauen, müde und hungrig wie sie waren, wurden extra früh ins Dorf gebracht, man hatte sie zum Dorfrat einbestellt. Ein Bevollmächtigter von gepflegtem Aussehen, selbstzufrieden, mit Gürtel, lümmelte sich herrschaftliche an seinem Tisch. Es wurde einzeln aufgerufen, er knallte einem ein Blatt Papier vor die Nase und befahl seine Unterschrift für 1000 oder 2000 Rubel darunter zu setzen. Aber unsere Frauen brachten ihn in Verlegenheit. Klawa Nowikowa, eine schöne, wohlgebaute Frau, sagte mit fester Stimme: Ich unterschreibe nicht! Er schaute ihr verwundert in die Augen und meinte: Du bist mir ja eine. Weißt du eigentlich, mit wem du hier sprichst?! Ja, das weiß ich! Trotzdem werde ich nicht unterschreiben! Ich habe fünf Kinder, ich muss sie mit Kleidung und Schuhen ausstatten. Mein Mann wurde ermordet, aber so einen wie dich töten sie nicht... Der Bevollmächtigte wird ganz grün im Gesicht: Ich wird dich erschießen! und trampelt mit den Füßen, und haut mit seiner Nagan-Pistole auf den Tisch. Die Tür schwang auf, zwei Frauen betraten den Raum und stellten sich wie eine riesige, dichte Wand neben der Freundin auf...

Ob die Autorin der Notiz vielleicht auch dies für Wohl hält? Oder dass die Frauen mit ihren schwächlichen Kühen, von denen sie sich ernährten, den Kolchos-Acker pflügen mussten? Das ist kein Glück!

Wie kann einem ein Leben in einem Dorf gefallen, das sich kaum vom Leben der Leibeigenen unterscheidet? Du besitzt weder einen Ausweis noch andere Dokumente! Du musst in die Stadt fahren, um einen Angehörigen auf seinem letzten Weg zu begleiten und rennst zum Dorfrat, um eine Erlaubnis zu erhalten. Die Kinder beenden die Schule bleibt doch hier, ihr Lieben, in der Kolchose, wer soll sonst für euch die Arbeitstage angerechnet bekommen? Und wie gut sie die Tagesarbeitseinheiten bezahlten sogar... 50 Gram Getreide bekam man dafür! Ihr wollt nicht hierbleiben, ihr dummen Menschen? Dann müsst ihr zur Universität oder ans Technikum und das Examen mit der Note hervorragend ablegen; dann lassen sie euch studieren, und einen Ausweis bekommt ihr auch. Alles Schlechte hat auch eine gute Seite. Um aus dieser Knechtschaft herauszukommen, die doch das Paradies war, haben wir gelernt, gelernt mit allen Kräften! Von den dreißig Leuten unserer Abgangsklasse blieben fünf in der Kolchose...

So sah also die Idylle in der Kolchose, so sah das Glück aus.

Verzeihen Sie, dass dieser Brief so chaotisch ausgefallen ist, aber es ist widerlich Lügen zu lesen.

J.W. Gubowa, Ortschaft Suchonoj, Uschursker Bezirk
Krasnojarsker Arbeiter, 29.06.2001


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