Erinnern ist schmerzlich, vergessen unmöglich

Denkwürdige Daten

Am 30. Oktober haben wir uns erinnert und über die Opfer der politischen Verfolgungen gesprochen. Im Zusammenhang mit diesem Gedenktag möchte ich ebenfalls von bemerkenswerten Menschen erzählen, die von der Welle der Repressalien in jenen fernen vierziger Jahren betroffen waren. Doch zuerst unternehme ich einen kleinen Exkurs in die Geschichte und erinnere daran, wie die deutschen Familien ins Wolgagebiet kamen.

Der Weg der Deutschen verlief über Ostsee, Newa und Wolga. Er begann im Frühjahr 1764 in Hessen und endete erst in Saratow. Hundertdrei Familien wurden in Gruppen aufgeteilt und die Wolga flussabwärts geschickt, um dort ihren zukünftigen ständigen Wohnsitz einzunehmen. Es gab mehrere Gründe dafür. Erstens war der siebenjährige Krieg zwischen Preußen und England, Österreich, Frankreich und Russland im Gange. Ständig wurden Rekruten in den Krieg mobilisiert. Zweitens dehnten zu dieser Zeit die Zarenherrscher in Russland das Land des Imperiums aus, und es wurden Menschen benötigt. Mit diesem Ziel gab Zarin Katharina II im Dezember 1762 ein Manifest heraus, in dem sie Ausländer dazu aufrief, nach Russland zu kommen und hier ihren ständigen Wohnsitz einzunehmen. Unter all denen, die nach Russland reisten, befanden sich auch Deutsche.

Nachdem sie sich in den neuen Gebieten niedergelassen hatten, lebten sie fast zwei Jahrhundert in Ruhe und Frieden. Doch 1941, als Deutschland den Krieg erklärte, beschloss man die Wolga-Deutschen nach Sibirien zu deportieren, um zu vermeiden, dass sie sich auf die Seite der deutschen Truppen schlugen.

Als der Krieg ausbrach, lebten Alexander Karlowitsch und Erna Alexandrowna Trott in der Ortschaft Wiesenmiller, Bezirk Seelmann, Gebiet Saratow (heute Rowensker Bezirk, Ortschaft Lugowoje). Alexander Karlowitsch erinnert sich, dass sie im August 1941 mit Fuhrwerken aus dem heimatlichen Dorf fortgebracht, später auf Güterwaggons verfrachtet und nach Krasnojarsk abtransportiert wurden. Als sie in Sibirien ankamen, ließ man sie auf einen Lastkahn umsteigen und brachte sie auf dem Jenissei bis nach Starij Daursk. Und von dort aus wurden die Familien in den Bezirken verteilt.

Die Familie Trott der kleine Sascha, zwei seiner Schwestern und ihre Mutter gerieten nach Wilenka. Hier wurden sie vorübergehend beim Dorf-Imker I.P. Pliskowskij einquartiert. Alexander Karlowitsch erinnert sich, dass man sich ihnen gegenüber recht gut benahm: man teilte ihnen ein kleines Zimmer zu, gab ihnen zu essen und zu trinken. Der Hausherr fuhr mit seinen Söhnen häufig zur Imkerei und nahm ihn dann auch mit. Kolchosvorsitzender war zu der Zeit Wladimir Bachar. "Er verhielt sich gegenüber allen Ankömmlingen verständnisvoll, half mit Kohle aus, und teilte uns ein kleines Stückchen Land zu", - sagt Alexander Karlowitsch.

Das Schicksal führte Alexander Karlowitsch und Erna Alexandrowna nach Balachta. Hier feierten sie dann auch 1952 ihre Hochzeit. Alexander Karlowitsch arbeitete in einem Getreideannahme-Betrieb, und sein Foto hing immer am Ehrenbrett. Er besitzt eine Vielzahl von Auszeichnungen und Medaillen für seine Arbeitsverdienste. Erna Alexandrowna arbeitete im Kombinat als Näherin und erhielt ebenfalls Medaillen für heldenhafte Arbeit; außerdem ist sie Veteranin des Großen Vaterländischen Krieges. Die beiden haben vier Kinder großgezogen, und sind nun beim Großziehen der Enkel und Urenkel behilflich.

Ihr Leben jeden Tag unermüdliche Arbeit; sie haben es in Würde gelebt. Im November begehen sie ihre goldene Hochzeit. So wünschen wir ihnen Gesundheit, Glück und noch ein langes Leben. Möge die Liebe und der Respekt der Angehörigen und Freunde für sie eine Auszeichnung für ihr nicht leichtes, aber würdevolles Leben sein!

Ksenia TOLSTYGINA
Informationszentrum des Zentrums für außerschulische Arbeit Rowjesnik

Dorf-Nachrichten (Balachta), 15. November 2002
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt.


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