Nach Sibirien nicht aus freiem Willen

Der Bezeichnung "SIBIRIEN" begegnet man zum ersten Mal in uralten handschriftlichen Aufzeichnungen vom Ende des 12. Jahrhunderts. Russische Chronisten erwähnen sie seit Beginn des tatarisch-mongolischen Jochs. Ursprünglich wurde Sibirien als Hauptstadt des Khanats bezeichnet, das im Jahre 1200 im Irtysch-Gebiet gegründet wurde. Die Besiedlung Sibiriens ein langer Prozess, der dutzende von Jahrzehnten in Anspruch nahm (??? Red.). Laut Daten der Volkszählung von 1989 leben auf dem Territorium der Region Krasnojarsk 124 Nationalitäten. Dabei macht die russische Bevölkerung 87,6 Prozent aus, die nichtrussische - 11,7 Prozent und die eingeborene - insgesamt 01,7 Prozent.

Für manch einen ist Sibirien immer die Heimat gewesen, für andere wurde sie es erst später. Wahrscheinlich sitzt tief drinnen im Menschen der Wunsch zu Ortswechseln. Einige Leute versuchen dies mit einem romantischen Impuls, finanziellen Erwägungen oder irgendeiner anderen Notwendigkeit zu erklären.

Die Geschichte der deutschen Siedlungen in Russland ist tief in der Vergangenheit verwurzelt. Es gab mehrere Gründe, die die Deutschen dazu veranlassten, ihre Heimat zu verlassen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es den 7-jährigen Krieg, außerdem fanden Verfolgungen aus religiösen Beweggründen statt. Und zu der Zeit benötigte die Regierung Russlands Menschen. 1762 kam ein Manifest heraus, welches Ausländer dazu aufrief, nach Russland zu kommen, um hier ihren ständigen Wohnsitz einzunehmen und zu arbeiten.

Bis zur Regentschaft Katharinas II wurden Ausländer (hauptsächlich aus Deutschland) zur Einstellung als Ingenieure, Akademiker, Bauarbeiter und Soldaten eingeladen. Sie begründeten ihre Kolonien in Moskau, Petersburg. Katharina ging zur Massenbesiedlung freier Areale über, nämlich in den östlichen Bezirken. Am besten dafür geeignet schien das Wolgagebiet, es war nur gering besiedelt und man benötigte Schutz gegen die Raubzüge der Nomaden. Und so emigrierten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus verschiedenen Teilen Deutschlands etwa 27000 Kolonisten nach Russland.

W.G. Fuchs nennt in seinem Buch "Die steinigen Wege der Wolgadeutschen" die Namen der ersten Umsiedler-Familien: Koch, Gofman (Hofmann) aus Mecklenburg, Keller, Moor, Kraut aus Winterberg, Fogel (Vogel) aus Böhmen, Focht aus Reningenz (?) und so weiter. Die ersten Stellen, an denen sich die Umsiedler niederließen, befanden sich am rechten Ufer der Wolga: Sosnowka (Schilling), Talowka (Baidek), Sewastjanowka (). Die linke Uferseite wurde erst später besiedelt: Wolskoje (Kukkus), Stepnoje (Stahl), Saumorje (Bangert), Jablonowka (Laube) und so weiter.

Nach der Revolution im Jahre 1917 wurde die "Arbeitskommune des Gebeites der Wolgadeutschen gegründet", Verwaltungszentrum wurde die Stadt Pokrowsk, die 1931 in Engels umbenannt wurde. Ab 1924 bezeichnete man das Gebiet als Republik. 1941 gehörten folgende Kantone zu der Republik: Balzer, Gnadenflur, Seelmann, Solotow, Kamensk, Kukkus, Krasnojar, Lisandergrei, Gmelin, Franken usw. - insgesamt 22.

Mit Beginn des Großen Vaterländischen Krieges versuchte die sowjetische Landesleitung die Republik der Wolgadeutschen und ihre deutsche Bevölkerung als Druckmittel auf die "Klassenbrüder" in Deutschland sowie "die Soldaten ihrer Besatzungsarmee" zu benutzen. Die Wolgadeutschen wurden in die mächtige konterpropagandistische Kampagne als "Schaukästen des Sozialismus" hineingezogen. Allerdings führte das aus einer ganzen Reihe von Gründen zu keinerlei Ergebnissen.

Misserfolge an der Front, das Herannahen der deutschen Truppen sowie die Information über "antisowjetische" Äußerungen einzelner Bürger der deutschen Republik bestimmten ihr Schicksal im Voraus. Die sowjetische Leitung fasste den Beschluss über die Liquidierung der Republik und der Umsiedlung ihrer Bürger deutscher Nationalität in die östlichen Bezirke des Landes. Und so gerieten auch die Deutschen aus den Dörfern Kutter, Blumenfeld, Wasenmiller (Wiesenmiller) Gebiet Saratow ins entlegene Sibirien - 46393 Personen (11385 Familien). Insgesamt wurden 376717 Personen ausgesiedelt, die mit 158 Zügen von den Ufern der Wolga abtransportiert wurden; 75000 von ihnen gerieten in die Region Krasnojarsk.

Da den Deutschen während der Umsiedlung nicht mitgeteilt wurde, für wie lange sie verbannt werden sollten, kam 1948 ein Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR heraus, in dem festgelegt war, dass die Umsiedlung für immer galt, ohne die Möglichkeit auf Rückkehr in die früheren Heimatorte. Für eigenmächtige Abreise (Flucht) aus den Zwangsansiedlungsorten sollten die Schuldigen zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden.

Gemäß Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 13. Dezember 1955 schaffte man die Meldepflicht für die Sonderumsiedler ab und entließ sie aus der administrativen Aufsicht der NKWD-Organe. Viele der Völker, die Repressalien ausgesetzt gewesen waren, erhielten das Recht, an ihre früheren Siedlungsorte zurückzukehren, doch den Sowjetdeutschen wurde diese Möglichkeit verweigert. Im Daurischen Bezirk erfolgte die Ansiedlung der deportierten Deutschen zu den Pokrowsker, Ogursker, Kaljaschinsker, Derbinsker, Karaulsker, Ischulsker, Malolopatinsker und anderen Dorfräten. Daher konnten diesbezügliche Verfügungsdokumente in den Archiven nicht gefunden werden, aber in die Wirtschaftsbücher wurden die Namen deutscher Familien eingetragen (allerdings mache ich sofort den Vorbehalt, dass die Schreibweise der deutschen Vor- und Nachnamen verzerrt sein kann). So gibt es beispielsweise in den Wirtschaftsbüchern des Ogursker Dorfrats für die Jahre 1943-44 Auskunft über den Aufenthalt der Familie Lorei auf der Barsugasch-Farm. Als Familienoberhaupt ist Jekaterina (Katharina) Jakowlewna Lorei, geboren 1888, Deutsche, eingetragen. Einen landwirtschaftlichen Fachberuf übt sie nicht aus; sie ist als Wächterin auf der Barsugasch-Farm tätig, bei ihr wohnen die Kinder: Emma Iwanowna, geboren 1919, Analphabetin. Gegenüber von ihrem Vornamen die Bemerkung: seit dem 10. Dezember 1942 in Igarka. Der gleiche Vermerk steht bei ihrem Bruder Bogdan. Alexander Lorei, geboren 1928, seit dem 25. Mai 1942 vom NKWD mobilisiert; Pawel, geboren 1917, seit dem 15. Dezember 1940 in der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee. Informationen über Gebäude liegen nicht vor; daher ist es schwierig zu sagen, wo sie gewohnt haben.

Ebenso finden sich Informationen über die Familien von Jelisaweta Jakowlewna und Alexander Alexandrowitsch Rieger, Jakob Jakowlewitsch Wagner, Jekaterina Iwanowna Kreik, Jekaterina Augustowna Root, Immanuel Augustowitsch Nazarenus, Alexander Iwanowitsch Altafer (Altvater?) und andere.

Im Wirtschaftsbuch des Ischulsker Dorfrats für die Jahre 1941-42 für das Dorf Ischul sind 12 deutsche Familien vermerkt. Die Familie Schmidt bestand aus drei Personen: Adam Alexandrowitsch, geboren 1907, Jekaterina Philippowna, geboren 1907, und Jekaterina Andrejewna, geboren 1888. Das Familienoberhaupt Adam Alexandrowitsch trat am 4. Oktober 1941 der Kolchose Borba (Kampf; Anm. d. Übers.) bei und arbeitete als Traktorist. Am 1. Januar 1942 wurde eine Abwesenheitsnotiz eingetragen, Grund Rote Arbeiter- und Bauern-Armee. Gegenüber den Vornamen beider Frauen steht der Vermerk NKWD. Das ist der typischste Vermerk über deutsche Familien in den Wirtschaftsbüchern jener Zeit.

Ein Teil der Deutschen wurde in Lager gesteckt, mit Ausnahme der Frauen, deren Kinder noch nicht das Alter von drei Jahren erreicht hatten. Sobald die Kinder drei Jahre alt geworden waren, kamen sie entweder in ein Kinderheim oder die Eltern gaben sie selbst zu Verwandten oder Bekannten. Ein Teil arbeitete in den Sowchosen und Kolchosen des Bezirks.

Im Buch der Verordnungen der Balachtinsker Milch- und Fleisch-Sowchose des Daursker Bezirks gibt es die Anweisung 281 vom 22. August 1956 darüber, dass die dort arbeitenden Sonderumsiedler, die im Rahmen der Umsiedlung 1941 in die Sowchose gekommen waren, entsprechend den von den Farmen vorgelegten Listen, als fest angestellte Arbeiter bestätigt werden sollten. Erst ab diesem Zeitpunkt erhielten sie Ausweisdokumente und bekamen Arbeitsbücher auf allgemeiner Grundlage ausgestellt.

In den Listen derer, die die Medaille "Für heldenhafte Arbeit während des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945" im Balachtinsker Bezirk verliehen bekamen, befinden sich für die Jahre 1946-48 unter 3455 Personen die Namen von 58 Deutschen. Es handelt sich hauptsächlich um Arbeiterinnen und Arbeiter der Jelowsker Sowchose: Klara Iwanowna Gorn (Horn), Amalia Jkowlewna Greb, Jekaterina Friedrichowna Balzer, Viktor Iwanowitsch Gorn (Horn), Emma Genrichowna und Friedrich Friedrichowitsch Schmidt - insgesamt 26 Personen. Geehrt wurden die Arbeiter der Kolchose "Roter Index": Emma Christianowna Ebel, Paulina Christianowna und Friedrich Friedrichowitsch Fritzler. In der Genossenschaft "Sieg des Sozialismus die Schlachterin Irma Georgiewna Moor, die Förderarbeiterin Emilia Fjodorowna Genergar, der Schlachter Fjodor Jegorowitsch Spengler.

Bereits in den 1990er Jahren wurden weitere 62 Deutsche mit der Medaille "Für heldenmütige Arbeit während des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945" ausgezeichnet.
Mit der Medaille "Für die Urbarmachung von Neuland" im Balachtinsker Bezirk wurden 660 Personen geehrt, unter ihnen - 56 Deutsche. Ich nenne nur einige von ihnen: August Jakowlewitsch Schmidt, Anhänger-Arbeiter aus der Lenin-Kolchose. In seiner Beurteilung heißt es: "Er war in den Jahren 1954-1956 zuverlässig du gewissenhaft an der Entwicklung von Neuland und Altbrachen beteiligt. Bei ihm gab es keine Leistungsausfälle mit dem Traktor, mit einem Maschinensatz pflügte er 1011 Hektar Neuland". Alexander Jakowlewitsch Wamboldt, Mähdrescher-Fahrer an der Malotumninsker Maschinen- und Traktoren-Station, erntete 1956 465,5 Hektar mit einem Mähdrescher der Serie -6 ab. Iwan Kasparowitsch Gorn (Horn), Leiter der Farm der Jelowsker Sowchose, stellte innerhalb von zwei Jahren 712 Hektar Neuland für seine Farm sicher.

Und so wurden die Schicksale mehrerer Generationen deutscher Umsiedler in die Geschichte des Balachtinsker Bezirks hineingeschrieben.

Laut Angaben der Volkszählung des Jahres 1989, betrug der Anteil der deutschen Bevölkerung im Balachtinsker Bezirk 6,7 Prozent. Zum gegenwärtigen Zeitpuinkt sind viele von denen, die im Herbst 1941 in unseren Bezirk kamen, und auch ihre Nachfahren in ihre historische Heimat zurückgekehrt.

Marina SAFONOWA,

Hauptspezialistin der Archivabteilung der Bezirksverwaltung


FOTO: die Familie Moor, 1890
Foto aus dem Archiv der Familie Lorei

Dorf-Nachrichten (Balachta) 2. 16. April 2004
Das Material wurde vom Balachtinsker Heimatkunde-Museum zur Verfügung gestellt.


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