Vor diesem Leid verbeugen sich die Jahre

30. OKTOBER TAG DES GEDENKENS AN DIE OPFER DER POLITISCHEN VERFOLGUNGN

Unter dieser Bezeichnung verlief am 30. Oktober im Integrationszentrum für soziale Dienste der Bevölkerung die traditionelle Veranstaltung, die dem Gedenken an jene gewidmet ist, die im Verlauf der politischen Verfolgungen umgekommen sind oder unter ihnen zu leiden hatten

An diesem Herbsttag kamen zum Gedenkvormittag jene, deren Verwandte unbegründet Repressivmaßnahmen ausgesetzt waren: enteignet, verschleppt in Gegenden weit weg von ihrem Wohnort, in Besserungs-/Arbeitslager geschickt oder in die Verbannung, ihres Lebens beraubt.

In ihren Begrüßungsworten zu den Gästen sagte die Direktorin des ISDB Natalia Bytschowa: Das heutige Datum ist für uns alle tragisch. Wir wissen davon aus Büchern und Filmen, Sie haben es aus erster Hand erlebt. Und das einzige was wir tun können ist uns vor ihnen und ihren Familien zu entschuldigen, die in den Jahren der Verfolgungen schuldlos gelitten haben.

Frieda Ludwigowna Schukina, eines der Opfer der Sonderumsiedlung, wühlte die Erinnerungen an die aufwühlen Ereignisse ihrer Aussiedlung aus den angestammten Wohnorten nicht wieder auf, sondern erzählte erzählte von ihrer Reise im Jahr 2008 in die Heimat ihrer Vorfahren in ein kleines Dörfchen im Gebiet Saratow, Siedlungsort der Wolgadeutschen: In dem einst blühenden Dorf, in dem meine Eltern gewohnt haben, fand ich eine derartige Trostlosigkeit vor, dass ich einen Schock erlitt. Die Häuser waren mit Unkraut überwuchert, es gab nur noch wenige Menschen dort. Auf dem Hof meiner Eltern habe ich lange versucht, Spuren des einstigen Lebens zu finden und ich fand sie. Von meinen Vorfahren waren noch ein alter Brunnen und ein Keller geblieben, die mein Vater beide selbst angelegt hatte. Während der gesamten Fahrt (hin und besonders zurück) habe ich nur geweint. Am schwersten war es an den ehemaligen Abholzungen vorbeizufahren, wo meine Eltern gearbeitet hatten.

Betroffen war jeder Fünfte!

Darüber, wie viele Menschen und aus welchen Beweggründen Menschen aus dem Krasnoturansker Bezirk während des sogenannten Kampfes gegen die Kulaken entfernt wurden, berichtete die Chefexpertin des Bezirksarchivs Tatjana Scharikowa. Wie viele Ortschaften gibt es im Bezirk? Und wie viele waren es in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts? - so begann sie völlig unerwartet ihre Rede. Es stellte sich heraus, dass ihre Anzahl um mehr als die Hälfte gesunken war. Und die Zahl der Bewohner um das Dreifache!

1035 Personen das besagt die Liste der Fälle von Enteigneten unserer Landsleute. Und wenn man diese Ziffer mit 5 oder auch mit 7 multipliziert (die durchschnittliche Größe einer Familie), dann kommt man auf 7245 Personen das entspricht - einem Fünftel aller Einwohner! Leider gibt es im Archiv keinerlei Angaben über die Deportierten, sie befinden sich in den ehemaligen Archiven des NKWD, - fuhr sie fort. Aber dafür gibt es die Webseite der regionalen Memorial- Gesellschaft, auf der man Informationen zu den anderen Repressionsopfern finden kann.

Die Versammelten kamen nicht umhin, als das Thema des Gedenkens an die Opfer der politischen Verfolgungen anzuschneiden. Denn das Fehlen eines Gedenksteins für tausende unserer Landsleute ist kein Bezirksproblem, sondern ein nationales. Und es ist notwendig, dass er aufgestellt wird. Es soll nichts Monumentales sein. Nur ein Zeichen des Gedenkens, noch besser eine Allee der Erinnerung, die sich zwischen den zwei Obelisken erstreckt für die Helden des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges. Ob diese Idee verwirklicht werden kann wird sich zeigen. Einstweilen wurden zur Erinnerung an die umgekommenen Opfer der Verfolgungen am Denkmal für die Helden des Krieges von allen Teilnehmern der Veranstaltung winzige Lämpchen angezündet als Symbol des Mitleids gegenüber jener großen nationalen Tragödie.

Jekaterina Lobowa (AP)

Foto: Jurij KNAUB
Turaner Echo, 1. November 2013


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