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Sie wurden nach Sibirien verbannt

Die Geschichte seiner kleinen Heimat kennenlernen und verstehen kann man beispielsweise, indem man ein Museum besucht, ein Buch oder einen Artikel aus einer alten Zeitung liest. Aber eine lebhaftere, farbenreichere Auffassung vom Leben vergangener Jahre im Bezirk erhält man, indem man Kontakt mit den unmittelbaren Zeugen und Schöpfern dieser Geschichte Kontakt aufnimmt.

Ich muss zugeben, dass ich mich seit meiner Kindheit für die Berichte meiner Großmütter und Großväter über ihr interessantes und äußerst ungewöhnliches Leben interessiert habe. Jetzt, wo ich in der Zeitungsredaktion arbeite, muss ich häufiger mit Bewohnern unseres Bezirks kommunizieren. Die Begegnungen mit ihnen eröffnen mir viel Neues. Diese Geschichten sind sehr spannend, und besonders interessant sind die Berichte über das Leben in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges. Und jeden möchte ich mit unseren Lesern teilen. Heute möchte ich über eine Frau berichten – die Altersgenossin des Bolschemurtynsker Bezirks, Arbeiterin des Hinterlandes und Arbeitsveteranin Anna Genrichowna Ikkert (auf dem Foto).

Vor neunzig Jahren wurde in der deutschen Familie von Heinrich Filippowitsch und Maria Friedrichowna Schmal, die in dem Dorf Priwolnaja im Gebiet Saratow lebten, eine Tochter geboren wurde, die man Anna nannte.

«Was hat das denn mit einer deutschen Familie zu tun» – fragen Sie, geschätzte Leser.

Wie wir wissen, waren Zar Peter I und später auch Imperatorin Katharina II sehr daran interessiert, dass Ausländer nach Russland kamen, um die unbeackerten Ländereien urbar zu machen. Der Mehrheit dieser Umsiedler wurden Ländereien im Wolgagebiet, unweit der heutigen Stadt Saratow, angeboten. Allmählich verwandelte sich diese Region zu einem der blühendsten Gebiete des Landes. 1923 wurde, bereits zur RSFSR gehörend, die Autonome Sowjetische Sozialistische Republik der Wolgadeutschen gegründet. Damals hätte kaum jemand es für möglich gehalten, dass den Wolgadeutschen nur 18 Jahre später erneut eine Umsiedlung bevorstehen würde.

Die russische Imperatorin deutscher Herkunft Jekaterina II lockte ihre Landsleute mit unterschiedlichen Versprechungen nach Russland: sie versprach ihnen die Befreiung vom Militärdienst, erlaubte ihnen freie Glaubensausübung. 1763 erließ sein Sonder-Manifest, welches diese Umsiedlung gesetzlich verankerte. Und die verarmten Deutschen, in der Heimat von unmäßigen feudalen Geldeintreibungen, ruinösen Kriegen, religiösen Fehden niedergedrückt, machten sich auf den Weg ins fremde Land. So gehörten auch Annas Eltern zu jenen Umsiedlern. Ja, ja – sie, die reinblütigen Deutschen, die an Ordnung und Akkuratheit gewöhnt waren, brachten die uralten Gewohnheiten in das neue Land mit. Sie richteten sich ihren Alltag ein, führten eine riesige Hofwirtschaft und zogen acht Kinder groß.

Nusja, wie die Angehörigen meine Gesprächspartnerin nannten, besuchte, wie alle anderen Kinder auch, die Schule, half der Mutter zuhause mit den kleinen Brüdern. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass Kindheit und Jugend sorglos verliefen. Nachdem das Mädchen die zehnten Klasse absolviert hatte, kam die Zeit ins Erwachsenenleben einzutreten. Und alles wäre gut gewesen, wenn nicht gerade der Krieg gegen Hitler-Deutschland angefangen und die Nachricht darüber das Signal gegeben hätte, dass nun für sie und ihre Familie schwere Zeiten hereinbrechen würden.

Und so kam es auch. Am 28. August 1941 erging das Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR «Über die Umsiedlung aller in den Wolga-Bezirken lebenden Deutschen». Alle Mitglieder ihrer Familie wurden gewaltsam nach Sibirien, in das Dorf Maly Kantat im Bolschemurtinsker Bezirk, umgesiedelt.

- Es war ein gewöhnlicher Tag, wie immer waren wir im Haushalt beschäftigt, – erzählt Anna Genrichowna. – Vater kam in den Hof gerannt und schrie: «Packt schnell ein paar Sachen zusammen! Wir werden umgesiedelt!» Wir schafften es gerade noch das Vieh hinauszulassen, damit die Tiere nicht vor Hunger starben.
Drei Tage und Nächte wurden sie in Vieh-Waggons transportiert, anschließend noch einmal drei Tage in offenen Fahrzeugen. In den ersten drei Monaten ernährten sie sich ausschließlich von ungesalzenem Roggenbrot. Viele der Verbannten starben in der ersten Zeit. Und als sie am Bestimmungsort ankamen, wurden sie sogleich zum Arbeiten in die Kolchose geholt. Viele ihrer Landsleute berichteten, wie sie Erniedrigungen seitens der anderen ausgesetzt waren. Fast alle bezeichneten die Umsiedler als Volksfeinde.

In jenen Jahren mussten die Minderjährigen wie Erwachsenen arbeiten, um dem Hungertod zu entgehen. Als nicht sehr großes Mädchen erledigte sie praktisch jede beliebige Arbeit, die der Kolchos-Brigadeführer ihr zuwies: sie jätete Unkraut auf den Kolchos-Feldern, war bei der Heuernte, beim Ährensammeln und anderen Landarbeiten dabei. Und während der Aussaat und der Erntezeit schufteten die Menschen praktisch rund um die Uhr.

- Es war nicht einmal genug Zeit, um etwas zu essen, – erinnert sie sich. – Im Frühjahr, während der Aussaat, bestand unser Mittag- und Abendessen aus «Lungenkraut», «Wiesen-Bärenklau», im Sommer – aus Beeren und Pilzen. Für den Winter trockneten wir Himbeeren und Traubenkirschen, die wir dann dämpften und aßen. Aber die wertvollste Nahrung waren immer noch die Kartoffeln. Später hatten wir sie dann auch schon in unserem Gemüsegarten. Und der Bezirk gefiel mir sofort, es ist sehr schön hier. Und auch der Wald – so etwas hatte ich vorher noch nie gesehen.

1942 wurde aus dem Dorf Maly Kantat die siebzehnjährige Anna, zusammen mit allen Männern und Frauen im Einberufungsalter, zur Arbeitsarmee in die Baschkirische ASSR mobilisiert – um dort Bauten des NKWD auszuführen, wo sie im Grunde genommen zu Gefangenen wurden. Sie lebten im Lager hinter Stacheldraht. 1948 wurde der Stacheldrahtzaun entfernt, aber sie mussten sich zweimal im Monat bei der Sonderkommandantur melden. 1950 wurde A.G. Ikkert mit anderen Angehörigen der Arbeitsarmee ins sibirische Dorf zurückverlegt, wo man den Arbeitsarmisten die Unterschrift abverlangte, nie mehr an ihren ursprünglichen Wohnort zurückzukehren.

- Der Arbeitstag ging von sechs Uhr morgens bis halb acht abends. Jeder Arbeiter musste die Norm erfüllen, – setzte die alte Frau ihren Bericht fort.

- Erst wenn die Norm erfüllt war, durfte man sich ausruhen. Deswegen arbeiten wir bis neun oder zehn Uhr abends. Wenn jemand nicht durchhielt und die Arbeit verließ, ohne das Plansoll erfüllt zu haben, musste er am nächsten Tag die doppelte Norm leisten. Die Bedingungen warn schrecklich: die schwere körperliche Arbeit ging einher mit schlechter Verpflegung. Viele flohen nur aus dem Grund in umliegende Dörfer, um etwas zum Essen zu finden.
Erst 1956 wurden alle Einschränkungen abgeschafft, aber man verbot den Deutschen in ihre Heimatorte zurückzukehren; daher war Anna gezwungen, nach Maly Kantat zurückzukehren, wo sie weitere sechs Jahre verbringen musste, bevor sie vollständig aus der Sonderansiedlung entlassen wurde…

Anna war 24 Jahre alt, als sie ihr weibliches Glück fand. Sie heiratete einen Mann aus dem Dorf, den Verbannten Wladimir Adamowitsch Ikkert. Vierundvierzig Jahre lebten sie einträchtig miteinander, zogen drei Kinder groß. Jetzt sind bereits 19 Jahre vergangen, seit das Ehepaar nicht mehr auf dieser Welt existiert, aber sie erinnert sich an sie immer noch mit vielen guten Worten.
Ihr ganzes Leben widmeten sie der Arbeit und den Kindern. Und an freien Abenden widmete sich Anna Genrichowna der Laienkunst. Als Sängerin, die eine Vielzahl alter deutscher Lieder kannte und über eine wunderbare Stimme verfügte, nahm sie stets an den Dorf-Konzerten teil.

Für ihre gewissenhafte und langjährige Arbeit wurde Anna Genrichowna die Medaille «Veteranin der Arbeit» verliehen. Außerdem erhielt die Arbeiterin des Hinterlandes mehrfach Jubiläumsmedaillen zum Gedenken an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg sowie zahlreiche Ehrenurkunden.

Am 7. Mau wird sie 90 Jahre alt. Trotz ihres hohen Alters hat sie ihre Gutmütigkeit gegenüber den Menschen bewahrt. Sie kann noch gut sehen und liest bis heute die Lokal-Zeitung «Neue Zeit» und ihre alten, geliebten Büchlein in deutscher Sprache, die ihre Mutter ihr als Erbe hinterlassen hat. Nur um ihre Gesundheit ist es nicht mehr so gut bestellt, aber sie ist nicht allein. Ihre Tochter Lilia kümmert sich um sie. Auch die sechs Enkelkinder und fünf Urenkel vergessen ihre Großmutter nicht; sie besuchen sie und lassen ihr ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge zukommen.

Und wenn man darüber nachdenkt, dann konnte jeder Veteran, der auf Bolschemurtinsker Boden lebt, standhalten, alle Schwierigkeiten des Lebens meistern, die auf sein Los entfielen, seine Jahre in Würde verbringen und einen Teil seiner Arbeit zur Entwicklung der Region beitragen. Respektieren und ehren wir sie! Wenigstens dafür, dass sie noch am Leben sind…

Anna Kolegowa
„NEUE ZEIT“, ¹ 15, 12.04.2014.


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