Ein Leben in Frieden und Eintracht

Unlängst feierten wir den 7. November – den Tag der Versöhnung und Eintracht, doch obwohl dieser Feiertag uns zur Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen, Ansichten, Nationen ermahnt, tritt leider kein Frieden ein, mehr noch – beim Ministerium der Justiz tauchen Parteien auf, die Unversöhnlichkeit und Feindseligkeit entfachen – und sie werden auch noch registriert.

Wir können uns immer noch nicht von dem Terrorakt in Moskau erholen, und die Partei der Nationalisten erhebt die „Judenfrage“. Wie sollen wir die Kinder vor der Streuung von Feindseligkeit bewahren, wie sollen wir sie lehren, in Frieden und Toleranz zu leben? Diese Fragen ergeben sich nicht selten in Gesprächen unter den Lehrern: in Schulen und Kindergärten sollte es unbedingt eine internationale Erziehung geben. Man muss nicht die Aufmerksamkeit auf Nationalität, den Schnitt der Augen, die Farbe der Haut zuspitzen. Das „nationale Problem“ wird von den Erwachsenen geschaffen, gerade sie sollten darüber nachdenken, damit die Kinder nicht deren unrichtige Ansichten in ihrer Kinder-Kollektive übertragen, damit die Kinderseelen nicht verkrüppeln, damit die einen nicht unschuldig leiden müssen, die anderen nicht zu Banditen heranwachsen.

„Ich bereue es nicht Lehrerin geworden zu sein – dieser Beruf hilft, den Kindern das Verständnisý für internationale Freundschaft beizubringen“, - sagte die stellvertretende Leiterin der Grundschulklassen an der Baikitsker Mittelschule, als man im Lehrerzimmer wieder einmal über das Thema Terrorakte sprach.

Wir lauschen den Worten Irma Iwanowna Tschernuchas immer sehr aufmerksam, nicht nur weil sie eine erfahrene Pädagogin mit 35-jähriger Berufserfahrung, ein in der Siedlung angesehener Mensch, eine intelligente und diplomatische Gesprächspartnerin ist.

In dieser Unterhaltung trugen ihre Worte einen besonderen Sinn, denn sie stammt aus einer Familie von nach Sibirien verbannten Deutschen, die am eigenen Leib erfahren musste, was Repressalien bedeuten.

Irma wurde am 5. September 1949 in der Ortschaft Surguticha, im Turuchansker Bezirk, geboren, wo hauptsächlich Keten lebten, doch es gab auch verbannte Griechen, Kalmücken und Deutsche. Ihre Eltern Gagelgans / Hagelgans) stammten aus den Städten Saratow und Engels und wurden 1943 hierher verschleppt. Hier wurden drei weitere Kinder geboren. Insgesamt waren es fünf. Die zwei Brüder und zwei Schwestern sind noch am Leben, wenn gleich sie bei der damaligen Einstellung gegenüber den Deutschen, auch schon in ihrer Kindheit hätten sterben können.

Alle Verschleppten hoben sich Erd-Hütten aus und hausten dann darin.

Man kann sich vorstellen, wie ihnen wohl bei den grimmigen sibirischen Frösten zumute gewesen ist.

Um unter derartigen Bedingungen überleben zu können, mussten die Betroffenen sehr tapfer, duldsam, fleißig und beharrlich sein. Und zu genau diesen Menschen gehörten Irmas Eltern.

Die Mutter war von Beruf Modistin (Schneiderin), aber da sie an Asthma litt, verrichtete der Vater fast alle Arbeiten im Haus selbst und arbeitete zudem hart in der Fisch-Verarbeitung. Und die Kinder halfen ihr beim Auftrennen von Nähten. Außerdem besaßen sie ihren eigenen kleinen Hof mit Gemüsegarten. Später errichteten sie anstelle der Erd-Hütte ein Haus.

Irma besuchte die örtliche Schule, an der es ungefähr hundert Schüler gab. Sie absolvierte acht Klassen.

Eine Berufsorientierung gab es damals nicht, maan kümmerte sich damals selbst um die nächstgelegene Lehreinrichtung – die Igarsker Fachschule für Pädagogik und das Technikum für Zoo-Veterinäre in Dudinka. Und weil Irma eine gute Schülerin gewesen und aktive Komsomolzin gewesen war, riet die Mutter ihr, Fremdsprachen zu erlernen oder Ärztin zu werden. Aber ihre Freundin, die zu dem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr an der Igarsker Fachschule für Pädagogik studierte, berichtete so begeistert von ihrem Studentinnen-Leben, dass das Mädchen sich entschied, ebenfalls dorthin zu gehen.

Im ersten und zweiten Jahr studierte sie ohne große Anstrengung, aber als sie zur Klassensprecherin gewählt wurde, fühlte sie die damit verbundene Verantwortung und machte sich ernsthaft an ihr Studium. Nach dem zweiten Kurs wollte sie nach Hause zurückkehren, ihre Ausbildung abbrechen, denn ihre Mutter war gestorben, und der Vater mit den beiden Söhnen hatte es schwer, aber er zwang sie die pädagogische Fachschule weiter zu besuchen. In dieser Zeit erlernte sie die Sprache der Ewenken, so dass sie später bei der Lehrerverteilung eine Zuweisung nach Ewenkien bekam. 1968 kam sie nach Baikit, aber eine Acht-Klassen-Schule existierte zu dem Zeitpunkt dort noch nicht; daher schlug man ihr vor nach Polygus zu fahren und als Erzieherin zu arbeiten; dann allerdings stellte sich heraus, dass es eine Erzieherinnen-Stelle im Baikitsker Internat gab, und so übte sich die junge Frau dort in den Grundlagen der Erziehung. Als die Schule eröffnet wurde, holte man die gewissenhafte, fleißige Erzieherin ins Amt der Gruppenleiterin und sie war drei Jahre in dieser Position tätig. Anschließend schickte man das vielversprechende Mädchen zu einjährigen Fortbildungskursen nach Leningrad. Nachdem sie die Kurse absolviert hatte, entschied sie sich für einen weiteren Fernkurs am pädagogischen Institut, der pädagogischen Fakultät. Danach kehrte sie nach Baikit zurück, arbeitete an der Baikitsker Schule, lehrte die ewenkische Sprache.

1974 heiratete unsere Heldin. Sie wechselte zur Arbeit in eine erweiterte Tagesgruppe. 1976 nahm sie zum ersten Mal Kinder in ihre erste Klasse auf. Von 1981 bis 1984 war sie stellvertretende Schulleiterin an der Baikitsker Mittelschule, später Lehrerin in den Anfangsklassen und Schulleiterin. Mit großer Dankbarkeit erinnert sich Irma Iwanowna ihrer Pädagogen und Lehrmeister: Galina Grigorewna Karnauchowa, die ihr bei der Verwaltungsarbeit behilflich war, Taissja Iwanowna Popowa, Albina Wassilewna Belomestnowa. Und mit Lydia Nikolajewna Bortnikowa, mit der sie 30 Jahre lang Seite an Seite arbeitete, berät sie sich noch heute.
Wegen ihrer Arbeit und ihrer menschlichen Qualitäten war Irma Iwanowna Mitglied in einer Vielzahl von Parteikommissionen, Sekretärin in der Partei-Organisation der Baikitsker Mittelschule, Deputierte des Bezirksrats. Ihre gewissenhafte Arbeit wurde mit der höchsten Kategorie vermerkt, der Bezeichnung „Lehrerin und Methodistin“, erhielt Urkunden vom Ministerium sowie die Medaillen „Veteranin der Arbeit“ und „Für hervorragende Arbeitsleistungen. Irma Iwanowna ist auch stolz darauf, dass ihre ehemalige Lehrerinnen Oksana Beresowskaja und Viktoria Jankowskaja ebenfalls Lehrerinnen der Grundschulklassen wurden.

Das Wichtigste für Irma Iwanowna ist – ihre Arbeit. Mit ihrer Klasse erprobt sie verschiedene pädagogische und methodische Neuheiten, sie verfügt über eine riesige Anzahl von Anschauungsmaterialien, von denen sie einen großen Teil selbst erstellt hat. Sie hat geschickte, arbeitende Hände, mit denen sie nicht nur leckeres Mittagessen zubereiten, sondern auch Mandoline spielen (viele Jahre war sie Mitglied einer Laienspielgruppe), Strümpfe und Handschuhe für Kinder stricken kann, und jetzt – strickt sie für ihre Enkelkinder Alenuschka, die Tochter von Sohn Sergej und Liebling der ganzen Familie. Irma Iwanownas Tochter Natascha beendet gerade das medizinische Institut und ist bislang noch nicht verheiratet.

In ihrer Freizeit sammelt Irma Iwanowna gern Beeren, geht in den Wald oder am Flüsschen angeln. Das Leben dieser Frau ist erfolgreich verlaufen - Dank der großen moralischen Stützpfeiler innerhalb ihrer Familie. Doch in ihrer Seele lebt bis heute der Schmerz wegen der unverdienten, ungerechten Erniedrigungen, wegen ihrer bitteren, schweren Kindheit weiter. Und das Wichtigste, was Irma Iwanowna sich für ihre eigenen und die fremden Kinder, Enkel und Urenkel wünscht, ist, dass niemals jemand sie mit kränkenden Worten beschimpfen, dass die Rubrik „Nationalität“ ganz aus allen Dokumenten verschwinden möge, denn in unseren Adern hat sich längst das Blut aller Nationen miteinander vermischt, und wir alle sind – einfach Landsleute, Bewohner des Planeten Erde.

„Ewenkisches Leben“, April 2020


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