Mitteilung von Jekaterina Andrejewna Bender-Maksimowa

Geboren 1932 in Leningrad.
Vater: Andrej Petrowitsch Bender
Mutter: Jelisaweta (Elisabeth) Jegorowna Bender

Bis zum Krieg lebte die Familie in Leningrad. Außer Katja gab es noch Tochter Ludmila.
1941 war Katja 9 Jahre alt. Sie ging in die 1. Klasse. Als der Krieg ausbrach, wurde der Vater an die Front geschickt, und nachdem das Dekret über die Aussiedlung der Deutschen herausgekommen war, beriefen sie den Vater von der Front ab und schickten in die Trudarmee zur Holzbeschaffung ins Gebiet Perm (danach hörte man über den Vater und auch von ihm selbst nichts mehr). Erst nach dem Tod der Mutter (sie starb 1956), schrieb er 1959 einen Brief, und 1960 kehrte er zur Tochter zurück.

Nach dem Dekret bekam Mutter Jelisaweta Jegorowna 14 Stunden Zeit, um sich auf die Aussiedlung vorzubereiten, und dann wurden sie nach Sibirien geschickt.
Es dauerte einen ganzen Monat, bis sie schließlich mit einem Güterzug in Atschinsk ankamen. Der Zug fuhr nachts, tagsüber stand er.

Sie kamen in der Stadt an, versammelten sich alle auf dem Mai-Platz (Kasaner Kathedrale). Dann mussten sich die Erwachsenen auf eine Seite stellen, die Kinder auf die andere (sie wurden sogar den Händen der Mütter entrissen).

Katja und ihr Schwesterchen kamen ins Kinderheim, aber da sich in Atschinsk eine entfernte Verwandte (Großmutter) befand, ließ man die Kinder bei ihr. Danach wohnte Katja bei einer anderen Verwandten. Die Mutter kehrte eineinhalb Jahre später aus der Trudarmee zurück. Man hatte sie nach Baschkirien geschickt.

Jelisaweta Jegorowna kam nach Atschinsk zur Genossenschaft Udarnik (Bestarbeiter; Anm. d. Übers.) (Herstellung von Möbeln), Tochter Katja ebenfalls.

Während des Krieges übte "Udarnik" die Patenschaft über das Dorf Barabanowka aus. Im Sommer arbeitete man auf den Feldern, im Winter bei der Holzbeschaffung.

Katja wurde im Alter von 14-15 Jahren zum Holz-Abflößen nach Bogotol geschickt. Sie flößten dort Holz bis nach Atschinsk. Bisweilen mussten sie dabei bis zur Gürtellinie im Wasser stehen (daher die dauernden Erkältungen).

Die Einstellung der Stadtbewohner gegenüber solchen Familien war nicht immer gut (Ehefrau und Kinder eines "Volksfeindes").

Einmal im Monat mussten sie sich bei der Kommandantur in der Partisanen-Straße melden. Außerdem kam alle zehn Tage ein Gruppenleiter (aus den Reihen der Deutschen), um zu überprüfen, ob man Zuhause war oder nicht.

Es gab einige Fälle, die in der Erinnerung geblieben sind (bis heute treten ihr die Tränen dabei in die Augen). Einmal (als sie ihrem zukünftigen Ehemann Nikolai bereits begegnet war) ging sie ins Kino, und genau zu dem Zeitpunkt kam der Gruppenleiter, um seine Kontrolle durchzuführen. Die Mutter erklärte ihm, wo ihre Tochter war, doch er glaubte das nicht, setzte sich und wartete so lange, bis sie aus dem Kino zurück war.

Ein anderer Fall man schickte sie mit dem Auto zu landwirtschaftlichen Arbeiten nach Barabanowka; Jekaterina Andrejewna saß mit den jungen Leuten im Laderaum des Fahrzeugs. Da kommt die Älteste und sagt: "Bender, verschwinde, du hast kein Recht". Sie stand da und weinte. Vor Scham wusste sie nicht, was sie tun sollte (wenn sie wenigstens im Erdboden hätte versinken können), aber dann erlaubten sie ihr schließlich doch, mit allen mitzufahren.

Es gab auch Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit, man durfte sich höchstens 25 km weit entfernen.

In der Genossenschaft Udarnik arbeitete sie bis 1956, dann wechselte sie in die Glimmerfabrik und blieb dort bis zum Renteneintritt.

Sehr jung heiratete sie Nikolai Dmitrijewitsch Maksimow (er arbeitete in der Genossenschaft Udarnik), fünf Kinder wurden geboren (drei Söhne und zwei Töchter). Die Söhne sind Militärangehörige, sie leben in Riga, Wladiwostok und Tula. Die Töchter wohnen in Pokrowka und Atschinsk. Alle Kinder erhielten eine Ausbildung. Jekaterina Andrejewna besuchte nur ein Jahr lang in Leningrad die Schule, danach kam es dazu nicht mehr.

Aus Jekaterina Andrejewnas Erinnerungen an die Zeit, als sie noch in Leningrad (Blockade) wohnten. Die Mutter arbeitete in der Fabrik, der Vater war an der Front. Bisweilen mussten sie sich mit Brot (125 g) und Wasser durchschlagen. Dort wo sie lebten, gab es einen Begräbnisort für Tiere, sie zogen ihnen das Fell ab, kochten es mit Leim und aßen es, aber später fand Katja im Haus Senf und Salz, das löste sie alles auf und trank es dann. Der Körper war vollkommen mit Wasser gefüllt, sie erkrankte schwer, lag nur da und konnte nicht laufen. Zu der Zeit schickten sie die Familie nach Sibirien.

Sie erinnert sich, dass die Mutter an einer Bahnstation irgendetwas gegen Eier und Brot eintauschte. Bis heute hat Jekaterina Andrejewna den großen Kupferkessel vor Augen, der mit Eiern gefüllt war, und in ihrer Erinnerung sind die Worte, die sie zur Mutter sagte (sie gab ihr immer nur ein einziges Ei und ein Stückchen Brot), dass sie viele Eier mitgebracht, ihr aber nur eins gegeben hätte, und wie die Mutter ihr geantwortet hatte, dass sie sterben würde, wenn sie noch mehr äße (denn viele Menschen starben unterwegs, weil sie zuerst gehungert und dann viel zu viel auf einmal gegessen hatten).

Jekaterina Andrejewna steckt voller Energie, sie mag nicht untätig herumsitzen und stickt, strickt und näht meisterhaft. Sie erinnert sich, dass, als sie noch in Leningrad wohnten, sie noch vor der Schulzeit eine Nadel zur Hand genommen hatte und sich davon nicht mehr getrennt hatte.


 

Jekaterina Andrejewna Maksimowa ist eine jener Frauen, die als junges Mädchen den Schrecken des unter Blockade stehenden Leningrads kennengelernt hatte. Sie kann auch heute, nach so vielen Jahren, nicht ohne Erschauern daran zurückdenken. Aber besonders schmerzlich ist, dass sie nicht nur unter den Faschisten zu leiden hatte, sondern auch durch die heimatliche Staatsmacht, indem sie schuldlos schuldig war.

Geboren wurde Jekaterina Andrejewna am 13. Mai 1932 in der Stadt Leningrad in einer Familie von deutschen Arbeitern. Ihr Vater Andrej Petrowitsch Bender wurde 1914 geboren; 1941 schickte man ihn als Deutschen in die Arbeitsarmee zur Station Dibuni und löschte all seine Spuren aus, er gilt als verschollen. Die Mutter - Jelisaweta Jegorowna Bender erblickte 1909 das Licht der Welt; sie wurde mit ihren beiden Kindern am 27. März 1942 zwangsweise nach Sibirien deportiert. Katja beendete noch vor dem Krieg die 1. Klasse in Leningrad. In Sibirien geriet die Familie zunächst nach Atschinsk, anschließend wurden sie ins Dorf Barabanowka umgesiedelt und unter die Sonderaufsicht der Kommandantur gestellt. So wurden eine Arbeiterfrau und zwei Mädchen zehn und vier Jahre alt zu "Volksfeinden". Im Herbst 1942 wurde die Mutter in die Arbeitsarmee mobilisiert, wo sie bis 1944 arbeitete.

Ab dem Alter von 10 Jahren musste Katja sich ihr Brot selbst verdienen. Man brachte sie bei der Genossenschaft "Udarnik" unter. Alle möglichen ungelernten Arbeiten schmutzige wie schwere - musste sie dort verrichten. Als Katja 14 Jahre alt wurde, zog die Familie nach Atschinsk. Sie hatten dort ein Zimmer bekommen war das eine Freude! Katja wurde nun offiziell eingestellt, bekam ein Arbeitsbuch ausgehändigt, in dem bis heute 40 Arbeitsjahre vermerkt sind. Für ihre Arbeit bekam Jekaterina Andrejewna eine Menge Dankesschreiben und Ehrenurkunden, und auch zwei Medaillen dürfen nicht unerwähnt bleiben: die Mutterschaftsmedaille und eine Medaille, weil sie Bewohnerin des unter Blockade stehenden Leningrads gewesen war.

Im Mai 1950 begegnete sie Nikolai Dmitrijewitsch, es entstand eine neue Familie. Drei Söhne und zwei Töchter zogen sie groß... Aber es gab auch großes Leid. 1956 stirbt die Mutter, ohne etwas über das Schicksal ihres Ehemannes erfahren zu haben. Doch es stellte sich heraus, dass der Vater am Leben war. 1960 fand er seine Töchter, kam nach Atschinsk, doch 1979 gab es erneut einen Verlust Vater und eine Tochter sterben. So war das Leben verlaufen. Nicht weniger kompliziert war es auch bei Nikolai Dmitrijewitsch gewesen.

A. Tichonow, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Atschinsker Heimatkunde-Museum
August 1994

Archiv des Atschinsker Memorial. Kommunale budgetierte Kultur-Einrichtung Atschinsker Heimatkunde-Museum namens D.S. Kargopolowa


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