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Verbannungs-/Lagerhaftbericht von Selma Adolfowna Gipke (lt. Paß Gibke)

Die Familie GIPKE, Ukraine-Deutsche, lebte nach dem 1. Weltkrieg in dem Dörfchen Koschuschki, im Kreis Chojnitz, Gebiet Mosyrsk (heute Gomel), Weißrußland:

Dort führten sie eine bäuerliche Wirtschaft. Im Jahre 1929 wurde ihnen von den Kommu-nisten der Betrieb weggenommen und um sich vor einer drohenden Verbannung zu retten floh die Familie in das Dorf Grunwald (mit ukrainischem Namen Lisowa Kolonija) im Kreis Basarsk, Gebiet Schitomir. Das war ein überwiegend deutsches Dorf. Die beiden älteren Schwestern heirateten dort lebende Deutsche.

Olgas Ehemann, Adolf WOLTMAN (geb. etwa 1912), wurde im Oktober 1938 nach § 58 verhaftet und kam im Gebiet KURSK beim Bäumefällen ums Leben.

Während der hitlerschen Besetzung wurde niemand aus dem Dorf abtransportiert. 1943 begannen sowjetische Partisanen deutsche Dörfer unter Beschuß zu nehmen. Im November 1943 flüchtete die Familie Gipke, wie auch viele andere Familien aus dem Dorf, zufuß nach Westen und gelangte nach Deutschland.

In Deutschland erhielten sie Dokumente, die sie als "Volksdeutsche" auswiesen. Selma lebte getrennt von den Eltern in der Stadt DESSAU.

Im Sommer 1946 wurde das Haus, in dem sie wohnte, von sowjetischen Soldaten gestürmt, - sie wollten den Hausherrn (er war ein Adliger) verhaften, trafen ihn jedoch nicht an. Dann verlangten sie von Selma Dokumente, verhafteten sie und brachten sie ins Durchgangslager in Frankfurt (an der Oder). Innerhalb von zwei Wochen trieb man sie zusammen mit anderen deutschen Lagerhäftlingen in einen Güterwaggon (der Zug bestand aus 50-60 Waggons, in ihm waren ausschließlich Deutsche) und unter der Begleitung von Konvoitruppen fuhren sie "in die Heimat". Leiter des Konvois war Major MORGUNOW.

Mitte August 1946 wurde ein Teil des Zuges an der Station DUBOWAJA, unweit von BOLSCHSK in der Marijsker Autonomen Republik, ausgeladen. Ein Teil der Etappe fuhr weiter nach STALINGRAD.

Selma und noch ungefähr 30 deutsche Familien kamen in das Waldgebiet KARATSCHURIN, 7 km von der Bahnstation entfernt.

In dem Waldgebiet befanden sich bereits seit vielen Jahren etwa 20 Familien von Krim-Tataren in der Verbannung. Sie nahmen die Deutschen sehr gut auf und halfen ihnen so gut sie konnten. Unter den Tataren war kein einziger Dieb (es stellte sich heraus, daß es unter den Deutschen drei gab). Außer den Verbannten befanden sich in dem Gebiet auch viele Ortsbewohner. Sowohl sie als auch die Verbannten arbeiteten im Wald. Der Waldbereich gehörte zur Wolschsker Holzindustrie. Das Gebiet dort sollte vollständig abgeholzt werden, um einen Stausee für die hydroelektrische Station Tscheboksarsk zu bauen.

Die Verbannten standen bis 1956 in DUBOBAJA unter Kommandantur. Gelegentlich kam MOGRUNOW, der irgendeine Art Chef in Joschkar-Ole geworden war, "auf Kontroll-besuch".

Unter den deutschen Familien, die zusammen mit Selma aus Frankfurt in diesen Waldbezirk geraten waren, befanden sich:

Ende der vierziger Jahre kehrte Leopold (Sohn von Christian) TEISCH (geb. etwa 1900), der ungefähr 1938 nach § 58 verhaftet worden war und 11 Jahre eingesessen hatte, zu seiner Famile zurück. Er war aus dem Lager am Balchasch-See (offensichtlich dem STEPLAG) entlassen worden.

Nach der Freilassung aus der Verbannung ließ sich die Familie TEISCH in KOSMODEMJANSK nieder. Die Familien GERLOW und BEK wohnten später in DSCHAMBUL, FEISERS in Krasnojarsk.

Die gesamte Familie von Selma ist in Deutschland geblieben, mit Ausnahme des Ehemannes der Schwester Antonina. Er, Hermann Reinholdowitsch GONTSCH (geb. etwa 1915), hob in Deutschland Schützengräben aus und geriet als Kriegsgefangener in ein sowjetisches Lager, zusammen mit deutschen Soldaten. Die Gefangenen wurden nach Donbass gebracht. Dort in dem Kreigsgefangenenlager wurde H. GONTSCH verhaftet nach § 58 und kam dann an der Station JAJA (SIBLag, Gebiet KEMEROWO) ums Leben.

17.01.93, aufgezeichnet von W.S. Birger, Krasnojarsk, Gesellschaft "Memorial"


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