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P. Sokolow. Schlaglöcher

2. Buch. „Die Söldner“

Teil 3. Die Condottieri

Kapitel 20. „Slava“ – für den Ruhm  

„Papa Tschapa ist ein Spezialist in Sachen Speck,
Er hat alles mögliche getrunken.
Reihenweise verschiedene Häuser besucht,
Nur das Wassertrinken hat er tunlichst vermieden.“
(Bedeutung s. im Text).

Während meines Urlaubs hatten sich in der Kompanie weitreichende Veränderungen vollzogen. Erstens waren die Uniformen ausgetauscht worden. Unsere Polizeiuniform, wenngleich sie die Aufschrift „Wehrmacht“ trug und von guter Qualität war, hatte uns irgendwie unangenehm berührt, so dass wir uns mit einem Gefühl der Genugtuung in die neue Bekleidung hüllten. Es war eine Uniform, wie die Gebirgsschützen (Jäger) sie trugen. Sie bestand aus Skihosen, Bergsteigerstiefeln und Spikes, einer standardmäßigen Soldatenjacke mit vier aufgesetzten Jackentaschen sowie einer Schirmmütze, die aus demselben Material genäht war. Der Militärmantel entsprach ebenfalls dem Standard, aber man trug ihn ausschließlich bei den Wachgängen, während sie in der Regel beim Ausgang in die Stadt nicht angezogen worden – teils aus Tradition, teils aus Angeberei. Die zweite Neuerung war der gemeinsame Einsatz von Chodolejs und Walch in der Küche. In der Armee braucht es dafür keine besonderen Qualifikationen: da zeigen sie einfach mit dem Finger auf dich – du und du! Na los, dann kocht mal schön! Boris war der Chef, Aljoschka der Koch. Außer ihnen arbeitete dort noch als allegmeiner Leiter der Lebensmittelabteilung ein Deutscher namens Zink, ein hünenhafter, baumstarker, weißblonder jinger Mann, der ebenfalls von seinem Posten als Zug-Kommandeur versetzt worden war. Diese Umgruppierung brachte unsere Gesellschaft ein wenig auseinander, verhieß andererseits jedoch gewisse Dividenden im Sinne von zusätzlichen Essensrationen. Schließlich hatte sich auch der Charakter bei den militärischen Vorbereitungen geändert. Anstatt der einem bereits zum Halse heraushängenden „Exerzitien“ verwandte man nun eine Menge Zeit für taktische Aufgaben und ganz besonders für Fußmärsche. Der erste fand schon bald nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub und dem Erhalt der neuen Uniform statt. Es war Abend, und ich befand mich in der Stadt. Plötzlich kam ein Eilbote und rief alle zusammen. Um 10 Uhr abends war die Kompanie in Formation und, wie ich bereits sagte, setzten sich alle, nur mit leichten Jacken bekleidet, in Marsch. Wir gingen, mit kurzen Unterbrechungen, die ganze Nacht hindurch. Auf der Chaussee liefen wir insgesamt 36 km. Anschließend mußten wir noch weit in die Berge vordringen. Es war noch dunkel, und wir wollten erst die Morgendämmerung abwarten. Erhitzt durch die lange Wanderung begannen wir nun zu frieren (schließlich hatten wir Ende November!) und wärmten uns wie eine Herde Schafe, indem wir uns zu einem dichten Haufen zusammendrängten. (Das wäre eine Zielscheibe!). Nach einer Stunde wurde es langsam hell, und wir kletterten im Gänsemarsch noch ganze vier Stunden über Steilhänge in die Berge hinauf, bis wir schließlich in irgendeinem Dorf ankamen. Dort ruhten wir uns etwa zwei Stunden aus. Einigen gelang es, in der Dorfschenke eine Bohnesuppe zuessen, andere dösten auf den Bänken oder in der Herbszsonne nur ein wenig vor sich hin, um dann auf einem anderen Weg zurückzugehen. Mangelnde Gewohnheit und Übung sowie das noch nicht weichgetretende Schuhwerk bewirkten das Ihrige: viele hinkten und waren lahm. Als es bis in die Stadt nur noch zehn Kilometer zu laufen waren, kam uns unser Fahrzeug entgegen und nahm die erste Partie Invaliden auf; danach kehrte es wieder zurück, um die weniger Leidenden und die Simulanten, die sich ihnen angeschlossen hatten, aufzuladen. Wir, als standhafte Soldaten, angeführt von unserem Kompanie-Kommandeur, stapften zufuß in die Kasernen zurück. Dieser erste Marsch hatte sich über mehr als 75 Kilometer erstreckt, und das innerhalb von 18-20 Stunden (später gab es noch längere Ausmärsche). Gegen Abend mußten alle Aufstellung nehmen. Der Kompanie-Kommandeurbefahl all jenen vorzutreten, die den gesamten Rückweg bis zu den Kasernen gesund und munter zufuß zurückgelegt hatten. Dies fand eine gewisse Aufmerksamkeit. Die „Gesunden und Munteren“ fühlten, dass es hier nach Arbeit roch, während die „Kranken“ und die Schwindler hier eine Möglichkeit witterten, um sich zu drücken. Aber, wie sich herausstellte, verhielt es sich genau umgekehrt. Alle die zufuß zurückgekehrt waren, durften wegtreten, um sich zu erholen; alle anderen wurden zu irgendwelchen Tätigkeiten und zum Wachdienst eingeteilt. Bald darauf trat noch ein Ereignis ein, an das ich mich für den Rest meines Lebens erinnern sollte. Das Jahr neigte sich dem Ende zu, und offensichtlich war der Getreideabgabeplan nicht erfüllt worden oder man hatte noch zusätzliche Abgaben gefordert; jedenfalls sendete man uns, einen Teil der Kompanie, ebenso wie die Unterabteilungen anderer Truppenteile, in die Dörfer aus, um dort beim Einsammeln der Rückstände behilflich zu sein. Wir, insgesamt 15 Mann, kamen in ein großes Dorf, das etwa 15-20 Kilometer von der Stadt entfernt lag. In Jugoslawien gibt es nur wenige dicht beinander liegende Dörfer; im allgemeinen handelt es sich um einzelne Höfe oder Vorwerke, die 200, 300 oder 500 m voneinadner entfernt liegen. Gewöhnlich teilte man uns in 2-3 Mann starke Gruppen ein. Jeder dieser Gruppen stand ein Dorfratsvorsitzender zur Verfügung, und dann liefen sie gemeinsam die ganzen Gehöfte ab. Der Dorfratsvorsitzende führte die „erläternde Arbeit“, in dem er dazu aufrief, die Stadt doch zu unterstützen, die dringend auf Getreide angewiesen war (im wesentlichen handelte es sich dabei um Mais, einst ein wichtiges Mittel zum Brotbacken in Jugoslawien). Dann begann das Feilschen: wieviel Getreide kann der Hausherr zusätzlich abgeben? Oft ging er mit ihnen zusammen zum Speicher, und dann wurde an Ort und Stelle über die Abgabemenge verhandelt. Sie gaben ungern, widerwillig. Wir gingen weiter, und der Bauer brachte dann sein Getreide zur Abgabestelle (oder er tat es nicht). Das war uns nicht bekannt. Kontrolliert wurde die Angelegenheit vom Dorfsowjet, wir waren nur zusätzlich bei dieser Operation eingesetzt – wegen der größeren Autorität. Es waren nur wenige Vertreter der Administration da, aber es gab viele Häuser, und die waren auch noch weit über das gesamte Territorium verstreut. Deswegen gingen einige Gruppen, nachdem sie sich die erpresserischen Methoden angeeignet hatten, selbständig los, vor allem die Schönredner und Phrasendrescher aus den Reihen der ortsansässigen Russen. Wir wohnten in geräumigen Unterkünften; mal war es eine Schule, mal ein Verwaltungsgebäude. Wir ernährten uns, wie auch zuvor, zu Lasten der Besteuerung der Bauern. Dies betraf das Abendessen, wärend wir die Mittagsmahlzeit bei irgendeinem Hausherrn einnahmen. Unserer Gruppe stand der von mir bereits erwähnte Maljuta voran. Außer mir gehörte dazu auch ein gewisser Kopyltschenko, ein jubger Bursche von etwa 22 Jahren, Absolvent des Kadettenkorps, durchschlagskräftig, aber von uns nicht sehr geschätzt.
In der Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest und das neue Jahr hatten die unternehmungslustigen Familienväter sich „umfangreiche Vorräte“ zugelegt. Obendrein, indem sie sich an der jeweiligen Situation orientierten, entdeckten sie noch einen anderen Weg, um an Sachen heranzukommen, das heißt sie schlossen mit den Bauern Geschäfte ab, indem sie ihnen im Gegenzug für eine Speckseite oder ein Bündel Räucherwaren einen Teil der fälligen Steuern erließen. Ich machte übrigens bei derartigen geschäften nicht mit, aber ich weiß, dass solche Operationen getätigt wurden. Unsere Einheit besaß keine „Silberlinge“. Kopyltschenko und ich waren Junggsellen, während Maljuta lediglich eine erwachsene Tochter besaß, die einen gesicherten Lebensunterhalt hatte und in Kroatien lebte. Dafür zierten wir uns nicht, wenn man uns zu Tisch bate, und erwiderten die Gastfreundschaft des Gastgebers, indem wir den aufgetischten Dingen reichlich zusprachen – ich besonders beim Essen, meine Kollegen beim Trinken. Wie dem auch sei, jedenfalls wuchs in der Vorratskammer unserer vorübergehenden Unterkunft die Zahl der Bündel, Beutel und Säcke von Tag zu Tag an. In Jugaslawien gibt es einen Feiertag, der „Slava“ heißt. Das ist so eine Art Namenstag für das gesamte Familiengeschlecht, und da im Dorf alle so gut wie miteinander verwandt sind, verwandelte er sich jedesmal in einen Festtag für das gesamte Dorf. Der besondere Clou dieser Festlichkeit ist das Braten eines ganzen Schweins, dessen Abmessungen vom Wohlstand und der Personenzahl in der Familie abhängen. Ein solcher „Slava“-Tag stand auch in unserem Dorf an. Es kam der Befehl, sich für den Abmarsch nach Hause zu rüsten, wohl deshalb, um nicht ständig die Dorfbewohner mit ihren Festtagsvorbereitungen vor Augen zu haben und mögliche Vorfälle zu vermeiden. Wie dem auch sei, unsere Abfahrt war für den morgigen Tag festgelegt. Schon in der Nacht hörte man von allen Enden des Dorfes das Gequieke der Schweine, und überall auf den Hügeln und Hängen loderten Feuer. Am Morgen, als wir vom örtlichen Vertreter den Abmarschbefehl erhielten, wollte Maljuta wissen, wer von unseren Hausherren, bei denen wir derzeit untergebracht waren, zu den etwas reicheren gehörte; dann schickte er unseren Begleiter dorthin, damit dieser den Wirt im voraus über unser baldiges Eintreffen in Kenntnis setzte – mit einer entsprchenden Anspielung auf die Mittagsmahlzeit. Nach einigen energielosen Besuchen in verschiedenen Hütten erreichten wir gegen zwei Uhr das am Morgen vorherbestimmte Ziel; der Hausherr hatte bereits alles Mögliche zum Essen vorbereitet. Französische Bouillon gab es dort natürlich nicht, dafür wurden Fleisch, Milch- und Mehlspeisen im Überfluß gereicht. Es gab auch ein riesiges Blech mit „gibaniza“ (Käsekuchen; Anm. d. Übers.) – meiner Lieblingsspeise. Das war ein Kuchen aus mehreren Schichten Blätterteig - sehr dünne, ungsalzene Teigblättchen mit Zwischenschichten aus „Kajmak“, so etwas in der Art wie der Rahm von Schafskäse. All das wird im Ofen gebacken. Der Kajmak durchtränkt, nachdem er geschmolzen ist, den ganzen Kuchen – du leckst dir alle zehn Finger danach! Auch der Hausherr rüstete sich für den Slava-Tag des Petrowitsch-Geschlechts. Hinter dem Haus, auf der Wiese, drehten seine beiden erwachsenen Söhne einen langen Spieß mit einem ausgeweideten , wohl 100 Kilogramm schweren Schwein, der in den Gabelungen zweier in den Boden eingeschlagener Stangen ruhte. Die ganze Operation zog sich über mehrere Stunden hin. Außer uns saßen der alte Hausherr mit seiner Frau und den jüngeren Sprößlingen mit am Tisch. Auch die älteren Söhne gesellten sich kurz zu uns, aber nachdem sie einige Minuten gesessen hatten, kehrten sie wieder zu ihrem Grunzschweinchen zurück. Das Mittagessen verlief un „ungezwungener Atmosphäre“. Außer Essen im Überfluß gab es auch reichlich zu trinken, angefangen von hausgemachtem Wein, trübe, aber sehr angenehm im Geschmack, bis hin zu allen möglichen Fruchtwässerchen, die in Serbien so populär sind, und unter denen der „Sliwowitza“ (Pflaumenschnaps) den ersten Rang einnimmt, der einen Alkoholgehalt von 35% erreicht – „mjoka“, d.h. weich, bis 70% - „ljuta“ (selbstverständlich ohne Übersetzung). Meine Kameraden verkosteten das gesamte Assortiment. Wie ich bereits erwähnte, war Maljuta ein Kaffeehaus-Sänger, und hier demonstrierte er nun sein ganzes Repertoire russischer und serbischer Lieder. Im Großen und Ganzen ging es auf dem Gehöft der Petrowitschs recht laut zu. Als der Zeitpunkt des Abschieds gekommen war, wurde klar, dass die Selle der Gesellschaft, Maljuta, pracktisch jedgliche Selbststeuerung verloren hatte. Kopyltschenk stand auf festen Beinen, verlor jedoch andauernd den Gesprächsfaden und war die ganze Zeit nur dabei dumm zu lächeln. Ich war noch in Form, aber richtig gerade gehen konnte ich auch nicht mehr. In aller Eile wurde beratschlagt, und dann wurde einer der Söhne von seiner heiligen Handlung mit dem Schwein abberufen. Er spannte ein paar Pferde an, und wir kletterten auf das Fuhrwerk. Beim Abschied ließ Maljuta noch einmal eine Ansprache vom Stapel, und verschoß den gesamten Inhalt seines Patronenstreifens in der Luft, zum größten Vergnügen des Gastgebers und vor allem der jungen Leute. Auch nach diesem Tatendrang erschöpften sich Maljutas Aktivitäten nicht. Er begann pazifistische Reden zu halten und rief dazu auf, die Waffen abzulegen. Dabei ging er selbst mit gutem Beispiel voran und warf sein Gewehr in die Gosse. Das Gefährt setzte seinen Weg in wackerem Trab fort. Dann schlug Maljuta Kopyltschenko vor, sich dieser Aktion anzuschließen. Der, nicht ganz ohne Widerspruch und immer nochmit demselben dümmlichen Grinsen im Gesicht, gab Maljuta sein Gewehr – es flog ebenfalls vom Wagen. Trotz der angenehmen Stimmung begriff ich, dass die Sache zum Himmel stank; ich sprang vom Fuhrwerk, das, desen ungeachtet, weiterrollte. Nachdem ich zurückgegangen war, hob ich die Gwehre auf und schritt zum Haus. Als ich mich unserem Quartier näherte, sah ich unseren „Opel Blitz“ danebenstehen, und als ich in den Hof trat, stieß ich auf Feldwebel Zink, der eingetroffen war, um uns abzuholen. Mit drei Gewehren auf zwei Schultern berichtete ich mutig, dass sich während des Rundgangs keinerlei Zwischenfälle ereignet hätten. Ich dachte, dass Zink explodieren würde – so sehr hatte sich sein Gesicht vor Wut rot verfärbt; und schon fing er auch an zu schreien. Im übrigen erreichten seine Worte mich nur ganz schlecht. Ich stand da und blickte melancholisch auf das in der Ecke des Hofes stehende Häuschen, während mir ein Kloß im Halse aufstieg. Schließlich ließ man mich gehen; mit einem entschlossenen Ruck verließ ich den Hof und nahm von den gastfreunlichen Petrowitschs ein letztes Mal Abschied. Erleichtert, aber dennoch in düsterer Seelenverfassung, ging ich meine Siebensachen packen. In regelmäßigen Abständen drangen Zinks Wutausbrüche an mein Ohr, während in der Unterkunft immer neue Gesichter auftauchten - mit glanzlosen Blicken, nachdem auch sie „Slava“ feiernde Familien besucht hatten. Nachdem ich alles fertiggepackt hatte, trat ich ins Freie. Zink stand mit gespreizten Beinen in der Mitte des Hofes, wie das Monument eines Gladiators, und bereitete sich auf die Begegnung mit unserem wichtigen, nicht sehr großen Deutschen vor, dem Kommandeur einer der Einheiten. Die Begegnung begann mit einer lauten Salve, aber unser Vorgesetzter wies Zinks Charakter soweit in seine Schranken. Er ging auf ihn zu, umarmte ihn und flüsterte ihm irgendetwas zu. Danach gingen beide von dannen; sie nahmen auch den deutschen Chauffeur mit, der an jenem Tag Wasjuta ersetzte. Als alle zurückgekehrt waren, begann man die Trophäen zu verladen und sich selbst einen Platz zu suchen. Der Wagenkasten war bis obenhin voll, überall ragten Säcke und Gewehre heraus, und sogar ein Gänsekopf. Die Sitzenden nickten ein, ihre Köpfe fielen vornüber. Daneben drängten sich die Dorfbewohner. Es fehlten nur noch der Chauffeur und die Vorgesetzten. Endlich tauchten auch sie auf, aber in welchem Zustand ...! Die Drei stiegen in die Fahrerkabine, der Motor fing an zu schnurren und setzte wieder aus. Niemand machte Anstalten die Motorhaube zu öffnen. Alle saßen schweigend da. Es vergingen etwa 15 Minuten. Die Dorfbewohner beratschlagten lebhaft; und bald darauf trieben sie ein paar Ochsen heran, spannten sie mit Ketten an den Wagen, und im Triumph verließen wir das gastfreundliche Dorf. Die Ochsen zogen uns über die Ebene. Als wir den Abhang erreichtn, wurden sie losgespannt, und das Fahrzeug rollte aus eigener Kraft, während die Ochsen hinterherliefen. Es herrschte unangenehmer Schneefall, und es ging bereits auf Mitternacht zu. Als es bis zur Stadt nur noch zwei Kilometer waren, zeichnete sich aus der Schneedecke eine Gruppe von etwa 15-20 Personen ab. Es stellte sich heraus, dass es der Kompanie-Kommandeur, der Haupfeldwebel und eine Gruppe Soldaten war, die sich, beunruhigt durch unsere lange Abwesenheit, zufuß auf die Suche nach uns gemacht hatten. Was dann kam, ist schwer zu beschreiben. Als der Kommandeur vom Schreien schon ganz heiser geworden war, begann das Gericht, rasch und gerecht. Die Vorgesetzten wurden unverzüglich zur Hauptwache geschickt, alle Trophäen wurden in der Küche beschlagnahmt, aber mit den gewöhnlichen Soldaten ging man gnädig um; man entließ sie, damit sie sich schlafen legen konnten, nachdem sie sämtliche Taschen, Ranzen und ähnliche Behältnisse geleert hatten. Ich sah ziemlich wacker aus. Mein Ranzen mit der festgebundenen Wolldecke und dem Regenzelt entsprach genau dem, was die Militärordnung vorschrieb, und zwar sowohl in puncto Ausstattung, als auch im Hinblick auf die Abmessungen; so ließen sich mich also in Frieden gehen. In dem vorschriftsmäßig gepackten Ranzen hatte ich übrigens ein paar Kilo Räucherfleisch und eine Feldflasche voll Sliwowitza fürmeine Freunde mitgechleppt. Es kam Weihnachten.Viele aus den nahegelegenen Städten erhielten einen Urlaubsschein, nachdem sie zuvor um die Herausgabe eines Teils ihrer Beute gefleht hatten, die übrigen bereiteten sich auf den Festtag vor. „Würstchen“ und ich begaben uns hinter die Stadt und beschafften eine Tanne. Wir schmückten sie mit allem, was Gott uns beschert hatte, angefangen mit gereinigten Patronenhülsen, bis hin zu in der Kantine aufbewahrten „Hygieneartikeln“, die zuvor aufgeblasen und dann bemalt wurden. Des weiteren wurde der künstlöerische Teil des Abends vorbereitet und für ein gutes Abendessen gesorgt, für das auch aufgehobene Lebensmittel aus dem Urlaub und die zuvor konfiszierten Trophäenunserer „beschaffer“ verwendet wurden. Unter den Couplets fanden sich Verse über die Unteroffiziere und über Papa Tschapa (Tschaplinskij, einen der Aktiven, die den Zusammenhalt im Dorf bewirkt hatten) und andere. Einer dieser Verse betraf auch uns:

„Walch hat mit den Resten des zwieten Gangs
Einfach den Sokolow „vollgestopft“.
Als ob er ihn für den Feiertag
Am Spieß braten wollte.“

„Sein Gesicht tropfte vor Fett –
In ein-zwei Tagen wird seine Haut platzen.
Er war immer bereit, alles zu essen –
Unser Würstchen Schechowzow.“

Würstchen und ich traten mit einer Demonstration dessen auf, wie wir mit dem Gewehr umgehen konnten. Im Großen und Ganzen wurde der Festtag in familiärem Rahmen begangen, fröhlich und ohne Trunkenheit. Dann kam wieder der Alltag mit seinen ganzen Exerzitien, dem Wacheschieben und anderen Erschwernissen und Freuden des Soldatenalltags. An einem Sonntag saß ich an einem Brief, als der Kompaniekommandeur den Raum betrat. Er trug einen staatlichen Pullunder, eine Reithose und leichte Sportschuhe, und war in einer Stimmun, wie man sie üblicherweise an Sonntagen zu haben pflegt. Es waren ziemlich viele Leute da. Sie umringten den Kommandeur, sagten irgendetwas und kicherten dienstbeflissen als Antwort auf seine Scherze. Ich mag kein liebedienrisches Getue, und blieb deswegen weiter an meinem Tisch sitzen. „Und du, Sokolow, was sitzt du da so trostlos herum?“- meinte Papa Otto. Ich geriet in Verwirrung. „Na ja, ich habe einen Brief von meiner Mutter bekommen. Sie hat finanzielle Schwierigkeiten und so“ – log ich, damit sie mich bloß in Ruhe ließen. „Na schön,“ meinte der Kommandeur. Ich werde dir Urlaub erteilen. Fahr hin in bring die häuslichen Angelegenheiten in Ordnung“. Ich dankte ihm, maß jedoch diesem, wie ich meinte, betrunkenen Geschwätz, keinerlei Bedeutung bei. Aber es waren noch nicht einmal drei Tage vergangen, als Unteroffizier Reinhardt aus der Kanzlei bei mir ankam und mir einen Urlaubschein für drei Wochen aushändigte. Danke, Herr Oberleutnant! Nicht mal bei einer Lotterie kann man sowas gewinnen! Am nächsten Tag reiste ich bereits nach Belgrad ab.

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