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P. Sokolow. Schlaglöcher

2. Buch. „Die Söldner“

Teil IV. Ritter mit Regenmantel und Dolch

Kapitel 43. Erneuter Fehlstart

„Es heißt, man hätte kein Glück,
Wenn ein schwarzer Kater den Weg kreuzt.
Aber einstweilen verhält es sich genau andersherum,
Einzig und allein der schwarze Kater hat Pech.“

Es geschah Anfang September, ganz genau am 6. dieses Monats, als mich Leutnant Greife zu sich rief und mir mitteilte, daß meine Gruppe in aller Eile verschickt werden sollte. Anschließend versammelte er die gesamte Gruppe um sich und erläuterte den Kern der Aufgabe. In groben Zügen beinhaltete sie folgendes: wir sollten in die Region zwischen Archangelsk und Wologda fliegen, wo nach Graifes Worten, bereits seit langer Zeit eine besonders aktive Gruppe in Aktion war. Sie hatte bereits Nachschub aus den Reihen der Deserteure und Ortsansässigen bekommen, kontrollierte den Güterverkehr auf der Linie Archangelsk-Moskau, auf der die wichtigsten Ströme militärischer Hilfe aus den USA und England flossen und beschaffte andere wertvolle Informationen wirtschaftlichen Charakters, Angaben über die Anzahl der für die Front freigelassenen Häftlinge u.ä.

In letzter Zeit hatten die Aktivitäten der Gruppe, die innerhalb ihrer Reihen bis zu 70 Mann zählte, merklich nachgelassen. Dieses Verhalten hatte den Verdacht aufkommen lassen, daß sie das Ende des Krieges hier in Ruhe abwarten und sich dabei den deutschen Spionagedienst als Milchkuh zunutze machen wollten. Wir sollten die vorliegenden Angaben überprüfen die Arbeit der Gruppe reorganisieren und im Sinne der vorgeschriebenen neuen Richtungen aktivieren, Kontakte zu den im Umkreis vorhanden Lagern mit deutschen Kriegsgefangenen herstellen sowie entsprechende Arbeit als Gegengewicht zu den Tätigkeiten des antifaschistischen Komitees „Freies Deutschland“ durchführen. Ein eigener Funker wurde uns nicht zugeteilt – wir sollten die Funkstation der Gruppe benutzen; allerdings erhielten wir einen separaten Code zugeteilt, mit dessen Hilfe wir, ohne Verdacht in der Gruppe zu erwecken, das Zentrum über alles unterrichten sollten, was die Gruppe tat, einschließlich einer Einschätzung ihrer Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit. Nach einer allgemeinen Einweisung erhielt ich, unter vier Augen, von Graife zusätzliche Instruktionen, die teilweise denen widersprachen, welche die ganze Gruppe erhalten hatte. Die Rolle Kurganows lief, wie ich bereits sagte, darauf hinaus, daß er mit dem Kommandeur jener Gruppe Kontakt herstellen und ihn auch als die Person identifizieren sollte, zu der man unsere Gruppe entsandt hatte.

Nach dieser Unterredung gewährte man uns ein - zwei Stunden zum Packen. Was mich betrifft, so nahm ich diese Aufgabe in zweierlei Weise auf: auf der einen Seite verspürte ich Erleichterung, daß es endlich zu einer Entscheidung über meine zweifelhafte Epopoe gekommen war, zu einem Zeitpunkt, da noch die Möglichkeit besteht, sich wegen des zu späten Erscheinens zu rehabilitieren; andererseits war ich aufgrund meiner Erfahrungen hinsichtlich der vergangenen Mißerfolge im Hinblick auf meine Pläne ziemlich skeptisch. Trotz aller Unklarheiten und Zweifeln über die bestehende Situation fühlte ich mich ruhig und gelassen, obwohl mich ein wenig der Gedanke beunruhigte, in welches Milieu ich wohl hineingeraten würde und wie ich ihm entrinnen könnte.

Nachdem wir unsere Sachen auf dem mit einer Zeltplane abgedeckten LKW verstaut hatten- es waren so ungefähr 7-8 Packstücke, in denen sich Verpflegung, Ausrüstung, die Stromversorgung für die Funkstation und ähnliches für die gesamte Gruppe ind natürlich unser eigenes Gepäck befanden, und in unsere Tarnkleidung gestiegen waren, setzten wir uns kurz nieder, um vor der Fahrt noch eine Kleinigkeit zu essen. Da kam der Oberstleutnant Jakowenko auf uns zu, um sich zu verabschieden. Er hatte eine Flasche Wodka mitgebracht. Ährend wir über dies und jenes sprachen, erinnerte ich mich daran, wie wir in den Tierpark gegangen waren,um dort Bier zu trinken, und wie das ganze Kommando losgeschickt wurde, um die Gedärme zu putzen; und ich hatte auf meinem Diwan gelegen, als unserer Kurator Freidrichson, ein Lettland-Deutscher, ankam. Vor dem Krieg war er ein wohlhabender Farmer gewesen, der sich vorwiegend mit „Schweinerei“ befaßt hatte. Dieser Friedrichson hatte mich eiskalt überrascht, aber ich erstattete ihm mutig Bericht, daß sich die Gruppe beim sportlichen Training befände. Als ich zum Fenster hinüberschielte, bemerkte ich, daß ich in eine Falle getappt war: hinter den Fensterscheiben goß es in Strömen. Aber entweder tat Friedrichson so, als ob er mir glaubte oder er war in seiner ganzen „deutschen Stumpfsinnigkeit“ einfach zu begriffsstutzig. Die letzten Worte riefen in Jakowlenko einen Sturm der Begeisterung hervor – er wiederholte sie sogar noch einmal. Offensichtlich war seine Seele ebenfalls antideutsch eingestimmt, wie bei den meisten unserer Soldaten. Nachdem wir unser Mittagessen und das Verabschieden beendet hatten, begaben wir uns unter die Plane des Lastwagens und fuhren zum Flugplatz – allerdings nicht zum Rigaer, sondern aus irgendeinem Grund zum Aerodrom der estischen Stadt Pjarna oder Pernau, wie sie auf Deutsch genannt wurde. Dazu mußten wir etwa 150-200 Kilometer fahren. Unterwegs hielten wir mehrfach an, um uns eine Ruhepause zu gönnen und ein wenig Zerstreuung zu suchen. An einem Rastplatz veranstalteten wir einen Wettkampf im Schießen mit dem Oberfeldwebel, der uns begleitete. Während eines anderen Aufenthalts gingen wir zu einem nahegelegenen Einzelgehöft, um dort Wasser zu trinken. Die beiden im Haus befindlichen Mädchen, beide von ziemlich großem Umfang, waren Estinnen; mit Angst und Verwunderung blickten sie auf das Waffengeschehen zwischen dem deutschen Oberfeldwebel und den russischen Soldaten und konnten überhaupt nicht begreifen, wer hier nun eigentlich gerade der Besitzer ihrer Örtlichkeit war. Nach den Pausen hängten wir uns ans Ende der deutschen Militärkolonne. Hinter unserem Fahrzeug fuhr ein Motorradfahrer, der auch das Schlußlicht der ganzen Kolonne bildete. Er fuhr ganz ruhig dahin, während er an einem belegten Brot kaute. Da wir hinter der Zeltplane saßen, konnte er uns nicht sehen; dann aber schlugen wir sie ein wenig zurück, und vor dem völlig verblüfften Motorradfahrer tauchten ein paar sowjetische Haudegen mit Waffen in den Händen und Medaillen an den Militärhemden auf. Der arme Fritz machte einen heftigen Schlenker und landete um ein Haar im Straßengraben. Später allerding wurde er ein wenig kühner, kam ganz nahe an uns heran und fragte, ob wir etwas zu rauchen für ihn hätten. Wir warfen ihm eine Schachtel Zigaretten zu, die er während der Fahrt auffing; dann blieb er stehen. Gegen Abend trafen wir am Flugplatz ein. Es war ein typischer Feldflugplatz, auf dem 5-6 Fertigbaracken standen, und auf dem Flugfeld standen verstreut etwa ein Dutzend buntgescheckte Flugzeuge. Wir wurden an einer der Baracken abgeladen, trugen die Sachen hinein und ließen uns auf standartmäßigen zweigeschossigen Bettstellen nieder, die mit unfrischen Decken belegt waren. Meine Kameraden legten sich schlafen, aber ich saß noch lange Zeit am Tisch und sprach mit unserem Begleiter. Er war ein gutherziges, schon etwas älteres Onkelchen, und ich erfuhr eine ganze Menge von ihm, unter anderem auch über Ruschs Geschichte, von der ich schon vorher berichtete habe. Am nächsten Tag erschienen in unserem Zimmer auch die Piloten unseres Flugzeugs. Es waren 4-5 Leute. Der Tag verging mit allen möglichen prophylaktischen Arbeiten am Flugzeug, und am nächsten Tag, etwa um 10 Uhr abends (es war bereits dunkel) flogen wir los, um die uns gestellte Aufgabe zu erledigen. Das Flugzeug war ein mittelgroßer Bomber vom Typ Heinkel 111 und ähnelte von der Form und Größe her ein wenig der LI-2 oder der IL-14. Die Maschine war schwarz angestrichen. Entlang des Rumpfes waren Trosse gespannt, in welche die Karabinerhaken der sich automatisch öffnenden Fallschirme eingehängt waren. Die Fracht und das Gepäck brachten wir im Schwanzteil des Flugzeugs unter; wir selber setzten uns auf eine Bank zwischen der Pilotenkabine und dem Türmchen für den Schützen und Funker. Springen sollten wir später durch die Bombenabwurfluke im unteren Teil des Rumpfes.

Anfangs verlief alles gut. Um uns herum herrschte Dunkelheit, nur der Himmel war ein wenig heller, und am Armaturenbrett leuchteten die grünen Lämpchen. Plötzlich tauchten am Himmel die Lichtsrahlen von Projektoren auf, die wenige Sekunden später auch unser Flugzeug erfaßten. Es wurde unerträglich hell. Von vorn, aber auch seitlich, begannen Geschoßexplosionen aufzulodern, die sogar das Dröhnen der Motoren übertönten, und mehrfach gab es ein paar heftig klatschende Geräusche. Um sich aus diesem grellen Projektorenlicht zu entfernen, riß der Pilot die Maschine scharf herum, stieg steil auf, um dann im Sturzflug in die Tiefe zu gehen. Für uns, die wir eigentlich zu den Landtruppen gehörten, war das eine harte Prüfung: mal rutschte die Bank unter uns weg, mal sprang sie mit unerträglicher Wucht von unten hoch und wir hatten das Gefühl, dass sie uns wie eine Birne plattdrücken würde. Das Ganze dauerte vielleicht 20-30 Sekunden, aber es kam uns wie eine Ewigkeit vor. Gegen Mitternacht sollten wir unser Ziel erreichen, wo ein Dreieck aus Lagerfeuern uns den richtigen Platz für die Landung weisen sollte. Ich verfolgte aufmerksam den Zeiger der Uhr und schaute über die Schulter des Piloten, der mit dem Auswechseln des Patronengürtels am Automatikgeschütz beschäftigt war. Es war kein einziges Lagerfeuer in Sicht, aber plötzlich flackerten ganz kurz zwei Feuerchen auf, dann sah man eine glänzende Wasseroberfläche,und einen Augenblick später leuchteten im Mondlicht eine Vielzahl von Schienensträngen auf. Auf unserer Karte war eine solche Örtlichkeit nicht verzeichnet. Mein erster Gedanke war, dass das Flugzeug getroffen worden war und nun zur Landung auf dem Territorium der UdSSR ansetzen würde. Es war mir noch nicht gelungen dieses Rätsel zu lösen, als unter den Reifen des Fahrgestells auch schon der Boden eines Feldflugplatzes zu rumpeln begann, und als ich schließlich aus der Maschine ausstieg und mich über die plötzlich eingetretene Stille wunderte, blickte ich mich um und verstand, dass wir auf unseren Flugplatz zurückgekehrt waren, von dem wir vor ein paar Stunden abgeflogen waren. Später, als wir mit der gesamten Gruppe in die Baracke gingen, stellte sich heraus, dass das Flugzeug tatsächlich beschossen worden war, so dass der Pilot gezwungen war, mit uns zurückzukehren. Am nächsten Morgen mußten wir das Flugzeug erneut beladen. In den Tragflächen und am Rumpf zählten wir 14 Einschußlöcher. Die Besatzung blieb zurück, um die Maschine zu reparieren, und unser Begleiter ging los, um in Riga Mitteilung über die Ereignisse zu machen. Von dort war, und da bestätigte sich meine Befürchtung, die Anordnung gekommen, im Falle eines wiederholten Mißerfolgs den Flug abzubrechen und an den Ausgangspunkt zurückzufliegen.

 

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